Trainieren mit dem Weltmeister: Interview mit Stefan Meyer-Kahlen in SM 64

08.01.2007 – Für viele wäre es der absolute Traum - einmal mit dem Weltmeister trainieren. Für Sefan Meyer-Kahlen ist er wahr geworden. Als Autor des mehrfachen Weltmeister-Programms Shredder wurde er von Vladimir Kramnik zu Vorbereitung des Wettkampfes gegen Deep Fritz ins Team geholt. Hier konnte der ambitionierte Klubspieler aus nächster Nähe mitverfolgen, wie der Weltmeister sich vorbereitet. Im Interview mit Günther Rehburg schildert Meyer-Kahlen seine Eindrücke. Diese erschien zusammen mit Interviews mit Chrilly Donninger und den "Spike"-Autoren Ralf Schäfer und Volker Böhm im Rahmen einer Nachbetrachtung des Wettkampfes zwischen Deep Fritz und Kramnik im aktuellen Heft von Schachmagazin 64. Die renommierte Schachzeitschrift aus dem Bremer Schünemann Verlag feiert derzeit einen auch optisch gelungenen Relaunch. Die Erscheinungsweise wurde bei gleichem Gesamtumfang auf monatlich umgestellt. Inhaltlich setzt die Redaktion nun noch mehr auf Trainingsinhalte. Wer gerne auch mal unterwegs oder auf dem Sofa mit Schach schmökern möchte, sollte sich zumindest das preiswerte Probeabo (3 Hefte 5.40 €) nicht entgehen lassen. Probeabo beim Schünemann Verlag...Nachdruck des Interviews...

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Trainingslager mit dem Weltmeister
Schachprogrammierer Stefan Meyer-Kahlen über seine Zusammenarbeit mit Wladimir Kramnik * Von Günter Rehburg

pdf.-Version des Interviews im Original-Layout...

Stefan Meyer-Kahlen, Autor des Programms Shredder, ist Inhaber und Betreiber von www.shredderchess.de, der von ihm so bezeichneten „Heimat“ von Shredder. Sein Programm konnte bisher fast unglaubliche 11 Weltmeisterschaftstitel im Computerschach erringen. Im Rahmen der Chess Classics Mainz trug er in diesem Jahr mit seinem Programm zwei Schach960-Partien gegen den 19jährigen GM Teimour Radjabov aus, der die Junioren-Weltrangliste anführt. Ebenfalls während der Chess Classics Mainz trat er mit Shredder in der gleichen Disziplin im Vorjahr gegen GM Zoltan Almasi an. Beide Auseinandersetzungen konnte Shredder jeweils mit 2:0 für sich entscheiden.

Vor seinem Match gegen Deep Fritz engagierte Weltmeister Kramnik diesen Experten für sein Team. Als Kramniks Manager Carsten Hensel den Shredder-Programmierer ansprach, hat er nicht lange gezögert. „Ich bin ja selbst Schachspieler und Schachfan und die Gelegenheit, mit dem Weltmeister zu arbeiten bekommt man ja nicht alle Tage.“

Und man bekommt auch nicht alle Tage die Gelegenheit zu einem Bericht direkt aus dem Lager des Weltmeisters.

FRAGE: Nach Ihren Worten waren Sie fünf Wochen mit Vladimir Kramnik im Hotel eingesperrt. Wie ist das zu verstehen? Wörtlich? Kein Kontakt zur Außenwelt? Und wenn dem so war, warum?

MEYER-KAHLEN: Wir waren fünf Wochen im Hotel, das ist richtig. Die Vorbereitung war zweigeteilt: die erste Hälfte im Saarland in einem Hotel auf dem Lande, die zweite Hälfte dann während des Wettkampfs in Bonn. Kontakt zur Außenwelt hatten wir schon, zum Glück gibt es ja Internet. Im Saarland war die sonstige Abwechslung aber sehr beschränkt. Auf der Weide vor dem Hotel waren immer die gleichen Kühe und sogar die Speisekarte konnten wir nach einiger Zeit schon auswendig. Das war von Kramnik so gewollt, er kann sich in der Abgeschiedenheit ohne Ablenkungen am besten vorbereiten.

