Spanisch für Eroberer - eine Rezension von IM Thore Perske

von Thore Perske
17.06.2020 – Spanische Hauptvarianten bereiten selbst für talentierte Nachwuchsspieler und Halbprofis einen schier unüberwindlichen Berg an Theorie bereit - "zu viel für meinen Geschmack" dachte sich unser Autor Thore Perske, der vor fünf Jahren auf das System mit 6.d3 umschwenkte und seitdem einen reichen Erfahrungsschatz aufbauen konnte. Die neue DVD "Spanisch für Eroberer" aus der Sicht eines Spanisch-Experten.

Spanisch für Eroberer - Ein strategisches Weißrepertoire mit 6.d3 Spanisch für Eroberer - Ein strategisches Weißrepertoire mit 6.d3

Im Vergleich zu den Hauptvarianten ist sind bei 6.d3 konkrete Variantenkenntnis weniger entscheidend. Unabdingbar ist es hingegen, die grundlegenden Pläne und strategischen Motive zu verinnerlichen. Eben diese möchten wir Ihnen mit der vorliegenden DVD na

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Als e4-Spieler steht man zwangsläufig irgendwann vor der Frage: Was spiele ich gegen 1. … e5? Spanisch, Italienisch, Schottisch und viele weitere Möglichkeiten bieten sich an. Bei mir ging der Weg über Italienisch hin zum Spanier. Dann hieß es Varianten lernen im Breyer, Tschigorin, Saizew, Marshall-Gambit, zudem muss man einen Plan gegen die Berliner Mauer finden. Egal was letztlich aufs Brett kam, jedes Mal hatte ich dasselbe Problem: Schwarz entscheidet die Variante!

Die passende Lösung: der d3-Spanier

Weiß überlässt Schwarz damit nicht die Wahl in eines der großen Hauptsysteme zu gehen. Die entstehenden positionellen Stellungen mit dem Kampf um das Feld d5, der Öffnung oder Schließung des Damenflügels und die verschiedenen Konstellationen von guter gegen schlechter Leichtfigur gefielen mir dabei immer besonders gut.

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Auf der vorliegenden DVD wird dem Zuschauer an vielen Beispielpartien anschaulich erklärt welche Optionen beiden Seiten zur Verfügung stehen und auf welche Zugumstellungen zu achten gilt. Viel Theoriekenntnisse sind nicht erforderlich um dieses System erfolgreich zu spielen. Weiß sollte vielmehr die wichtigsten positionellen und taktischen Motive kennen.

Zuerst werden die wichtigen positionellen Ideen verdeutlicht, welche sich durch die Analysen der ganzen DVD ziehen:

Der Doppelbauer auf b3

 

Die Idee des Läufertauschs und damit verbunden der Doppelbauer auf b3 war mir neu. Bis jetzt spielte ich ausschließlich Sd5 oder tauschte die Läufer auf e6. Der Doppelbauer ermöglicht aber verschiedene interessante Ideen:

1. Weiß hat die Möglichkeit mit Tc1 und Dc2 auf der c-Linie Druck zu machen

2. Den schwarzen Aufbau c5-d6-e5 mit b4 anzuhebeln

3. Weiß kann selber im Zentrum spielen, falls Schwarz nicht c5 spielt

Der weiße Plan ist vor allem in der praktischen Partie geeignet, nicht nur um den Gegner aus dem Buch zu bringen, sondern auch einfach weil sich die Stellung mit Weiß deutlich leichter spielen lässt.

Die Auffangstellung

Das zweite Motiv „der Auffangstellung“ konnte ich selber schon in einigen Partien anwenden (auch wenn hier der Bauer schon auf c5 steht). Es gibt Weiß meistens die deutlich angenehmere Stellung und Schwarz hat Probleme zu aktivem Spiel zu kommen. Ein weiterer Vorteil: Weiß spielt meistens nach den gleichen Mustern.

