Schachstadt Prag

von André Schulz
03.03.2026 – Die "goldene Stadt" Prag ist eine der ältesten Kulturmetropolen in Mitteleuropa, auch mit einer langen Schachgeschichte und vielen großen Schachpersönlichkeiten, die hier geboren wurden oder lebten. Das Schachfestival Prag knüpft an die großen Zeiten vor dem Zweiten Weltkrieg an. Ein kleiner schachhistorischer Streifzug...

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Die tschechische Hauptstadt Prag ist eine uralte europäische Kulturmetropole. Und da Schach ein fester Bestandteil der Kulturgeschichte ist, wurde das Spiel dort intensiv gepflegt. Im Laufe der Zeit wurden hier eine ganze Reihe bedeutender Schachmeister geboren oder haben später hier gelebt. Prag war und ist zudem seit Jahrhunderten ein Begegnungsort unterschiedlicher Kulturen.

Geschichte

Um die Verbindung zwischen Tschechen und Deutschen bzw. Österreichern in Prag, Böhmen und später in der Tschechoslowakei bzw. Tschechien besser zu verstehen, ist vielleicht ein kleiner Streifzug durch die Geschichte im Schnelldurchgang nützlich:

Ursprünglich war Böhmen einmal das Siedlungsgebiet der keltischen Boier, die dem Land auch ihren Namen gaben. Mitte des 6. Jahrhunderts wanderten dann slawische Stämme aus dem Osten Europas ein. Eine Zeitlang war Böhmen den Franken tributpflichtig. Dann wurde es ein Teil des Römischen Reiches deutscher Nation. Otto I. erhob Prag zum Bischofssitz und gab der Stadt damit zusätzliche Bedeutung. 

Der Großteil der Bevölkerung war tschechisch, aber in späterer Zeit, besonders im 14. Jahrhundert wanderten viele Deutsche, darunter viele Bergarbeiter, und auch Juden nach Böhmen ein und prägten die Kultur, auch die Schachkultur mit. 1348 entstand in Prag unter der Herrschaft von König Karl IV. die erste Universität nördlich der Alpen.

Das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Völker und die Versuche von Tschechen, Deutschen und auch Polen, die Geschicke des Landes in ihrem Sinne zu beeinflussen, sorgten für viele Kontroversen und Konflikte.

Der Prager Fenstersturz. Gemälde von Václav Brožík

Im 15. und 16. Jahrhundert löste die Reformation zusätzlich konfessionelle Konflikte aus, die nach dem "Prager Fenstersturzes" 1618 zum Dreißigjährigen Krieg führten. In den Jahren 1639/1640 verwüstete ein schwedisches Heer das Land, besetzte und plünderte auch Prag.

Unter der Herrschaft der Habsburger wurde 1781 in Böhmen die Leibeigenschaft aufgehoben. König Joseph II führte Deutsch anstelle von Latein als erste Amtssprache ein, was nicht nur bei der tschechischen Bevölkerung Unmut erzeugte. 1848 kam es im Zuge der Unabhängigkeitsbewegung zu einem tschechischen Aufstand gegen die Herrschaft der Habsburger, der aber niedergeschlagen wurde.

Deutsch war ab 1620 die bevorzugte Sprache in Böhmen gewesen, doch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde das tschechische Nationalbewusstsein immer stärker und Tschechisch trat als Volkssprache immer stärker in den Vordergrund. Viele Gemeinden wurden nun zweisprachig verwaltet. Zwischen den Tschechen, die etwa zwei Drittel der Bevölkerung stellten, und den Deutschen, die ein Drittel ausmachten, kam es regelmäßig zu politischen Konflikten, dennoch gab es auch eine gemeinschaftliche Kultur. 

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die k.u.k.-Monarchie Österreich-Ungarn aufgelöst und die Tschechoslowakei mit Prag als Hauptstadt gegründet. Der politische Konflikt zwischen Deutschen und Tschechen fand in der Besetzung des Landes durch die deutsche Wehrmacht im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges ihren Höhepunkt.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die Tschechoslowakei dann unter den Siegermächten an die kommunistische Sowjetunion verschachert und eine kommunistische Marionettenregierung installiert. 1968 besetzten die Armeen aus den "Bruderstaaten" des Warschauer Paktes das Land und beendeten die liberale Politik des Prager Frühlings. Erst nach dem Zerfall der Sowjetunion erlangte die Tschechoslowakei, die sich bald danach in die zwei Staaten Tschechien und Slowakei aufteilten, ihre Unabhängigkeit zurück. Die Ereignissen in der Deutschen Botschaft in Prag 1989, in der viele Flüchtlinge aus der DDR auf ihre Ausreise in die BRD warteten, waren eine der Initialzündungen, die zum Fall der Berliner Mauer und zur Deutschen Wiedervereinigung führten. Heute knüpft man in Tschechien und Deutschland wieder an die gemeinsame Kulturgeschichte aus vergangenen friedlichen Zeiten an - nicht zuletzt im Schach. 

