Spurensuche

von André Schulz
16.12.2014 – Eines der größten Talente in der deutschen Schachgeschichte war Klaus Junge, der jedoch durch die Lebensumstände, in die er geboren wurde, kaum Gelegenheit hatte, sein Talent zu entfalten und dessen Leben aus dem gleichen Grund nach nur 21 Jahren gewaltsam beendet wurde. Kürzlich erschien ein Reprint des 1953 publizierten Buches: Das war Klaus Junge. Spurensuche...

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Edmund Budrich, Dietmar Schulte: Das war Klaus Junge

Joachim Beyer Verlag, Reprint 2014


 


Joachim Beyer Verlag, 2014
Softcover. 97 Seiten
ISBN-10: 3940417734
ISBN-13: 978-3940417732
In deutscher Sprache
Euro 19,80

 

Klaus Junge wurde als Sohn einer Dithmarscher Familie 1924 in Conceptión in Chile geboren. Die Familie kehrte jedoch 1928 nach Hamburg zurück und lebte dort in der Uhlenhorster Straße 38. Sein Vater Otto Junge war ein begeisterter und starker Schachspieler, 1922 hatte er die chilenische Landesmeisterschaft gewonnen, und brache das Spiel auch seinen fünf Söhnen bei. Klaus Junge war der Jüngste und lernet das Spiel fast beim Zuschauen. Mit acht Jahren schlug er schon seine älteren Brüder. Mit 12 Jahren, also 1936, trat Klaus Junge dem Hamburger Schachklub bei und entwickelte sich dort rasch weiter. Bald feierte er Erfolge bei regionalen Turnieren. 1941, nun 17 Jahre alt, gewann er die Hamburger Stadtmeisterschaft und die Turniere von Bad Elster und Bad Oeynhausen. Nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges war das internationale Schachleben weitgehend zum Erliegen gekommen. Nur wenige Spitzenspieler lebten im Bereich des Deutschen Reiches und der besetzten Gebiete, unter ihnen aber Aljechin, Keres und Bogoljubov. Junge nahm 1941 am Turnier in Krakau teil, das der schachbegeisterte Leiter des Generalgouvernements Hans Frank dort organisiert hatte, und wurde hinter Aljechin, Paul Felix Schmidt und Bogoljubov ohne Niederlage Vierter. 1942 gewann er die nationalen Turniere in Dresden und Hamburg und wurde in Rostock hinter Carl Carls Zweiter. In Salzburg und München nahm er an zwei internationalen Turnieren teil und traf hier auf Aljechin und Keres. In Salzburg gelang es ihm, Aljechin zu schlagen.  Beim Duras Memorial in Prag im gleichen Jahr teilte Junge mit Aljechin den ersten Platz.

Stoltz vs Junge, Salzburg 1942. Fotoquelle: Ballo.de

Anfang 1943 wurde Junge zur Wehrmacht eingezogen und diente bei der Artillerie. In den letzten Kriegstagen kämpfte er als Leutnant der Artillerie bei Welle in der Lüneburger Heide. Mit zehn anderen Soldaten sollte er mit Panzerfäusten den Vormarsch britischer Panzer aufhalten und kam dabei am am 17. April 1945 ums Leben.

Foto: Andreas Saremba auf kwabc

Klaus Junges  Bruder Hermann starb am 2. Mai. Zwei weitere Brüder waren 1941 und 1942 gefallen. Am 8. Mai kapitulierte das Deutsche Reich.

Foto: Denkmalprojekt

1956 erschien im Berliner De Guyter Verlag ein Buch mit Partien von Klaus Junge unter dem Titel "Das war Klaus Junge". Die Autoren waren Edmund Budrich und Dietmar Schulte.

Die beiden Autoren des Buches, das im Original 1956 im traditionsreichen Berliner Verlag Walter de Gruyter erschien, gehörten zu einer Gruppe junger Berliner Spieler, die die sehr erfolgreiche erste Mannschaft der „BSG“ (Betriebssportgruppe) Motor Wilhelmsruh bildete. Nach dem 17. Juni 1953 entschlossen sich einige von ihnen, die DDR zu verlassen. Als günstige Gelegenheit, ohne Probleme über die Grenze zu kommen, wurde ein Wettkampf mit dem Hamburger Schachklub verabredet, dazu noch eigens ein Frauenbrett eingerichtet, damit die Ehefrau eines der Spieler, die dieses Brett dann besetzen sollte, ebenfalls nach Hamburg mitreisen konnte.
Nach dem Wettkampf, der tatsächlich stattfand, blieb die Hälfte der Spieler, darunter Dietmar Schulte, Ottokar Martius und Bodo Rhodin im Westen. In Hamburg gründeten sie den Schachclub SC Palamedes, der sich später dem TSV Concordia anschloss. Der größte Erfolg der Mannschaft war der Gewinn der Deutschen Mannschaftsmeisterschaft 1970.

Geschichte der Schachabteilung Palamedes...

Endrunde der Deutschen Mannschaftsmeisterschaft im Schach 1970...

Edmund Budrich, der 1951 DDR-Jugendmeister geworden war, reiste zurück, weil er in Berlin schon ein Studium aufgenommen hatte. 1954 ging er nach West-Berlin und setzte sein Studium an der Freien Universität fort, bevor er 1957 ebenfalls nach Westdeutschland zog und im Verlagswesen zu arbeiten begann. Als Schachspieler war er noch einige Zeit bei der SG Porz aktiv (u.a. Gewinn der Deutschen Mannschaftsmeisterschaft 1967 und Endrunde 1970).

