Schachweltmeisterschaft: Remis, remis, remis

von André Schulz
21.11.2018 – In der heutigen 9. Partie hatte auch Magnus Carlsen mit den weißen Steinen erstmals einen kleinen Eröffnungsvorteil. Nach einem ungeduldigen Zug verflog seine Initiative jedoch und die Partie endete schließlich im Endspiel mit ungleichen Läufern remis. | Fotos: Nikolai Dunaevsky (Agon)

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Ist Schwarz das neue Weiß, oder was?

Am vergangenen Montag stellten Magnus Carlsen und Fabiano Caruana den Rekord der längsten Remisserie am Anfang einer Schachweltmeisterschaft ein. Bisher hielten Garry Kasparov und Viswanathan Anand diesen Rekord bei ihrem WM-Kampf 1995 in New York. Dieser wurde allerdings noch über 20 Partien geführt und in den übrigen 12 Partien gab es fünf Entscheidungen. Kasparov gewann den Wettkampf im damals noch nocht nicht zerstörten World Trade Center am Ende mit 4:1 nach Siegen.

Seit dem Jahr 2008 ist die Distanz der WM-Kämpfe auf 12 Partien verkürzt. Bei einem 6:6 nach 12 Partien gibt es einen Stichkampf. Früher behielt der Weltmeister bei Gleichstand den Titel. Das bedeutete, dass der Herausforderer gezwungen war, mindestens eine Partie zu gewinnen, wenn er auch den Wettkampf gewinnen wollte. Das ist nun nicht mehr der Fall. Nicht nur der Titelverteidiger, auch der Herausforderer kann sich jetzt mit einem Unentschieden nach regulärem Verlauf zufrieden geben und hoffen, vielleicht den Stichkampf zu gewinnen. Übrigens: Vor langer, langer Zeit spielte man WM-Kämpfe auf sechs, acht und sogar zehn Gewinnpartien - unglaublich!

Beides, die kurze Distanz von 12 Partien und der Entscheid im Stichkampf, scheint die Remishäufigkeit zu fördern. In der kurzen Distanz wiegt jeder Verlust schwer, umso schwerer, je später er passiert, da man nur noch wenige Partien übrig hat, den Rückstand auszugleichen. Diese Erfahrung hat Magnus Carlsen im letzten WM-Kampf gegen Sergey Karjakin gemacht. Er verlor eine Partie und schaffte dann nur ganz knapp den Ausgleich. So einen Verlauf möchte der Weltmeister offenbar nicht noch einmal erleben und wartet in allen Partien geduldig auf eine Chance. Außer in der ersten Partie ließ Caruana aber bisher keine echte Chance zu. Und umgekehrt bietet auch Carlsen keine große Angriffsfläche.

Mit jedem Remis verkürzt sich der eigentliche Wettkampf um eine Partie. In gleichem Maße steigt die Anspannung und sinkt die Risikobereitschaft. Vor der heutigen 9. Partie waren noch noch vier reguläre Partien übrig. Die größten Skeptiker und Pessimisten befürchten, dass auch alle übrigen Partien remis enden würden, vielleicht auch alle Stichkampfpartien. Und da den beiden Spielern offenbar das Remis an den Fingern klebt, einfach weil sie gleich stark sind und weil sich keiner eine Blöße geben will, dann könnte vielleicht am Ende sogar die Armageddonpartie ohne Sieger enden. Im Moment geht man davon aus, dass dies regeltechnisch gar nicht möglich ist, aber wer weiß - vielleicht finden die beiden Spieler auch hier noch einen Weg bisher unbeachtet gebliebenen Weg, die Entscheidung zu verhindern.

Schon gibt es die ersten Stimmen, die vorschlugen, ob nicht "Ching-Chang-Chong" einer sicherere Methode zur Ermittlung eines Siegers wäre...

Der erste Zug

In der heutigen 9. Partie des Wettkampfes um die Weltmeisterschaft führte Magnus Carlsen die weißen Steine und wählte noch einmal die Englische Eröffnung. Es kam die gleiche Variante aufs Brett wie in der 4. Partie.

