"The Semi-Slav": Großartiger Vortrag von Peter Heine Nielsen in doppeltem Sinne

von Hartmut Metz
04.12.2017 – Peter Heine Nielsen ist die Nummer Eins der gefühlten Sekundanten-Weltrangliste, denn er hat schon für zwei Weltmeister gearbeitet. In seiner Zeit mit Vishy Anand wurde Nielsen zum Spezialisten der Semi-Slawischen Verteidigung und hat sein Wissen auf einer DVD zugänglich gemacht. Hartmut Metz hat sich diese angeschaut. (Foto: Hartmut Metz)

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"Habe alle Varianten von Anands WM-Kämpfen noch im Kopf"

Peter Heine Nielsen erweist sich bei "The Semi-Slav" (1.d4 d5 2.c4 c6 3.Sf3 Sf6 4.Sc3 e6) einmal mehr als ausgesprochener Theorie-Experte. Für den dänischen Weltklasse-Großmeister spricht nicht nur, dass ihn Magnus Carlsen als Sekundant von Viswanathan Anand abgeworben hat, was schon Auszeichnung genug ist. Nein, Nielsen hat zudem mit dem Inder zusammen viele Ideen in den Slawisch-Varianten ausgearbeitet. Überdies wirkte sich die Zusammenarbeit mit FIDE-Kurzzeit-Weltmeister Rustam Kasimdzahnov aus, der ebenfalls Anands Sekundanten-Team angehörte und die beiden in den Abspielen befruchtete. Das schimmert gelegentlich durch, wenn der Däne die Varianten erläutert.

Noch mehr Zutrauen in den Autor der siebenstündigen DVD saugt das Publikum aus der sicheren Vortragsweise. Es sind die bisher besten Vorträge, die der Rezensent jemals auf einer ChessBase-DVD sah! Müssen alle anderen Autoren immer wieder hinab auf ihr Manuskript schauen oder stieren zu lange auf den Monitor mit den Stellungen, blickt Nielsen so oft in die Kamera wie kein anderer. Gerät der Carlsen-Sekundant doch einmal ins Stocken, dann nur, weil er nicht mehr in seinem offensichtlich phänomenalen Gedächtnis hat, ob die Partie nun 2004 oder 2005 gespielt wurde. "Bis zu einem gewissen Grad habe ich die Varianten noch im Kopf. Bei allen WM-Siegen von Anand spielten sie schließlich - mit Ausnahme von Sofia - eine große Rolle. Das heißt: Wir steckten viel Zeit in diese Eröffnung, weshalb sie mir präsent blieb", erklärt der frühere Helfer des Inders sein tiefes Wissen. Besonders eingefräst in die Gehirnwindungen haben sich bei dem bescheidenen Großmeister vor allem die Blitz- und Schnellschach-Duelle vor mehr als zehn Jahren mit Garry Kasparov. In Reykjavik stand das scharfe Bauernopfer 7.g4 im Semi-Slawisch zweimal zwischen beiden zur Debatte. Die erste Begegnung remisierte der Däne, in der zweiten konnte Kasparov auch keinen Eröffnungsvorteil herauskneten – doch dann wurde Nielsen mit Schwarz zu forsch und ging rasch unter.

Bezüglich seiner gekonnten Vortragsweise erläutert der 44-Jährige: "Natürlich ist auch hier eine genaue Vorbereitung erforderlich. Es dauert ungefähr drei Tage bei mir, eine DVD einzuspielen. Deshalb habe ich zwischen den Kapiteln auch immer etwas Zeit, die nächsten Abspiele und Datenbanken aufzufrischen." Grinsend ergänzt Nielsen: "Zudem habe ich immer noch als Mann der alten Schule meine Aufzeichnungen auf Papier vor mir liegen!" 

Peter Heine Nielsen im ChessBase-Studio (Foto: Pascal Simon)

Nielsen wägt in klar verständlichem Englisch – was man selbst nicht immer von allen englischen Autoren sagen kann - alle Vorzüge und Nachteile der Varianten in 22 Videos für Spieler beider Farben objektiv ab. Zehn Test-Videos mit ausführlich gezeigten Abspielen ergänzen das ausgezeichnete Material. Zudem hat der Baden-Badener Bundesligaspieler 59 Modell-Partien zusammengestellt. Er analysiert dabei nicht alle selbst – aber Experten wie Anand, Michail Krasenkow, Mihail Marin, Christopher Lutz, Anatoly Karpov oder ein gewisser Kasparov sind ebenfalls vertrauenswürdig. Sie hatten sich in früheren Jahren mit dem Thema befasst und die Partien fürs ChessBase-Magazin etc. analysiert. Die DVD ist für jeden Slawisch-Anhänger ein Muss – und sei es nur, um Spaß an den verrückten offenen Schlagabtäuschen im Moskauer- und Botwinnik-System zu haben.

Peter Heine Nielsen und Vishy Anand (Foto: Hartmut Metz)

Den Fans seiner DVDs verspricht der vielbeschäftigte Weltklasse-Sekundant "weitere DVDs – die Frage ist nur, wann Zeit dafür ist". Der eloquente Großmeister schiebt schmunzelnd nach, dass die Semi-Slawisch-Produktion eigentlich auch "nicht wirklich geplant war. Ich machte sie nur, weil ich meinen Neffen bei ChessBase besuchen wollte, der dort ein Praktikum absolvierte – und dafür brauchte ich für daheim eine gute Ausrede", ulkt der junge Vater mit Blick auf seine gutmütige Gattin, die Weltklassespielerin Viktorija Cmilyte-Nielsen.

Etwas ernster denkt der beste Schach- und Shogi-Spieler Dänemarks über potenzielle weitere Projekte bei ChessBase nach: "Der Drachen lag als erste DVD auf der Hand, weil ich die Variante im letzten Jahr meiner aktiven Zeit sehr oft nutzte und ich mich so ausreichen gewappnet fühlte, um Details zu vermitteln. Bei Semi-Slawisch fühlte ich mich auch, wie erwähnt, wohl wegen meiner Erfahrung als Sekundant. Vielleicht sollte ich den beschleunigten Drachen als nächste DVD ins Visier fassen. Zum einen war es eine alte Liebe von Bent Larsen, zum anderen schrieb ich auch ein Buch darüber zusammen mit Carsten Hansen." Aber am besten gefällt Nielsen doch eine Idee mit Blick auf seinen großen Landsmann: "Oder ich mache einfach etwas über die Partien von Larsen?" So oder so ahnt er: "Schwer zu sagen, aber am Schluss kommen die Jungs von ChessBase doch wieder mit ganz anderen interessanten Vorschlägen ..."

The Semi-Slav

Halb-Slawisch (1.d4 d5 2.c4 c6 3.Sf3 Sf6 4.Sc3 e6) ist eine der interessantesten und spannendsten Eröffnungen nach 1.d4. Nielsen erklärt auf dieser DVD was hinter dieser Eröffnung steckt.

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Peter Heine Nielsen, "The Semi-Slav", Videospielzeit: 7 Std. 6 min. (Englisch), ISBN 978-3-86681-540-7, Preis: 29,90 Euro.


  



Hartmut Metz ist Redakteur beim Badischen Tagblatt mit Hauptsitz in Baden-Baden. Er schreibt außerdem unter anderem für die taz, die Frankfurter Rundschau und den Münchner Merkur über Schach und Tischtennis. Zudem verfasst der FM von der Rochade Kuppenheim regelmäßig Beiträge für das Schach-Magazin 64, Schach-Aktiv (Österreich) und Chessbase.de.
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