Sicherheitsmaßnahmen beim Schach wirkungslos?

von André Schulz
28.10.2022 – Nach dem Zwischenfall beim Sinquefield Cup werden bei der Fischer Random Weltmeisterschaft strenge Kontrollen nach technischen Hilfsmitteln unternommen. Wie gut funktionieren diese Kontrollen? Eine Journalistin des norwegischen TV-Senders NRK probierte es aus.

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Das Thema Betrug mit Computerhilfe im Schach ist derzeit hochaktuell. Und bei Weitem nicht zum ersten Mal. In der Vergangenheit gab es bereits eine Reihe von Betrugsvorwürfen und auch nachgewiesenen Betrugsversuchen bei verschiedenen Schachturnieren. Die FIDE und auch die Organisatoren von Schachturnieren führten verschiedene Sicherheitsmaßnahmen ein, um den Betrug beim Schach mit Computerhilfe zu unterbinden.

Eine bei fast allen großen Turnieren angewandte Sicherheitsmaßnahmen ist das Abscannen der Spieler und Personen im Spielbereich mit Metalldetektoren. Nachdem sich Magnus Carlsen aus Protest aus dem Sinquefield Cup zurückgezogen hatte, wurden diese Scanner vor jeder Runde zum Abscannen der Spieler eingesetzt. Das sieht professionell aus, aber ist es auch professionell?

Um diese Frage zu beantworten, müsste man wissen oder testen, wie empfindlich diese Geräte sind und was sie beim Scannen entdecken können. Eine offene Frage ist auch, ob das Personal, dass die Scanner bedient, dafür auch hinreichend ausgebildet ist. Die Vermutung lautet: nein. Und die nächste Frage betrifft den Zeitpunkt der Überprüfung. Reicht es, die Spieler vor der Runde zu scannen? Wie überprüft man, ob jemand sich erst im Verlauf der Partie, vielleicht erst nach den ersten Eröffnungszügen ein Hilfsmittel installiert?

Eine Journalistin des norwegischen Fernsehsenders NRK tat etwas Naheliegendes - sie probierte aus, welche technischen Hilfsmittel von dem in Reykjavik bei der Fischer Random Schachweltmeisterschaft als Sicherheitsmaßnahme eingesetzten Scanner aufgespürt wird - und welche nicht. Das Ergebnis war wenig ermutigend. 

Beim Betreten des Spielsaal der Fischer Random Weltmeisterschaft werden alle Personen mit Scannern durchgescheckt.

Die Journalistin des NRK stellte sich dieser Prozedur und hatte an ihrem Körper gleich eine ganze Reihe von elektronischen Hilfsmitteln versteckt.

In ihrem Gehörgang hatte sie einen winzigen perlengroßen Hörer vor ihrem Trommelfell platziert, der von außen nicht sichtbar war. Dieser war als Empfänger mit einem in der Kleidung versteckten Signalgeber verbunden, der mit einer Smartwatch kommunizierte, die an der Innenseite der Gürtelschnalle angebracht war. 

Winzige Hörer


Diese Ausrüstung ermöglicht einer zweiten Person von außen Signale auf die Smartwatch zu schicken, die von dort zum winzigen Hörer weitergeleitet wird. 

Die NRK-Journalistin brachte zudem ein Walkie-Talkie mit in den Spielsaal, ein elektronisches Power-Armband und eine Sonnenbrille mit eingebauten Ohrstöpseln. 

Bei der Eingangskontrolle wurde das Walkie-Talkie entdeckt und auch das Power-Armband. Nicht entdeckt wurden die Ohrstöpsel, die Smartwatch und auch nicht die Technik in der Sonnenbrille. 

Offenbar besteht hier für die FIDE und die Organisatoren von Schachturnieren noch einiger Handlungsbedarf.

Artikel bei NRK...


André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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oegenix oegenix 31.10.2022 09:21
Viele Sportarten müssen seit Jahren/Jahrzehnten mit (Doping-)Betrug leben. Trotz umfassender Maßahmen sind die Betrüger meist einen Schritt voraus. Aber: Ein gedopter Radfahrer, Leichtathlet, Tennisspieler hat keine Sieggarantie und auch ein sauberer Athlet hat durchaus Chancen auf einen Sieg oder eine gute Platzierung.
Das ist beim (Computer-)Betrug im Schach anders. Hier wird der Spieler, der eine Engine nutzt, gegen einen fairen Gegner fast immer gewinnen.
Warum tun die Schachverbände, allen voran die FIDE, hier so wenig? Offenbar kann sogar immer noch jeder Veranstalter von ELO-gewerteten Turnieren selbst entscheiden, ob er eine LIVE-Übertragung ohne Zeitverzögerung zulässt.
Ist dieses Nichthandeln als Eingeständnis zu werten, dass Betrug beim Schach nicht zu verhindern ist?
Pemoe6 Pemoe6 30.10.2022 02:12
Aber auch die Zeitversetzung ist kein Allheilmittel. Schon Ivanov hatte vor Jahren mit einer Art Handy im Schuh Empfänger und Sender zur Hand. Technik ist inzwischen ein bisschen weiter - auch ein Sender kann kleiner sein als 'ne Erbse.
rollinghills rollinghills 30.10.2022 08:26
Es scheitert hier doch vor allem am Willen der Verantwortlichen. 30 min Zeitverzögerung und echte Kontrollen und nicht nur ein bisschen Alibi Aktionismus wären nötig.
Pemoe6 Pemoe6 29.10.2022 03:21
Was nützt das? Der Empfänger steckte tief im Gehörgang.
Silvio Z Silvio Z 28.10.2022 09:06
Die gute alte 15-minütige Zeitverzögerung, bei der Übertragung der Partien wieder einführen. Da ärgert sich die Smartwatch & Co zu Schrott. Mein Gott, kann doch nicht so schwer sein. Wollt ihr das Fahrrad neu erfinden?
R700 R700 28.10.2022 11:30
Und nun? Vielleicht Nudisten-Tuniere oder Semi-Nudisten-Spiele veranstalten, so wie es Marcel Duchamps und Eve Babitz vorbildhaft in Szene gesetzt haben!?
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