Zum Abschluss der Senioren- und Amateur-Europameisterschaften

von Thorsten Cmiel
18.04.2019 – Auf Rhodos findet derzeit ein großes Schachfestival mit mehreren Turnieren statt. Die Amateur-Europameiterschaften der ECU sind bereits beendet, ebenso die Senioren-Europameisterschaften, Thorsten Cmiel bricht aus Rhodos. | Foto: European Chess Union

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Würde man die Turniere auf Rhodos als Phasen einer Schachpartie beschreiben, dann käme heraus: Die Eröffnung ist missglückt, im Mittelspiel gab es eine sehr starke Phase und das Endspiel wurde grandios verpatzt.

Die Europameisterschaften der Senioren waren ursprünglich im Mai geplant und wurden stattdessen zu Beginn der Saison nicht auf Kreta, sondern auf Rhodos gespielt. Die Folgen dieser kaum kommunizierten Entscheidungen waren unglücklich für die Teilnehmer und die Organisatoren gleichermaßen. Denn Flüge in der Vorsaison auf Ferieninseln sind weniger flexibel und dafür teurer. Letztlich kamen zu den insgesamt sieben Turnieren weniger als 2000 Teilnehmer. So spielten die älteren Frauen (65+) und die Gruppe U2300  bei den Amateuren den Europameistertitel in Rundenturnieren aus – geplant waren Turniere nach Schweizer System. Eine eigene Homepage hatten die Organisatoren nicht mehr hinbekommen. Es gab lediglich Informationen bei der European Chess Union (ECU) und bis man bei Chess-Results die Teilnehmerliste einsehen konnte, dauerte es noch längere Zeit.

Zum Turnier: Der Transfer zum Hotel funktionierte reibungslos. Zunächst hatten die Schachspieler das Spielhotel für sich. Positiv war insbesondere das Preis-Leistungsverhältnis im Vergleich zur letzten Weltmeisterschaft der Senioren in Bled. Dort hatte vielen Teilnehmern im Spielhotel das Essen bei höheren Preisen nicht zugesagt. Der Service in Bled im „Toplice“ entsprach ebenfalls nicht annähernd den fünf Sternen. Im „Olympic“ Hotel auf Rhodos war die Situation besser: Das WLAN funktionierte die meiste Zeit in sehr guter Qualität. Die Preisgestaltung war vergleichsweise attraktiv. Die Übernachtung kostete inklusive Startgebühr weniger als 100 Euro pro Nacht bei Vollpension. Das Essen – als Buffet organisiert – war qualitativ ordentlich und manche deutsche Teilnehmer lobten sogar die Desserts. Die Turnierleiter überzeugten durch unauffällige Entscheidungen.

Einen mächtigen Leistungsabfall gab es dann am letzten Tag bei der Schlussfeier: Diese bestand im Verlesen der Sieger und im Abspielen von Hymnen – man lernte: selbst die ECU hat eine eigene Erkennungsmelodie. Die Sieger bekamen Medaillen und Pokale überreicht. Es ist unverständlich, weshalb bei fast jedem Schachturnier – das gilt nicht nur für dieses Turnier, sondern muss einmal geschrieben werden - die hässlichsten Pokale des lokalen Anbieters überreicht werden müssen. Es wäre meines Erachtens angebracht, stattdessen einen Künstler damit zu beauftragen, nur für die Ersten jeweils ein gestaltetes Unikat anzufertigen. Zudem sollte die Siegerehrung einer Europameisterschaft mit einem kleinen Rahmenprogramm oder zumindest der Ausgabe von Getränken ein wenig an Atmosphäre bekommen. Es muss ja nicht gleich ein Gala-Diner wie bei einem Konkurrenten sein. Das Hauptärgernis war, dass einige der Sieger schon abgereist waren und das war den Organisatoren frühzeitig bekannt, da sie selbst diesen Rücktransport organisiert hatten. Trotzdem wirkten die Spieler und auch der Hauptschiedsrichter auf der Bühne überrascht über das Nichterscheinen einiger Spieler. Die Organisatoren hatten die Siegerehrung um 18 Uhr gestartet, statt wie angekündigt um 17 Uhr. Die Runde hatte am Vormittag statt um 10.30 Uhr nämlich erst um 11 Uhr begonnen.

Die Abreiseliste | Diese und die folegenden Fotos: Thorsten Cmiel

Vor allem einige georgische Spieler, inklusive einiger Turnierfavoriten, hatten ohnehin einen knappen Flug gebucht. Ob das ein Mangel an Respekt, die Folge schlechter Reiseverbindungen oder finanzieller Erwägungen war? Jedenfalls hätten einige der anderen Sieger gerne ein Gruppenfoto mit den fehlenden Spielern auf dem Podest gemacht. Immerhin reagierten die Veranstalter insofern als bei den jüngeren Senioren auf die Hymne des Siegers aus Georgien, Zurab Sturua, verzichtet wurde. Viele Teilnehmer hielten die Siegerehrung für unwürdig oder respektlos. Schade, dass diese berechtigte Einschätzung den Gesamteindruck des gesamten Turniers trübte.

Natürlich beginnt man Texte lieber mit den Siegern, aber das ist bei der Vielzahl an Turnieren ohnehin unübersichtlich. Ich habe die wichtigsten Sieger durch Partien vorgestellt.

