Tschigorin Memorial

10.11.2004 – Im Oktober fand im herbstlichen St. Petersburg (Foto) das Tschigorin-Memorial statt. Mit über 60 Titelträgern war es ausgesprochen stark besetzt, ging aber in der Öffentlichkeit zwischen der Weltmeisterschaft in Brissago und der Schacholympiade etwas unter. Zu unrecht, findet unser Korrespondent Misha Savinov. Warum wollen sich die Schachfans lieber Kurzremisen anschauen, nur weil sie mit dem Linares-Etikett behaftet sind, statt die wahren Emotionen, Zeitnotdramen und große Spannung der Open zu genießen? Liegt es vielleicht an der Bequemlichkeit der Schachjournalisten? Hier ist sein Bericht. Das Tschigorin Memorial...

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Das Tschigorin Memorial in St. Petersburg
Von Misha Savinov

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Erneut war St. Petersburg Gastgeber eines großen Offenen Turniers, zwar nicht ganz so spektakulär, wie die Russische "Higher League" im Mai, wo Spieler wie Khalifman, Dreev, Sakaev, Epishin an den Start gegangen waren, aber dennoch sehr stark besetzt. 35 Großmeister, nicht mit gerechnet Andrey Kornev, der trotz 2582 und vieler Normen bisher titellos ist, und 31 Internationale Meister gingen an den Start.


Herbst in St. Petersburg


Bücherstand

Die meisten stammten aus den Ländern der ehemaligen UdSSR mit zwei Ausnahmen: dem spanische Amateur De Luna (1938) und IM Rashid Ziatdinov (2464) aus den USA, der allerdings früher ebenfalls Bürger der Sowjetunion war.

Man fragt, sich warum im Vergleich zum Aeroflot Open so wenige Spieler aus anderen Ländern mitspielten. OK, der erste Preis in Höhe von 2000 Dollar war nicht besonders hoch, aber ein solches Turnier ist auch ein gutes Training. Man trifft auf gute Gegner und hat Gelegenheit, Normen zu machen. Im nächsten soll die Attraktivität durch höhere Preisgelder noch gesteigert werden.


Bühne im Tschigorin Klub

Als eigenständiges Turnier mit großer Tradition war das Tschigorin Memorial diesmal auch Qualifikationsturnier für das Russische Pokalfinale (ein Rundenturnier, das im Dezember stattfinden soll). Fünf Spieler waren vorberechtigt. Außerdem gehörte das Turnier zur ACP-Tour, Spieler konnten also ACP-Punkte für die Gesamtwertung gewinnen. Es gibt Pläne, dass der Sieger der Tour Herausforderer von Kramnik werden könnte.

Ich will hier nicht den gesamtem Verlauf des Turniers dokumentieren. Seltsamerweise wollen manche Schachfreunde sich lieber 19-zügige Remisen anschauen, sobald dort das "Linares-Etikett" aufgeklebt wird, statt spannendes Kampfschach auf einem Open zu verfolgen. Vielleicht resultiert das aber auch aus einem Fehler der Schachjournalisten, die sich zu sehr auf diese großen Turniere konzentrieren, statt sich um die vielen Open zu kümmern, wo wahre Zeitnotschlachten, große Emotionen, unerwartete Ergebnisse und unerklärliche Fehler zu sehen sind. Milos Forman könnte daraus einen Abend füllenden Film machen, der alles bietet: eine einzigartige Geschichte, viele verschiedene Charakter, extreme Spannung, Liebe und Hass und zahlreiche Höhepunkte. Wer möchte, für den startet ein ähnliches Ereignis unmittelbar im Anschluss, aber in einem anderen Land. Schach ist völlig unterbewertete große Unterhaltung. Leider versäumen wir Schachjournalisten es, richtig zu "wühlen" und die Dinge richtig zu bewerben. Stattdessen wird Schach als esoterisches Spiel für einen ausgewählten Zirkel dargestellt. Man wendet sich nur den Turnieren mit großem Prestige zu, nennt jemanden "Drawnik", schlägt die Drei-Punkteregel vor, um Kurzremise zu vermeiden und verschickt den gewohnten wütenden Bericht über den gewohnten langweiligen Tag.