 

 

 

Der Tempogewinn Lg5

Das dritte positionelle Motive des Lg5-Tempogewinns war mir in diesem Abspiel auch neu. Weiß versucht nicht nur einfach auf f6 den Läufer gegen den Springer zu tauschen um die Traumkonstellation guter Springer auf d5 gegen schlechter Läufer auf e7/f6 zu erreichen, sondern er gewinnt nach Sd7 und dem Rückzug Le3 einfach ein Tempo, da Schwarz meistens nichts Besseres als Sf6 hat. Die Autoren zeigen hier die sehr anschauliche Beispielpartie von Caruana-Aronian, Kandidatenturnier 2016. (Was passiert, wenn Schwarz dem Abtausch nicht abweicht, zeigte der Autor Marco Baldauf in diesem Beitrag [Redaktion]).

 

Chigorin-Aufbau

Im Abspiel des Chigorin-Aufbaus mit frühem ...Sa5 konnte ich auch ein paar neue Ideen gewinnen. In meinen bisherigen Partien spielte ich Lxe6 und Lg5 jedoch ohne tiefere Kenntnisse. In meiner Partie gegen Howell (2018) zeigt sich gut, dass dieses System auch ohne viel Theoriekenntnis gut spielbar ist und Weiß nicht so einfach auf die falsche Bahn kommen kann.

 

2019 spielte ich gegen Kollars Lg5, ließ dann aber einige gute Möglichkeiten aus und landete nach ungenauem Spiel in einer schlechten Stellung. In anderen Eröffnungsvarianten wäre nach so vielen Fehlern die Stellung gegen einen starken Spieler schon hoffnungslos verloren gewesen. Doch auch hier zeigte sich ein weiterer Vorteil des 6.d3 Spaniers: obwohl Weiß viele Fehler macht, gibt es immer noch gute Möglichkeiten die Stellung zusammenzuhalten. In Zeitnot ließ ich auch diese aus und verlor somit verdient. Trotzdem ein gutes Beispiel, dass die Vorteile des weißen Aufbaus zeigt.

 

Meine Partie kann mit dem Baueropfer 15.a5 verbessert werden, das in diesem Stellungstyp - und insbesondere in dieser konkreten Stellung - sehr stark ist.

 

Hybrid-Chigorin

Hier spielt das Lg5-Motiv wieder eine entscheidende Rolle. Weiß versucht die Konstellation guter Springer auf d5 gegen schlechten schwarzfeldrigen Läufer zu erreichen. Ein großer Vorteil der DVD zeigt sich vor allem auch in diesem Kapitel. Die zwei Autoren halten nicht nur an ihrem Theorievorschlag (11.Lg5) fest, sondern zeigen auch andere Möglichkeiten (11.b4; 11.Lxe6) auf. Diese Möglichkeiten bieten dem Zuschauer ideale Startpunkte für eine eigene Analyse, schaffen aber auch ein deutlich tieferes Verständnis der Stellung und den verschiedenen Motiven.

Breyer

Auch gegen das typische Breyer-Motiv Sc6-b8-d7,welches im Vergleich zur Spanischen Hauptvariante doch eher selten gegen den d3-Spanier gespielt wird, hat Weiß die Möglichkeit zwischen zwei Plänen zu wählen. Ein solider und positioneller Ansatz mit 10.a4, der ganz im Zeichen der Grundidee der DVD steht, sowie ein zweischneidiger Plan mit Sg5 + f4. Dieser erfordert aber auch von weißer Seite eine tiefere Analyse und kann nicht so gefahrlos gespielt werden wie das solidere a4. Auf jeden Fall jedoch eine interessante Idee die besonders einen unvorbereiteten Gegner auf dem falschen Fuß erwischen kann.

 

Hauptvariante mit 9. … Lg4

Bevor es zur Hauptvariante mit 9. … Lg4 geht noch ein kurzes Beispiel was passieren kann wenn Schwarz verschiedene Pläne vermischt. Im konkreten Beispiel wurde ich mit 9. … Lg4 gefolgt von 10. … Sa5 konfrontiert. Konnte jedoch sehr schnell eine absolute Traumstellung erreichen.