Zu den Turnieren

Wer kann von sich aus Erfahrung sagen, dass er mit Springer und Läufer in der sechsten oder siebten Stunde einer Turnierpartie unter 50 Zügen mattsetzen kann? Beim Weg zum Abendessen sah ich eine Partie zweier Spieler in der Kategorie U2000 bei der es gleich zur Technikübung kommen würde, dachte ich. Ich entschied mich nach dem Essen noch einmal im Turniersaal vorbeizuschauen. Weiß drohte a6-a7 und daher würde Schwarz den Läufer geben müssen, so meine Überlegungen zu dem Endspiel. Würde es der Weißspieler aus Österreich schaffen, seinen Gegner aus Polen mattzusetzen? Bei der deutschen Seniorenmeisterschaft in Hamburg 2018 hatte ein Spieler mit dem ehrlichen Bekenntnis “Das kriege ich nicht hin“ sofort Remis gegeben. Die Auflösung, wie es diesmal ausging, folgt am Ende.

Das Endspiel

Wachablösung im Frauenschach?

In Griechenland war ein Kamerateam vor Ort, um einen Dokumentarfilm über Nona Gaprindashvili zu drehen. Die ehemalige Weltmeisterin und Schachlegende hatte diesmal erkennbar Probleme, im Turnier mitzuhalten. Nach zwei heftigen Niederlagen zu Beginn des Turniers erzielte sie immerhin noch fünfeinhalb Punkte, konnte aber vermutlich erstmals in ihrer Karriere keinen Platz auf dem Podest erringen.

 

 

 

Es gewann die sechs Jahre jüngere Elena Fatalibekova aus Russland. Die jüngeren Frauen spielten im Open 50+ mit, da sich nicht genügend Frauen gemeldet hatten. Es gewann Tatiana Grabuzova.

Geteilte Sieger bei den Männern

Im Turnier der jüngeren Senioren, Open genannt, gingen Zurab Sturua und Milos Pavlovic gemeinsam mit 7,5 Punkten durchs Ziel. Die beiden anderen Großmeister Keith Arkell aus England und der Isländer Henrik Danielsen kamen auf den geteilten vierten Platz. Dritter wurde überraschend der Lette Sergei Terentiev mit 6,5 Punkten. Bei dem Turnier spielten 50 Spieler mit.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Im Turnier der älteren Senioren (65+) gewann Jens Kristiansen aus Dänemark mit acht Punkten vor Yuri Balashov, der in der Schlussrunde gegen den späteren Dritten, Nathan Birnboim aus Israel verlor.

 

Auf dem vierten Platz landete Dr. Euvgeni Chevelevitch, der für Deutschland spielte und mit Annett Wagner-Michel die beste deutsche Platzierung (vierter Platz bei den Frauen 50+) erzielte.

Wer glaubt, dass im Senioren-Schach nur Londoner-System, "der Rentner", gespielt wird, der täuscht sich. Gelegentlich kommen freilich manche riskanten Systeme zur Anwendung und manchmal sogar als bewusstes Risiko. Allerdings sind viele Spieler bestens auf mache schlechte Nebenlinie vorbereitet.

Amateur-Europameisterschaften

Die ECU spielte ihre Titel in drei Ratingklassen aus: U2300, U2000 und U1700. Zudem gab es noch Frauentitel. In der Klasse U2300 gewann der Niederländer Dennis Brouwer mit einem halben Punkt Vorsprung vor dem unter ECU-Flagge spielenden Bulgaren Stanislav Andreev.

 


Sieger U 2300

Bei der Gruppe unter 2000 gewann der Türke Emre Demirbas vor der Slowenin Pia Marie Ruzic, die das direkte Duell verlor.

 

Dritter war der Bulgare Dejan Samuil Kostov (Jahrgang 2006).

Sieger U 2000

Bei der Ratinggruppe darunter gewann die Russin Kseniya Meremyanina vor dem jüngeren Bruder Kiril Kostov, Jahrgang 2007, und dem Vater der Co-Siegerin der höheren Ratinggruppe, dem Slovenen, Milos Ruzic.

Aus Bulgarien kamen genau drei Spieler und erzielten jeweils einen Podestplatz. Kürzlich drohte allen Bulgaren noch das Entziehen der Elozahl wegen einiger Funktionäre.

Bulgaren mit Pokalen

Das Endspiel

Ich hatte mich bei der Zugrichtung geirrt. Weiß war der Pole und Schwarz der Österreicher. Die Partie dauerte noch genau 100 Züge und endete nach einiger Dramatik mit Matt und zwar genau im 48. Zug nach Schlagen der letzten gegnerischen Figur. Mit 188 Zügen sehen wir die längste Partie des Turniers, die einige instruktive Momente beinhaltet.

 

Es ist ohnehin absurd, dass Profis mehr Zeit für die Endspielbehandlung zugestanden wird als Amateuren. Logischer wäre es andersherum. Die Partie dauerte trotzdem fast genau sieben Stunden und repräsentiert eine tolle Leistung des Siegers.

Turnierseite der ECU...




Thorsten Cmiel ist Fide-Meister lebt in Köln und Milano und arbeitet als freier Finanzjournalist.
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