Die Englische Eröffnung

Während die Sizilianische Verteidigung allgemein als Kampfansage gilt, ist die gleiche Eröffnung mit vertauschten Farben, also mit Mehrtempo, aber offenbar ein zahnloser Tiger. Mit 9.Lg5 nahm Carlsen einen anderen Weg. Später zog er den Läufer nach c1 zurück, entwickelte ihn nach b2 und unterstützte so den Vorstoß des d-Bauern nach d4. Caruana hatte zuvor seinen Sd5 auf c3 getauscht. Carlsen spielte recht zügig, erarbeitete sich einen spürbaren Zeitvorteil und hatte auch auch auf dem Brett eine leichte Initiative. Doch dann ging er zu ungeduldig am Königsflügel vor uns der Vorteil verflüchtigte sich. Das folgende Endspiel mit ungleichen Läufern war remis.

Drei reguläre Partien sind noch zu spielen. Um den Blick auf die positiven Dinge zu lenken: Carlsen und Caruana halten nun den Rekord mit der längsten Remisserie am Anfang einer Weltmeisterschaft, mit neun Remispartien zum Auftakt. Und beide sind noch ohne Niederlage in diesem Wettkampf. 

Stand

 

 

Die 9. Partie

 

 

Alle Partien

 

 

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André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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BMuntz BMuntz 23.11.2018 10:15
@BornToulouse: Eine Niederlage, für deren Kompensation nur wenige Runden bleiben, bedeutet natürlich einen Nachteil. Ein Sieg bedeutet aber in gleichem Maße einen Vorteil, da er dem Gegner exakt den o.g. Nachteil aufbürdet. Insofern spricht nichts gegen die Erhöhung des Risikos, welche zwar die Gefahr eine Niederlage vergrößert, aber eben auch für den Gegner.
Hunterix Hunterix 22.11.2018 02:21
Warum nur hat man die Regelung abgeschafft, dass dem amtierende WM zur Titelverteidigung ein Unentschieden reicht? Weiß das jemand?
Das belebt doch das Geschehen, da der Herausforderer tendenziell gezwungen ist, aufs Ganze zu gehen.
Jimmy1969 Jimmy1969 22.11.2018 01:54
Fast unglaublich, was alles vorgeschlagen wird um den wichtigsten und prestigeträchtigen Titel im Weltschach bei Gleichstand zu entscheiden (Chess 960, Stichkampf vor dem Match, fehlt nur noch Räuberschach oder würfeln. ..:-))
Zunächst möchte ich Krennwurzn zustimmen. Die Remisen sind doch nicht problematisch, solange die Partien ausgekämpft und interessant sind, und das waren bisher nahezu alle. Ich bin auch kein Freund davon, dass der Titel evtl. durch Blitzen entschieden wird. Früher behielt der WM bei Gleichstand seinen Titel, was ihn sicherlich sehr begünstigte und zurecht abgeschafft wurde. Andererseits sollte ein Herausforderer auch etwas mehr leisten, um den wichtigsten Titel zu erobern. Mein Wunsch wäre deshalb:
1. Die Partienanzahl auf 16 erhöhen.
2. Bei 8:8-Gleichstand wird eine 17. Turnierpartie gespielt und der Herausforderer bekommt Weiß und muss gewinnen, bei Remis mit Schwarz behält der WM seinen Titel.
Das würde Spannung bedeuten, es bliebe beim Format bezüglich der Bedenkzeit etc. und wäre der Bedeutung des Wettkampfes angemessen.
Obi-Wan Kenobi Obi-Wan Kenobi 22.11.2018 12:38
Ich hatte es bereits in einem früheren Kommentar skizziert, wie für mich der Weg aus der Remisflut aussieht: 1. und 12. Partie des WM-Kampfes werden als Schach960-Partie ausgetragen. Verringert den Faktor 'Analyse/Vorbereitung', stärkt denjenigen der kreativer ist. Ein Ausbau wäre 6 Partien klassisch, 6 Schach 960, immer im Wechsel. Weitere Möglichkeit: Steht es nach 8 Partien 4:4, davon mind. 6 Remis, findet in den Runden 9-12 immer direkt ein Tiebreak statt falls die Partie Remis ausgegangen ist. D. h. die Einzelpartie würde dann im Tiebreak entschieden werden, aber es würde (ausgenommen letzte Runde) noch die Möglichkeit bestehen, den Punktverlust mittels einer Partie mit klassischer Bedenkzeit wieder auszugleichen.
Wie gefällt Ihnen dieser Vorschlag?
BornToulouse BornToulouse 22.11.2018 10:55
@BMuntz: Im Schach hat die "Münze" aber drei Seiten (Sieg 1, Niederlage 0, Remis 0,5). Im Unterschied zur Münze, bei der "Kopf" oder "Zahl" mit je 50%er Wahrscheinlichkeit auftreten, verteilt im Schach der Anzugsvorteil zudem die Wahrscheinlichkeiten anders.