Beim Fußball freuen wir uns auch auf die Spiele der Champions League, aber deshalb verlieren wir ja die normalen Spiele auch nicht aus den Augen. Hinzu kommt noch, dass auf Schach übertragen Real Madrid gegen AC Milan oft genug im 17.Zug mit remis durch Vereinbarung endet. Auch in den Open gibt es Kurzremisen, bei Weitem aber nicht in der Anzahl wie auf den Prestigeturnieren. Meist wird kompromissloses Kampfschach gespielt.


WGM Maria Kursova
und einer der jüngsten Zuschauer. Das Turnier fand im Tschigorin Schachklub statt, eine der stärksten Schachschulen in der Stadt, dies ist vermutlich einer der Schüler.


Die Kaffee-Ecke, unterschätze niemals den Kaffeefaktor.

Ich muss mich für meine langen Ausführungen entschuldigen, aber unter dem Eindruck von Linares, Dortmund und Brissago scheint es fast, als wäre das professionelle Schach am Ende, doch in Wirklichkeit, glaube ich, ist das gar nicht der Fall. 

Der St. Petersburger Evgeny Alekseev und Ernesto Inarkiev aus Elista waren die Top gesetzten Spieler, mit je 2604 Elo. Wer findet das 2600 "schwach" ist, dem sei noch gesagt, dass Inarkiev bei der Europameisterschaft der Vereine in der Türkei am vierten Brett eine Performance von 2794 spielte. Leider war Ernesto (tatsächlich nach Che Guevara benannt) sehr müde und verlor drei Partien in St. Petersburg.

Die meisten Großmeister gewannen ihre Partien der ersten Runden, wie üblich auf Offenen Turnieren. Einige Überraschungen gab es aber doch: Denis Khismatullin (2552) verlor gegen WIM Irina Vasilevich (2277), die einen tödlichen Angriff gegen Sizilianisch dirigierte. Igor Yagupov (2509) verlor mit Schwarz gegen den "Candidate Master" Alexey Bryndin (2215). Bryndin spielte mit zwei Bauern weniger und profitierte später von einem Fehler des Großmeisters im Endspiel, als er dessen Springer fangen konnte. Yagupov stand danach unter Schock und ging noch gegen zwei andere schwächere Spieler unter. Aber er spielte das Turnier zu Ende im Gegensatz zu anderen GMs, die ausschieden, nachdem ihre Chancen auf ein Preisgeld verschwunden waren. Der junge Ukrainer Andrey Vovk (2243) setzte seinen Landsmann Alexander Areshchenko (2580) matt. Die Vovk-Brüder waren mit ihrem ultra-aggressiven Stil zu Anfang des Turniers sehr erfolgreich. "Vovk" ist übrigens ukrainisch für "Wolf".

Nach drei Runden hatten noch 5 Spieler 100%: Efimenko, Bocharov, Kokarev, Gavliov und Ziyatdinov. Zakhar Efimenko und Dmitry Bocharov waren unter den Top 10 gesetzten Spielern und galten nun als heiße Anwärter auf den Turniersieg. In Runde vier allerdings standen beide schlecht gegen zwei IMs, schafften aber immerhin noch je ein Remis.

After 3 rounds there were 5 players with 100% score:   were among top 10 rated players, so naturally they were considered to be early favorites. However, they failed to confirm their good form in the 4th round, as both quickly reached (although defended) inferior positions against IMs.

In Runde fünf kam für Inarkiev der Wendepunkt, als er die erste seiner drei Niederlagen hinnehmen musste. Sein Gegner GM Vladimir Belov übernahm mit  Efimenko, Bocharov und Sergey Ivanov die Spitze.


Sergey Ivanov medi
tiert vor dem Tschigorin Portrait


Vladimir Belov
liest das Bulletin


Noch kann man die Figuren ungestraft berühren:
Spartak Vysochin


Grandmaster Leonid Yurtaev
: kreatives Schach


IM Novikov (
links
) vs. GM Grigoriants (Harley)

In Runde sechs gab es einige hart umkämpfte Remise. Für die einzige Entscheidung and er Spitze sorgte Efimenko, der gegen Ivanov seine Dame verlor.

Ivanov,S (2553) - Efimenko,Z (2594) [E55]
Chigorin Memorial St. Petersburg, 21.10.2004
1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sc3 Lb4 4.e3 0-0 5.Ld3 d5 6.Sf3 c5 7.0-0 dxc4 8.Lxc4 Sbd7 9.
De2 b6 10.Rd1 cxd4 11.Sxd4 Lb7 12.e4 Lxc3 13.bxc3 Qe7 14.f3 Rfc8 15.a4 Se5 16.La3 Dc7 17.Lb3 Sc4?? 18.Sb5 Dc6 19.Lxc4 Dxc4 20.Rd8+ Rxd8 21.Dxc4 Rac8 22.De2 Schwarz gab auf.

