Schacholympiaden (II)

28.01.2008 – Schacholympiaden (II) In seinem Abriss der Geschichte der Schacholympiaden widmet sich Frank Große im zweiten Teil den Turnieren in Den Haag 1928 und Hamburg 1930. Die zweite Schacholympiade der Geschichte fand schon ein Jahr nach der Geburt dieser Turnieridee statt und war durch die gleichzeitig stattfindenden Olympischen Sommerspiele inspiriert. Das Verbot von Profis führte zu Kontroversen und zur Schwächung des Turniers, das Ungarn gewann. Euwe siegte bei der gleichzeitig stattfindenden "Amateurweltmeisterschaft". Zwei Jahre später war Hamburg Schauplatz des Mannschaftsturniers. Zum 100-jährigen Geburtstag des Hamburger Schachklubs organisierte es dessen Vorsitzender Walter Robinow. Den Sieg holte das polnische Team mit einem überragenden Rubinstein. Mehr...

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Die Geschichte der Schacholympiade – Teil 2: Vor dem Zweiten Weltkrieg (1928 – 1930)
Von Frank Große
(www.schachlinks.com)

Den Haag 1928

Bereits ein Jahr nach der ersten offiziellen Olympiade (London 1927) gab es eine Fortsetzung, die eventuell durch die zeitgleich in Amsterdam ausgetragenen Sommerspiele inspiriert wurde. 17 Mannschaften mit 86 Spielern. Zeitgleich fand wie 1924 ein Einzelturnier statt, dass unter der Bezeichnung „Amateur-Weltmeisterschaft“ rangierte und von Max Euwe, der 1922 erstmals die Meisterschaft der Niederlande gewinnen konnte, mit 12 aus 15 (als einziger Spieler ohne eine Hängepartie!) gewonnen wurde. Er verwies damit den Gewinner von 1924, den Letten Hermann Mattison auf den dritten Platz, da der Pole David Przepiorka die „Silbermedaille“ errang und Euwes einzige Niederlage herbeiführte (Euwe-Przepiorka). Gleichzeitig brachte sich der Pole um die mögliche Goldmedaille durch folgende Miniatur:


 

Przepiorka,Dawid - Cheron,Andre [D17]
World Championship Amateur The Hague (7), 1928
1.d4 d5 2.c4 c6 3.Sf3 Sf6 4.Sc3 dxc4 5.a4 Lf5 6.Se5 e6 7.f3 Lb4 8.e4 Lxe4 9.fxe4 Sxe4 10.Df3 Dxd4! 11.Dxf7+ Kd8 12.Dxg7?? [12.Lg5+] 12...Lxc3+ 13.bxc3 Df2+ 14.Kd1 Sxc3# 0–1


(1) Max Euwe in jungen Jahren

Anders als bei der inoffiziellen Olympiade 1924 wurden die Ergebnisse des Einzelturniers nicht für die Teamwertung gezählt.



Durch den ein Jahr zuvor getroffenen Londoner Beschluss, dass nur Amateure an der Schacholympiade teilnehmen dürfen wurde ein qualitativer Spielerverlust hingenommen. „Wenn ein treffendes Bild vom Stärkeverhältnis der Länder zu einander gewonnen werden soll, müssen die Besten schlechthin aufs Kampffeld geschickt werden können …“ (2) stellte der bekannte deutsche Schachjournalist Alfred Brinckmann fest. Die Mannschaft aus Großbritannien trat aus Protest nicht an dem Turnier an, da die Mannschaft der USA Spieler, die zum gegebenen Zeitpunkt Profis waren, entsendete. Die FIDE änderte ihre Regularien auf dem Kongress in Den Haag prompt und legte nach Den Haag nie wieder Beschränkungen dieser Art auf.

Durch diese Umstände war das Einzelturnier insgesamt attraktiver als die Team-Meisterschaft, was auch dadurch ein wenig betont wird, dass das Einzelturnier als „Turnier A“ und die eigentliche Olympiade als „Turnier B“ bezeichnet wird. Das Turnier konnte erneut vom Favoriten Ungarn in souveräner Weise gewonnen werden, die bis auf Geza Maroczy in der Siegermeisterschaft von 1927 angetreten waren: Géza Nagy, Andreas Steiner, Arpad Vajda und Kornel Havasi.

