Ein beschämendes Ende
Von Carlos Illardo
In einem
beschämenden Finale mit vorherigen Absprachen und jenseits jeder sportlichen
Ethik zielten die sechs Großmeister (mit Ausnahme des Argentiniers Rubén Felgaer)
darauf ab, den schwächsten Spieler unter ihnen, Gastón Needleman mit nur etwas
mehr als 2200 Elo-Punkten fertig zu machen.
Letzterer hatte sich bis hierher qualifiziert, nach dem er mehrere Großmeister
besiegt hatte, wie z. B. Ariel Sorín und Alexander Shabalov und mit anderen, wie
Gata Kamsky und Darcy Lima Remis gespielt hatte. Er hatte außerdem Siege gegen
mehrere IMs eingefahren, darunter Guillermo Soppe und Yuniesky Quezada. Trotzdem
schaffte er es nicht, sich für die WM zu qualifizieren.
Ein
schändlicher Schachzug ließ ihn auf der Strecke bleiben.
Was passierte
war folgendes: In allen 7 Tiebreak-Partien (15-minütige Partien mit 10 Sekunden
Aufschlag), gab es Remis-Absprachen unter den Meistern. In einigen Fällen wurden
sogar nicht mehr als 5 Züge gespielt und sie ruhten sich aus während sie in den
Partien gegen Needleman alle bis zur letzten Sekunde auf der Uhr kämpften. Die
Mächtigen vereinigten sich, um den schwächsten fertig zu machen. Ein
bedauerlicher Zug.
Milos, Vescovi und Kamsky
waren vielleicht die skrupellosesten, wenn man das so nennen will. Sie lächelten
sogar als das Publikum, dass die Partien verfolgte anfing die Spieler wegen der
eindeutigen Vorgänge auszupfeifen.
Nachdruck des Artikels aus La Nacion
Schachmatt der großen Erwartung
Gastón Needleman, 15 Jahre, blieb nach seltsamen Vorgängen am Rande des Weltcups
2006; das Publikum rügte die Meister, Felgaer qualifizierte sich
Von Carlos Ilardo
Mit
einem aufgesetzten Lächeln und und dem Versuch anzudeuten, dass er sich nicht
unterkriegen lassen will, vielleicht um die Demütigung weniger schmerzvoll zu
empfinden, kam der 15 Jahre alte Gastón Needleman die Treppen des Club Argentino
herunter gestapft und summte dabei kaum hörbar vor sich hin. Gestern am frühen
Morgen überquerten Gastón und sein Papa Alejandro schwermütig Arm in Arm die
Avenida Callao, bevor sie das Morgengrauen erwischte. Hinter ihnen lagen fast
fünf Stunden eines ungleichen Kampfes die Turnierbedingungen in ein
zweifelhaftes Licht rückten. Ein grotesker Hinterhalt machte die Träume des
jungen zunichte, bei der WM bei den ganz großen mitspielen zu können.
Ein Schachmatt der großen Erwartung.
Gastón Needleman, die Entdeckung des des Campeonato Continental, wußte, dass die
Eroberung eines der sechs Plätze für die WM mit dem Versuch gleichzusetzten war,
sich an einem eingeseiften Stab festzuhalten.
Trotzdem hätte er nie geglaubt, dass alle seine Rivalen (außer seinem Landsmann
Rubén Felgaer) einen so perfiden Plan gegen ihn aushecken würden, um ihn
auszuspielen: alle gegen den Schwächsten. So war es.
Es ergab sich, so dass das für den Tie-Break ein „halb schnelles (???)“
(“Semi-rapid”) Turnier über sieben Runden gespielt werden sollte, jeder gegen
jeden, in 15 minütigen Partien mit 10 Sekunden Aufschlag pro Zug und 5 minütigen
Pausen zwischen den Partien. Dieses Turnier wurde im
Club Argentino ausgetragen.
(Weil
in der Börse von Buenos Aires, in der das Continental vorher gespielt wurde zu
dieser Zeit aus Sicherheitsgründen nicht für die Öffentlichkeit geöffnet sein
sollte.)
Die Namen der Spieler sowie die verlockende und schnelle Spielweise der Partien,
lockten ca. 80 Zuschauer an, die sich kurz vor Mitternacht im ersten Stockwerk
des heimischen Schachclubs einfanden.