Schachgeschichte

Das Schachfestival von Prag folgt in seiner Konzeption dem erfolgreichen Modell der Turniere in Wijk aan Zee, mit einem Masters-Turnier, einem Challengers und einem Futures für die jungen Talente. Mit der Teilnahme am Open können viele Amateure in der Nähe ihrer Idole spielen. Ins Leben gerufen wurde das Festival 2019, geht nun also schon ins achte Jahr. Organisator ist der führende tschechische Schachverein aus Novy Bor mit seinem umtriebigen Manager Peter Boleslav. Austragungsort ist das Hotel Don Giovanni.

Foto: Petr Vrabec

Schaut man auf die deutsch-tschechischen Gemeinsamkeiten im Schach, so fällt der Blick schnell auf Vlastimil Hort. In der Nähe von Prag geboren, in Kladno, wuchs Hort als großes Schachtalent in der Tschechoslowakei zum Weltklassespiele heran - er war wohl der beste Schachspieler, den das tschechische Schach jemals hervorgebracht hat, trotz einiger anderer großer Namen.

Vlastimil Hort, Karel Opocensky and Slavoj Kupka.

Der Einmarsch der Warschauer Pakt- Armeen 1968 nährte in ihm den Wunsch, das kommunistisch regierte Land zu verlassen. Aus familiären Gründen wartete er noch einige Jahre, bevor er nach Deutschland ging. Im Herzen blieb er aber immer seiner tschechischen Heimat verbunden.

Foto: Dutch National Archive

Aber auch in Deutschland gewann Hort mit seiner charmanten Art und seinem böhmischem Witz viele Freunde. Als seine letzte Ruhestätte wählte er jedoch den Vyšehrader Friedhof in Prag.

Hort stellte einige seiner Partien gegen die Weltmeister vor und weiß viel über diese großen Persönlichkeiten des Schachs zu berichten.

Ein ganz anderer Charakter war Ludek Pachmann, 1924 in Bělá pod Bezdězem geboren. Er war bis 1968 ein überzeugter Marxist, dann trat er in Opposition zum Kommunismus, wurde zu Haft verurteilt und schließlich 1972 nach Deutschland abgeschoben, wo er als überzeugter Antikommunist politisch aktiv war.

Foto: Dutch National Archive

Da man sich in den 1970er Jahre in Deutschland um Entspannung mit dem Block der osteuropäischen Staaten bemühte, passten Pachmanns Ansichten nicht recht zum Zeitgeist.

Auf der Reise weiter zurück in der Prager Schachgeschichte findet man mit Wilhelm Steinitz einen Schachspieler, der mit dem Gewinn der ersten Weltmeisterschaft noch erfolgreicher war als Vlastimil Hort. Steinitz wurde 1836 in Prag geboren, als die Stadt noch ein Teil von Österreich-Ungarn war. Aber seine großen Erfolge feierte Steinitz in Wien, London und den USA, nachdem er seine Geburtsstadt früh verlassen hatte.

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Der Wettkampf zwischen Wilhelm Steinitz und Johannes Zukertort im Jahr 1886 wurde als erster Schachwettkampf um die „Weltmeisterschaft im Schach“ geführt. Steinitz gewann und wird seitdem als erster offizieller Weltmeister der Schachgeschichte betrachtet.
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Auch Rudolf Charousek (1873-1900) wurde in Prag geboren, aber nur zufällig. Die Eltern waren zwar tschechischer Herkunft, lebten aber in Debrecen (Ungarn). Charousek sah sich selber als Ungar. Er starb sehr früh an Tuberkulose. 

Fester Bestandteil des Schachlebens in Prag vor dem Ersten Weltkrieg war hingegen Oldrich Duras. Er wurde 1882 in Pchery geboren, kam aber schon in seiner Jugend nach Prag. 1899 trat Duras in die Prager Schachgesellschaft (Český spolek šachovní v Praze) ein. Er gehörte zu den besten Spielern seiner Zeit, beendete seine Karriere aber nach seiner Heirat kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Er starb 1957.

Auch die Brüder Treybal, Frantzisek (1882-1947) und Karel (1885-1941), bereicherten das Schachleben in Prag. Karel Treybal wurde einer der besten tschechischen Spieler und nahm an drei Schacholympiaden teil. 1941 wurde er von den Nazis wegen des Vorwurfs des illegalen Waffenbesitzes hingerichtet.

Zu den großen Spielern in Prag gehörte auch Richard Reti. Er wurde 1889 in der Nähe von Preßburg (Bratislava) geboren und wurde als Autodidakt ein Weltklassespieler. Er kam nach dem Ende des Ersten Weltkrieges nach Prag. Doch ihm war kein langes Leben vergönnt. 1929 starb er in Prag an Scharlach.