Angenommen, die Erfolgsaussichten für Weiß sind: Sieg 37%, Remis 35%, Niederlage 28% bei normalem, "langweiligem" Spiel, dann ist die Erhöhung des Risikos spieltheoretisch weder für Weiß noch für Schwarz leicht zu begründen.
BMuntz BMuntz 22.11.2018 10:05
"Beides, die kurze Distanz von 12 Partien und der Entscheid im Stichkampf, scheint die Remishäufigkeit zu fördern. In der kurzen Distanz wiegt jeder Verlust schwer, umso schwerer, je später er passiert, da man nur noch wenige Partien übrig hat, den Rückstand auszugleichen." Ich halte das für einen Denkfehler. Da Sieg und Niederlage nur 2 Seiten ein und der selben Medaille sind, wiegen die Nachteile eines Verlustes nicht schwerer als die Vorteile eines Sieges. Folglich stellt die Erhöhung des Risikos keinen Nachteil dar. Zum Vergleich kann man z.B. den Münzwurf anführen. Egal, welcher Einsatz in jedem einzelnen Wurf gewählt wird, der zu erwartende Gewinn bleibt unverändert, nämlich null.
Don Claudio Don Claudio 22.11.2018 10:02
Es ist doch eigentlich logisch, dass der Herausforderer besser sein sollte als der alte Weltmeister um selbst der beste Spieler zu sein. Blitzpartien sind die undenkbar schlechteste Lösung zur Bestimmung des Weltmeisters im "denkenden Schach" und sicher vom einem Glücksspieler ausgedacht. Da wäre es noch besser gleich 2 Weltmeister zu haben, da eben beide gleich gut spielen. Im Übrigen wird Schach auf diesem Niveau dem Computerschach immer ähnlicher. Das Ziel ist nicht gewinnen wollen wie im Sport üblich oder beim Frauenschach, sondern nicht verlieren wollen und es dem Zufall oder Glück zu überlassen, ob man gewinnt. Der lang vorhergesagte Remistod des Schachs scheint einzutreten.
JochenSchoof JochenSchoof 22.11.2018 08:52
@Krennwurzn: Wenn man sich alle Fußball-WM Finals anschaut sieht es aber anders aus - 20 Endspiele, nur siebenmal Verlängerung (und davon zweimal Elfmeterschießen), 3x 1:0, aber 4x 4:2 und einmal sogar 5:2. Vieles ist aber schon lange her - genauso wie die weniger remisträchtigen Zeiten bei Schach-Weltmeisterschaften... :-)
Ich stimme aber ausdrücklich zu, dass die Partien nicht so langweilig sind, wie oft getan wird. Salonremis sind das sicher nicht.
Krennwurzn Krennwurzn 22.11.2018 08:05
Leute bleibt cool - 3 von 4 Fußball-WM-Finali sind in die Verlängerung gegangen 2x gabs ein 1-0, einmal 1-1 und Elferschießen - nur heuer gabs ein 4-2. Spitzentreffen sind oft ein hartes Ringen und kein Feuerwerk wie das Kandidatenturnier.
Also Chips und Bier einkühlen und warten was auf uns zukommt - die Partien sind ja wirklich nicht unspannend auch wenn sie remis enden.
Rainbow66 Rainbow66 22.11.2018 12:54
@grizzzly: "Bei Gleichstand nach 12 Partien solange jeweils zwei weitere Partien anzuhängen, bis ein Gewinner gefunden ist", wäre zwar sportlich gerecht, aber aus kommerziellen Gründen kaum durchzusetzen. Das Ausrichten einer sportlichen Großveranstaltung (EM, WM, Olympia) kostet riesige Summen. Deshalb muss ihr zeitlicher Ablauf exakt planbar sein. Tage- oder wochenlang leere Hotelzimmer oder blockierte Säle oder Sportstätten kann und will sich kein Veranstalter leisten. Es ist ja auch unter den jetzigen Bedingungen bereits sehr schwer, einen Bewerber zu finden. Musste nicht eine Frauen-WM deswegen um Monate verschoben werden?