Dietmar Schulte hatte noch in Ostberlin, und zwar genau am 17. Juni 1953, an der Humboldt-Universität seine Doktorprüfung in Slawistik abgelegt. In Hamburg wurde er Lehrer und später Miteigentümer einer Privatschule. Schon zu DDR-Zeiten hatte Schulte diverse Schachbücher für den Berliner Sportverlag aus dem Russischen übersetzt, unter anderem das große zweibändige Eröffnungswerk von Paul Keres. Auch die Übersetzung von Vladimir Nabokovs Schachroman "Luschins Verteidigung" stammte aus seiner Feder. In seiner Anfangszeit in Westdeutschland hielt er sich unter anderem mit dem Weiterverkauf von Schachbüchern aus dem DDR-Sportverlag über Wasser. Diese besorgte ihm sein Freund Edmund Budrich, der als Autor des Verlages Autorenexemplare einkaufen konnte.

In Hamburg traf Schulte mit Otto Junge, dem Vater von Klaus Junge zusammen, und verabredete mit diesem eine Biographie mit kommentierten Partien seines Sohnes. Das Buch erhielt den Titel "Das war Klaus Junge" und das Motto „Gewidmet den jugendlichen Schachspielern in aller Welt“. Als Co-Autor gewann Dietmar Schulte seinen Freund Edmund Budrich. Während Schulte die biografischen Kapitel schrieb, analysierte Budrich in seinem Berliner Studentenzimmer die Partien. Budrich erinnert sich:

„Ich saß in meinem riesigen Steglitzer Altbauzimmer, in dem kaum Möbel standen. Es gab ein Bett, ei-ne Truhe, ein Klavier, einen kleinen Tisch, auf den gerade ein Schachbrett passte, und einen sehr klei-nen Kachelofen. Und es war ziemlich kalt. Ich sehe noch vor mir, wie ich auf der Truhe sitze, den Ka-chelofen im Rücken, ein Decke auf den Beinen und vor mir auf dem Brett die Partien von Klaus Junge. Sie waren aufgezeichnet in kleinformatigen Partieheftchen in einer sorgfältigen, fast zierlichen Schrift, die sehr im Gegensatz stand zu den dokumentierten oft scharfen Partien. In seinen Gegnern von 1941/42, z.B. Lehmann und Mroß, erkannte ich meine Eckbauer-Kollegen Dr. Heinz Lehmann und Paul Mroß von 1956. Gegen letzteren siegte Junge mit einem spektakulären Manöver: Kg1-h1 mit anschließendem Df1-g1."

Dann vereinbarte man aber zum Abschluss der Arbeiten eine räumlich engere Zusammenarbeit. Budrich reiste nach Hamburg, um seine Analysen dort in Abstimmung mit seinem Co-Autor fertig zu stel-len. In Hamburg kam er im "Hotel Grün" am Hansaplatz unter, in Schachkreisen auch Schachhotel genannt, weil Herr Grün, der Besitzer des Hotels, Schachspielern günstiger Konditionen einräumte. Der Hansaplatz befindet sich in der Nähe des Hamburger Hauptbahnhofs, in. St. Georg, und war in den 1950er Jahren eines der Hamburger Rotlichtviertel.

"Nun saß ich also im Hotel Grün in meinem Zimmer und analysierte dort weiter. Gelegentlich konnte ich aber auch die Umgebung und insbesondere die Kneipen erkunden. Der Bezirk war sehr lebendig. Es gab viele Kneipen mit Hinterausgängen, durch die man hinten weg in eine andere Kneipe verschwinden konnte, wenn vorne die Polizei erschien. In meinem Zimmer erschien morgens zuweilen Dietmar Schulte und holte mich zu den Lebenden zurück, wenn ich das Kneipenleben am Vorabend etwas zu intensiv analysiert hatte.“

Das fertige Büchlein erschien schließlich im Berliner De Gruyter-Verlag, der vor und nach dem Krieg zahlreiche Schachbücher verlegte und bis 1988 auch die Deutsche Schachzeitung herausgab. Der Verlag existiert als sehr bedeutender Wissenschaftsverlag auch heute, hat seine Schachabteilung aber schon seit Langem verkauft.

Nun hat der Schachverlag Ullrich eine Neuauflage des Buches als Reprint herausgegeben. Der Einband des Buches ist der gleiche wie in der Erstauflage. "Leider", so bemerkte Edmund Budrich, "fehlt im Buch der Hinweis auf Erstauflage von 1956. Und auch das damals dem Buch voran gestellte Motto wurde in der Neuauflage gestrichen."

Mit bestem Dank an Edmund Budrich für die Hinweise auf die Entstehungsgeschichte.

 

Vor zehn Jahren (3/2004) erschien in der Klubzeitung des Hamburger Schachklubs HSK Aktuell (5 ff) ein Beitrag über Klaus Junge, verfasst von Christian Zickelbein. Rudolf Goetz führte in diesem Zusammenhang ein Interview mit dem Berliner Schachmeister IM Reinhart Fuchs.

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Hamburger Schachklubs.

 

 

 

Über Klaus Junge bei Schachfreunde Sasel...


 


Themen Klaus Junge

André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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