Sonne, Schach, Sardinien

13.06.2013 –  Einer schönsten Orte, an denen man an einem Schachturnier teilnehmen kann, ist Palau auf Sardinien. Anfangs noch ein Geheimtipp, hat das Turnier in der Szene inzwischen eine gewisse Bekanntheit erlangt und der Anteil der Großmeister steigt ständig. Bei der fünften Auflage des "Capo d’Orso Chess Open" war sogar Levon Aronian vor Ort, wenn auch nur als Referent und Tandemspieler. Zum Bärenkap...

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Sonne, Schach, Sardinien

Der Glaube an gute und schlechte Vorzeichen ist immer Bestandteil der menschlichen Psyche gewesen. Ob es einem gefällt oder nicht, angefangen von den größten Führern der Welt bis hin … zu Schachspielern: Viele von uns glauben an Vorzeichen, die Glück oder Unglück verkünden (ich glaube, das können Sie nicht leugnen, oder? J). Glücksfälle sind rar gesät, doch ein Unglück kommt selten allein, und da ist es nur natürlich, dass viele Menschen geradezu fanatisch überall Vorzeichen sehen. Und ob man nun zu diesen Getriebenen gehört oder bodenständiger ist, so glaube ich doch, dass wir alle mit einschlägigen Redewendungen „Glück“ in das Leben unserer Freunde bringen wollen.

Andere Länder, andere Sitten... Ich hielt “Hals- und Beinbruch” immer für einen der originellsten Glückwünsche – bis ich vor kurzem auf die italienische Variante dieses Wunsches stieß: “In bocca al lupo”, was man im Deutschen mit „in die Höhle des Wolfes (oder des Löwen) gehen“ übersetzen kann. Woher diese Redewendung stammt, weiß ich nicht genau, aber der dahinter liegende Gedanke könnte sein, dass man die gefährlichsten Vorhaben unerschrocken angehen sollte. Allerdings sollte man in jedem Fall, wenn man nicht möchte, dass dieser Wunsch auf einen zurückfällt, “Crepi il lupo” antworten – ad litteram „der Wolf wird sterben“!

In Sardinien gibt es keine Wölfe oder ähnlich geartete Tiere, aber ein ganz besonderer Wächter schützt die Bucht von Porto Mannu: ein Bär! Doch keine Angst, er tut nichts, denn das wilde Tier ist in Wirklichkeit ein großer Fels, der einem Bär gleicht. Das erklärt auch, warum die Einheimischen die Gegend “Capo d’Orso” (Bärenkap) nennen. Und genau dort fand ein wunderbares Schachturnier statt – Porto Mannu 2013.

Das schöne Residenz-Hotel Porto Mannu

Blick über die Anlage

Der Weg zum Strand

Viele freie Liegen

Es blüht so grün...

Capo d'Orso (Bärenkap) ist eine Felsenformation in der Form eines Bären. Dort hat man einen wunderbaren Blick auf das Meer, das die Halbinsel umgibt, und auch Kletterern wird etwas geboten.

Denkmal für den Matrosen, der in jedem Hafen eine Braut hat?

Mit der Fähre von Civitavecchia nach Olbia

 – es ist nicht ganz leicht, von Rumänien nach Sardinien zu kommen, aber die Mühe hat sich gelohnt!

Von Natur aus neugierig, wollte ich natürlich wissen, was es mit diesem riesigen Felsen, der wie ein Bär aussieht, auf sich hat, und begab mich im wahrsten Sinne des Wortes in die Höhle des Bären (in bocca all ‘Orso). Der Glücksbringer funktionierte gut genug, um mir ein erfolgreiches und unterhaltsames Turnier zu bescheren, doch wenn es darum gegangen wäre, plötzliches Unglück abzuwehren, hätte sich der uralte Stein wohl nicht gerührt J

Blick von der 'Schnauze des Bären'. Mir hat das Glück gebracht, auch wenn der Wolf nicht zu sehen war.

Meine Wenigkeit

Von dieser Seite aus betrachtet, sieht der Bär für mich eher wie ein Elefant aus ... was kein Problem ist, gilt der Elefant in Thailand oder Burma doch als Glücksbringer.

Doch egal, wie sehr ich selbst die Kultur oder meine schachlichen Erfolge in Sardinien genossen habe, den spannenden Kampf um den Turniersieg musste ich einfach verfolgen. Es war ein Kopf-an-Kopf Rennen zwischen der italienischen Nachwuchshoffnung Axel Rombaldoni und Rombaldonis ehemaligem Trainer, Mihail Marin. Der rumänische Großmeister gewann die direkte Begegnung, aber Axel schlug mit einer Reihe brillanter taktischer Siege zurück und holte einen Punkt nach dem anderen, ohne auch nur ein einziges Remis abzugeben (diese Serie endete erst in der letzten Runde gegen meine Wenigkeit J).

Am Ende triumphierte die Kraft der Jugend über die Erfahrung – wenn auch nur mit einem Buchholzpunkt in der entscheidenden Wertung. Damit gewann Axel das Turnier, aber wichtiger für ihn war, dass er damit zugleich seine dritte und letzte GM-Norm holte und demnächst zum GM ernannt wird.

Der (ich weiß, ich bin nicht die Erste, die das sagt, aber trotzdem...) Tom Cruise des Schachs: Axel Rombaldoni. Er sieht aus wie der Held aus “Mission Impossible”, nicht wahr?!

