Talent aus Worldcup regelkonform rausgemobbt?

22.08.2005 – Die Amerikanische Kontinentalmeisterschaft ist im neuen Zyklus der FIDE eines der Qualifikationsturniere für das FIDE-K.-o.-Turnier, das nun World Cup heißt. Bruzon qualifizierte sich als Turniersieger direkt. Von den sieben punktgleichen Nächstplatzierten musste einer ausscheiden. Schnell hatte man sich unter den beteiligten Großmeistern darüber verständigt, wer das sein sollte: Der junge Gaston Needleman. Während man untereinander viele Partien nach offenbar schon vorher erfolgter Remisabsprache unentschieden enden ließ, wurde gegen den Youngster gekämpft. Dies sei so offensichtlich gewesen, dass die Zuschauer vor Empörung pfiffen, schreibt der argentinische Schachjournalist Carlos Illado. Gaston Needleman und sein Vater und Trainer Allessandro haben den Vorwurf allerdings in einer Stellungnahme zu entkräften versucht. Artikel bei La Nacion...Alle Infos...

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Ein beschämendes Ende
Von Carlos Illardo

In einem beschämenden Finale mit vorherigen Absprachen und jenseits jeder sportlichen Ethik zielten die sechs Großmeister (mit Ausnahme des Argentiniers Rubén Felgaer) darauf ab, den schwächsten Spieler unter ihnen, Gastón Needleman mit nur etwas mehr als 2200 Elo-Punkten fertig zu machen. Letzterer hatte sich bis hierher qualifiziert, nach dem er mehrere Großmeister besiegt hatte, wie z. B. Ariel Sorín und Alexander Shabalov und mit anderen, wie Gata Kamsky und Darcy Lima Remis gespielt hatte. Er hatte außerdem Siege gegen mehrere IMs eingefahren, darunter Guillermo Soppe und Yuniesky Quezada. Trotzdem schaffte er es nicht, sich für die WM zu qualifizieren. Ein schändlicher Schachzug ließ ihn auf der Strecke bleiben.

Was passierte war folgendes: In allen 7 Tiebreak-Partien (15-minütige Partien mit 10 Sekunden Aufschlag), gab es Remis-Absprachen unter den Meistern. In einigen Fällen wurden sogar nicht mehr als 5 Züge gespielt und sie ruhten sich aus während sie in den Partien gegen Needleman alle bis zur letzten Sekunde auf der Uhr kämpften. Die Mächtigen vereinigten sich, um den schwächsten fertig zu machen. Ein bedauerlicher Zug.

Milos, Vescovi und Kamsky waren vielleicht die skrupellosesten, wenn man das so nennen will. Sie lächelten sogar als das Publikum, dass die Partien verfolgte anfing die Spieler wegen der eindeutigen Vorgänge auszupfeifen.


Nachdruck des Artikels aus La Nacion

Schachmatt der großen Erwartung
Gastón Needleman, 15 Jahre, blieb nach seltsamen Vorgängen am Rande des Weltcups 2006; das Publikum rügte die Meister, Felgaer qualifizierte sich
Von Carlos Ilardo
 

Mit einem aufgesetzten Lächeln und und dem Versuch anzudeuten, dass er sich nicht unterkriegen lassen will, vielleicht um die Demütigung weniger schmerzvoll zu empfinden, kam der 15 Jahre alte Gastón Needleman die Treppen des Club Argentino herunter gestapft und summte dabei kaum hörbar vor sich hin. Gestern am frühen Morgen überquerten Gastón und sein Papa Alejandro schwermütig Arm in Arm die Avenida Callao, bevor sie das Morgengrauen erwischte. Hinter ihnen lagen fast fünf Stunden eines ungleichen Kampfes die Turnierbedingungen in ein zweifelhaftes Licht rückten. Ein grotesker Hinterhalt machte die Träume des jungen zunichte, bei der WM bei den ganz großen mitspielen zu können. Ein Schachmatt der großen Erwartung.

Gastón Needleman, die Entdeckung des des Campeonato Continental, wußte, dass die Eroberung eines der sechs Plätze für die WM mit dem Versuch gleichzusetzten war, sich an einem eingeseiften Stab festzuhalten. Trotzdem hätte er nie geglaubt, dass alle seine Rivalen (außer seinem Landsmann Rubén Felgaer) einen so perfiden Plan gegen ihn aushecken würden, um ihn auszuspielen: alle gegen den Schwächsten. So war es.  