Eine ganz wichtige Figur im Prager Schachleben war Karel Opocensky. Auch er war eigentlich kein gebürtiger Prager, sondern kam aus Most, wo er 1892 zur Welt kam.

Karel Opocensky

Opocensky, Sohn eines Bauunternehmers, war ein Bohemien, sehr belesen, intellektuell, ein fantastischer Erzähler und ein umwerfender Charmeur. Die Liebe zum Schach stand jedoch über allem. Er war täglich Gast im Prager Schachcafé "U Nováků" und mit allen großen Spielern seiner Zeit gut bekannt. Opocensky war Zeit seines Lebens überzeugter Kommunist, änderte jedoch nach dem Einmarsch der Russen 1968 seine Meinung. Er starb 1975.

Viele Tschechen, auch Schachspieler verließen nach 1968 ihrer Heimat. Zu ihnen gehörte der gebürtige Prager Lubomir Kavalek. Über Deutschland emigrierte er in die USA. Auch der Publizist Otto Borik, Chefredakteur von Schachmagazin 64 gehörte zu den Prager Exilanten nach 1968. 

Mit David Navara hat Tschechien wieder einen Spitzen-Großmeister hervorgebracht. Thai Dai Van Nguyen hat Navara in der nationalen Rangliste derzeit übertrumpft. Mit dem 15-jährigen Vaclaf Finek wächst, schon Nummer drei der Rangliste, wächst ein großes Talent heran.

Große Turniere

Das erste große internationale Schachturnier in Prag wurde 1908 ausgerichtet. 20 Spieler nahmen teil und mit Oldrich Duras gab es einen tschechischen Sieger. Er teilte den Sieg mit Carl Schlechter.

In den folgenden Jahren fanden einige tschechische Meisterschaften in Prag statt und einige  Weltmeister wie Lasker, Aljechin oder Capablanca gaben sich mit einem Simultan die Ehre.

1931 war Prag Schauplatz der 4. Schacholympiade. Parallel wurde eine Frauenweltmeisterschaft ausgetragen.

Während der deutschen Besatzung fand ein Turnier zu Ehren von Oldrich Duras statt, bei dem sich Alexander Aljechin und Klaus Junge den Sieg teilten.

Prag 1942, Stehend: K. Junge, J. Pdgorny, J. Foltys, F. Sämisch, J. Rejfir, C.Kende, F. Prokop, Sitzend: A. Aljechin, O. Duras

1943 folgte ein weiteres großes Turnier, das Aljechin vor Paul Keres gewann, aber ebenfalls unter Besatzung.

Aljechin und Keres, 1943

Das erste große internationale Turnier nach dem Krieg war 1946 das Treybal Memorial, von Miguel Najdorf gewonnen. In den Jahren bis zur politischen Wende in Europa gab es viele Turniere in der "goldenen Stadt", darunter die Reihe "Prag Bohemiens". In den 2000er Jahren organisierte die Prager Schachgesellschaft unter der Führung von Pavel Matocha eine Reihe bedeutender Schachevents. Das Prager Schachfestival rückt nun mit vielen internationalen Stars alljährlich die Kulturmetropole Prag in den Mittelpunkt der weltweiten Schachgemeinde. 

Berühmte Schachspieler, die in Prag geboren wurden

Wilhelm Steinitz (1836-1900) 1. Schachweltmeister
Johann Hermann Bauer (1861–1891), österreichischer Schachmeister
Siegfried Reginald Wolf (1867–1951), österreichischer Schachmeister
Rudolf Charousek (1873–1900), ungarischer Schachmeister
Hans Fahrni (1874–1939), Schweizer Schachmeister
Oswald von Krobshofer (1883–1960), deutscher Maler, Graphiker und Schachkomponist
Ladislav Prokeš (1884–1966), Schachmeister und Studienkomponist
František Zíta (1909–1977), Schachmeister
Cenek Kottnauer (1910–1996), tschechisch-britischer Schachmeister
Jindřich Fritz (1912–1984), Schachkomponist
Květa Eretová (1926–2021), Schachmeisterin
Miroslav Filip (1928–2009), Schachgroßmeister
Vlastimil Jansa (* 1942), Schachgroßmeister
Lubomir Kavalek (1943–2021), US-amerikanischer Schachgroßmeister
Jana Bellin (* 1947), Schachmeisterin
Otto Borik (* 1947), deutscher Schachmeister und Schachpublizist
Marek Vokáč (1958–2021), Schachmeister, Schachjournalist, Trainer und Schachfunktionär
Eliška Richtrová (* 1959), Schachmeisterin
David Navara (* 1985), Schachgroßmeister
Kateřina Němcová (* 1990), tschechisch-amerikanische Schachmeisterin

Quelle: Wikipedia

Prager Schachfestival...


André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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