Die
Hoffnung auf das erfolgsversprechende Abschneiden Gastóns verwandelte sich in
einen kurzen Traum. Ungefähr solange, wie es dauert, einen Seufzer auszustoßen.
Die ausländischen Meister Granda (Perú), Kamsky und Oniscuk (EE.UU.) und
besonders die Brasilianer Milos dem man den großen Kummer hatte ansehen können,
als er zuvor eine Partie gegen den Jungen aus Mendozino verloren hatte und
Vescovi hatten untereinander verabredet, beschämende Remis zu schieben, bei
denen sie nur drei oder vier Züge ausführten währende derjenige, der gerade dran
war gegen Needleman zu spielen, die Bedenkzeit voll ausnutzen sollte, um die
Gegenwehr des jungen Spielers aus Mendozino (= Needleman) zu schwächen.
Auf diese Weise und während die Großmeister sich ausruhten, mußte der kleine
Gastón Verteidigungen und Rochaden aller Art über sich ergehen lassen, und sich
auf sein Talent und seine Intuition stützen. Aber nach fast einer halben Stunde
Spielzeit und mit kaum fünf Minuten Erholungspause mußte Needleman sich schon
dem nächsten ausgeruhten und vitalen Gegner stellen der ihn seinerseits ebenfalls
einem erschöpfenden Kamf bot.
Nur
Rubén Felgaer kämpfte um jeden Punkt in jeder Partie, aber bekam nicht alle. Das
Publikum wurde zusehends unduldig und begann die Spieler auszubuhen und
auszupeifen. Dabei stieg einigen der Meister die Schamesröte ins Gesicht, den
Hals und den Körper. Sie stotterten Entschuldigungen.
Während Gastón aufgab, einmal, zweimal, dreimal.
Sie töteten seinen Spaß am Spiel.
Bleibt zu hoffen, dass er nicht allein für seine stille Anstrengung zahlen muss.
Es lohnt sich ein weiterer Versuch, um bei der WM dabei zu sein.
Von Carlos A. Ilardo
Für LA NACION
In meiner Rolle als Vater von Gastón und Zeuge der Tiebreak
Partien werde ich Ihnen nun die Situation erklären, so wie ich sie wahrgenommen
habe:
Runde 1:
1 Milos, (2) .5:.5 Vescovi, (7) Kurzremis
2 Kamsky, (3) .5:.5 Granda, (6)
3 Felgaer, (4) .5:.5 Onischuk, (5) Kurzremis
4 Needleman, (1) : (Spielfrei)
Runde 2:
1 Granda, (6) 1:0 Felgaer, (4)
2 Vescovi, (7) .5:.5 Kamsky, (3) Kurzremis
3 Needleman,(1) 1:0 Milos, (2)
4 Onischuk, (5) : (spielfrei)
Runde 3:
1 Kamsky, ( 3) 1:0 Needleman, (1)
2 Felgaer, (4) .5:.5 Vescovi, (7)
3 Onischuk,(5) .5:.5 Granda, (6) Kurzremis
4 Milos, (2) : (spielfrei)
Runde 4:
1 Vescovi, (7) .5:.5 Onischuk, (5) Kurzremis
2 Needleman, (1) 0:1 Felgaer, (4)
3 Milos, (2) .5:.5 Kamsky, (3) Kurzremis
4 Granda, (6) : (spielfrei)
Runde 5:
1 Felgaer, (4) .5:.5 Milos, (2)
2 Onischuk, (5) .5:.5 Needleman, (1)
3 Granda, (6) .5:.5 Vescovi, (7) Kurzremis
4 Kamsky, (3) : (spielfrei)
Runde 6:
1 Needleman, (1) 0:1 Granda, (6)
2 Milos, (2) .5:.5 Onischuk, (5) Kurzremis
3 Kamsky, (3) .5:.5 Felgaer, (4) Kurzremis
4 Vescovi, (7) : (spielfrei)
Runde 7:
1 Onischuk, (5) .5:.5 Kamsky, (3) Kurzremis
2 Granda, (6) .5:.5 Milos, (2) Kurzremis
3 Vescovi, (7) 1:0 Needleman (1)
4 Felgaer, (4) : (spielfrei)
Als letztes möchte ich noch erklären, dass Gastón sich in der
Partie gegen Granda dazu entschloss, in einer ausgeglichen Position, in der
Grande Züge wiederholte, ein Risiko einzugehen und dass er in seiner Partie
gegen Vescovi Remis ablehnte, dass ihm von seinem Gegner vor Beginn der Partie
angeboten wurde.
