Trainingslager mit dem Weltmeister
Schachprogrammierer Stefan Meyer-Kahlen über seine
Zusammenarbeit mit Wladimir Kramnik * Von Günter Rehburg
pdf.-Version des Interviews im Original-Layout...
Stefan
Meyer-Kahlen, Autor des Programms Shredder, ist Inhaber und Betreiber von
www.shredderchess.de,
der von ihm so bezeichneten „Heimat“ von Shredder. Sein Programm konnte bisher
fast unglaubliche 11 Weltmeisterschaftstitel im Computerschach erringen. Im
Rahmen der Chess Classics Mainz trug er in diesem Jahr mit seinem Programm zwei
Schach960-Partien gegen den 19jährigen GM Teimour Radjabov aus, der die
Junioren-Weltrangliste anführt. Ebenfalls während der Chess Classics Mainz trat
er mit Shredder in der gleichen Disziplin im Vorjahr gegen GM Zoltan Almasi an.
Beide Auseinandersetzungen konnte Shredder jeweils mit 2:0 für sich entscheiden.
Vor
seinem Match gegen Deep Fritz engagierte Weltmeister Kramnik diesen Experten für
sein Team. Als Kramniks Manager Carsten Hensel den Shredder-Programmierer
ansprach, hat er nicht lange gezögert. „Ich bin ja selbst Schachspieler und
Schachfan und die Gelegenheit, mit dem Weltmeister zu arbeiten bekommt man ja
nicht alle Tage.“
Und man
bekommt auch nicht alle Tage die Gelegenheit zu einem Bericht direkt aus dem
Lager des Weltmeisters.
FRAGE:
Nach Ihren
Worten waren Sie fünf Wochen mit Vladimir Kramnik im Hotel eingesperrt. Wie ist
das zu verstehen? Wörtlich? Kein Kontakt zur Außenwelt? Und wenn dem so war,
warum?
MEYER-KAHLEN:
Wir waren fünf Wochen im Hotel, das ist richtig. Die Vorbereitung
war zweigeteilt: die erste Hälfte im Saarland in einem Hotel auf dem Lande, die
zweite Hälfte dann während des Wettkampfs in Bonn. Kontakt zur Außenwelt hatten
wir schon, zum Glück gibt es ja Internet. Im Saarland war die sonstige
Abwechslung aber sehr beschränkt. Auf der Weide vor dem Hotel waren immer die
gleichen Kühe und sogar die Speisekarte konnten wir nach einiger Zeit schon
auswendig. Das war von Kramnik so gewollt, er kann sich in der Abgeschiedenheit
ohne Ablenkungen am besten vorbereiten.
FRAGE:
Zu welchem
Zeitpunkt vor dem Wettkampfbeginn begann Ihre Zusammenarbeit mit Wladimir
Kramnik?
MEYER-KAHLEN: Die
Anfrage für den Wettkampf lag mir schon sehr früh vor. Circa sechs Wochen vor
dem Match ging es dann so langsam los, richtig gestartet sind wir dann aber, als
wir alle zusammen im Hotel waren. Das war etwa drei Wochen vor der ersten
Partie.
FRAGE:
Welche
Aufgabenstellung war Ihnen zugedacht und in welcher Weise haben Sie diese vor
und während des Wettkampfs erfüllt?
MEYER-KAHLEN: Meine
Aufgabe war es, Schwächen in Fritz zu finden und Kramnik zu erklären, wie Fritz
funktioniert. Ansonsten habe ich auch noch unsere Rechner verwaltet. Wir hatten
vier Computer vor Ort und dann noch zwei weitere, auf die wir über das Internet
zugreifen konnten. Die Firma transtec hat uns hier sehr unterstützt, indem Sie
uns leistungsfähige Rechner zur Verfügung stellte. Da ich selbst kein
Großmeister bin, habe ich natürlich Shredder genutzt, der in unzähligen Partien
und Analysen nach Schwächen bei Fritz gesucht hat.
FRAGE:
Wie viel
Zeit „durften“ Sie täglich aufbringen, um die gestellte Aufgabe zu erfüllen und
wie intensiv war der jeweilige Kontakt?
MEYER-KAHLEN:
„Durften“ ist gut. Da es ja eh nix anderes zu tun gab, haben wir die ganze Zeit
an der Vorbereitung gearbeitet. Wir haben uns täglich getroffen, und unsere
Ergebnisse zusammengetragen. „Wir“, das sind Wladimir, Christopher Lutz und ich.
FRAGE:
Inwieweit
meinen Sie, entscheidenden Einfluss auf den Wettkampf genommen zu haben und in
welchen Bereichen?
MEYER-KAHLEN: Das
ist für mich schwer zu sagen. Im Allgemeinen glaube ich aber schon, dass
Wladimir sehr gut auf den Wettkampf vorbereitet war, soweit man das in der
relativ kurzen Zeit machen kann.
FRAGE:
Welchen Tipp
hätten Sie hinsichtlich des Ergebnisses vor Beginn des Wettkampfs abgegeben?