GM und Nummer eins der Setzliste: Jonathan Rowson Schottland.

 Eine wichtige Partie: die italienische Hoffnung besiegte den französischen GM Fabien Libiszeewski in einer hübschen taktischen Partie.

Trophäen

Bringt sich für die Nachmittagspartie in Form: Axel Rombaldoni

Die drei Top-Platzierten

Die starke Vorstellung des Italieners lag nicht unbedingt an einem spartanischen Lebensstil. Im Gegenteil, Axel fand die perfekte Balance zwischen Vergnügen und harter Arbeit, was leichter gesagt als getan ist, vor allem in einem Ort wie Porto Mannu! Denn in diesem Paradies für Schachspieler steht man irgendwann vor einer schweren Wahl und ist zwischen Scylla und Charybdis gefangen … und wofür würden Sie sich entscheiden: für Schach ohne Ablenkungen oder für die Verlockungen des Strandlebens? Und wie soll man sich konzentrieren, wenn die Natur lockt?!

Nun, der Ort mit all seinen Reizen hatte ernsthaft Konkurrenz bekommen: Denn neben den Runden, die einem schachliche Herausforderungen bescherten, gab es kostenlose Vorträge, die von vielen Teilnehmern auf Kosten von Sonne und Meer mit religiösem Eifer besucht wurden. Eigentlich hat man keine andere Wahl, wenn der Vortragende (kein Scherz) Levon Aronian heißt, der als offizieller Sekundant seiner Freundin Arianne Caoili vor Ort war!

Ein morgendlicher Vortrag von Levon!

Arianne Caoili

Arianne Caoili gegen Mihail Marin. Am Ende gewann Schwarz, doch wie weiter unten zu sehen ist, hat so mancher doch auf Weiß getippt.

Am Abend gab es Tandem-Turniere, einen Tippwettbewerb, in dem man die Ergebnisse jeder Runde vorhersagen konnte (das Ganze nannte sich Toto Mannu), im Anschluss an die Partien konnte man mit seinen Gegnern bei einem (oder zwei) Bierchen analysieren – mithin eine ganze Reihe unterschiedlicher Aktivitäten und die perfekten Zutaten eines köstlichen, typisch italienischen Rezepts. Und was die Profis und Normenjäger betrifft, so war das beschleunigte Schweizer System, das bis zur siebten Runde angewandt wurde, Motivation genug, um bis zum Umfallen zu kämpfen.

Abendliches Schachvergnügen:

Tandem mit Levon, Arianne, Jonathan und Turnierorganisator Yuri Garrett!

Toto Mannu – der Tippwettbewerb! In den ersten 20 Minuten der Runde konnte man die Ergebnisse der ersten zwölf Bretter tippen; offensichtlich hatte jemand großes Vertrauen in die Damen! Leider ging die Partie nicht gut für Weiß aus.

Yuri verkündet die Gewinner des vorhergehenden Tippwettbewerbs! In jeder Runde waren zwei Bücher zu gewinnen und der Gesamtsieger erhielt einen Freiplatz im nächsten Turnier! 

Was mich angeht, so habe ich nicht nur all das Schach genossen, sondern freute mich auch, meine Kenntnisse der wunderbaren italienischen Kultur vertiefen zu können … es gibt kaum etwas, das die Sinne so gefangen nimmt, wie das alte Italien mit seinem betörenden Aroma aus Basilikum, Knoblauch und Tomaten, Parmesan und Pasta und Nachspeisen, die zum dolce far niente einladen … wenn man noch kein Feinschmecker ist, dann wird man es hier mit Sicherheit!

Am meisten beeindruckt hat mich jedoch das Organisationsteam. Es bestand nur aus einer Handvoll Leuten, aber sie haben es geschafft, die so unterschiedlichen Schachspieler zu einer wahren Schachfamilie zu vereinen! Hier nur ein kleines Beispiel, um Ihnen einen Eindruck davon zu geben: Ich habe tatsächlich nicht weniger als eine halbe Stunde gebraucht, um mich am Ende mit Küsschen und Umarmungen von allen zu verabschieden und in mein Taxi zu kommen.

Unsere wunderbaren Gastgeber und großzügigen Sponsoren des Turniers: Alessandra Ariotto und Stefano Lupini

Turniersaal

Der strahlende Sieger des Tippwettbewerbs!

Jonathan Rowson nimmt zusammen mit seinem Sohn den Preis für den fünften Platz entgegen.

Der ansteckende italienische Enthusiasmus. Axel gewann das Turnier und sicherte sich den GM-Titel! Ich bin immer wieder verblüfft, wie es Turnierdirektor Yuri Garrett schafft, ein stetig sprudelnder Quell der Freude, Energie und immer neuer Ideen zu sein.

Der Turniersieger mit Yuri Garrett und Stefano Lupini, einem aktiven Fernschachspieler!

Die Wölfe oder Bären Sardiniens haben ihre Schnauzen vielleicht nicht immer geöffnet, um den typisch italienisch Wunsch erfüllen zu können, aber ich habe das Gefühl, dass Alessandras und Stefanos Arme immer weit geöffnet sind, um einen Willkommen zu heißen!

Ich genieße ein Glas Prosecco mit meinem Gegner! In den meisten Turnieren ist so etwas sehr selten, aber hier war es durchaus üblich

Von Alina L'Ami 

 


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