Strategieschule Band 2 – Die Kunst des Tausches. Eine Rezension

von ChessBase
16.06.2022 – Der bekannte österreichische Schachtrainer Harald Schneider-Zinner gibt mit seinem Fritztrainer-Doppelband zur Schachstrategie Einblick in sein Lehrmaterial. Philipp Hillebrand hat sich nun auch Band zwei angesehen. Hier sind seine Erkenntnisse.

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Von Philipp Hillebrand

Strategieschule Band 2 – Die Kunst des Tausches.
Ein Fritztrainer von IM Harald Schneider- Zinner

Strategieschule Band 1: Allgemeine Prinzipien

Im 1.Band der Strategieschule geht es um die großen Fragen. Soll ich eine Stellung taktisch, dynamisch oder positionell behandeln? Wie beurteile ich eine Stellung und vor allem: wie finde ich einen guten Plan?

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Die vorliegende Rezension ist eine Weiterführung des ersten Bandes, wo es um allgemeine Prinzipien strategischer Elemente ging, wie beispielsweise der Bauernstruktur, das Nutzen einer offenen Linie, die Königssicherheit und vielen anderen wichtigen Aspekten. Der zweite Band umfasst nunmehr die Situationen, wo ein Abtausch bzw. eine Reihe von mehreren Abtauschzügen im Raum stehen und damit die Frage verbunden ist: „Soll ich selbst tauschen oder lieber tauschen lassen oder sollte ich einen Abtausch sogar aus dem Wege gehen?“-Diese und ähnliche Fragen hat sich mit hoher Wahrscheinlichkeit jeder Schachspieler schon ein Mal während seiner Partien gefragt. Der Titel legt nahe, dass es sich dabei um eine Kunst handelt, es also von hohem Wert und Bedeutung für eine Schachpartie ist, welcher Tausch vorgenommen wird. Eine der wichtigsten Erkenntnisse des Autors stellt er gleich zu Beginn seiner Arbeit vor. Es ist nicht entscheidend was getauscht wird, sondern was auf dem Brett übrig bleibt. Diese zunächst abstrakte Formulierung einer strategischen Idee wird im Laufe der Durchsicht des Fritztrainers sehr klar vorgestellt und mit Fragen in den Lehrvideos kombiniert, wodurch das Repertoire an strategischen Kniffen und entsprechenden Denkweisen geschult wird

Die einführenden Beispiele sind derart, dass sie zeigen, wie es NICHT geht. Gerade solch ein Vorgehen halte ich für didaktisch sehr sinnvoll und hebt die Qualitäten des Autors als erfahrener Schachtrainer hervor. Auf dem Fritztrainer bekommt man eine Kombination aus „theoretischen“ Fragmenten um einen vorteilhaften Abtausch präsentiert, das Schaffen seiner Schützlinge kommt oft zum Einsatz und die gewonnenen Erkenntnisse aus der Praxis der stärksten Spieler einer Ära werden genutzt, bis hin zum amtierenden Weltmeister Magnus Carlsen, der solche Tauschaktionen oder Transformationen von Bauernstrukturen zur perfekten Waffe geschliffen hat.

Ein sehr gutes Beispiel liefert das Folgende Diagramm:

 

Die schwarzen Steine führte Felix Blohberger, welcher heute ein Großmeister ist und einer der Schützlinge des Autors war. Die Stellung ist von der Bauernverteilung zwar symmetrisch, aber die Kontrolle über die Zentrumsfelder gibt den Ausschlag. Der Anziehende besitzt einen kleinen Raumvorteil, jedoch ist das Feld d4 im Vergleich zum Feld d5 dauerhaft geschwächt. Dies kann der Anziehende mit dem Zug …Lf8! wunderbar nachweisen. Nach dem Abtausch auf f8 nahm der Nachziehende mit dem Sd7 zurück und möchte diesen via e6 nach d4 auf die Reise schicken. Mit einem weißen Springer auf f3 wäre dies „nur“ ein weiterer Abtausch, weswegen der Zug…Lg4 nebst …Lxf3 eine wesentliche strategische Drohung ist. Diese erkannte der junge Spieler mit den weißen Steinen nicht und ließ exakt dieses Szenario zu, wonach der Nachziehende sehr überlegen stand, nicht zuletzt weil der Lg2 einen recht traurigen Eindruck hinterlässt. Letzte Woche konnte man ein ähnliches Vorgehen von GM Anand in seiner Armageddon Partie gegen GM Giri (Stavanger 2022) sehen, wo es sehr vergleichbare strategische Motive gab!