FRAGE: Zu welchem Zeitpunkt vor dem Wettkampfbeginn begann Ihre Zusammenarbeit mit Wladimir Kramnik?

MEYER-KAHLEN: Die Anfrage für den Wettkampf lag mir schon sehr früh vor. Circa sechs Wochen vor dem Match ging es dann so langsam los, richtig gestartet sind wir dann aber, als wir alle zusammen im Hotel waren. Das war etwa drei Wochen vor der ersten Partie.

FRAGE: Welche Aufgabenstellung war Ihnen zugedacht und in welcher Weise haben Sie diese vor und während des Wettkampfs erfüllt?

MEYER-KAHLEN: Meine Aufgabe war es, Schwächen in Fritz zu finden und Kramnik zu erklären, wie Fritz funktioniert. Ansonsten habe ich auch noch unsere Rechner verwaltet. Wir hatten vier Computer vor Ort und dann noch zwei weitere, auf die wir über das Internet zugreifen konnten. Die Firma transtec hat uns hier sehr unterstützt, indem Sie uns leistungsfähige Rechner zur Verfügung stellte. Da ich selbst kein Großmeister bin, habe ich natürlich Shredder genutzt, der in unzähligen Partien und Analysen nach Schwächen bei Fritz gesucht hat.

FRAGE: Wie viel Zeit „durften“ Sie täglich aufbringen, um die gestellte Aufgabe zu erfüllen und wie intensiv war der jeweilige Kontakt?

MEYER-KAHLEN: „Durften“ ist gut. Da es ja eh nix anderes zu tun gab, haben wir die ganze Zeit an der Vorbereitung gearbeitet. Wir haben uns täglich getroffen, und unsere Ergebnisse zusammengetragen. „Wir“, das sind Wladimir, Christopher Lutz und ich.

FRAGE: Inwieweit meinen Sie, entscheidenden Einfluss auf den Wettkampf genommen zu haben und in welchen Bereichen?

MEYER-KAHLEN: Das ist für mich schwer zu sagen. Im Allgemeinen glaube ich aber schon, dass Wladimir sehr gut auf den Wettkampf vorbereitet war, soweit man das in der relativ kurzen Zeit machen kann.

FRAGE: Welchen Tipp hätten Sie hinsichtlich des Ergebnisses vor Beginn des Wettkampfs abgegeben?

MEYER-KAHLEN: Vor dem Start der Vorbereitung war ich eher pessimistisch für Kramnik. Als ich dann aber während der Vorbereitung gesehen habe, was Wladimir alles drauf hat und wie viele Schwächen es noch bei Fritz gibt, wurde ich langsam immer optimistischer.

FRAGE: Waren Sie während des Wettkampfs direkt mit im Spielsaal? Wenn ja, konnten Sie aus der jeweiligen Physiognomie des Weltmeisters etwas über den jeweiligen Stand der Dinge ablesen oder war sein Gesichtsausdruck und seine Körperhaltung immer gleich bleibend?

MEYER-KAHLEN: Ja, ich war bei den Partien vor Ort. Aus Wladimirs Gesten oder Verhalten während der Partien konnte ich allerdings keine Schlüsse ziehen. Er hat stets den gleichen, ruhigen und gelassenen Eindruck gemacht.

FRAGE: Wer zeichnete eigentlich für die Eröffnungswahl Wladimir Kramniks verantwortlich? Mir liegen da unterschiedliche Aussagen vor.   

MEYER-KAHLEN: Natürlich war er selber für die Eröffnungswahl verantwortlich. Er hat uns während der Vorbereitung immer Varianten gezeigt, die wir auf Tauglichkeit gegen Fritz abklopfen sollten. Sicherlich kamen auch von uns hin und wieder Vorschläge und Rückmeldungen zu seinen Ideen, aber letztendlich hat er selbst entschieden, was gespielt wird.

FRAGE: Wie war Ihr Eindruck von Wladimir Kramnik nach dem ersten Remis und wie war Ihr Eindruck von ihm nach diesem fürchterlichen Blackout in der zweiten Partie?

