Tata Steel Chess Runde 1: Abdusattorov und Ding mit Auftaktsiegen

von Klaus Besenthal
14.01.2023 – Beim Tata Steel Chess Tournament in Wijk aan Zee sind am Samstag die Partien der 1. Runde gespielt worden. Im Masters hat Nodirbek Abdusattorov mit Schwarz gegen Richard Rapport gewonnen, und auch Ding Liren hat seinen Sieg gegen Gukesh mit den schwarzen Steinen erzielt. Die übrigen fünf Partien, auch die Schwarzpartie von Vincent Keymer gegen Parham Maghsoodloo, sind remis ausgegangen. Im Challengers gab es zum Auftakt ebenfalls zwei entschiedene Partien: Abhimanyu Mishra gewann gegen Eline Roebers, Max Warmerdam hat Jergus Pechac besiegt. Hinzu kommen auch hier fünf Unentschieden, darunter das Remis von Alexander Donchenko gegen Javokhir Sindarov. | Fotos: © Jurriaan Hoefsmit – Tata Steel Chess Tournament 2023

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Tata Steel Chess Tournament 2023

Die Niederlande sind ein freies und friedliches Land. Man muss es in diesen Zeiten leider vor allem anderen erwähnen: Ohne diese Grundvoraussetzung hätte das Tata Steel Chess Tournament in Wijk aan Zee nie zum "Wimbledon des Schachsports" werden können. Dieser Beiname drückt aus, was viele Schachfreunde sicher schon seit einigen Jahren insgeheim denken: Das Turnier in Wijk hat einen höheren Stellenwert als die FIDE-Weltmeisterschaft. Es ist das wichtigste Schachturnier der Welt, und das kann man sich im Herrschaftsbereich eines psychopathischen Diktators schlichtweg nicht vorstellen.

Die 85. Auflage findet ohne russische Großmeister statt. Vor einem Jahr, wenige Wochen vor Beginn des russischen Vernichtungskriegs gegen die Ukraine, waren am Masters noch drei Russen beteiligt gewesen: Sergey Karjakin, Andrey Esipenko und Daniil Dubov. Volodar Murzin und Polina Shuvalova hatten im Challengers-Turnier mitgespielt. Das diesjährige Wijk-Turnier spiegelt die politische Situation wider: Veranstalter in der freien Welt verzichten oftmals auf Teilnehmer aus Russland, sei es nun aus Überzeugung oder einfach um Probleme von vornherein zu vermeiden. Genügend starke Spieler zusammenzubekommen, die nicht aus Russland kommen, ist ja schon lange kein Problem mehr. Den russischen Schachprofis geht es also schlecht, jedenfalls dann, wenn sie im Land bleiben, und wenn man sieht, wie der Kreml den Krieg in der Ukraine offenbar mit allen verfügbaren Mitteln fortzusetzen gedenkt, dann steht zu befürchten, dass sie einer tristen Zukunft entgegensehen.

Noch schlechter geht es den ukrainischen Schachspielern und Schachspielerinnen. Man hätte den einen oder die andere gerne in Wijk gesehen, jedoch gibt es in dem Land, das immerhin Platz fünf der FIDE-Weltrangliste belegt, zurzeit wohl niemanden, der sich für eine Teilnahme unbedingt aufgedrängt hätte. Bei diesem Konzept, einer Mischung aus absoluter Weltspitze und aufstrebenden Jungspunden, haben andere die Nase vorn.

Ganz ohne Russen geht es dann aber doch nicht: Turnierdirektor Jeroen van den Berg mit FIDE-Vizepräsident Viswanathan Anand und dem russischen FIDE-Präsidenten und langjährigen hochrangigen Funktionär der Putin-Diktatur Arkady Dvorkovich

Eine Diktatur, die ihre Untertanen bis tief ins Privatleben hinein drangsaliert, herrscht auch im Iran. Für die iranischen Frauen besteht, auch im Ausland, absoluter "Kopftuchzwang". Zudem verbieten die Mullahs ihren Schachspielern, gegen Gegner aus Israel zu spielen. Weltklasse-Großmeister müssen aus diesem Grund regelmäßig kampflose Partieverluste hinnehmen, wenn sie irgendwo auf der Welt bei einem Turnier zu Gast sind. Die Weigerung, sich mit einem Israeli ans Schachbrett zu setzen, ist eigentlich jedes Mal ein übler Fall von Antisemitismus. Offenbar sind sich aber alle Offiziellen des Schachsports darüber einig, dass die iranischen Spieler von ihrer Regierung dazu gezwungen werden und selber vollkommen unschuldig sind. Und bislang gibt es auch keine Belege dafür, dass das nicht stimmen würde. Folglich dürfen in Wijk zwei iranische Spitzengroßmeister mitspielen: Parham Maghsoodloo im Masters, M. Amin Tabatabaei im Challengers. Natürlich gibt es unter diesen Umständen keine Teilnehmer aus Israel, was man, bekäme man diese Frage gestellt, wohl ähnlich begründen würde wie das Fehlen ukrainischer Spieler. In Wijk hat man das Iran-Thema also umschifft, doch es bleibt ein Problem, von dem man sich nicht vorstellen mag, dass es noch jahrzehntelang in seiner jetzigen Ausprägung fortbestehen könnte.