In der Folge präsentiert der Autor eine Liste mit vielen hilfreichen Tipps, welche zu einer Art Fragekatalog (der Autor nennt es in seiner Arbeit „Richtlinien beim Tausch“) werden, um einen möglichen Abtausch besser einschätzen zu können. Zu jedem der Punkte werden auch passende Fragmente geliefert, damit das theoretische Konstrukt mit Leben gefüllt wird:

 

Diese Stellung stammt aus der Partie Vladimir Kramnik gegen Magnus Carlsen 0-1 (57), Wijk an Zee 2008. Igelstrukturen haben so ihre Besonderheiten wenn es um die Fragen von Raumvorteil und Abtausch von Figuren geht. In vielen Fällen profitiert die Seite vom Abtausch, welche über weniger Raum verfügt, sodass der Rest der Mannschaft „besser atmen“ kann. Diese Richtlinie findet man in besagter Liste, jedoch auch das Thema „übrige Figur“ ist dort zu finden. Mit 13…Se8! Wich der heutige Weltmeister dem Tausch einer Leichtfigur aus, wonach die weißen Springer sich beide um den schönen Platz e4 streiten. Dieses Beispiel ist also auch gut dazu geeignet, verschiedene Elemente gegeneinander abzuwägen.

Ein anderes Beispiel stammt aus dem Schaffen eines der Schützlinge des Autors:

 

Die Frage lautet nun, sollen die Springer getauscht werden oder nicht. Die Nachziehende entschied sich in der Partie  Laura Hiebler – Nikola Mayrhuber dafür, wonach die Nachziehende leicht unangenehm stand. Nach dem Wegzug des Sg5 nach e6 allerdings wäre die Lage der Anziehenden prekär gewesen, wegen der anfälligen Königsstellung und einem bevorstehenden Durchbruch im Zentrum.

Man sieht also, dass der Autor sowohl relativ elementare Fragmente anbietet, aber auch etwas komplexere. Solch ein Mix hält meines Erachtens den Denkapparat aktiv und ermöglicht eine höhere Verarbeitungstiefe des Materials, wodurch wiederum die kritischen Momente bzw. Elemente besser gespeichert werden.

Weitere wichtige Fragen im Zusammenhang um einen Abtausch sind das Vorhandensein von Felderschwächen, offenen Linien, wichtigen Verteidigern und potentiell starke Figuren des Gegners. Dazu liefert der Autor u.a. folgendes einprägsames Beispiel:

 

Diese Stellung stammt aus der Partie Vladimir Kramnik – Alexey Dreev 1-0 (66) Linares 1997. Nur sehr wenige Spieler kommen wohl auf die Idee, den schwarzen Lc8 tauschen zu wollen. Genau dies tat Kramnik mit der Sequenz 14.Sd6 und 15.Sxc8. Aber warum? Sofern man diesen Läufer am Leben lässt, schlängelt dieser sich via d7- e8 nach g6 und ist plötzlich ein sehr starker Protagonist der schwarzen Mannschaft. Kramnik war es übrigens auch, der den Ausspruch prägte, dass ein Lg2 des Anziehenden nicht wirklich stärker als der Lc8 des Nachziehenden in Stonewall Strukturen ist. Folglich kann man aus diesen „Ausnahmen“ sehr viel lernen und der Autor Halrald Schneider Zinner tut dies auch in gelungener Weise in diesem Fritztrainer. Das letzte Beispiel ist hervorragend für die Frage „was bleibt nach dem Tausch übrig?“