 

Gegen stärkeres schwarzes Spiel nach 9...Lg4 konnte ich auch in diversen Abspielen praktische Erfahrungen sammeln. Wie auch auf der DVD kurz erwähnt, schaffte ich es in der Partie Perske-Kobo 2015 leichte Vorteile zu erlangen.

 

Kurz vor der meiner Begegnung mit Kobo ich noch eine weitere Partie - diesmal mit 15.Sf4 statt dem auf der DVD empfohlenen 15.Sxe7. Auch hier zeigte sich, wie schnell Schwarz auf Abwege kommen kann, wenn er sich in den Stellungen nicht genügend gut auskennt.

 

Sehr interessant für mich die Theorieempfehlung 15.Sxe7+, mit der ich mich längere Zeit nicht mehr auseinandergesetzt habe. Weiß hat auch hier viele aussichtsreiche Ideen um Schwarz unter Druck zu setzen. Die beiden Autoren zeigen nicht nur wie Weiß am Königsflügel einen Angriff starten kann sondern auch, welche Motive Schwarz am Damenflügel hat und wie damit umzugehen ist. Um die ganze Variante noch besser zu verstehen, empfiehlt es sich das Repertoire Buch von Bologan zu studieren, auf das in der DVD im Bezug auf die schwarze Spielweise oft verwiesen wird.

6. … d6 und Berliner

Im zweiten Teil der DVD wird weiterhin an vielen Beispielpartien anschaulich erklärt wie Weiß gegen das etwas passiver 6. … d6 spielen kann. Mit dieser Variante habe ich persönlich noch kaum praktischen Erfahrungen gesammelt und konnte dadurch hier viel neues Wissen aufnehmen. Die entstehenden Stellungen mit 7.c3 unterscheiden sich doch deutlich von dem System mit Sc3 und a3. Nur um einen zu nennen: Weiß stellt seinen Läufer nicht mehr auf die Diagonale a2-g8 sondern auf c2. Es empfiehlt sich auch in diesem d6-Komplex die DVD als ausgezeichneten Startpunkt zu nehmen und danach durch eigene Analysen und praktische Erfahrungen die vielen verschiedenen Motive und Stellungstypen besser zu verstehen. In den Bonusvideos werden weitere d3-Spanier behandelt. Zum einen 4.d3 gegen die Berliner Mauer und zum anderen 5.d3 statt 5.0-0. Zusammengesetzt liefern alle drei d3-Spanier ein ausreichendes Repertoire um die Spanische Partie zu spielen. Weiß sollte sich jedoch überlegen welche Stellungstypen dem eigenen Spielstil entgegenkommen um gegebenenfalls abzuweichen.

Fazit

Eine sehr lehrreiche und empfehlenswerte DVD. Obwohl die objektive Bewertung sich meistens bei Ausgleich befindet, hat Weiß doch sehr gute Möglichkeiten den Schwarzen mit verschiedenen positionellen Motiven unter Druck zu setzen. Wie schon anfangs erwähnt ist ein Auswendiglernen der Varianten nicht notwendig, vielmehr das Verstehen der positionellen Ideen und der verschiedenen Zugfolgen. Dieses erlangt der Zuschauer vor allem durch die vielen anschaulich erklärten Beispielpartien. Um ein noch tieferes Verständnis zu erlangen bietet sich die Arbeit mit der DVD und der Vergleich mit anderen Theoriebüchern und den eigenen Partien an.

Die besprochenen Partien zum Download:

 

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Thore Perske, Jahrgang 1999, begann als Achtjähriger mit dem Turnierschach bei den SF Heidesheim. 2012 wurde er U12-Meister von Rheinland-Pfalz und 2014 Deutscher U14-Meister. 2015 und 2017 gewann er mit der Deutschen Auswahl die ECU-Jugend-Mannschaftseuropameisterschaft. Seit 2017 ist er Internationaler Meister. In der Bundesliga spielte er für Hofheim, seit 2019/20 für die SF Berlin. | Foto: Grenke Chess

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