Yasser Seirawan: "Eine radikale Lösung"

30.11.2016 – Nach 12 Partien mit klassischer Bedenkzeit steht es beim WM-Kampf zwischen Carlsen und Karjakin 6-6 Unentschieden. Heute abend, ab 20 Uhr deutscher Zeit, fällt die Entscheidung über den WM-Titel im Tie-Break. Im Schnellschach und eventuell sogar im Blitzschach. ChessBase-Autor Yasser Seirawan findet diese Entwicklung "höchst unerfreulich" und macht einen "radikalen" Vorschlag zur "Lösung" des Problems. Mehr...

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Eine radikale Lösung

Ich bin immer noch erschüttert von dem 35-Minuten Schock, den Partie 12 des Weltmeisterschaftskampfs im "klassischen" Schach zwischen Carlsen und Karjakin bei mir ausgelöst hat. Der Vorschlag, den ich hier machen möchte, ist aus Enttäuschung geboren. Ich kritisiere die Regelkommission der Fide schon seit langem und begebe mich nur sehr ungern in deren Gefilde munterer Selbsttäuschungen, aber fühle mich jetzt dennoch dazu verpflichtet. Mit zeitlichem Abstand distanziere ich mich vielleicht ganz oder teilweise von diesem Kommentar. Doch bevor der Schock allmählich verebbt, denken wir doch einmal über Folgendes nach…

Nach30 Zügen und 35 Minuten Spielzeit vereinbarten Magnus Carlsen und Sergey Karjakin
in der 12. Partie ihres WM-Kampfs Remis.

Für mich ist der Weltmeistertitel das Kronjuwel der Schachwelt. Das ist der wichtigste Titel im Schach und er sollte mit Achtung und großem Respekt behandelt werden. Das war nicht immer der Fall; deshalb habe ich die Regelkommission auch so oft kritisiert.

Ich habe meine ersten Züge 1972 gemacht und seitdem hat sich die Schachwelt sehr verändert. Heute gibt es einen "Weltmeister", einen "Schnellschachweltmeister" und einen "Weltmeister im Blitzschach". In drei unterschiedlichen Schachdisziplinen verleihen wir einen Weltmeistertitel. Sehr gut. Von diesen drei Titeln genießt der des Schachweltmeisters" das höchste Prestige. Bei diesem Titel denken wir an klassisches Schach. Doch diese Unterscheidung verwirrt selbst Großmeister, denn es gibt ja eine ganze Reihe klassischer Zeitformate. Wiederstrebend müssen wir anerkennen, dass mit "klassischen" Partien die Partien gemeint sind, die "mehrere Stunden" dauern, im Gegensatz zum "Schnellschach", womit man Partien meint, die nicht länger als eine Stunde dauern, und auch im Gegensatz zum "Blitzschach", in dem eine Partie nicht länger als zehn Minuten dauert…

1972 wurde die "Klassische Schachweltmeisterschaft" in einem Wettkampf über 24 Partien entschieden, oder, genauer gesagt, in einem Wettkampf, in dem der erste Spieler, der auf 12,5 Punkte kam, den Wettkampf gewonnen hatte. Später wurde "der Spieler, der zuerst sechs Siege erzielt hatte" zum Sieger des Wettkampfs erklärt, bevor man wieder zu einem Format mit 24 Partien zurückkehrte. Dann wurden es 16 Partien, bis sich schließlich der heutige Standard etablierte: ein Wettkampf über 12 Partien.

Ich persönlich finde ein Match über 12 Partien viel zu kurz. Allerdings gilt heute ein Wettkampf über 24 Partien als viel zu lang. Vielleicht sollte man den Mittelweg einschlagen und einen Wettkampf über 18 Partien in Betracht ziehen. Allerdings hege ich den Verdacht, dass der Vorschlag, den Wettkampf um weitere sechs Partien zu verlängern, zu gar nichts führen würde, weshalb ich mich jetzt auf das wichtigste Thema dieses Artikels konzentrieren möchte.

