Topalov gegen Kramnik: Warum Kramnik Favorit ist

29.08.2006 – Wie Kirsan Ilyumshinov kürzlich in einem Interview verriet, hatte ihm seinerzeit die berühmte bulgarische Wahrsagerin Baba Vanga prophezeit, dass er Präsident des Weltschachbundes werden würde. Sie hatte auch vorher gesagt, dass das kleine Land Bulgarien im Schach einmal eine große Rolle spielen würde und mehrere Weltmeister hervor brächte. Und so kam es. Einer von diesen - Veselin Topalov - will sich im September/Oktober in Elista im Wettkampf gegen den Weltmeister im klassischen Schach Vladimir Kramnik zum absoluten Schachkönig ohne Nebenbuhler krönen. Am besten sollte man Baba Vanga fragen, wie dieser Kampf ausgegangen sein wird. Die blinde Seherin starb jedoch - wie von ihr selbst vorhergesagt - am 11.August 1996. Nun wagt sich ersatzweise André Schulz an diese Frage. Hier die Antwort. Mehr...

ChessBase 14 Download ChessBase 14 Download

ChessBase 14 ist die persönliche Schach-Datenbank, die weltweit zum Standard geworden ist. Und zwar für alle, die Spaß am Schach haben und auch in Zukunft erfolgreich mitspielen wollen. Das gilt für den Weltmeister ebenso wie für den Vereinsspieler oder den Schachfreund von nebenan.

Mehr...

Wiedervereinigungswettkampf Kramnik gegen Topalov: Warum Kramnik Favorit ist
Von André Schulz



Die Vorgeschichte

Für alle jüngeren Schachfreunde sei hier zunächst ganz kurz die Ausgangssituation erklärt: 1993 organisierten Kasparov und Short ihren WM-Kampf nach einem Streit mit dem damaligen FIDE Campomanes ohne den Weltschachbund. Fortan gab es leider zwei Linien in der Frage der Weltmeisterschaften. Kasparov spielte zwei weitere Matches um den Titel. Er gewann 1995 gegen Anand und verlor 2000 gegen Kramnik. Kramnik verteidigte seinen Titel 2004 gegen Leko. Die FIDE war nach dem Ausstieg von Kasparov zunächst ratlos und organisierte dann unter dem neuen Präsidenten Ilyumshinov einige Weltmeisterschaften im .K.o-Modus. Im letzten Jahr schließlich führte man in San Luis ein Rundenturnier durch, das von Veselin Topalov in überlegener Weise gewonnen wurde. Bei einem Treffen der wichtigsten Leute im Schach in Prag 2002 hatte man die Zusammenführung der beiden Weltmeisterlinien beschlossen. Nun kommt es zu dem gewünschten Treffen der beiden Weltmeister.

Der Wettkampf


Die Manager: Silvio Danailov und Carsten Hensel

Der Wettkampf findet in der kalmückischen Hauptstadt Elista vom 21.September bis 13.Oktober statt und wird über 12 Partien ausgetragen. Sieger ist, wer 6,5 Punkte erzielt. Bei Gleichstand folgen vier Schnellschachpartien, bei erneutem Gleichstand zwei Blitzpartien und dann eine Sudden Death-Blitzpartie. Das Preisgeld in Höhe der garantierten Summe von 1 Mio Dollar wird unabhängig vom Ergebnis zu gleichen Teilen zwischen Kramnik und Topalov geteilt. Trotzdem ist der Wettkampf in gewisser Hinsicht ein Alles-oder Nichts-Match. Denn nur der Gewinner qualifiziert sich für das kommende WM-Turnier im nächsten Jahr. Der Verlierer ist ausgeschieden.

Die Spieler

Die letzten beiden Jahre im Turnierschach standen ganz klar im Zeichen von Veselin Topalov. Schon vor der FIDE-WM in Tripolis gehörte Topalov zu den Topspielern der Welt, aber erst mit diesem Turnier begann der kometenhaften Aufstieg des damals 29-Jährigen bis an den Gipfel. Mehrere grandiose Erfolge brachten ihn innerhalb von zwei Jahren an die Spitze der Weltrangliste, die er zur Zeit mit Elo 2813 anführt. Der Bulgare wirkt seit Tripolis  wie verwandelt. Zwar hatte er schon früher einen sehr unternehmenden und für die Zuschauer unterhaltsamen Stil gepflegt, doch nachdem er auch sein Repertoire verändert hatte, schien er die Konkurrenz manchmal fast schon nach Belieben dominieren zu können.