Es ergab sich, so dass das für den Tie-Break ein „halb schnelles (???)“
(“Semi-rapid”) Turnier über sieben Runden gespielt werden sollte, jeder gegen jeden, in 15 minütigen Partien mit 10 Sekunden Aufschlag pro Zug und 5 minütigen Pausen zwischen den Partien. Dieses Turnier wurde im Club Argentino ausgetragen. (Weil in der Börse von Buenos Aires, in der das Continental vorher gespielt wurde zu dieser Zeit aus Sicherheitsgründen nicht für die Öffentlichkeit geöffnet sein sollte.)

Die Namen der Spieler sowie die verlockende und schnelle Spielweise der Partien, lockten ca. 80 Zuschauer an, die sich kurz vor Mitternacht im ersten Stockwerk des heimischen Schachclubs einfanden.

Die Hoffnung auf das  erfolgsversprechende Abschneiden Gastóns verwandelte sich in einen kurzen Traum. Ungefähr solange, wie es dauert, einen Seufzer auszustoßen. Die ausländischen Meister Granda (Perú), Kamsky und Oniscuk (EE.UU.) und besonders die Brasilianer Milos dem man den großen Kummer hatte ansehen können, als er zuvor eine Partie gegen den Jungen aus Mendozino verloren hatte und Vescovi hatten untereinander verabredet, beschämende Remis zu schieben, bei denen sie nur drei oder vier Züge ausführten währende derjenige, der gerade dran war gegen Needleman zu spielen, die Bedenkzeit voll ausnutzen sollte, um die Gegenwehr des jungen Spielers aus Mendozino (= Needleman) zu schwächen.

Auf diese Weise und während die Großmeister sich ausruhten, mußte der kleine Gastón Verteidigungen und Rochaden aller Art über sich ergehen lassen, und sich auf sein Talent und seine Intuition stützen. Aber nach fast einer halben Stunde Spielzeit und mit kaum fünf Minuten Erholungspause mußte Needleman sich schon dem nächsten ausgeruhten und vitalen Gegner stellen der ihn seinerseits ebenfalls einem erschöpfenden Kamf bot.

Nur Rubén Felgaer kämpfte um jeden Punkt in jeder Partie, aber bekam nicht alle. Das Publikum wurde zusehends unduldig und begann die Spieler auszubuhen und auszupeifen. Dabei stieg einigen der Meister die Schamesröte ins Gesicht, den Hals und den Körper. Sie stotterten Entschuldigungen.

Während Gastón aufgab, einmal, zweimal, dreimal. Sie töteten seinen Spaß am Spiel. Bleibt zu hoffen, dass er nicht allein für seine stille Anstrengung zahlen muss. Es lohnt sich ein weiterer Versuch, um bei der WM dabei zu sein.

Von Carlos A. Ilardo
Für LA NACION


In meiner Rolle als Vater von Gastón und Zeuge der Tiebreak Partien werde ich Ihnen nun die Situation erklären, so wie ich sie wahrgenommen habe:


Runde 1:
1 Milos, (2) .5:.5 Vescovi, (7) Kurzremis
2 Kamsky, (3) .5:.5 Granda, (6)
3 Felgaer, (4) .5:.5 Onischuk, (5) Kurzremis
4 Needleman, (1) : (Spielfrei)

Runde 2:
1 Granda, (6) 1:0 Felgaer, (4)
2 Vescovi, (7) .5:.5 Kamsky, (3) Kurzremis
3 Needleman,(1) 1:0 Milos, (2)
4 Onischuk, (5) : (spielfrei)

Runde 3:
1 Kamsky, ( 3) 1:0 Needleman, (1)
2 Felgaer, (4) .5:.5 Vescovi, (7)
3 Onischuk,(5) .5:.5 Granda, (6) Kurzremis
4 Milos, (2) : (spielfrei)

Runde 4:
1 Vescovi, (7) .5:.5 Onischuk, (5) Kurzremis
2 Needleman, (1) 0:1 Felgaer, (4)
3 Milos, (2) .5:.5 Kamsky, (3) Kurzremis
4 Granda, (6) : (spielfrei)

Runde 5:
1 Felgaer, (4) .5:.5 Milos, (2)
2 Onischuk, (5) .5:.5 Needleman, (1)
3 Granda, (6) .5:.5 Vescovi, (7) Kurzremis
4 Kamsky, (3) : (spielfrei)

Runde 6:
1 Needleman, (1) 0:1 Granda, (6)
2 Milos, (2) .5:.5 Onischuk, (5) Kurzremis
3 Kamsky, (3) .5:.5 Felgaer, (4) Kurzremis
4 Vescovi, (7) : (spielfrei)


Runde 7:
1 Onischuk, (5) .5:.5 Kamsky, (3) Kurzremis
2 Granda, (6) .5:.5 Milos, (2) Kurzremis
3 Vescovi, (7) 1:0 Needleman (1)
4 Felgaer, (4) : (spielfrei)


Als letztes möchte ich noch erklären, dass Gastón sich in der Partie gegen Granda dazu entschloss, in einer ausgeglichen Position, in der Grande Züge wiederholte, ein Risiko einzugehen und dass er in seiner Partie gegen Vescovi Remis ablehnte, dass ihm von seinem Gegner vor Beginn der Partie angeboten wurde.