Der kompromisslose Dmitry Bocharov hatte die Chance, Ivanov in der folgende Runde abzufangen, aber sein Angriff war nicht gut vorbereitet und verflüchtigte sich bald. Schließlich konnte Schwarz seinen Materialvorteil realisieren. Sergey Ivanov gewann seine sechste Partie in Folge. Eine herausragende Leistung für einen schon "alten" Spieler - Ivanov ist 43 Jahre alt - , besonders da Schach für ihn nur ein Hobby ist und er hauptberuflich als Merketing Direktor in einer St. Petersburger Fabrik arbeitet,

Spartak Vysochin aus der Ukraine stoppte Ivanovs Höhenflug und nahm ihm ein Remis in Runde acht ab. Da der frühere St. Petersburger Meister mit einem Punkt Vorsprung führte, konnte er sich das Remis leisten. Von den übrigen Mitbewerbern schaffte nur GM Alexey Bezgodov in achten Runde einen Sieg und war nun Ivanovs engster Verfolger.


Letzte Runde: Bezgodov - wie kann man die Maginotlinie durchbrechen?


IM Konstantin Maslak,
ein bekannter Internetspieler und Trainer.
 


Vitiugov - Areshchenko
in der letzten Runde


Die 17-jährige Maria Fominykh (2309) will Journalistin werden

In der neunten Runde musste sich das Turnier in der direkten Vergleich der beiden entscheiden. Bezgodov führte die weißen Steine. Beide Spieler gelten als gute Theoretiker und diesmal gewann Bezgodov das Theorieduell. Ivanov wählte eine Variante, die als ausgeglichen gilt, doch in Wirklichkeit bekommt Schwarz das schlechtere Endspiel ohne Gegenspiel. Ivanov verteidigte sich hartnäckig und nach 4,5 Stunden erzielte er das Remis. Dadurch wurde er zum alleinigen Sieger des Turniers,  Bezgodov wurde Zweiter.


Sieger Sergey Ivanov beim Interview

Rangliste der ersten zwanzig Preisträger:

1 Ivanov (2553) - 7S,
2 Bezgodov (2546), and 3 Vitiugov (2458) - 7,
4 Efimenko (2594), 5 Vysochin (2582), 6 Bocharov (2574), 7 Belov (2552), 8 Lutsko (2520), 9 Kokarev (2495), 10 Alekseev (2604), 11 Vorobiov (2524), 12 Smikovski (2503), 13 Ovetchkin (2473), 14 Kruppa (2547), 15 Silivanov (2295 - 1st prize under 2300), 16 Khismatullin (2552), and 17 Tunik (2476) - all 6S,
18 Popov (2583), 19 Kuzubov (2530), 20 Geller (2489)... - 6, etc.

Den Juniorenpreis gewann der 14-jährige  IM Ildar Khairullin, den Frauenpreis WGM Irina Slavina

Einer der Sponsoren spendete 500 Dollar für den Schönheitspreis. Ich möchte betonen, dass dieser Preis eine große Motivation für viele Spieler war. Ansonsten hätten sie in den letzten Runden ohne Aussicht auf einen Preis sicher nur noch halbherzig gespielt. Die Jury entschied, den Preis zu teilen zwischen   IM Roman Ovetchkin und Julia Gromova (2156, 131.-146.). Ovetchkin spielte eine schöne Opferpartie und die 16-jährige Gromova überspielte GM IM Kurenkow positionell.





Zwischen der letzten Partie und der Preisverleihung veränderten die Spieler plötzlich ihre Erscheinung und wirkten wie die Zigeuner in den Filmen von Emir Kusturica - freundlich, humorvoll, charmant und spontan. Leute, die mit ganzem Herzen ihren Art zu leben genießen und sich aber in Kürze davon machen werden..


Die St. Petersburger
Anna Dushenok and Evgeny Alekseev


Nikita Vitiugov
bekommt den dritten Preis von IM Andrey Petelin, Vizepräsident des St. Petersburger Schachverbandes


Die Gewinner des Schönheitspreises:
Roman Ovetchkin and Julia Gromova

 

 

 

 


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