Bei der FIDE-WM in Tripolis ging er mit einer Bilanz von 9,5:0,5 ins Halbfinale, wo er dann allerdings gegen den späteren Sieger Rustam Kasimdzhanov ausschied. Zwar wurde er beim Courturnier 2005 "nur" Dritter und musste zwei Niederlagen einstecken - gegen Polgar und gegen Adams. Doch in Linares siegte er dann zusammen mit Kasparov. Das folgende M-Tel Turnier in Sofia konnte er ebenfalls für sich entscheiden. Dortmund 2005 beendete er trotz zweier Niederlagen - eine gegen Kramnik - als Zweiter. Es folgte das berühmte WM-Turnier in San Luis, wo er die übrige Weltelite mit 10,5 aus 14 und 1,5 Punkten Vorsprung wie düpierte. Die Hinrunde hatte er mit 6,5/7 beendet und damit den Grundstein für den Titelgewinn gelegt. In der Rückrunde reichten ihm sieben Remis. Es folgten Turniersiege in Wijk (zusammen mit Anand), in Morelia/Linares nach zunächst schwachem Start und in Sofia, wo Topalov den überragenden Kamsky noch abfangen konnte.

Viele Schachfans waren begeistert und sehen in Topalov den Nachfolger Kasparovs, auch wenn der Bulgare seinen Siegeszug an die Spitze spät und nicht wie Kasparov schon mit Anfang 20 begonnen hatte.

Kasparov selber sah allerdings schon viel früher Vladimir Karmnik als seinen Nachfolger an. Als er dem jungen Kramnik Anfang der Neunziger begegnete, war er von dessen Schachverständnis so begeistert, dass er dafür sorgte, dass der 17-Jährige schon 1992 bei der Schacholympiade in Manila zur russischen Mannschaft gehörte. Bei der Vorbereitung auf den WM-Kampf 1995 gegen Anand ließ sich Kasparov von Kramnik helfen und ahnte wohl bereits, dass ihm in diesem ein ernsthafter Rivale entstand. Kramnik wurde der zweite Spieler, der nach Kasparov jemals über die 2800er-Elomarke kam. Und tatsächlich erwies sich Kramnik dann beim WM-Kampf in London 2000 als unüberwindbares Hindernis. Kasparov war nicht in der Lage, gegen den nun 25-Jährigen auch nur eine einzige Partie zu gewinnen.


Mit 2:0 nach Gewinnpartien endete der Kampf zugunsten von Kramnik. Die 15-jährige Herrschaft von Kasparov als Weltmeister war beendet. Der neue Weltmeister bildete zu dieser Zeit ein Team von Helfern, die ihm auch beim Titelkampf gegen Leko in Brissago 2004 zur Seite standen. Dieses Match fand für Kramnik unter sehr viel ungünstigeren Bedingungen statt. Heute weiß man, dass Kramnik nach seinem Kampf gegen Kasparov mehr und mehr unter einer offenbar chronischen Athritis litt, die ihm schwer zu schaffen machte und ihn auch beim Schach so stark behinderte, dass er in der Weltrangliste immer weiter abrutschte. Während des Wettkampfes in Brissago musste er sich sogar ärztlich behandeln lassen, um den Kampf zu Ende führen zu können. Gegen den Herausforderer aus Ungarn lag er zurück, doch in der letzten Partie mobilisierte er alle noch vorhandenen Kräfte und glich den Kampf aus, wodurch er im Besitz des Titels blieb.

Kramniks Erfolge als Turnierspieler sollen hier nicht aufgezählt werden. Es gibt zahlreiche grandiose Turniersiege in Kramniks Laufbahn, auch wenn der Mann aus Tuapse vielleicht nicht so überlegen aufgetreten ist, wie Topalov es zuletzt demonstriert hat. In Interviews erzählte der Weltmeister im klassischen Schach, dass die Behandlung seiner Krankheit sehr gute Fortschritte mache. Bei der Schacholympiade in Turin war er bester Spieler, im Sommer siegte er in Dortmund. Bei der Pressekonferenz der RAG in Essen präsentierte er sich bestens gelaunt. Von Krankheit keine Spur,. Die Talsohle scheint durchschritten.

Die Chancen

Interessanter als Kramniks Turniererfolge sind hingegen Topalovs Wettkampferfahrungen. Die Auseinandersetzung in Elista ist ein Wettkampf,  kein Turnier. Hier liegt Kramnik deutlich im Vorteil. Mit seinen beiden WM-Kämpfen gegen Kasparov und Leko besitzt er eine Matcherfahrung, die Topalov nicht aufweisen kann.

Der FIDE-Weltmeister hat im Laufe seiner Karriere nur wenige und sehr kurze Wettkämpfe gespielt und diese auch nicht besonders erfolgreich. Gegen Bareev gewann er 2002 im Qualifikationsturnier in Dortmund einen Vierpartien-Wettkamf nach Tiebreak. Gegen Leko verlor er im Kandidatenfinale, ebenfalls über vier Partien. Im April gewann er mit 3:1 gegen Dieter Nisipeanu. Vor 12 Jahren hat der Bulgare einmal einen Sechspartien-Wettkampf gegen Illescas ausgetragen, doch noch nie hat er die Erfahrung eines längeren Wettkampfs gemacht. Die Gesetze eines langen Wettkampfes sind ganz andere als die eines Turniers -doch der FIDE-Weltmeister kennt sie bisher nicht. Wie wird sich das auswirken?