Da wir drei unterschiedliche Weltmeistertitel haben, finde ich den derzeitigen Stand der Dinge, nämlich die Entscheidung mit Hilfe von Schnell- und vielleicht sogar Blitzpartien zu erzwingen, wenn der Wettkampf nach 12 Partien im klassischen Schach 6-6 Unentschieden steht, als höchst unerfreulich. Man stelle sich vor, Viswanathan Anand würde von einem Journalisten interviewt, der nichts über Schach weiß:  "Mr. Viswanathan, 2012 wurden Sie in einem Wettkampf gegen Boris Gelfand Weltmeister im klassischen Schach. Wie haben Sie das gemacht?" Antwort: "Als das Match nach den klassischen Partien Unentschieden stand, habe ich ihn im Tie-Break im Schnellschach besiegt." Natürlich ist diese Antwort richtig, aber auch verwirrend für ein Laienpublikum. Warum wird über den Titel des Weltmeisters im klassischen Schach mit Schnellpartien entschieden? Und vielleicht auch noch mit Blitzpartien? Sehr gute Fragen. Mir scheint, dass die Regeln, die für Wettkämpfe im klassischen Schach gelten, unzureichend sind.

1972 und vorher lautete die Regel, dass der amtierende Weltmeister in einem Match über 24 Partien seinen Titel behält, wenn der Wettkampf nach 24 Partien 12-12 Unentschieden steht. Natürlich ist das ein großer Vorteil für den Titelverteitider. Noch besser für den amtierenden Titelverteidiger war die Regel, die ihm im Falle einer Wettkampfniederlage ein Revanchematch zusicherte. Diese Weltmeisterprivilegien von damals wurden abgeschafft und deshalb haben wir heute den Rapid- und Blitz-Tie-Break.

Jetzt, nach dem Blick auf die Hintergründe der heutigen Situation, kommt mein Vorschlag einer radikalen Lösung. Die Motivation dahinter ist mein Wunsch, in einem Weltmeisterschaftskampf klassisches Schach zu sehen und nur klassisches Schach: lassen wir die Spieler also einen Wettkampf über 13 Partien spielen. Der Spieler, der in der zusätzlichen Partie Schwarz hat, wird bei Gleichstand im Wettkampf zum Sieger erklärt. Die Farbverteilung würde nicht durch ein Blitz-Match ausgelost werden, sondern ganz einfach durch die übliche Auslosung der Farbverteilung zu Beginn eines Turniers oder Wettkampfs.

Wenn wir eine solche Regeländerung einführen, müssen wir die möglichen Folgen bedenken. Erstens muss eine 13. und letzte Partie gespielt werden und zwar bis zur Entscheidung. Keine 35-Minuten-Geschichten. Die Partie würde bis zum Ende ausgespielt werden. Vor Beginn des Wettkampfs wüssten beide Spieler, woran sie sind: Einer würde auf Gewinn spielen müssen, da er im Match praktisch "zurückliegt". Wer mit Weiß vor Beginn der 13. Partie mit einem Punkt zurückliegt, könnte den Titel nicht mehr gewinnen, aber hätte den Anreiz mit einem Sieg in den Genuss einen geteilten Preisfonds zu kommen.

Ich habe zwei Gründe für diesen Vorschlag: Erstens, bleiben die Titel und Formate getrennt voneinander. Ein Spieler gewinnt den Weltmeisterschaftskampf und spielt dabei nur Partien mit klassischer Bedenkzeit. Zweitens vermeidet man so Enttäuschungen, wie wir sie in der 12. Partie zwischen Carlsen und Karjakin erlebt haben. Wenn man die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf sich gezogen hat, dann ist es außerordentlich wichtig, ein Schauspiel zu liefern. Und nicht so einen Blindgänger wie Partie 12.

Höchstwahrscheinlich haben andere eine solche Lösung bereits vorgeschlagen. Vielleicht sogar mehrmals. Wenn das so sein sollte, dann entschuldige ich mich dafür, Ihnen nicht die Anerkennung gezollt zu haben, die sie verdienen. Durchdachtes Feedback ist willkommen.

Übersetzung: Johannes Fischer