Sie deklassierten einige Mannschaften, was teilweise aber auch auf die Verfolgerteams aus den USA (Silber) und Polen (Bronze) zutraf. Die sechs besten Einzelresultate wurden mit einem Preis belohnt: Isaac Kashdan (USA, 13 aus 15 [zu dem Zeitpunkt war Kashdan erst 22 Jahre alt und stand am Anfang seiner Schachkarriere]), André Muffang (Frankreich, 12,5 aus 16) Teodor Regedzinski (Polen, 10 aus 13), Andreas Steiner (Ungarn, 11,5 aus 16), Géza Nagy (Ungarn, 11,5 aus 16) und Rivier William (Schweiz, 7,5 aus 11).


Die kürzeste Partie der Schacholympiade 1928:

Mueller,Hans - Duchamp,Marcel [A28]
The Hague ol (Men) The Hague (16), 03.08.1928
1.c4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Sc3 Sf6 4.d4 exd4 5.Sxd4 Lb4 6.Lg5 h6 7.Lh4 Se4 8.Lxd8 Sxc3 9.Sxc6 Sxd1+ 10.Sxb4 1–0

Hamburg 1930

Die Schacholympiade das erste Mal in Deutschland und das nicht ohne Grund: Der Hamburger SK hatte als zweitältester Schachverein Deutschlands anlässlich seines hundertjährigen Jubiläums die Austragung übernommen, was auch ein Verdienst des damaligen Präsidenten des DSB und Vorsitzenden des HSK Walter Robinow war. Der gelernte Kaufmann zählte zu den „Ehrenmännern“ der die junge FIDE-Organisation prägte und trotz wirtschaftlicher Not und Depression das Ereignis nach Hamburg (damals eine Metropole mit ca. 1,5 Millionen Einwohnern) lotste und von James Frankfurter und Julius Dimer nach Kräften unterstützt wurde.


(3) Walter Robinow

Die 18 teilnehmenden Nationen sendeten zumeist ihre fünf besten Spieler(insgesamt 88 Spieler nahmen am Turnier teil und von den damaligen Spitzenspielern fehlten nur Euwe, Capablanca und Nimzowitsch), sodass diese Olympiade auch den qualitativen Ansprüchen gerecht wurde und nach Beendigung in jeder Hinsicht als eine gelungene Veranstaltung in der Presse gewürdigt. Zum letzten Mal durften sich die Mannschaften bei einer Olympiade die Brettreihenfolge aussuchen, d.h. sie konnten die Aufstellung von Runde zu Runde beliebig verändern. In einem Team waren mehr als die 4 Spieler, die ihre Partien bestritten erlaubt, wovon die wenigsten Nationen (wahrscheinlich primär aus Kostengründen) Gebrauch machten.
Nicht Ungarn (die häufig von der Möglichkeit die Aufstellungsreihenfolge zu ändern Gebrauch machten), sondern Polen ging diesmal als Favorit ins Rennen, die das Bronzeteam von 1928 um die Spieler Rubinstein, Tartakower (Dies war eine kleine Überraschung, denn er war nie Pole, lebte auch nie dort und sprach nie polnisch.) und Przepiorka verstärkten und am Ende damit Recht behielten. Letzter konnte bei der vergangen Olympiade bereits für Aufsehen sorgen und die Nominierung des 2. Vorsitzenden des polnischen Schachverbandes, der stets bereit war mit seinem Privatvermögen für die Belange das Schachs einzutreten, war folgerichtig. Nur Ungarn konnte zumindest von der Papierform annähernd Paroli bieten und wurde wieder von Géza Maroczy angeführt. Dennoch setzte es gleich in der ersten Runde beim Aufeinandertreffen der beiden Teams eine deftige 3,5 : 0,5 (!) Niederlage für die Magyaren. Davon unbeeindruckt griffen sie in den folgenden Runden dennoch an und belegten vor den Deutschen einen deutlichen zweiten Platz. Diese Leistung ist um so mehr zu würdigen, wenn man berücksichtigt, dass Géza Maroczy, der das erste Brett der Ungarn spielte bereits 60 Jahre alt war und nach der 15. Runde am Ende seiner Kräfte angekommen war: Er verlor gegen den Norweger Olaf Olsen (der seit 1943 unter dem Namen Barda bekannt ist) und trat in den letzten beiden Runden nicht mehr an.
Olsen,O - Maroczy,Geza [D64]
Hamburg ol (Men) Hamburg (15.1), 25.07.1930
1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sf3 d5 4.Lg5 Sbd7 5.Sc3 Le7 6.e3 0–0 7.Dc2 c6 8.Tc1 Te8 9.a3 a6 10.Ld3 h6 11.Lh4 dxc4 12.Lxc4 b5 13.La2 c5 14.0–0 Lb7 15.De2 Db6 16.Tfd1 Tac8 17.dxc5 Sxc5 18.Se5 b4 19.axb4 Dxb4 20.Td4 Db6 21.Tcd1 Tcd8 22.Dc2 Txd4 23.Txd4 Td8 24.Lb1 Txd4 25.exd4 Sb3 26.Lxf6 1–0