Rainbow66 Rainbow66 22.11.2018 12:38
Über MBachmaiers Vorschlag lohnt es sich nachzudenken. Wichtig ist, dass Druck auf die Spieler ausgeübt wird zu gewinnen. Deshalb wäre auch die Rückkehr zur alten Regel (Dem amtierenden Weltmeister reicht ein Remis, um den Titel zu verteidigen.) durchaus erwägenswert. Wer (neuer) WM werden will, muss eben den alten schlagen. Der amtierende WM musste das mit seinem Vorgänger ja auch tun. Eine solche Festlegung existiert auch in anderen Zweikampfsportarten, z.B. Boxen, und ist dort unbeanstandete Normalität. Schließlich muss auch bei der jetzigen Regelung letztlich zu einem "unfairen" Trick gegriffen werden (Armageddon-Partie), um die Entscheidung herbeizuführen.
grizzzly grizzzly 22.11.2018 12:17
Für mich stellt sich die Frage, ob 12 Partien wirklich ausreichend sind, um einen würdigen Gewinner zu finden. Wie schon im Artikel festgestellt wurde, fördert die kurze Distanz anscheinend die Risikobereitschaft nicht. Wenn man mehr Partien spielt, läßt sich ein eventueller Verlust auch leichter verkraften. Könnte es sein, das auf diesem Niveau, bei all der computerunterstützten Vorbereitung, es allgemein immer schwieriger wird, eine Partie zu gewinnen? Die psychologische Komponente darf man auch nicht vernachlässigen, es geht hier schließlich um eine Weltmeisterschaft. Und da es hier um den wichtigsten Titel in der Schachwelt geht, finde ich eine Entscheidung im Schnellschach als nicht passend. Mein Vorschlag wäre: wenn man nicht bereit ist, mehr Partien anzusetzen, könnte man bei Gleichstand nach 12 Partien solange jeweils zwei weitere Partien anzuhängen, bis ein Gewinner gefunden ist. Das hätte nämlich auch den Vorteil, das die erste gewonnene Partie in der Verlängerung noch nicht entscheidet, sondern der Zurückliegende hätte dann noch 1 Möglichkeit, den Rückstand auszugleichen. Schnellschach oder gar Blitzschach ist etwas für Showbewerbe, aber nicht für eine WM.
MBachmaier MBachmaier 21.11.2018 09:18
Wenn man eine Remis-Serie dadurch verhindern kann, dass immer einer der beiden Kontrahenten im Rückstand ist - wie dies ja früher war, als dem Weltmeister ein Unentschieden gereicht hat -, dann kann man so einen Rückstand auch dadurch erzeugen, dass man den Wettkampf um die Schachkrone mit dem Stichkampf der Schnell- und evtl. Blitzschachpartien beginnt. Wer diesen Stichkampf gewinnt, dem reicht ein Unentschieden in den regulären 12 (oder besser natürlich mehr) Partien.
(Im Fußball wurde so etwas - erst die Verlängerung mit evtl. Elfmeterschießen - von Sepp Blatter
schon mal angedacht, und da ist es ja bereits aus Gerechtigkeitsgründen ein Muss. Ansonsten geht die eine Mannschaft ausgeruht in die nächste K.-o.-Runde, während die andere infolge einer Verlängerung diese körperlich ausgelaugt erreicht.)
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