Tal unter Drogen

12.10.2004 – Als Kramnik und Leko ihre erste - recht lang dauernde - WM- Partie in Brissago gespielt hatten, folgte am nächsten ein Kurzremis, das die Spieler in der anschließenden Pressekonferenz mit ihrer noch anhaltenden Erschöpfung erklärten. Alexander Koblenz, Trainer von Mihail Tal, kannte einige Methoden, jedwede Form von Müdigkeit bei seinem Schützling zu vermeiden. Doch nicht immer gelangte er damit zum Ziel. Ausgerechnet bei der UdSSR-Meisterschaft 1958, die in Tals Heimatstadt Riga stattfand, wurden die Präparate verwechselt, sodass Tal während seiner Partie gegen Bannik vor Müdigkeit "wie ein Mondsüchtiger" umherschwankte und auch noch die Französische Verteidigung gewählt hatte. Conrad Schormann fühlte sich durch die Partien in Brissago zu einem Beitrag über Schläfrigkeit am Brett inspiriert. Mehr...

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Tal unter Drogen
Von Conrad Schormann

Erschöpft fühlten sich die Herren Leko und Kramnik nach der umkämpften ersten Partie – das sei ein Grund gewesen für das schnelle Remis in der zweiten, das beide in der anschließenden Pressekonferenz umständlich rechtfertigten.  

Bei der Weltmeisterschaft in der Schweiz wird das Thema „Doping im Schach“ nicht erneut hoch kochen. Dennoch dürften weiterhin alle Schachspieler dankbar sein, sollte jemand ein (legales) Mittel gegen Müdigkeit und Erschöpfung finden. Weltmeistertrainer Alexander Koblenz hat schon vor 47 Jahren auf diesem Gebiet geforscht und sich dem Verdacht ausgesetzt, Michail Tal (Weltmeister 1960/61) zu dopen.

Koblenz berichtet in seinen Erinnerungen („Schach lebenslänglich“), wie er seinen Schützling bei der 24. UdSSR-Meisterschaft 1957 in Moskau immun gegen Müdigkeit machte. Ging Tals Partie in die vierte Stunde, reichte ihm Koblenz eine Koffeintablette, und seine Frau brachte ihm Kaffee. Tal gewann die mit Abstand bestbesetzte Landesmeisterschaft der Welt. „Der Beginn seines glanzvollen Aufstiegs“, schreibt Koblenz, der das Tuscheln im Turniersaal hinnahm. Die anderen Teilnehmer sollen wegen des Tablettenrituals angenommen haben, „dass ich meinem Schutzbefohlenen heimlich ein Doping gebe“.

Bei der 25. Meisterschaft 1958 in Riga stand Tal doppelt unter Druck. Er trat an als Titelverteidiger, und er spielte in Lettland, seiner Heimat, wo er bis heute verehrt wird (und nicht nur da). Laut Koblenz fing sich sein Schützling beim bis dahin wichtigsten Turnier seiner Karriere eine Grippe ein und trat geschwächt an. Offenbar waren in den Augen des Trainers Kaffee und Koffeintabletten das falsche Mittel gegen grippale Erschöpfung.

Vor jeder Partie überließ Koblenz daher seinen Meisterschüler der Obhut einer Krankenschwester der Poliklinik. Die Gesundheitsfrau spritzte dem Schachmeister einen Vitamincocktail, der Tal fit machen sollte für die Partie.

Für den 22-jährigen Lokalmatador begann die Meisterschaft trotz Vitamindoping bescheiden. Vor der Partie in der zehnten Runde, mit Schwarz gegen Anatoly Bannik, hatte Tal 4,5 Punkte aus neun Runden gesammelt. Nach dem vermeintlichen Vitaminpieks setzte sich Tal ans Brett und überraschte den „recht starken, aber leicht schablonenhaft denkenden Gegner“ (Koblenz) mit der Französischen Verteidigung.

Nach dem dreißigsten Zug bemerkte ein anderer Sekundant, dass Tal „schwankt wie ein Mondsüchtiger“: „Gleich schläft er ein.“ Tal blieb zwar wach, schwankte aber weiter, und die Stellung entglitt ihm spätestens nach einem Fehler im 36. Zug. Die Partie wurde in Verluststellung abgebrochen.

Bannik gegen Tal...

Am nächsten Tag stellte sich heraus, dass die Krankenschwester Tal die falsche Spritze verabreicht hatte. Statt Vitaminen hatte sie ihm vor der Partie das Schlafmittel Nembutal gespritzt, eines der Mittelchen, die Marilyn Monroe ins Jenseits befördert haben. Mit einem famosen Endspurt gewann Tal trotz dieses Missgeschicks die 25. Meisterschaft der UdSSR.

 

 


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