Es ist auch wichtig zu wissen, dass im Falle eines Gleichstandes auf dem letzten Platz dieses Schnellschach-Tiebreaks, das progressive System des Turniers den Ausschlag gegeben hätte, bei dem Gastón am schlechtesten abgeschnitten hatte. Man darf auch nicht vergessen, das diese Tiebreak-Partien in der selben Nacht gespielt wurden, in der auch die letzte Runde stattgefunden hatte, so dass alle Spieler sehr müde waren und die Tiebreaks endeten erst um 3 Uhr morgens.

Alejandro Needleman
Vater und Trainer von Gastón

 


Was die Tie-Break-Partien betrifft, so glaube ich, dass das nicht gegen mich persönlich gerichtet war. Mir scheint es logisch, dass die Großmeistern mit 2600 Elopunkten und einer sogar mit 2700 nur gegen den schwächsten mit 2200 Punkten etwas riskiert. Und außerdem waren ja auch nicht alle Partien schnelle Remisen. Zum Beispiel Granda – Kamsky war eine sehr kämpferische Partie, in der zweiten Partie gewann Granda gegen Felgaer, etc.

Anbei schicke ich Ihnen außerdem Runde für Runde die Tiebreak-Ergebnisse, aber ich möchte, dass ganz deutlich wird, dass ich nicht nicht traurig bin, dass ich bei der Qualifikation für die WM rausgeflogen bin und dass ich auf jeden Fall die 6 Partien beim Continental sehr genossen habe und mich freue, meine ersten IM und GM Normen gemacht zu haben und vor allem, darüber, dass ich gegen so viele Großmeister spielen konnte. Und ich bin auch dankbar für die Herzlichkeit, die mir so viele Leute entgegengebracht haben.

Gastón Needleman


Alle Übersetzungen aus dem Spanischen: Nadja Woisin


American Continental Tiebreak Turnier
                      1 2 3 4 5 6 7 
1   Granda            * ½ ½ ½ 1 ½ 1   4.0/6
2   Kamsky            ½ * ½ ½ ½ ½ 1   3.5/6  9.50
3   Vescovi           ½ ½ * ½ ½ ½ 1   3.5/6  9.50
4   Onischuk          ½ ½ ½ * ½ ½ ½   3.0/6  9.00
5   Felgaer           0 ½ ½ ½ * ½ 1   3.0/6  7.75
6   Milos             ½ ½ ½ ½ ½ * 0   2.5/6
7   Needleman         0 0 0 ½ 0 1 *   1.5/6
blau: Kurzremis


Nach Darstellung von Carlos Illardo hat sich Rubens Felgaer an dem vermeintlichen Remiskomplott nicht beteiligt. Er spielt in Runde Eins ein Kurzremis gegen Onischuk und ein weiteres gegen Kamsky in Runde 6. Er verliert gegen Grand und gewinnt gegen Needleman. Am Ende hat er 50%. Gaston Needleman spielt jede Partie durch, wobei er in Runde 7 ein Remisangebot von Vescovi vor der Partie ablehnte und in Runde 6 einer Zugwiederholung in der Partie gegen Granda auswich. Hätte er diese beiden halben Punkte nicht eingestellt, wäre er dennoch wegen der schlechtere Sonderwertung gegenüber dem punktgleichen Milos ausgeschieden.
 

Nimmt man Needleman und Felgaer aus der Betrachtung, dann endeten alle Partien mit einer Ausnahme per Kurzremis: Einzig die Partie zwischen Granda und Kamsky in der ersten Runde wurde ausgekämpft. Es muss hier nicht notwendigerweise ein Komplott gegen den schwächsten Spieler in Gang gesetzt worden sein. Tatsächlich können die Spieler auch so nach ein paar Zügen davon überzeugt gewesen sein, dass remis nun für beide das Beste ist. Solange ein (nach vorheriger Absprache riechendes) Kurzremis auch auf offizlellen Titelwettbewerben erlaubt ist, ist das Verhalten der Spieler Regelkonform. Die FIDE ist gefordert, bessere Regeln für diese Fälle zu entwerfen. Unklar ist, wieso der Organisator den Stichkampf in einem Turnier durchgeführt hat und nicht in Wettkämpfen, so wie das anderswo geschieht.

André Schulz

 

 

 

 

 

 



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