Alfred Brinckmann bringt das Turniergeschehen in Hamburg auf den Punkt: „Selten wohl wird in einem Turnier ein so lebendiges Auf und Ab geherrscht haben wie in Hamburg. […] Wer heute noch stolz seine Namen an der Spitze der Tabelle fand, sah sich wenige Runde später schon weit zurückgeworfen. […] So war dafür gesorgt, dass jedes Zusammentreffen eine Pointe, jede Runde ihre Sensation hatte und daß vom ersten Zuge des Kongresses bis zum letzten eine oft genug explosive Spannung herrschte.“ (2) Das Team der USA wirkte bei dieser Olympiade noch inhomogen, was sich aber in den nachfolgenden Veranstaltungen ändern sollte. Das deutsche Team schlug sich auf eigenem Territorium achtbar, schließlich war man ohne Bogoljubow (er unterlag Ende 1929 ehrenvoll Aljechin im Weltmeisterschaftskampf) und Lasker angetreten. Doch die Meister Ahues (7,5 aus 14), Sämisch (9,5 aus 14) Carls (9,5 aus 14), Richter (7,5 aus 12) und Wagner (10,5 aus 14) spielten bis auf den 0,5 – 3,5-Einbruch gegen die USA effizient. „Es ist vielfach die Frage aufgeworfen worden, warum Bogoljubow, der doch jetzt naturalisierter Deutscher ist, nicht mit von der Partie ist. […] Gerade, wo (er) zum ersten mal Gelegenheit hatte, für sein neues Vaterland sich einzusetzen, hätte man erwarten dürften, daß er – (wie viele andere) – den ideellen Gesichtspunkt in den Vordergrund gestellt hätte. Es ist nicht geschehen und es bleibt uns nichts, als diese Tatsache mit Resignation hinzunehmen.“ (2) urteilt Brinckmann und auch zu den spielenden deutschen Vertretern hat er sich nach der Olympiade in den Deutschen Schachblättern ausführlich geäußert:
 


(4) Carl Ahues (1883 - 1968)

„Er ist Praktiker und nicht Theoretiker. Solidität und Vorsicht haben entschieden das Übergewicht über die Neigung zu Abenteuer und Hasard. Sein Selbstvertrauen ist schwankend und hier liegt wohl auch die Wurzel dafür, daß er nicht noch viel größere Erfolge erzielt hat. Er hat in Hamburg stark und gleichmäßig gespielt.“ (2)


(5) Carl Carls (1880 – 1958)

„Unbeirrbar verfolgt er seit Jahr und Tag in der Eröffnungsphase die gleiche, selbst gefundene Methode, die sogar seinen Namen trägt; der Vorwurf, daß dieses ewige Einerlei in abstumpfende Eintönigkeit sich wandeln könnte, läßt ihn kalt. Keine Partie kann ihm lang genug sein, und wenn der Gegner schon vom Stuhle zu sinken droht, dann setzt er sich erst so recht und breit an das Brett. Ein zäher Niederdeutscher, der eisern festhält an dem, was er für gut und richtig erkannt hat.“ (2)


(6) Friedrich Sämisch (1896 – 1975)

