So gewinnt man gegen Kasparov

01.11.2007 – Die DVD des (derzeitigen) Ex-Weltmeisters Vladimir Kramnik ist ein einzigartiges schachhistorisches Dokument und zugleich spannende Schachunterhaltung auf höchstem Niveau. In über 6 Stunden Videospielzeit lässt Kramnik die entscheidenden Stationen seiner bisherigen Laufbahn Revue passieren. Mit Humor und Charme beschreibt er seine ersten Erfolge, was es für ihn bedeutete, der russischen Goldmedaillenmannschaft bei der Olympiade anzugehören, und wie er seinen ehemaligen Mentor und Lehrer Garry Kasparov bezwang. Kramnik analysiert die wichtigsten Partien seiner WM-Matches gegen Leko und Topalov. Seine Kommentare sind stets voller nützlicher Ratschläge und liefern faszinierende Einblicke in die Denkprozesse, die das Spiel auf höchster Ebene regieren. "Eine ausgezeichnete DVD, die die jüngste Schachgeschichte aus der Sicht eines ihrer Protagonisten in ihren prägnantesten Augenblicken schildert", lautet das Fazit der umfangreichen Besprechung von FM Matthias Krallmann. Vladimir Kramnik: "My Path to the Top" im Shop kaufen...Zur Rezension...

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Vladimir Kramnik: My Path to the Top

Rezension von FM Matthias Krallmann   

Die DVD hat eine Spieldauer von mehr als sechs Stunden, in denen der Ex-Weltmeister seine Schachkarriere von den  Anfängen bis zur Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft 2007 Revue passieren lässt. Zusätzlich enthält sie noch ein dreiviertelstündiges Interview, in dem Kramnik sich unter anderem deutlich zu den Betrugsvorwürfen beim Vereinigungswettkampf in Elista äußert. Inhaltlich erinnert die DVD mich an ein Buch, nämlich an Band 7 von Kasparows Serie „Meine großen Vorkämpfer“. In beiden Werken wird die moderne Schachgeschichte lebendig, kompetent und mit sehr vielen Hintergrundinformationen versehen nacherzählt.

Im ersten Teil spricht der 1975 geborene Kramnik über seine Kindheit in Tulapse. Als Beleg dafür, dass er eine ganz normale Schule besuchte, gibt er an, dass einige seiner Klassenkameraden nach der Schule ins Gefängnis kamen. Sein erstes Schachbuch war eine Sammlung mit den besten Partien von Karpow und natürlich hatte dies großen Einfluss auf die Entwicklung seines Schachstils. 1986 rief ein Schachliebhaber aus Kramniks Heimatort Botwinnik an um ihm Kramnik für dessen neu gegründete Schachschule zu empfehlen. „Der Patriarch“ spielte zwei Kramnik-Partien nach, da wusste er mit welch außergewöhnlichem Talent er es zu tun hatte und lud ihn ein. In Botwinniks Schachschule sah Kramnik zum ersten Mal Kasparow und war im „Nirwana“.

Der zweite Teil setzt mit dem legendären Dortmunder Turnier im April 1992 ein. Kramnik hat als Sechzehnjähriger bereits eine Elo-Zahl von 2590, er gewinnt das stärkste deutsche Open aller Zeiten bei einem Elo-Schnitt seiner Gegner von 2570 mit plus 6. Doch er interessiert sich viel mehr für die Partien Kasparows, der im Rundenturnier am gleichen Ort spielt. Kasparow erkennt viel eher als andere, dass Kramnik bereits jetzt zu den stärksten russischen Spielern gehört und setzt gegen großen Widerstand der Funktionäre durch, dass dieser in die Nationalmannschaft berufen wird und bei der Schacholympiade in Manila spielt. Kramnik ist sehr glücklich, dass er der Mannschaft angehört, er spielt wie im Rausch und macht 8,5 Punkte aus 9 Partien. Er lernt von seinen älteren Mannschaftskameraden wie man Gin-Tonic trinkt und Karten spielt. Für die Nachhilfe im Kartenspiel muss er am Ende 500 Dollar bezahlen, doch er bereut die Investition nicht. Kasparow gefällt das nicht, aber da die Mannschaft einen hohen Sieg an den anderen reiht, ist er in Argumentationsnöten. Die erste Partie, die Kramnik kommentiert, stammt von dieser Olympiade. Der Zuschauer erfährt, dass sie in der letzten Runde gespielt wurde, nach der Siegesfeier der russischen Mannschaft, deren Erfolg bereits eine Runde vor Ende des Turniers feststand. Kramnik hatte bis sieben Uhr morgens gefeiert und doch zerschmetterte er John Nunn in einer sehenswerten Partie, für die er nur 40 Minuten Bedenkzeit verbrauchte. Als der Organisator Rentero ihn zum Turnier nach Linares einlädt, ist Kramnik in der Weltelite angekommen.

