Trotz oder Trumpf?

26.04.2020 – In der Spanischen Eröffnung spielt Weiß 8.a4, um dem Marshall-Gambit aus dem Wege zu gehen. Daniil Dubov schockte bei der Europäischen Mannschaftsmeisterschaft 2019 seinen Gegner aus Dänemark und spielte trotzdem einfach 8...d5!? Und schon war "Anti-Anti-Marshall" geboren. Dubov gewann die Partie überzeugend – aber was ist von dieser Reaktion wirklich zu halten? Krisztian Szabo zieht im aktuellen ChessBase Magazin ein erstes Fazit.

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Der Anti-Anti-Marshall

Krisztian Szabo inspiziert das verblüffende 8...d5!?

Die aktuelle Übersicht widmet sich dem folgenden Eröffnungsabspiel der Anti-Marshall-Variante im Spanier: 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 a6 4.La4 Sf6 5.0-0 Le7 6.Te1 b5 7.Lb3 0-0 8.a4 d5!?.

 

Wirklich ziemlich verblüffend: Weiß spielt 8.a4, um den Marshall-Angriff zu verhindern, der nach 8.c3 d5 entsteht, und was macht Schwarz? Statt 'normal' am Damenflügel zu reagieren (8...b4 oder 8...Lb7), ignoriert er die Bedrohung seines b5-Bauern komplett und bringt den Zentrumsvorstoß trotzdem! Der Erste, der dies auf hoher Ebene erprobte, war Ivan Sokolov, aber er verlor, und womöglich wurden die Leute dadurch abgeschreckt. Doch vor kurzem gelang es Dubov, mit Schwarz eine schöne Partie zu gewinnen, daher wird 8...d5!? wahrscheinlich bald populär werden.

Im Diagramm gibt es zwei signifikante Unterschiede zum Original-Marshall (8.c3 d5): der b5-Bauer hängt, und Weiß kann seinen Springer noch nach c3 entwickeln.

Weiß hat drei Schlagzüge zur Auswahl: A) 9.Lxd5, B) 9.exd5 und C) 9.axb5.

A) 9.Lxd5

 

Diesem Zug wurde von Wedberg seinerzeit 1996 ein "!" verliehen, aber die Hergabe des weißfeldrigen Läufers sollte Schwarz keine Probleme bereiten auszugleichen. 9...Sxd5 10.exd5 Sd4. Ein typischer Springersatz ins Zentrum (das unerprobte 10...Sb4!? ist eine interessante Alternative zum Textzug, dagegen zeigt 10...Dxd5? 11.Sc3! den Vorteil für Weiß, nicht 8.c3 gespielt zu haben). 11.Sxd4 exd4 12.axb5 Lb7.

 

Die weiße Damenflügelentwicklung ist schlimm genug, und weder 13.bxa6 noch 13.Dg4 hindert Schwarz daran, 13...Dxd5! zu spielen, siehe Dumpor,A - Brenjo,S 0-1.

13.c4

 

Weiß versucht mit allen Mitteln, seine Bauernstruktur zu behalten. Hier hätte Schwarz mit 13...axb5! 14.Txa8 Lxa8 15.d3 c6! die Stellung öffnen sollen, wonach er mit seinem Läuferpaar gutes Gegenspiel für den Bauern bekommt, siehe De Firmian,N - Sokolov,I 1-0.

B) 9.exd5.

 

9...Sa5! Der erste absolut neue Zug, und die Schlüsselidee (zuvor hatte man 9...e4?! erprobt, was Schwarz aber nicht genug Kompensation gab). Schwarz bereitet einen hübschen taktischen Trick vor. 10.Sxe5 Sxb3.

 

Der Punkt ist, dass hier das verlockende 11.Sc6? in 11...Lg4! 12.Sxd8 Lxd1 13.cxb3 Lxb3 mit prächtiger Stellung für Schwarz läuft, siehe Tancsa,T - Pasztor,B 0-1. Daher muss Weiß sich mit 11.cxb3 bescheiden, wonach 11...Lb7 12.Sc6 (neutralisiert den gefährlichen Läufer) 12...Lxc6 13.dxc6 Lc5 folgt.

 

Alle weißen Figuren stehen auf der Grundreihe, und der letzte angsteinjagende Zug von Schwarz schießt gegen f2. Doch Weiß kann sich hier aus der Affäre ziehen mit 14.d4! , was einen Bauern zurückgibt, aber mit Tempo die Diagonale für seinen Läufer öffnet. Stattdessen geschah in Bjerre,J - Dubov,D 0-1 14.d3?! Lxf2+! (von Dubov sofort gezogen) 15.Kxf2 Dd4+, und diese Stellung kann Weiß immer noch überleben, wenn er eine Serie einziger Züge findet, was am Brett überaus schwierig ist. In der Partie gewann Schwarz schnell!

C) 9.axb5.

 

Meines Erachtens ist dies die kritische Variante. 9...dxe4 10.bxc6 exf3 11.Dxf3 e4.

 

Schwarz hat einigen Druck für den Bauern, und Weiß hinkt weit in der Entwicklung zurück, aber nach der genauen Erwiderung 12.De2! Bd6 13.h3 dürfte er objektiv besser stehen, siehe Kovacevic,A - Brenjo,S 1-0

Fazit: Gegen den Versuch von Weiß, mit 8.a4 die Stellung zu beruhigen und ein solides Mittelspiel anzusteben, ist 8...d5!? eine äußerst spannende Idee, um im Marshall-Geist die Initiative zu ergreifen! Selbst wenn Weiß bei genauestem Spiel nach 9.axb5 womöglich besser steht, wird die Struktur der Partie von Schwarz diktiert, der immer die typische Kompensation für sein materielles Defizit hat. Theoretische Vorbereitung ist für beide Seiten unerlässlich. In dieser Variante sind frische praktische Partien vonnöten - am besten, Sie sorgen selbst für ein paar!

Den kompletten Artikel mit allen Partien und Analysen von Krisztian Szabo finden Sie im aktuellen ChessBase Magazin #194!

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