MEYER-KAHLEN: Überraschenderweise hat das Wladimir weniger umgehauen als mich. Er hat das sehr gut weggesteckt und ich war auch noch in den Tagen danach völlig fertig.

FRAGE: Wie erklären Sie sich diesen grauenhaften Fehlgriff des Weltmeisters und wie hat er selbst die Ursachen dazu dargestellt?

MEYER-KAHLEN: Das ist schwer zu sagen. Ich denke, dass das Problem das ungewöhnliche Muster mit dem Springer auf f8 war. Menschen denken in Mustern und ein Matt mit Dame auf h7 und Springer auf f8 kommt nicht sehr häufig vor. Mit dem Springer auf f6 oder g5 wäre das sicher nicht passiert, hier hätten alle Alarmglocken bei Wladimir geläutet.

FRAGE: Wie lange hat es gedauert – er muss doch zunächst sehr niedergeschlagen gewesen sein, bis Sie zu der Überzeugung kamen, er hatte sich von diesem schweren Rückschlag erholt?

MEYER-KAHLEN: Schon bei unserem nächsten Treffen war ich erleichtert zu sehen, dass ihn das wohl nicht weiter stört. Ich hatte die größten Befürchtungen, dass er sich von diesem Tiefschlag nicht mehr erholt. Als ich dann aber gesehen habe, dass er so wie sonst auch immer war, konnte ich diese Befürchtung zu den Akten legen.

FRAGE: Wie groß war die Hoffnung, beispielsweise nach dem nächsten Remis, den Wettkampf doch noch zur positiven Seite wenden zu können?

MEYER-KAHLEN: Wir waren sehr guter Dinge. Die ersten beiden Partien liefen ja eigentlich sehr gut. In beiden hatte Wladimir Vorteil und konnte ohne großes Risiko auf Gewinn spielen. Mit etwas Glück hätte es nach den ersten beiden Partien auch 2:0 stehen können.

FRAGE: Wer hat über die Eröffnungswahl der letzten Partie entschieden bzw. inwieweit wurde Wladimir Kramnik diesbezüglich beraten?

MEYER-KAHLEN: Wladimir hat das selbst entschieden. Direkt nach der fünften Partie hat er uns gesagt, dass er in der letzten Runde Najdorf probieren möchte und wir uns noch mal alles genau anschauen sollen. Wir haben dann bei den nächsten Treffen unsere Ergebnisse präsentiert und natürlich auch Vorschläge gemacht, aber wie gesagt, die letzte Entscheidung lag immer bei Wladimir.

FRAGE: Wurden auch Überlegungen angestellt mit dem bisherigen Eröffnungsrepertoire fortzufahren, dabei ggf. eine 2,5:3,5 Niederlage einzukalkulieren, um anschließend die knappe Gesamtniederlage auf den Fehlgriff in der zweiten Partie zurückführen zu können?

MEYER-KAHLEN: Nein. Wladimir wollte die letzte Partie gewinnen, um so den Wettkampf noch auszugleichen. Mit Schwarz ist das natürlich schwer und riskant, er wollte es aber unbedingt probieren.

FRAGE: Wie gestaltete sich das Zusammenleben mit Wladimir Kramnik insgesamt, nach der verheerenden Niederlage in der zweiten Partie und gegen Ende des Wettkampfs, als eine Wende kaum noch zu erwarten war?

MEYER-KAHLEN: Die Zusammenarbeit mit ihm war über den ganzen Zeitraum sehr gut. Er ist ein sehr angenehmer Mensch, ohne irgendwelche Allüren, Wutausbrüche, „Rumgemotze“ oder sonstigen negativen Eigenschaften. Egal ob es gerade gut oder schlecht lief, die Arbeit und das Beisammensein mit ihm war immer sehr angenehm.

FRAGE: War der Weltmeister auch vor der letzten Partie noch voller Optimismus oder hatte er Zweifel, auch in Bezug auf die Eröffnungswahl?

MEYER-KAHLEN: Natürlich war ihm klar, dass es in der letzten Runde mit Schwarz sehr riskant ist, auf Gewinn zu spielen. Ich denke aber, dass er es nicht versucht hätte, wenn er nicht an die Möglichkeit geglaubt hätte, dass er gewinnen kann und dass seine Eröffnungswahl die besten Chancen dazu bietet.