Es ist auch wichtig zu wissen, dass im Falle eines Gleichstandes auf dem letzten
Platz dieses Schnellschach-Tiebreaks, das progressive System des Turniers den
Ausschlag gegeben hätte, bei dem Gastón am schlechtesten abgeschnitten hatte.
Man darf auch nicht vergessen, das diese Tiebreak-Partien in der selben Nacht
gespielt wurden, in der auch die letzte Runde stattgefunden hatte, so dass alle
Spieler sehr müde waren und die Tiebreaks endeten erst um 3 Uhr morgens.
Alejandro Needleman
Vater und Trainer von Gastón
Was die Tie-Break-Partien betrifft, so glaube ich, dass das
nicht gegen mich persönlich gerichtet war. Mir scheint es logisch, dass die
Großmeistern mit 2600 Elopunkten und einer sogar mit 2700 nur gegen den
schwächsten mit 2200 Punkten etwas riskiert. Und außerdem waren ja auch nicht
alle Partien schnelle Remisen. Zum Beispiel Granda – Kamsky war eine sehr
kämpferische Partie, in der zweiten Partie gewann Granda gegen Felgaer, etc.
Anbei schicke ich Ihnen außerdem Runde für Runde die Tiebreak-Ergebnisse, aber
ich möchte, dass ganz deutlich wird, dass ich nicht nicht traurig bin, dass ich
bei der Qualifikation für die WM rausgeflogen bin und dass ich auf jeden Fall
die 6 Partien beim Continental sehr genossen habe und mich freue, meine ersten
IM und GM Normen gemacht zu haben und vor allem, darüber, dass ich gegen so
viele Großmeister spielen konnte. Und ich bin auch dankbar für die Herzlichkeit,
die mir so viele Leute entgegengebracht haben.
Gastón Needleman
Alle Übersetzungen aus dem Spanischen: Nadja Woisin
American Continental Tiebreak Turnier
1 2 3 4 5 6 7
1 Granda * ½ ½ ½ 1 ½ 1 4.0/6
2 Kamsky ½ * ½ ½ ½ ½ 1 3.5/6 9.50
3 Vescovi ½ ½ * ½ ½ ½ 1 3.5/6 9.50
4 Onischuk ½ ½ ½ * ½ ½ ½ 3.0/6 9.00
5 Felgaer 0 ½ ½ ½ * ½ 1 3.0/6 7.75
6 Milos ½ ½ ½ ½ ½ * 0 2.5/6
7 Needleman 0 0 0 ½ 0 1 * 1.5/6
blau: Kurzremis
Nach Darstellung von Carlos Illardo hat sich Rubens Felgaer an
dem vermeintlichen Remiskomplott nicht beteiligt. Er spielt in Runde Eins ein
Kurzremis gegen Onischuk und ein weiteres gegen Kamsky in Runde 6. Er verliert
gegen Grand und gewinnt gegen Needleman. Am Ende hat er 50%. Gaston Needleman
spielt jede Partie durch, wobei er in Runde 7 ein Remisangebot von Vescovi vor
der Partie ablehnte und in Runde 6 einer Zugwiederholung in der Partie gegen
Granda auswich. Hätte er diese beiden halben Punkte nicht eingestellt, wäre er
dennoch wegen der schlechtere Sonderwertung gegenüber dem punktgleichen Milos
ausgeschieden.
Nimmt man Needleman und Felgaer aus der Betrachtung, dann
endeten alle Partien mit einer Ausnahme per Kurzremis: Einzig die Partie
zwischen Granda und Kamsky in der ersten Runde wurde ausgekämpft. Es muss hier
nicht notwendigerweise ein Komplott gegen den schwächsten Spieler in Gang
gesetzt worden sein. Tatsächlich können die Spieler auch so nach ein paar Zügen
davon überzeugt gewesen sein, dass remis nun für beide das Beste ist. Solange
ein (nach vorheriger Absprache riechendes) Kurzremis auch auf offizlellen
Titelwettbewerben erlaubt ist, ist das Verhalten der Spieler Regelkonform. Die
FIDE ist gefordert, bessere Regeln für diese Fälle zu entwerfen. Unklar ist,
wieso der Organisator den Stichkampf in einem Turnier durchgeführt hat und nicht
in Wettkämpfen, so wie das anderswo geschieht.
André Schulz