Tschechien marschiert
Von Dagobert
Kohlmeyer
Bei der
Senioren-Team-EM in Dresden gibt Neuling Tschechien überraschend den Ton an.
Auch am fünften Spieltag gewann das Quartett um Vlastimil Jansa und fegte
Titelverteidiger Stiller Don Rostow mit 3:1 von den Brettern.

Vlastimil Jansa
Das hatte
vorher kaum einer erwartet. Die Punkte holten Jansa gegen Vitali Zeschkowski,
Jiri Lechtynsky gegen Puschkow und Josef Pribyl gegen Sacharow.

Vitali Zeschkowski
Damit haben
die Tschechen nach fünf Runden im Ramada Hotel von Dresden als einzige noch eine
weiße Weste und führen mit 10:0 Mannschaftspunkten.
Zweiter ist
zu dieser Zeit Deutschland (9:1 Punkte) nach einem hohen 3,5:0,5 über
Katalonien.

Team Deutschland
Am
Spitzenbrett nahm Wolfgang Uhlmann erfolgreich Revanche bei Orestes Rodriguez
für eine bittere Niederlage im Vorjahr, als er auf Gewinn stand.

Orestes Rodriguez
Auch Hajo Hecht und Burkhard Malich gewannen ihre Partien, während Anatoli
Donchenko remisierte.
Finnland
gegen Moskau und die Schweiz gegen Salzburg spielten jeweils 2:2. Hinter dem
Führungsduo folgen vier Teams mit je 8 Mannschafts-Punkten. Viktor Kortschnoi
(76) hat jetzt 4 Punkte aus 5 Partien, nachdem er gestern im Kampf Schweiz –
Tschechien (1,5:2,5) seine Partie gegen Jiri Lechtynsky verlor.

Bob Wade

Steward Reuben
In der
sechsten Runde kam es dann zum Aufeinandertreffen der Spitzenteams aus
Tschechien und Deutschland. Es endete Unentschieden. Im Kampf der Verfolger
schlug Moskau St. Petersburg. In der 7. Runde gab Tschechien gegen Moskau einen
weiteren Punkt ab. Deutschland trennte sich von der Schweiz ebenfalls 2:2.

Antje Jurke vom Olympiabüro kiebitzt
Aktueller
Turnierstand vor den letzten beiden Runden:
1 Tschechien 12
2 Stiller Don Rostov 11
3 Moskau 11
4 Deutschland 11
Partien bis zur 7. Runde (pgn)...
So weit der
Turnierstand an der Spitze vor dem Wochenende - Ein Wermutstropfen für viele
Teilnehmer ist die Tatsache, dass die zehnte auch die vorläufig letzte
Senioren-EM in Dresden sein wird. Die Schach-Oldies haben sich im vergangenen
Jahrzehnt an das schöne Ambiente und die perfekte Turnierorganisation gewöhnt,
wie die folgende Geschichte zeigt. Unter den 20 Leuten, die diese Veranstaltung
stemmen, ist ein Ehepaar, ohne das die Senioren-EM nicht denkbar wäre.
Helga, Gerhard und die
Schach-Oldies
Auf Gerhard
Schmidts Tisch im Ramada Hotel von Dresden liegt ein kostbarer Stein. Der
Turnierdirektor der Senioren-Schach-EM bekam ihn vom holländischen Teamkapitän
geschenkt. Ein Dank für seine langjährige erfolgreiche Arbeit bei dem
Traditionsturnier. Gerhard Schmidt leitet die Senioren-EM zum achten Mal. Beim
ersten Event 1999 setzte er noch selbst die Figuren. „Ich gewann in der letzten
Runde und sicherte meinem Team, dem Dresdner SC, die Bronzemedaille.“, blickt
der 72-Jährige zurück.