MEYER-KAHLEN: Vor
dem Start der Vorbereitung war ich eher pessimistisch für Kramnik. Als ich dann
aber während der Vorbereitung gesehen habe, was Wladimir alles drauf hat und wie
viele Schwächen es noch bei Fritz gibt, wurde ich langsam immer optimistischer.
FRAGE:
Waren Sie
während des Wettkampfs direkt mit im Spielsaal? Wenn ja, konnten Sie aus der
jeweiligen Physiognomie des Weltmeisters etwas über den jeweiligen Stand der
Dinge ablesen oder war sein Gesichtsausdruck und seine Körperhaltung immer
gleich bleibend?
MEYER-KAHLEN:
Ja, ich war bei den Partien vor Ort. Aus Wladimirs Gesten oder
Verhalten während der Partien konnte ich allerdings keine Schlüsse ziehen. Er
hat stets den gleichen, ruhigen und gelassenen Eindruck gemacht.
FRAGE: Wer zeichnete
eigentlich für die Eröffnungswahl Wladimir Kramniks verantwortlich? Mir liegen
da unterschiedliche Aussagen vor.
MEYER-KAHLEN:
Natürlich war er selber für die Eröffnungswahl verantwortlich. Er
hat uns während der Vorbereitung immer Varianten gezeigt, die wir auf
Tauglichkeit gegen Fritz abklopfen sollten. Sicherlich kamen auch von uns hin
und wieder Vorschläge und Rückmeldungen zu seinen Ideen, aber letztendlich hat
er selbst entschieden, was gespielt wird.
FRAGE:
Wie war Ihr
Eindruck von Wladimir Kramnik nach dem ersten Remis und
wie war Ihr Eindruck von ihm
nach diesem fürchterlichen Blackout in der zweiten Partie?
MEYER-KAHLEN:
Überraschenderweise hat das Wladimir weniger umgehauen als mich.
Er hat das sehr gut weggesteckt und ich war auch noch in den Tagen danach völlig
fertig.
FRAGE: Wie erklären
Sie sich diesen grauenhaften Fehlgriff des Weltmeisters und wie hat er selbst
die Ursachen dazu dargestellt?
MEYER-KAHLEN:
Das ist schwer zu sagen. Ich denke, dass das Problem das
ungewöhnliche Muster mit dem Springer auf f8 war. Menschen denken in Mustern und
ein Matt mit Dame auf h7 und Springer auf f8 kommt nicht sehr häufig vor. Mit
dem Springer auf f6 oder g5 wäre das sicher nicht passiert, hier hätten alle
Alarmglocken bei Wladimir geläutet.
FRAGE:
Wie lange
hat es gedauert – er muss doch zunächst sehr niedergeschlagen gewesen sein, bis
Sie zu der Überzeugung kamen, er hatte sich von diesem schweren Rückschlag
erholt?
MEYER-KAHLEN:
Schon bei unserem nächsten Treffen war ich erleichtert zu sehen,
dass ihn das wohl nicht weiter stört. Ich hatte die größten Befürchtungen, dass
er sich von diesem Tiefschlag nicht mehr erholt. Als ich dann aber gesehen habe,
dass er so wie sonst auch immer war, konnte ich diese Befürchtung zu den Akten
legen.
FRAGE:
Wie groß war
die Hoffnung, beispielsweise nach dem nächsten Remis, den Wettkampf doch noch
zur positiven Seite wenden zu können?
MEYER-KAHLEN:
Wir waren sehr guter Dinge. Die ersten beiden Partien liefen ja
eigentlich sehr gut. In beiden hatte Wladimir Vorteil und konnte ohne großes
Risiko auf Gewinn spielen. Mit etwas Glück hätte es nach den ersten beiden
Partien auch 2:0 stehen können.
FRAGE:
Wer hat über
die Eröffnungswahl der letzten Partie entschieden bzw. inwieweit wurde Wladimir
Kramnik diesbezüglich beraten?
MEYER-KAHLEN:
Wladimir hat das selbst entschieden. Direkt nach der fünften Partie hat er uns
gesagt, dass er in der letzten Runde Najdorf probieren möchte und wir uns noch
mal alles genau anschauen sollen. Wir haben dann bei den nächsten Treffen unsere
Ergebnisse präsentiert und natürlich auch Vorschläge gemacht, aber wie gesagt,
die letzte Entscheidung lag immer bei Wladimir.
FRAGE: Wurden auch Überlegungen angestellt mit dem bisherigen
Eröffnungsrepertoire fortzufahren, dabei ggf. eine 2,5:3,5 Niederlage
einzukalkulieren, um anschließend die knappe Gesamtniederlage auf den Fehlgriff
in der zweiten Partie zurückführen zu können?
MEYER-KAHLEN:
Nein. Wladimir wollte die letzte Partie gewinnen, um so den
Wettkampf noch auszugleichen. Mit Schwarz ist das natürlich schwer und riskant,
er wollte es aber unbedingt probieren.
FRAGE: Wie
gestaltete sich das Zusammenleben mit Wladimir Kramnik insgesamt, nach der
verheerenden Niederlage in der zweiten Partie und gegen Ende des Wettkampfs, als
eine Wende kaum noch zu erwarten war?
