Schachweltmeisterschaft: Nepomniachtchi verliert die Nerven - Ding gleicht aus

von André Schulz
26.04.2023 – Nach einigen eher ruhigen Partien nahm die Schachweltmeisteschaft heute wieder richtig Fahrt auf. Ding Liren und Ian Nepomniachtchi lieferten sich eine wilde und komplizierte Partie, auch mit vielen Fehlern auf beiden Seiten. Nepomniachtchi verlor in Gewinnstellung die Nerven und brach schließlich mental zusammen. | | Fotos: Stev Bonhage (FIDE)

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Ian Nepomniachtchi und Ding Liren haben sich einen wilde Weltmeisterschaftskampf geliefert, der von der Angriffsfreude der beiden Spieler und ihren Fehlern lebte. Ding Liren war der Spieler, der mehr kreative Ideen in das Match einbrachte, auch mit vielen neuen Eröffnungsideen. Er war aber auch der Spieler, der mehr Fehler machte. So geriet er in Rückstand und musste bei noch drei ausstehenden Partien schauen, wie er zu einem Sieg und zum Matchausgleich kommt. Bei einem Stichkampf mit Schnellschachpartien gilt der Schnellspieler Nepomniachtchi jedoch auch als Favorit.

Zuletzt hatte sich der Kampf etwas abgekühlt. Ding war zu einer klassischen Matchstrategie übergegangen, mit Schwarz sicher auf Remis spielen und mit Weiß schauen, ob es was geht. Und Nepomniachtchi hatte Führung liegend keinen Grund, etwas zu forcieren. Er spielte ebenfalls mehr auf Sicherheit und begnügte sich mit einem Remis, wenn nötig. Warum nicht? Jedes Remis bringt ihn dem Weltmeistertitel näher.

Da auf dem Brett die ganz spektakulären Partien zuletzt ausblieben, drängten andere Themen in den Vordergrund. So wurde bei Dings Vorbereitung ein "Leak", ein "Datenleck", entdeckt. Ding und ein Sparringspartner hatten auf der Plattform Lichess einige der Eröffnungen geübt, die dann später im Wettkampf tatsächlich aufs Brett kamen. Lichess speichert alle Partien, die dort gespielt werden. Ein Schachfreund hatte die Partien entdeckt, und seine Entdeckung veröffentlicht. Ob dieses Leak für den Verlauf des Wettkampfes irgendeine Rolle spielt oder gespielt hat, weiß man nicht. Ding Liren, der ehrlichste aller Schachprofis, wird es später vielleicht erzählen. Bis dahin müssen Experten darüber urteilen.

Ein ganz anderes Problem hat Ian Nepomniachtchi und hier spielt die politische Großwetterlage eine Rolle. Nepomniachtchi hat von Anfang an den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine verurteilt, was ihm zuhause keinen Applaus einbrachte. Im Gegenteil. 

Schon Ende März wurde Nepomniachtchi vom bekennenden Befürworter des Angriffskrieges Sergey Karjakin in einem Interview für ein russisches Medium angegriffen. Er habe keinen Kontakt mehr mit Nepomniachtchi. Ihre Wege hätten sich getrennt. Der allerdings suggestiv fragende Interviewer namens Korchevnikov legte Karjakin dann noch in den Mund, das die kritische Haltung gegen den russischen Angriffskrieg, auch von Magnus Carlsen, "faschistisch" sei. "Faschistich" hat allerdings in der russischen Sprache nicht die gleiche Bedeutung wie im Rest der Welt. Alles, was nicht so ist wie gewünscht, gilt hier als "faschistisch".

Auch aus dem Verband heraus soll Nepomniachtchi für seine Spielführung und seine Fehler bei dieser Weltmeisterschaft kritisiert worden sein. Andrey Filatov hätte Nepomniachtchis Spielweise als die eines "Affen mit einer Handgranate" bezeichnet. Allerdings hatte der Präsident des russischen Schachverbandes ein Zitat von Nepomniachtchi selbst bei einer Pressekonferenz aufgenommen. Nepomniachtchi hatte dort erklärt, bei Niederlagen fühle er sich wie ein Affe.

Sollte Nepomniachtchi den Wettkampf gewinnen, wird man in Russland glücklich sein, nach dem Verlust der Schachkrone 2007 wieder einen russischen Schachweltmeister zu haben, selbst wenn dieser sich zur Politik in seinem Heimatland kritisch geäußert hat. Zuviel kann sich Nepomniachtchi, der im Gegensatz zu vielen anderen Großmeistern sein Heimatland nicht verlassen hat, aber nicht erlauben. Russland ist ein Land, in dem man sich mit seinen politischen Ansichten nicht zu weit aus dem Fenster lehnen darf.

Zurück zum Schachbrett.

Der kasachische Komponist und Sänger Dimash Qudaibergen eröffnet die 12. Partie.

Ding Liren hatte vor der heutigen Partie noch drei Partien Zeit, davon immerhin noch zwei Weißpartien, mit einem Sieg das Match auszugleichen. Er entschied sich in seiner vorletzten Weißpartie für einen sehr ruhigen Aufbau in einem Damenbauerspiel. Nach Nepomniachtchis Reaktion mit 1.d4 Sf6 2.Sf3 d5 3.e3 und nun 3...c5 gefolgt von baldigem Tausch auf d4 entstand eine Position, die an die Abtauschvariante der Caro-Kann Verteidigung erinnerte, oder an die Abtauschvariante des Damengambits - jeweils mit einer "Karlsbad-Struktur". 

Die Partie nahm dann aber doch sehr schnell Fahrt auf, denn Nepomniachtchi öffnete sich nach einem Tausch auf f6 mit gxf6 die g-Linie. Auf diese Weise hatte er schon spektakulär die 1. Partie gewonnen. Und Nepomniachtchi ging erneut rasch zum Angriff am Königsflügel über. Mit 17. g4 versuchte Ding gegenzuhalten, schwächte sich dabei aber am Königsflügel. der Chinese stand erst schlecht, dann auf Verlust. Doch die Zuschauer hatten die Rechnung ohne Nepomniachtchi gemacht. Er brach nervlich auseinander.
 


 

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André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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