„Was ursprüngliche Schachbegabung, Fingerspitzengefühl für Sinn und Wesen einer Partie anlangt, darf man Sämisch vielleicht an die Spitze der deutschen Mannschaft stellen. Seine gelungensten Leistungen auf den 64 Feldern läßt man immer wieder gern auf sich wirken. Aber da ist eine Sache, die ihn immer wieder mit Bleigewichten herab zieht: sein Mangel an Zeitökomonie! So erlebten wir denn auch auf der Hamburger Olympiade, daß er zu wiederholten Malen eine geradezu phantastische hohe Zahl von Zügen in einem kaum meßbaren Bruchteil der ihm zu Gebote stehenden Zeit tun mußte. Gegen Ende des Turniers nahm dieses Mißverhältnis teilweise groteske Formen an.“ (2)


(7) Kurt Richter (1900 – 1969)

„Während die anderen Vier ihrem Spieltypus und ihrem Temperament nach ungefähr ein homogenes Ganzes ausmachen, fällt Richter aus diesem Rahmen heraus. Er ist der Kombinationsspieler par excellence, der Mann des rücksichtlosen Wagens. Ein Remis wird als letzte, unabweisbare Notwendigkeit hingenommen, als schales Ergebnis des Kampfes gewertet. In Hamburg hat er einige Angriffspartien großen Stils gewonnen, andere wieder katastrophal verloren.“ (2)


(8) Heinrich Wagner (1888 – 1959)

„Der theoretische Kopf der Mannschaft. Der von Anbeginn seiner Schachlaufbahn mit der ruhigen Methode des Mathematikers sich eine selbständige Schachauffassung erarbeitet hat. Argumenten skeptisch und durchaus autoritätsungläubig. Daher ein zuverlässiger, rücksichtsloser Analytiker. Ein Feind allen glitzernden Scheins.“ (2)


(9) Olympiasieger Polen, v.l.n.r: Frydman, Tartakower, Rotmil, Rubinstein, Makarczyk, Przepiorka, Wrobel

Rubinstein (er erhielt neben Flohr und Kashdan einen Preis für den Topscore) stach aus dem polnischen Team mit einer überwältigenden Leistung von 15 aus 17 heraus und überflügelte damit sogar die Leistung des Ungarn Kornel Havasi (12 aus 14), der von seinem Team aber auch besonders häufig die weißen Steine zugesteckt bekam und den Beinamen „Weißer Ritter“ erhielt. Dies wurde aber statistisch betrachtet noch durch Aljechins erstes 100%-Resultat getoppt: Am ersten Brett Frankreichs gewann er alle 9 Partien, allerdings ohne gegen die Spitzenteams anzutreten. Aljechin sicherte sich mit folgender Partie den ersten Schönheitspreis:


 

Stahlberg,Gideon - Alekhine,Alexander [E23]
Hamburg ol (Men) Hamburg (3.1), 15.07.1930
1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sc3 Lb4 4.Db3 c5 5.dxc5 Sc6 6.Sf3 Se4 7.Ld2 Sxc5 8.Dc2 f5 9.a3 Lxc3 10.Lxc3 0–0 11.b4 Se4 12.e3 b6 13.Ld3 Sxc3 14.Dxc3 Lb7 15.0–0 Se7 16.Le2 De8 17.Tfd1 Td8 18.a4 f4 19.a5 fxe3 20.Dxe3 Sf5 21.Dc3 d6 22.axb6 axb6 23.Se1 e5 24.Ta7 Sd4 25.De3 Td7 26.Ta2 Tdf7 27.f3 Tf4 28.Ld3 Dh5 29.Lf1 Dg5 30.Tf2 h6 31.Kh1 Txf3 0–1 Stahlberg – Aljechin, 1930: Stellung nach 31. Kh1


 



Bilderquellen
(1) Schachecke.de
(2) Endgame.nl
(3) ballo.de
(4) berlinerschachverband.de
(5) bidmonfa.com
(6) evrado.com
(7) Megabase 2008
(8) bidmonfa.com
(9) olimpbase.org
Quellenverzeichnis
(1) olimpbase.org
(2) Deutsche Schachblätter
 

 

 

 

 


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