Helga und Gerhard Schmidt
Schmidts
Frau Helga organisiert indessen das kulturelle und touristische Rahmenprogramm
für die Schach-Oldies. Dazu gehören Besuche in der Semperoper, Staatsoperette
und Ausflüge in die Umgebung Dresdens. Von ihnen wird reger Gebrauch gemacht.
Damit nicht genug. Als OK-Mitglied der Olympiade lädt Helga Schmidt schon heute
Schachspieler aus aller Welt und ihre Begleitung zur Aufführung des Musicals „Chess“
im November in Dresden ein.
„Die
Senioren sind eine bedeutende Zielgruppe für unsere Aktivitäten“ betont Gerhard
Schmidt. Es geht bei der Altersgruppe ab 60 ja nicht nur darum, schachlich
bedeutende Wettbewerbe auszurichten, sondern auch um soziale Unterstützung.
Viele Senioren leben allein, finden daher in ihren Schachklubs und bei Turnieren
eine Heimat. Besonders für diejenigen, die ihren Partner verloren haben und
gesundheitlich nicht mehr so fit sind, ist es ganz wichtig, in einem Kreis von
Gleichgesinnten ihre Kräfte messen und sich wohl fühlen zu können.
„Gerade bei
diesem Turnier ist es auch eine wunderschöne Sache, dass alte Bekannte, die sich
viele Jahre oder Jahrzehnte nicht gesehen haben, wieder ihre Kräfte messen“,
sagt Schmidt. Er verweist darauf, dass Wolfgang Uhlmann hier jedes Mal
Wiedersehen mit Willy Rosen aus Essen feiern kann, mit dem er schon 1951 bei der
gesamtdeutschen Jugendmeisterschaft spielte. Uhlmann gewann seinerzeit, Rosen
wurde Fünfter. Auch Wolfgangs DSB-Teamkamerad Burkhard Malich war damals dabei
und wurde Zehnter (siehe Tabelle).
Deutsche
Jugend-Einzelmeisterschaft
Leipzig, September 1951
|
1. |
Uhlmann
(Dresden) |
|
½ |
1 |
½ |
1 |
1 |
1 |
½ |
0 |
1 |
1 |
1 |
1 |
1 |
10.5 |
63.50 |
|
2. |
Fuchs (Berlin-Ost) |
½ |
|
½ |
½ |
1 |
0 |
1 |
½ |
1 |
0 |
1 |
1 |
1 |
1 |
9.0 |
53.25 |
|
3. |
Budrich (Berlin-Ost) |
0 |
½ |
|
1 |
0 |
1 |
1 |
0 |
1 |
½ |
1 |
0 |
1 |
1 |
8.0 |
46.75 |
|
4. |
Darga (Berlin-West) |
½ |
½ |
0 |
|
1 |
0 |
0 |
1 |
0 |
1 |
1 |
1 |
1 |
1 |
8.0 |
46.25 |
|
5. |
Rosen (Essen) |
0 |
0 |
1 |
0 |
|
½ |
0 |
1 |
1 |
1 |
0 |
1 |
1 |
1 |
7.5 |
41.00 |
|
6. |
Bialas (Berlin-Ost) |
0 |
1 |
0 |
1 |
½ |
|
½ |
0 |
½ |
0 |
1 |
1 |
½ |
1 |
7.0 |
42.00 |
|
7. |
Richter
(Werdau/Sa.) |
0 |
0 |
0 |
1 |
1 |
½ |
|
1 |
1 |
½ |
1 |
0 |
½ |
0 |
6.5 |
40.50 |
|
8. |
Kunze (Meisdorf) |
½ |
½ |
1 |
0 |
0 |
1 |
0 |
|
0 |
1 |
0 |
1 |
0 |
1 |
6.0 |
38.25 |
|
9. |
Schröder (Hamburg) |
1 |
0 |
0 |
1 |
0 |
½ |
0 |
1 |
|
½ |
0 |
½ |
1 |
0 |
5.5 |
37.75 |
|
10. |
Malich (Staßfurt) |
0 |
1 |
½ |
0 |
0 |
1 |
½ |
0 |
½ |
|
0 |
½ |
½ |
1 |
5.5 |
33.75 |
|
11. |
Achatz (Augsburg) |
0 |
0 |
0 |
0 |
1 |
0 |
0 |
1 |
1 |
1 |
|
0 |
1 |
0 |
5.0 |
29.00 |
|
12. |
Stahl (Berlin-Ost) |
0 |
0 |
1 |
0 |
0 |
0 |
1 |
0 |
½ |
½ |
1 |
|
0 |
1 |
5.0 |
28.00 |
|
13. |
Musmann (Herne) |
0 |
0 |
0 |
0 |
0 |
½ |
½ |
1 |
0 |
½ |
0 |
1 |
|
1 |
4.5 |
23.50 |
|
14. |
v. Saldern (Braunschweig) |
0 |
0 |
0 |
0 |
0 |
0 |
1 |
0 |
1 |
0 |
1 |
0 |
0 |
|
3.0 |
17.00 |
Die Weltklasseleute Viktor Kortschnoi (Schweiz), Vitali Zeschkowski (Russland)
und die 80-jährigen Schachlegende Andreas Dückstein aus Österreich, mit denen
der Dresdner Großmeister in seiner Glanzzeit die Klingen kreuzte, sind
mittlerweile ebenfalls Stammgäste der Senioren-EM.

Andreas Dückstein
Nachdem die
traditionelle Veranstaltung nun zehnmal in Dresden stattgefunden hat, was den
Veranstaltern des Schachfrühlings um Dirk Jordan, Gerhard Schmidt, Falk Sempert
und anderen viel Lob einbrachte, wurde sie für nächstes Jahr nach Velden in
Österreich vergeben. Die Europäische Schachunion und ihr Senior Officer Per
Ofstad (Norwegen) wollten es so.

Dirk Jordan
Gerhardt
Schmidt, der seit Jahrzehnten Mitorganisator von Schachturnieren ist, darunter
der Studenten-WM 1969 in Dresden, hat auch nach dem jetzigen Event keine
Langeweile. Er arbeitet intensiv an einem Buchprojekt über die Geschichte des
Sächsischen Schachs mit und wird am Rande der Schacholympiade im November wieder
ein offenes Turnier leiten. Natürlich das der Senioren.