Sofioter Impressionen

29.04.2010 – Am heutigen zweiten Ruhetag war Zeit für Dagobert Kohlmeyer, den bisherigen Verlauf der Schachweltmeisterschaft Revue passieren zu lassen. Der Auftakt war unplanmäßig. Anands musste seine Anreise wegen des Flugverbots infolge der isländischen Vulkanasche unterbrechen und kam verspätet per Auto an. Der Wettkampfbeginn wurde um einen Tag verschoben. Die Eröffnungsfeier sei merkwürdig gewesen. Schirmherr Borrisow ignorierte Anand, bis ein FIDE-Offizieller den bulgarischen Premier auf den Weltmeister aufmerksam machte. Dann trat ein Bodybilder auf. Draußen demonstrierten einige "Schachrentner" gegen den für bulgarische Verhältnisse wohl hohen Eintrittspreis von 5 Euro. Nach gutem Beginn für Topalow wendete sich das Blatt. Zweimal verlor der Bulgare mit Schwarz. In seiner zweiten Weißpartie konnte er gegen Anands Slawische Verteidigung nichts ausrichten. Der frühere U12-Europameister Kiprian Berbatow, Neffe des bekannten Fußballprofis, glaubt trotzdem an de Erfolg seines Idols. Bericht und Bilder...

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Sofioter Impressionen
Von Dagobert Kohlmeyer


Die Alexander Newski-Kathedrale

Das erste Drittel des WM-Matchs in Sofia ist vorbei, Zeit für eine erste Bilanz. Der Weltmeister hat nach seinem Fehlstart die Regie übernommen und führt nach vier Partien völlig verdient mit 2,5:1,5 Punkten.

Seit dem dritten Spiel bin ich vor Ort. Nachdem es remis ausging, sagte Pressesprecher Boiko Christow zu mir „You are a peacemaker“. - „Ich bin nicht sicher, Frieden zwischen beiden Parteien stiften zu können. So friedlich geht es doch hier am Brett nicht immer zu“, erwiderte ich, nicht ahnend, was für einen glänzenden Sieg Anand am nächsten Spieltag landen würde. Aber der Reihe nach.


Der Militärclub, daneben die russische Kirche

Von der Vulkanwolke aufgehalten, so wie Millionen andere Zeitgenossen, kamen Anand und sein Team erst mit vier Tagen Verspätung in Sofia an. Durch einiges Verhandlungsgeschick gegenüber den beinarten Organisatoren konnte FIDE-Vizepräsident Makropoulos erreichen, dass mit dem Spiel einen Tag später begonnen wurde. Drei Tage Verschiebung, wie von Vishy gewünscht, wären aus vielen Gründen nicht machbar gewesen. Ich fragte den Griechen, der hier als Chefberater der FIDE die ganze Zeit vor Ort ist, wie Iljumschinow reagiert habe. Makropoulos: „Ich konnte ihn in einem Telefonat überzeugen, dass es für den Weltmeister und die Atmosphäre das Matchs gut sei, so zu entscheiden. Kirsan stimmte sogleich zu.“

Das hätten wir also geklärt. Nun muss zur WM-Eröffnung noch etwas gesagt werden. Laut Protokoll saßen Topalow, der bulgarische Premierminister Borrisow und FIDE-Chef Iljumschinow in der ersten Reihe auf der einen Seite, Anand und der indische Botschafter auf der anderen. Boiko Borrisow unterhielt sich angeregt mit seinem Landsmann Topalow und nahm von Anand keinerlei Notiz. Ein FIDE-Offizieller musste ihn darauf aufmerksam machen, dass dort der Schachweltmeister sitzt. Nach sieben (!) Minuten bequemte sich der Premier endlich, Anand zu begrüßen. Wie aus diplomatischen Kreisen verlautete, hat die verspätete Geste des Regierungschefs des kleinen Balkanlandes im großen Indien, wo über eine Milliarde Menschen leben, keine Begeisterungswellen ausgelöst.

Damit nicht genug. Vor dem ersten Zug am vergangenen Samstag schleppte Borrisow einen bekannten Boddybuilder des Landes auf die Bühne. Dass dieser mit Schach aber überhaupt nichts am Hut hat, konnte jeder sehen. Ein gutes Werk tat Borisow aber am ersten Spieltag dennoch. Er nahm ein paar Schachrentner, die gegen den Eintrittspreis von etwa 5 Euro protestierten, mit seinen Sicherheitsleuten gratis TV-wirksam mit in den Spielsaal.


Borrisow eröffnet den Wettkampf

Über das hiesige schachliche Geschehen ist auf den ChessBase-Seiten schon viel geschrieben worden. Auf vielen Portalen werden die Partien weltweit heiß diskutiert, vor Ort kommentieren Exweltmeisterin Antoaneta Stefanowa (in Bulgarisch) und Zurab Asmaiparaschwili (in Englisch) die Partien.