Nicht dabei ist in Wijk auch Hans Niemann. Mithin wird Magnus Carlsen bei seinem Versuch, das Turnier zum neunten Mal zu gewinnen, aller Voraussicht nach keine kampflosen Verluste erleiden.

Viele schlimme Probleme also, bei deren Lösung von dem russischen FIDE-Präsidenten Dvorkovich keine Hilfe zu erwarten ist. Mit allen drei Themen beschäftigen sich aber regelmäßig und weltweit auch die Mainstreammedien, so dass die allgemeine Aufmerksamkeit groß ist. Privaten Turnierveranstaltern bleibt gar nichts anderes übrig, als sich im Vorfeld schon damit zu befassen, denn niemand möchte ja, dass seine Veranstaltung in einem solchen Zusammenhang in den Medien erscheint. Allein dieser Zustand ist schlecht und schreit nach Lösungen, auf die man aber wohl noch lange wird warten müssen. In Wijk wird all das jedoch keine Rolle spielen - es wird hoffentlich eine wohlwollende Berichterstattung geben.

Ein indischer Großsponsor möchte natürlich auch einen indischen Exweltmeister beim Schlagen des Eröffnungsgongs sehen

Absolute Weltklasse gepaart mit den stärksten Nachwuchsspielern – das sind die Attribute, die dem Turnier von Wijk zu seiner Ausnahmestellung verholfen haben. Es gibt aber noch einige andere Faktoren, die das Turnier so bedeutend machen. Die Bedenkzeitregelung sieht vor, dass es nach den 100 Minuten für die ersten 40 Züge weitere 50 Minuten für die Züge 41 bis 60 gibt. Die "Für-den-Rest-der-Partie-Regelung" (15 Minuten) greift erst ab Zug 61. Außerdem gibt es 30 Sekunden Zuschlag für jeden gespielten Zug. In der heutigen Zeit ist das fast schon einzigartig: Die Spitzengroßmeister werden auch für die späte Partiephase, fürs Endspiel, mit reichlich Bedenkzeit ausgestattet. Das dürfte die Qualität der Partien noch einmal heben. Überhaupt nimmt man sich für die Durchführung des Turniers reichlich Zeit. Gute zwei Wochen wird in Wijk Schach gespielt. In einer Epoche, die zunehmend von "Rapid & Blitz" geprägt wird, ist diese in Wijk auf verschiedenen Ebenen gelebte Langsamkeit etwas, das sicher vielen Schachfreunden gefallen dürfte.

Großer Zuschauerandrang beim Tata Steel Chess Tournament

Masters

Alle gegen Magnus - so könnte man dieses Turnier überschreiben. Magnus Carlsen möchte es zum neunten Mal gewinnen, doch verschiedene Gruppen von Konkurrenten haben etwas dagegen: langjährige enge Wegbegleiter des Weltmeisters wie Fabiano Caruana, Wesley So, Anish Giri oder Levon Aronian, der mögliche Nachfolger im Amt des Weltmeisters Ding Liren oder die vielen jungen Wilden wie Vincent Keymer, Nodirbek Abdusattorov, Praggnanandhaa oder eben auch der Iraner Maghsoodloo, der erst kurzfristig als Ersatz für Jan-Krzysztof Duda (der "aus persönlichen Gründen" abgesagt hat) ins Turnier gekommen ist.

Jorden van Foreest ½-½ Wesley So

Nach dem Verlust eines Bauern hatte Jorden van Foreest leichte Probleme, konnte die Partie aber dank präziser Verteidigung stets innerhalb der Remisbreite halten.

 

 

Opening package: 1.b3 and Black Secrets in the Modern Italian

Wesley So hat bei ChessBase 2 Eröffnungs-DVD veröffentlicht: 1.b3, der so genannte Nimzowitsch-Larsen-Angriff, aus weißer Sicht und seine Geheimnisse im modernen Italienisch (mit c3 und d3) aus schwarzer Sicht.