Der dritte Teil behandelt die beiden Turniere in Linares 1993 und 1994. Mit 17 Jahren gewinnt Kramnik bereits mit Schwarz gegen Karpow und spielt gegen Kasparow remis. Ausführlich wird der erste Sieg gegen Kasparow 1994 besprochen. Doch trotz aller Erfolge bleibt Kramnik objektiv und selbstkritisch. Er weiß, was ihm noch fehlt. Den Unterschied zwischen einem starken Großmeister und einem absoluten Weltklassespieler sieht er vor allem in der Fähigkeit sich in kritischen Situationen optimal zu verteidigen.

Im vierten Teil analysiert Kramnik seinen ersten Schwarzsieg gegen Kasparow in Dos Hermanas 1994. Es ist eine fantastische Kombinationspartie, die Figuren fliegen in der Analyse nur so über das Brett, auch so viele Jahre danach ist Kramnik die Freude über diesen Sieg gegen seinen Lehrmeister anzumerken.

Die Teile fünf, sechs und sieben bestehen aus Analysen der Siege gegen Karpow 1997 in Dortmund, Kasparow 1997 in Nowgorod und Topalov 1997 in Linares. Ende der neunziger Jahre ändert sich Kramniks Stil unter dem Einfluss seines neuen Trainers Dolmatow, der sehr viel Wert auf eine gute Verteidigung legt.

Ein Höhepunkt der DVD ist das achte Kapitel, in der Kramnik erklärt, wie er es schaffte gegen den im Zenit seines Könnens stehenden Kasparow (Elo 2849) zu gewinnen. Obwohl die beiden Kontrahenten eine ausgeglichene Bilanz vorwiesen, war Kramnik vor dem Weltmeisterschaftskampf in London 2000 klarer Außenseiter. Doch hat der Herausforderer immer einen psychologischen Vorteil, schließlich hat er nichts zu verlieren und alles zu gewinnen. Kramnik dachte jedoch vor dem Kampf nicht an das Endergebnis, er wollte vor allem zeigen, was er kann. Als eine Grundlage seines Erfolgs bezeichnet er die positive Aura, die sein Team (Lautier, Illescas und Barejew) ausstrahlte. Auch die Erfahrungen, die er sammelte, als er Kasparow bei der Vorbereitung auf das Match gegen Anand 1995 in New York half, waren für den Herausforderer sehr nützlich. Sie kumulieren in dem Satz: „Wenn Garry Blut riecht, beißt er zu und niemand kann ihn stoppen.“  Die größte Herausforderung bestand darin mit Schwarz zu überleben und so wurde die „blutleere“ Berliner Verteidigung in der Spanischen Partie als Hauptwaffe (und einzigen Waffe) gegen den Aufzug des Königsbauern vorbereitet. Kramnik befürchtete, dass Kasparow gegen Russisch und die Sweschnikow-Variante starke Neuerungen vorbereitet hätte. Für die Berliner „Mauer“ sprachen gleich fünf Gründe: 1. Sie führt forciert ins Endspiel 2. Es gibt kaum Taktik 3. Computer sind hier keine große Hilfe 4. Kasparow hatte kaum Erfahrung darin 5. Kasparow hatte sie höchstwahrscheinlich nie für einen anderen Matchgegner vorbereitet.

Die Kapitel neun und zehn thematisieren die Berliner Verteidigung. Wie anschaulich Kramnik die höchstkomplizierten strategischen Probleme dieser Variante erläutert, mag die folgende Sequenz verdeutlichen: Wenn man alle vier Türme vom Brett nimmt, steht Schwarz laut Kramnik besser. Das Hauptaufgabe besteht für Schwarz darin, seine Türme ins Spiel zu bringen.