Antoaneta Stefanowa

Die Russen haben gleich mehrere Webseiten, wobei mir die Kommentare von Sergej Schipow am besten gefallen. Er nannte Anands Damenzug nach a3 in der zweiten Partie die Neuerung des Jahres. In der Tat hat dieses Manöver, wider alle Schachprinzipien, ein Riesenecho ausgelöst.

Artur Jussupow, der gerade in Frankreich ist, schwärmt davon, wie Anand Katalanisch vorträgt: „Er erinnert mich an Kramnik und hat quasi eine Anleihe bei ihm aufgenommen. In der vierten Partie konzentrierte sich Topalow zu sehr auf die Ereignisse am Damenflügel und ließ die Sicherheit seines Königs außer Acht. Den schwarzen Zug 20…h6 halte ich für einen Fehler. Anand nutzte das ungenaue Spiel sofort zu ein paar Keulenschlägen. Er opferte mit 23.Sxh6 und dem kräftigen 25.e5! mehrere Figuren, wonach die schwarze Stellung zusammenbrach. Das gewonnene Material nützte Topalow nichts, er konnte das Eindringen der weißen Armee nicht verhindern. Ein großartiger Angriff des Weltmeisters.“


Konzentration vor der Partie


Start der 4.Partie

Vishy Anand zeigt bei dieser WM in Sofia, dass er universell ist und in jedem Stil spielen kann: scharf attackieren oder eine Position strategisch klug zum Sieg ausbauen. In dieser Form ist er ganz schwer zu schlagen. Aber das Match ist natürlich noch längst nicht gelaufen. „Topalow muss jetzt auf seine Chance warten“, meint Jussupow. „Wenn er sie bekommt, kann er durchaus zurückschlagen. Es sind ja noch acht Partien zu spielen.“


Anand zeigt sich auf der Pressekonferenz zufrieden


"Was soll ich sagen?"


Etwas auf Distanz

Schon nach der 3. Partie war Wesselin Topalow sichtlich enttäuscht. Anand hatte dort das solide Slawisch gewählt, so dass der Bulgare den Weißvorteil nicht wie zum Auftakt nutzen konnte. Am Ende musste der Herausforderer sich mit dem mageren Remis begnügen. Als die Läufer im 33. Zug vom Brett verschwanden, war die Luft aus der Partie, das Endspiel konnte keiner mehr gewinnen. Topalow gab noch Dauerschachs, dann signalisierte Anand dem Schiedsrichter Zugwiederholung, was die Punkteteilung perfekt machte. Direkt sprach er Topalow nicht an.


Topalow und die Schiedsrichter


Vor der 3.Partie

Beide Spieler verzichteten nach dieser Partie erstmalig auf den Händedruck. Darauf angesprochen, sagte Anand, „ich war nicht sicher, ob mir mein Gegner die Hand reichen würde.“ Topalow bemerkte mit verlegenem Blick, er habe den Handshake schlicht vergessen. War es der Ärger oder die Aufregung?

Die Spieler gehen hier nicht nur am Brett auf Distanz, sie wohnen auch in verschiedenen Hotels. Jeden Tag um 14.30 Uhr hält ein dicker Mercedes vor dem Hilton in Sofia. Er holt den Weltmeister und dessen Frau Aruna ab, mit 70 km/h brettern sie dann, von der Polizei mit Blaulicht eskortiert, durch die Stadt.

Die 2,5 Kilometer bis zum Militärklub legt der Konvoi, wenn es keine Staus gibt, in drei Minuten zurück.


Anand und Aruna steigen aus dem Auto


Und gehen zur Partie

Topalow logiert mit seinem Team im näher gelegenen Grand Hotel. Er könnte das Stück zu Fuß gehen, lässt sich aber ebenfalls chauffieren. Auf der Straße würden ihn die Autogrammjäger zu sehr bestürmen.


Kiprian Berbatow: „Topalow wird Weltmeister“

In Sofia trafen wir einen alten, jungen Bekannten: Kiprian Berbatow verfolgt jeden Tag im Presseraum mit großen Augen die WM-Partien.


Kiprian Berbatow

Der Cousin des Fußballstars von Manchester United ist erst 14 Jahre alt und schon Internationaler Meister. Seine aktuelle ELO-Zahl beträgt stolze 2481. Der Sohn eines Priesters stammt aus Blagojewgrad, etwa 90 km südlich von Sofia. Mit vier Jahren begann der kleine Berbatow Schach zu spielen, trainierte fleißig und wurde mehrmals bulgarischer Kindermeister. 2008 gewann er die Europameisterschaft U12. Kiprians großes Vorbild ist Topalow. Der Junge glaubt fest daran, dass der Bulgare trotz des Rückstandes noch Weltmeister wird.
 

 

 

 

 

 



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