Daneben präsentiert der Autor aber auch wahrhaftige Klassiker, welche sehr lohnenswert sind, wenn man diese kennt, nutzen auch die stärksten Spieler der Welt diese Erkenntnisse. Dazu die folgenden Diagramme:

 

Der letzte Zug des Nachziehenden war 30…b5! In der Partie Erich Cohn – Akiba Rubinstein 0-1 (38) St. Petersburg 1909. Der Bauernzug legt den Damenflügel fest, der Nachziehende verfügt über viele Reservetempi und es geht nunmehr darum, den richtigen Zeitpunkt zu finden, wann auf g3 der Tausch angeboten wird. Der Nachziehende behält die Opposition auf den weißen König und der Monarch des Nachziehenden kann am Damenflügel die weißen Bauern ernten.

Viele Jahre später kam folgende Stellung aufs Brett:

 

Die Nachziehende hat zuletzt 45…h5?? Gespielt in der Partie Magnus Carlsen - Yifan Hou 1-0 (54) Wijk an Zee 2015.

Der Zug des Bauern am Königsflügel ließ es zu, dass der Weltmeister mittels Ka5-b6 und später b3-b4-b5 genau das gleiche strategische Mittel anwenden konnte wie Akiba Rubinstein. Auch hier sieht man, wie wichtig die Mustererkennung ist, welche der Autor zu Recht betont.

Ein eigenes Kapitel bekommt das Thema um den Damentausch. Auch hier gibt es eine Auflistung wichtiger Punkte bzw. Fragen, die man sich vor einem Tausch stellen sollte, beispielsweise „ist die gegnerische Dame stärker bzw. aggressiver platziert als die eigene oder übernimmt sie wichtige Verteidigungsaufgaben?“. In den meisten Fällen wird ein König wesentlich aktiver wenn die Damen getauscht wurden:

 

Diese Stellung kam in einer Partie zwischen Guyla Sax und Miguel Angel Quinteros vor, 1-0 (27) Moskau 1982. Heterogene Rochaden versprechen meist einen packenden Kampf, insbesondere wenn die Damen auf dem Brett sind. In diesem Sinne war 19.g4!? eine Alternative, um in einem Mittelspiel eine Entscheidung zu suchen. Der damalige ungarische Weltklassespieler fand jedoch in 19.Dc4!! eine sehr starke Lösung des Stellungsproblems. Die Dame des Nachziehenden hält viele geschwächte Felder gedeckt, welche nach ihrem Abtausch nicht mehr sinnvoll verteidigt werden können, vor allem die Punkte b5 und d6 neigen zur Schwäche. Wer dies genauer wissen möchte, bekommt auf dem Fritztrainer eine gelungen Erläuterung durch Harald Schneider- Zinner.

Zum Bereich „theoretisches Endspielwissen“ zähle ich Stellungen der folgender Art:

 

Der Anziehende besitzt einen Mehrbauern, welcher sich aber in einem Damenendspiel bei 4:3 Bauern auf einem Flügel meist nur schwer verwerten lässt. Der Kniff eines Überganges in ein „total gewonnenes“ Endspiel ist da eine willkommene Lösung. Dies geschieht durch das Bauernopfer 49.Df6+! Es lohnt sich erst die möglichen Varianten erst einmal selbst zu erkunden, und diese dann mit denen des Autors abzugleichen!

Wer im Schach wirklich weiterkommen möchte, der sollte aber gerade die Ausnahmen von der Regel suchen und anwenden können. Dazu bietet es sich an abermals auf Musterwiedererkennung zu setzen:

Den chronologischen Anfang einer Trilogie machte der damalige Weltmeister Vassily Smyslov in einer Partie gegen Samy Reshevsky:

 