Im elften Teil geht es um die Matchstrategie mit Weiß. Kramnik kennt Kasparow sehr gut und er weiß, dass „der stärkste Spieler aller Zeiten“ (Kramnik) eins hasst wie die Pest: leicht schlechtere Endspiele zu verteidigen. Diese Erkenntnis ist die Basis für den Sieg in der zweiten Matchpartie in London. Kramnik glaubt, dass Kasparow außerdem den Fehler gemacht hat, während des Matchs zu viel an seinen Eröffnungen zu arbeiten. Gegen Ende des Matchs habe er ihm in die Augen gesehen und erkannt, dass Kasparow völlig erschöpft gewesen sei.

Im zwölften und dreizehnten Kapitel erläutert Kramnik, wie er eine völlig anderen Aufgabe bewältigte, nämlich den Titel zu verteidigen. Er hat Leko keineswegs unterschätzt, er wusste, dass der Ungar besonders in einem Match seine Stärken ausspielen kann. Leko ist physisch stärker als Kramnik, er ist jünger und ein sehr zäher Verteidiger, der nur selten verliert. Diese Faktoren spielen in einem Wettkampf eine viel größere Rolle als in einem Turnier. Kramnik hatte sich darauf eingestellt, doch mit zwei Dingen hatte er nicht gerechnet, nämlich damit, dass Leko 1.d4 zieht und dass er die Sweschnikow-Variante vermeidet. Sehr interessant sind die Passagen, in denen Kramnik beschreibt, wie er sich psychologisch auf die „must-win-situation“ vor der letzten Runde einstellte: Er stellte sich vor, was alles positiv wäre, wenn er den Titel verlieren würde! Sportpsychologen würden hier die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, aber der Erfolg gibt dem Sieger Recht. 

In den Kapiteln 14-19 widmet sich Kramnik dem Wiedervereinigungsmatch gegen Topalov. Obwohl seine Bilanz gegen Topalov ausgesprochen positiv war, sah ihn die Schachöffentlichkeit aufgrund der jüngsten Erfolge Topalovs als Außenseiter. Seine Matchstrategie war ähnlich wie die gegen Kasparow sehr bescheiden: mit Schwarz auf Halten spielen und mit Weiß eine normale Position mit etwas Druck anstreben. Kramnik sah Vorteile für sich im strategischen Verständnis und in der Endspielbehandlung. Als Vorbereitung auf den Wettkampf löste der Weltmeister 1000 Studien, um schwierige Positionen besser meistern zu können. Aus dem Wettkampf werden die zweite und zwölfte Partie sowie die zweite und vierte Stichkampfpartie analysiert.

Kramnik wollte nicht nur den Titel gewinnen, sondern er wollte auch wegen des Benehmens seines Gegners siegen. Topalov ist nach seinen Attacken eine persona non grata für Kramnik.

Die DVD wurde produziert, kurz bevor Kramnik mit seinen Vorbereitungen für das WM-Turnier begann. Das 20. Kapitel enthält einen kurzen Ausblick auf Mexiko. Nachdem Kramnik dort seinen Titel verlor, wirkt die DVD nun beinahe wie ein schachliches Vermächtnis. Doch wer weiß, vielleicht ist Kramniks Weltmeistergeschichte noch nicht zu Ende. Es wäre eine Ironie der Schachgeschichte, wenn Kramnik das Gleiche schaffen könnte wie sein Entdecker Botwinnik: einen verlorenen Weltmeistertitel zurückgewinnen und das alte Boxergesetz „They never come back“ ein weiteres Mal widerlegen.

Fazit: eine ausgezeichnete DVD, die die jüngste Schachgeschichte aus der Sicht eines ihrer Protagonisten in ihren prägnantesten Augenblicken schildert und dem Zuschauer einen Blick hinter die Kulissen erlaubt

Zum Schluss noch ein Tipp: Wem die Figuren in Kramniks Analysen zu schnell über die Felder huschen und wer die Partien noch einmal in Ruhe nachspielen möchte, findet die meisten älteren in den folgenden Büchern: Kramnik – My Life and Games, Vladimir Kramnik& Iakov Damsky, Everyman Chess, London 2000. The Brain Games World Chess Championship, Raymond Keene and Don Morris, Everyman Chess, London 2000. Kramnik vs Leko, Martin Breutigam, Chessgate, Nettetal 2004.   

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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