Es gibt einen weiteren Aspekt, der für Kramnik spricht. Der Wettkampf findet in der autonomen russischen Republik Kalmückien statt, also auf russischem Boden. Im kürzlich veröffentlichten Interview mit dem Sport-Express wurde der FIDE-Präsident, gleichzeitig Staatspräsident von Kalmückien, ob für beide Spieler gleiche Spielbedingungen herrschen würden. Offenbar gibt es Befürchtungen im Lager Topalovs, dass dies vielleicht nicht der Fall sein könne.


Silvio Danailov auf dem Flughafen in Elista


Topalovs Manager und der FIDE-Präsident


Carsten Hensel, Manager von Kramnik und Alexander Bakh, Executiv Officer des Russischen Verbandes


Treffen mit Kirsan Ilyumshinov

Der FIDE-Präsident, der spätestens seit der WM in San Luis auch gute Beziehungen zu Topalov und seinen Leuten pflegt, zerstreute alle Bedenken und garantierte, dass die Spielbedingungen für beide Spieler gleich sein werden. Doch was sind "gleiche Bedingungen" in Russland, wenn einer der beiden Kandidaten ein Russe ist?

Falls Karmnik in Elista die Form seines Wettkampfes gegen Kasparov oder seine Form der Schacholympiade auch in Elista ans Brett bringen kann - und alles spricht dafür, dass dies der Fall sein wird - dann wird es schwer für Topalov. Im Match in London 2000 ließ Kramnik keine einzige Niederlage zu - dies gegen Kasparov! - und wartet geduldig auf seine Chancen. Was wird Topalov unternehmen, wenn er über mehrere Partien immer wieder gegen eine Wand läuft? Wie wird er sich verhalten, wenn er unter Druck gerät und dieser wie in einer Schrottpresse langsam und scheinbar unaufhaltsam immer größer wird?





Werfen wir zum Schluss noch einen Blick auf die persönliche Bilanz der Beiden gegeneinander. Addiert man alle Begegnungen, egal ob lange Partien, Schnellschach, Blindschach oder Blitz, dann steht es 19:9 für Kramnik bei 34 Remis. Schaut man nur auf die Turnierpartien, ergibt sich ein Vorteil von 10:5 für Kramnik bei 24 Remisen.

Nur wenn man ausschließlich die letzten sechs Partien betrachtet, die Topalov m Verlauf seines Höhenfluges gegen Kramnik gespielt hat, als dieser allerdings noch unter seiner Krankheit litt, ist die Bilanz ausgeglichen - mehr aber auch nicht: Beide gewannen je zwei Partien und spielten dreimal Remis.

Was würde Baba Vanga wohl vorhersagen? Vielleicht, dass eine bulgarische Weltmeisterschaft im Herbst 2006 enden wird. In jedem Fall wird es für die Zuschauer und Schachfans eine spannende Angelegenheit.

Kramnik gegen Topalov: Die Partien gegeneinander...


Links:

Infos zum Wettkampf (fide.com)...

Interview mit Kirsan Ilyumshinov...

Interview mit Kramnik...

Bericht vom Besuch der Kramnik-Delegation (fide.com)...

Bericht vom Besuch der Topalov-Delegation (fide.com)...


Zeitplan:

OPENING CEREMONY - 21 September 2006, 7.00 p.m.
DAY 2 - 22 September 2006 - REST DAY
DAY 3 - 23 September 2006, 3.00 p.m - GAME 1
DAY 4 - 24 September 2006, 3.00 p.m - GAME 2
DAY 5 - 25 September 2006 - REST DAY
DAY 6 - 26 September 2006, 3.00 p.m. - GAME 3
DAY 7 - 27 September 2006, 3.00 p.m. - GAME 4
DAY 8 - 28 September 2006 - REST DAY
DAY 9 - 29 September 2006, 3.00 p.m. - GAME 5
DAY 10 - 30 September 2006, 3.00 p.m. - GAME 6
DAY 11 - 1 October 2006, Reversal of Colours - REST DAY
DAY 12 - 2 October 2006, 3.00 p.m. - GAME 7
DAY 13 - 3 October 2006, 3.00 p.m. - GAME 8
DAY 14 - 4 October 2006 - REST DAY
DAY 15 - 5 October 2006, 3.00 p.m. - GAME 9
DAY 16 - 6 October 2006, 3.00 p.m. - GAME 10
DAY 17 - 7 October 2006 - REST DAY
DAY 18 - 8 October 2006, 3.00 p.m. - GAME 11
DAY 19 - 9 October 2006 - REST DAY
DAY 20 - 10 October 2006, 3.00 p.m. - GAME 12
DAY 21 - 11 October 2006 - REST DAY
DAY 22 - 12 October 2006, 3.00 p.m. - TIE BREAKS
CLOSING CEREMONY - 13 October 2006, 7.00 p.m.

 

 

 

 

 

 

 


Discussion and Feedback Join the public discussion or submit your feedback to the editors


Diskutieren

Regeln für Leserkommentare

 
 

Noch kein Benutzer? Registrieren