Diese Partie wurde 1948 gespielt im Turnier Den Haag/ Moskau, wo die Nachfolge von Aljechin geklärt werden sollte. Es sticht die Anfälligkeit des schwarzen Bauern d6 ins Auge, aber die Dame des Nachziehenden deckt diesen noch relativ zuverlässig. Ebenfalls die zwei anderen unentwickelten Figuren am Damenflügel schreien nach einem Damentausch, um den Faktor Zeit für den Anziehenden wirken zu lassen. Das Thema um den Faktor Zeit bespricht der Autor ebenfalls in seinem erstellten Fragenkatalog um einen gelungenen Tausch. Der Zug 26.Dh4!! verbindet diese Ideen, Abtausch eines wichtigen Verteidigers und Nutzen der so gewonnen Zeit, sprich ein Entwicklungsvorsprung, welcher auch in einem Endspiel sehr nachhaltig sein kann.

Sehr beeindruckend ist die Partie zwischen Eduard Rozentalis und Ralf Appel 1-0 (43), gespielt in der Bundesliga 1994:

 

Das letzte Zugpaar lautet Da1 und De7. Nun aber entkorkte der aus Litauen stammende GM ein wahres Wunderwerk von Tauschangeboten mit 25.Da3!! Auch in diesem Beispiel ist durch den Abtausch der Damen ein Brettabschnitt geschwächt worden und der weiße Monarch fühlt sich dann vollkommen sicher, sich in Richtung Zentrum auf den Wege zu machen, wodurch später die Partie dank weiterer exquisiter Manöver gewonnen wurde.

Aber nicht nur Spitzenspieler machen sich solche Erkenntnisse zu Nutze:

 

Diese Stellung stammt aus der Partie Christoph Menezes – Luca Kesseler, 0-1 aus dem Jahre 2010. Beide Spieler sind heute starke Internationale Meister aus Österreich und waren zum Zeitpunkt der Partie 13 bzw. 14 Jahre alt. Der Nachziehende besitzt eine vielversprechende Bauernmehrheit am Damenflügel, aber die weiße Dame stört ein wenig. Dies führte den Nachziehenden dazu mittels 18…Dh6!! Einen Damentausch anzubieten, wonach die schwarzen Bauern sehr flott wurden. Mithin sieht man, wie wertvoll Musterwiedererkennung in jedem Partiestadium sein kann.

Strategieschule Band 1: Allgemeine Prinzipien

Im 1.Band der Strategieschule geht es um die großen Fragen. Soll ich eine Stellung taktisch, dynamisch oder positionell behandeln? Wie beurteile ich eine Stellung und vor allem: wie finde ich einen guten Plan?

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Strategieschule Band 2: Die Kunst des Tauschens

Kaum ein Moment unterscheidet einen starken Spieler von einem unerfahrenen Spieler so sehr, wie der Moment des Abtauschs. Im Schach gibt es tausende Ausnahmen von den Regeln. Trotzdem müssen wir die wichtigsten Regeln und Muster kennen.

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Fazit:

Dieser Fritztrainer knüpft nahtlos an den ersten Teil an und muss sich inhaltlich nicht verstecken, denn es werden viele wichtige Techniken vermittelt, sowohl schachlicher Natur, als auch die Art und Weise mit sich selbst zu reden, dergestalt, dass man sich den Fragenkatalog klarmacht, welchen der erfahrene Trainer aus Österreich entwickelt hat und auf diesem Produkt vorstellt. Die ausgewählten Beispiele reichen von Amateurpartien bis hin zu den Weltmeistern ihrer Zeit und unterstreichen den Fakt: Für jeden ist es wertvoll investierte Zeit, sich mit klassischen Themen und Mustern vertraut zu machen, welche man auf diesem Fritztrainer reichlich bekommt!

Sein erworbenen Wissen und die notwendigen Fähigkeiten kann man in 20 sehr gut ausgewählten interaktiven Tests prüfen.

Ein sehr empfehlenswertes Produkt für Einsteiger und Fortgeschrittene!

Strategieschule Band 1 und 2

Ziel dieses Videokurses ist es, dem Studierenden zahlreiche Muster und Ideen aus der Praxis für sein Training mitzugeben, um so den nötigen Feinschliff zu erlangen.

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