FRAGE: Wie hat Wladimir Kramnik die Gesamtniederlage nach der letzten Partie hingenommen?

MEYER-KAHLEN: Wie gesagt, er hat das alles sehr gut verkraftet. Natürlich war er, wie wir alle, auch enttäuscht, dass es nicht geklappt hat. Aber alle haben ihr bestes gegeben und am Ende waren alle sicher auch froh, dass es endlich vorbei ist und dass wir das Hotelleben beenden und wieder in unser normales Leben zurückkehren können.

FRAGE: Hat der Weltmeister die Absicht nochmals gegen ein Computerprogramm oder direkt gegen „Deep Fritz“ anzutreten?

MEYER-KAHLEN: Ich denke schon. Er hat gesehen, dass er noch gut mit den Programmen mithalten kann und dass diese immer noch große Schwächen haben. Aber letztlich müssen Sie das Wladimir fragen.

FRAGE: Wenn ja, wie schätzt er die Aussichten nochmals diese Chance eingeräumt zu bekommen ein?

MEYER-KAHLEN: Wegen seines Stils ist er sicher der Spieler, der noch am meisten Chancen gegen heutige Spitzenprogramme wie Shredder oder Fritz hat. Für andere Topspieler, wie z. B. Topalov, sehe ich nicht so gute Chancen, gegen die Maschine zu bestehen.

FRAGE: Sieht Kramnik die Entscheidung zwischen Mensch und Programm/Maschine nach diesem Wettkampf als gefallen oder sieht er ein Gleichgewicht oder den Menschen immer noch im Vorteil?

MEYER-KAHLEN: Nein, die Entscheidung ist sicher noch nicht gefallen. Der Verlauf des Wettkampfs und auch unsere Vorbereitung haben gezeigt, dass der Mensch der Maschine in vielen Bereichen noch überlegen ist. Nach einer Niederlage ist es sicher schwer zu behaupten, dass der Mensch noch im Vorteil ist, er ist aber sicher auch nicht chancenlos.

FRAGE: Wie würden Sie persönlich diese Frage beantworten?

MEYER-KAHLEN: Ich sehe es genau so. Es wird sicher immer schwerer, die vorhandenen Schwächen der Programme auszunutzen. Die Programmierer leisten hier sehr gute Arbeit, diese Schwächen zu reduzieren und die immer schneller werdende Hardware ist dabei sicher auch hilfreich. Durch die intensive Arbeit mit Wladimir und Christopher habe ich auch sehr viele Ideen und Ansatzpunkte gefunden, wie ich Shredder noch weiter verbessern kann. Langfristig wird der Mensch sicher keine Chance mehr haben, aber zurzeit sehe ich den Vergleich Mensch gegen Maschine noch als relativ ausgeglichen an.

 


Die bekannte Zeitschrift Schach Magazin 64 erscheint ab Jahresbeginn 2007 monatlich in einem Umfang von 52 großformatigen Seiten. Dies entspricht rund 100 Seiten bei kleinformatigen Zeitschriften oder Büchern. Die neueste Ausgabe gleicht in der Tat einem kleinen Buch, sie ist randvoll mit  interessanten Beiträgen wie z.B. der Bericht aus dem „Trainingslager des Weltmeisters“.

Neben acht Turnierberichten, u.a. über ein starkes Open am Polarkreis, fällt von allem die Erweiterung des Bereichs „Trainingsbeiträge“ auf. Zu der schon seit Jahren erscheinenden Serie „Test & Training“ von Daniel King (u.a. Autor der Chessbase-DVD Serie  "Powerplay"), kamen drei weitere dazu: Endspiele, „Der beste Zug“ und – bis jetzt nirgendwo sonst in deutschsprachiger Schachpresse – „Verteidigung“. Insgesamt sind in der Januarausgabe 27 Beiträge und Rubriken zu finden.

Der Verlag bietet stark verbilligte Ausgaben als günstiges Probeabo an (3 Hefte für nur 5.40 €) hier.

 

 

 

 

 

 

 

 



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