MEYER-KAHLEN: Die
Zusammenarbeit mit ihm war über den ganzen Zeitraum sehr gut. Er ist ein sehr
angenehmer Mensch, ohne irgendwelche Allüren, Wutausbrüche, „Rumgemotze“ oder
sonstigen negativen Eigenschaften. Egal ob es gerade gut oder schlecht lief, die
Arbeit und das Beisammensein mit ihm war immer sehr angenehm.
FRAGE: War der
Weltmeister auch vor der letzten Partie noch voller Optimismus oder hatte er
Zweifel, auch in Bezug auf die Eröffnungswahl?
MEYER-KAHLEN:
Natürlich war ihm klar, dass es in der letzten Runde mit Schwarz sehr riskant
ist, auf Gewinn zu spielen. Ich denke aber, dass er es nicht versucht hätte,
wenn er nicht an die Möglichkeit geglaubt hätte, dass er gewinnen kann und dass
seine Eröffnungswahl die besten Chancen dazu bietet.
FRAGE: Wie hat
Wladimir Kramnik die Gesamtniederlage nach der letzten Partie hingenommen?
MEYER-KAHLEN:
Wie gesagt, er hat das alles sehr gut verkraftet.
Natürlich war er, wie wir alle, auch enttäuscht, dass es nicht geklappt hat.
Aber alle haben ihr bestes gegeben und am Ende waren alle sicher auch froh, dass
es endlich vorbei ist und dass wir das Hotelleben beenden und wieder in unser
normales Leben zurückkehren können.
FRAGE: Hat der
Weltmeister die Absicht nochmals gegen ein Computerprogramm oder direkt gegen
„Deep Fritz“ anzutreten?
MEYER-KAHLEN: Ich
denke schon. Er hat gesehen, dass er noch gut mit den Programmen mithalten kann
und dass diese immer noch große Schwächen haben. Aber letztlich müssen Sie das
Wladimir fragen.
FRAGE: Wenn ja, wie
schätzt er die Aussichten nochmals diese Chance eingeräumt zu bekommen ein?
MEYER-KAHLEN: Wegen
seines Stils ist er sicher der Spieler, der noch am meisten Chancen gegen
heutige Spitzenprogramme wie Shredder oder Fritz hat. Für andere Topspieler, wie
z. B. Topalov, sehe ich nicht so gute Chancen, gegen die Maschine zu bestehen.
FRAGE: Sieht Kramnik
die Entscheidung zwischen Mensch und Programm/Maschine nach diesem Wettkampf als
gefallen oder sieht er ein Gleichgewicht oder den Menschen immer noch im
Vorteil?
MEYER-KAHLEN: Nein,
die Entscheidung ist sicher noch nicht gefallen. Der Verlauf des Wettkampfs und
auch unsere Vorbereitung haben gezeigt, dass der Mensch der Maschine in vielen
Bereichen noch überlegen ist. Nach einer Niederlage ist es sicher schwer zu
behaupten, dass der Mensch noch im Vorteil ist, er ist aber sicher auch nicht
chancenlos.
FRAGE: Wie würden
Sie persönlich diese Frage beantworten?
MEYER-KAHLEN: Ich
sehe es genau so. Es wird sicher immer schwerer, die vorhandenen Schwächen der
Programme auszunutzen. Die Programmierer leisten hier sehr gute Arbeit, diese
Schwächen zu reduzieren und die immer schneller werdende Hardware ist dabei
sicher auch hilfreich. Durch die intensive Arbeit mit Wladimir und Christopher
habe ich auch sehr viele Ideen und Ansatzpunkte gefunden, wie ich Shredder noch
weiter verbessern kann. Langfristig wird der Mensch sicher keine Chance mehr
haben, aber zurzeit sehe ich den Vergleich Mensch gegen Maschine noch als
relativ ausgeglichen an.
Die
bekannte Zeitschrift
Schach Magazin 64 erscheint ab Jahresbeginn 2007 monatlich in einem Umfang
von 52 großformatigen Seiten. Dies entspricht rund 100 Seiten bei
kleinformatigen Zeitschriften oder Büchern. Die neueste Ausgabe gleicht in der
Tat einem kleinen Buch, sie ist randvoll mit interessanten Beiträgen wie z.B.
der Bericht aus dem „Trainingslager des Weltmeisters“.
Neben acht Turnierberichten, u.a. über ein starkes Open am Polarkreis, fällt von
allem die Erweiterung des Bereichs „Trainingsbeiträge“ auf. Zu der schon seit
Jahren erscheinenden Serie „Test & Training“ von Daniel King (u.a. Autor der
Chessbase-DVD Serie "Powerplay"), kamen drei weitere dazu: Endspiele, „Der
beste Zug“ und – bis jetzt nirgendwo sonst in deutschsprachiger Schachpresse –
„Verteidigung“. Insgesamt sind in der Januarausgabe 27 Beiträge und Rubriken zu
finden.
Der Verlag bietet stark verbilligte Ausgaben
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