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Richard Rapport 0-1 Nodirbek Abdusattorov

Nodirbek Abdusattorov hat in der jüngeren Vergangenheit einen rasanten Aufstieg in die Weltspitze hingelegt, und auch heute, in der Partie gegen den nach Rumänien gewechselten Ungarn Richard Rapport, war die ruhige, positionelle Spielweise des Usbeken wieder sehr beeindruckend:

 

 

Fabiano Caruana ½-½ Anish Giri

Anish Giri hatte großen Vorteil, nachdem Fabiano Caruana mit Weiß zunächst in eine passive Stellung geraten war und sich dann mit Gewalt daraus befreien wollte. Nach einem fehlerhaften Zug Giris konnte Caruana dessen Aktivposten indes der Reihe nach vom Brett nehmen: das Läuferpaar und die beiden Bauern am Damenflügel.

 

 

Fabiano Caruana: frischer Haarschnitt, noch ausbaufähiges Spiel

D. Gukesh 0-1 Ding Liren

Gukesh geriet gegen den chinesischen Weltmeisterschaftsanwärter auf die schiefe Ebene, als er sich nicht traute, den Bauern auf c6 zu schlagen:

 

 

Parham Maghsoodloo ½-½ Vincent Keymer

Vincent Keymer hatte gegen den Iraner zwischenzeitlich gewinnverheißenden Vorteil, doch dieser entglitt ihm wieder, als er den Sack sofort zumachen wollte, statt seine Stellung geduldig noch weiter zu verstärken.

 

 

Das Schwarzremis gegen den starken Iraner war nicht übel für Vincent Keymer, doch es wäre sogar mehr möglich gewesen

Magnus Carlsen ½-½ Levon Aronian

Levon Aronian stand etwas schlechter, nachdem er es im 16. Zug versäumt hatte, seine Dame schnellstmöglich aus der Linie des weißen Turms zu entfernen, doch so schlecht, dass Verlustgefahr bestanden hätte, war die Stellung des Armeniers nicht. Im Gegenteil: Er hatte auf alle taktisch motivierten Versuche Carlsens eine passende Antwort parat:

 

 

Mit Remisen kann der Weltmeister leben, verlieren möchte er sicherlich keine Partie

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Praggnanandhaa ½-½ Arjun Erigaisi

In der Partie der beiden jungen Inder (Pragg ist 17, Erigaisi 19) opferte Pragg einen Bauern, für den er dann lang anhaltende Kompensation in Form der höheren Figurenaktivität haben sollte. Mehr war es aber nicht, die Partie blieb stets innerhalb der Remisbreite:

 

 

Die starken indischen Jungspunde Erigaisi und Pragg

Ergebnisse aus Runde 1

  • Van Foreest, Jorden
    ½
    ½
    So, Wesley
  • Rapport, Richard
    0
    1
    Abdusattorov, Nodirbek
  • Caruana, Fabiano
    ½
    ½
    Giri, Anish
  • Dommaraju Gukesh
    0
    1
    Ding Liren
  • Maghsoodloo, Parham
    ½
    ½
    Keymer, Vincent
  • Carlsen, Magnus
    ½
    ½
    Aronian, Levon
  • Rameshbabu Praggnanandhaa
    ½
    ½
    Arjun Erigaisi

Partien

 

 

Challengers

Im Challengers-Turnier spielt Alexander Donchenko in der 2. Runde am Sonntag mit Schwarz gegen Vaishali, die ältere Schwester von Praggnanandhaa. Die 1. Runde verlief für den deutschen Großmeister noch nicht wirklich befriedigend: Gegen den Usbeken Sindarov stand Donchenko zwischenzeitlich sehr schlecht, bevor er sich dann doch aus den Problemen herauswinden und ein Unentschieden sicherstellen konnte.

Der "jüngste Großmeister aller Zeiten", Abhimanyu Mishra, hat zum Auftakt gleich mal einen Sieg aufs Brett gebracht

Ergebnisse aus Runde 1

  • Yilmaz, Mustafa
    ½
    ½
    Ivic, Velimir
  • Mishra, Abhimanyu
    1
    0
    Roebers, Eline
  • L'Ami, Erwin
    ½
    ½
    Supi, Luis Paulo
  • Warmerdam, Max
    1
    0
    Pechac, Jergus
  • Tabatabaei, M. Amin
    ½
    ½
    Adhiban Baskaran
  • Beerdsen, Thomas
    ½
    ½
    Rameshbabu Vaishali
  • Donchenko, Alexander
    ½
    ½
    Sindarov, Javokhir

Partien

 

 

Turnierseite


Klaus Besenthal ist ausgebildeter Informatiker und ein begeisterter Hamburger Schachspieler. Die Schachszene verfolgt er schon seit 1972 und nimmt fast ebenso lange regelmäßig selber an Schachturnieren teil.
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