Tunesisches Schachabenteuer (2.Teil)

09.04.2012 – Das Schachfestival von EL Haouria stellte an die Spieler ganz besondere Anforderungen. Eigentlich sollten neben dem GM-Turnier, einem IM-Turnier, Open und Kinderturnieren auch ein Frauenturnier stattfinden - dieses wurde jedoch wegen Mangel an Teilnehmerinnen abgesagt. Auch sonst gab es viel Dynamik, Improvisation und kurzfristige Änderungen bei der Organisation. Im Ergebnis wussten die Spieler oft nicht, wann eine Runde tatsächlich beginnen würde. Warten wurde zur wichtigsten Beschäftigung. Alina L'Ami erklärte sich dies mit völlig unterschiedlichen Auffassungen von "Zeit" und wie man diese am besten verwaltet. Auch wenn die tunesische Improvisationskunst für mancherlei Ungemach sorgte, Land und Leute und die vielen neuen Eindrücke entschädigten für alles. Zum Bericht...

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Tunesisches Schachabenteuer (2. Teil)
Von Alina L'Ami

Wie versprochen, setze ich meinen Bericht vom EL Haouria Schachfestival fort. Dieses fand vom 16.März bis 4. April statt im Norden Tunesiens statt. Hier folgen nun meine letzten Eindrücke:

Das Festival bestand aus zwei geschlossenen Turnieren, einem Open im Schweizer System zum Erreichen von IM- und GM-Normen und einem Kinderturnier, das in verschiedenen Altersgruppen durchgeführt wurde.


Das A-Turnier mit 6 Spielern wurde doppelrundig ausgetragen. Sieger war IM Haddouche Mohamed
aus Algerien, der großartige 7,5 aus 10 holte und damit eine GM-Norm erreichte.


Die B-Gruppe des Rundenturniers, mit zehn Teilnehmern.
Sieger wurde GM Kirill Stupak aus Weißrussland mit 6,5 aus 9
 



WGM Deimante Daulyte aus Lithuania, nahm die Herausforderung an und spielte im GM-Turnier, nachdem das geplante Frauenturnier abgesagt worden war.


Zukünftige Großmeister?



"Nein, das siehst du nicht!", Kinder sind so expressiv.


Nesrine Baktache - die frisch gekrönte tunesische Meisterin


Die Schlussfeier: Preise für die neuen Meister Nesrine Baktache und Amir Zaibi.

Viel hatte sich nicht geändert, seitdem ich meine Eindrücke mit Ihnen geteilt habe: wir waren von den gleichen freundlichen Menschen umgeben und erfreuten uns an der großartigen Unterkunft, dem leckeren Essen und der exotischen Umgebung. Aber auch die weniger angenehmen Ereignisse hatten weiterhin Bestand: Die unklaren Zeitpläne gaben uns keinen Hinweis, wann und wo wir uns zu welchem Zweck einzufinden hatten. Normalerweise ist diese für Spieler sehr störend, aber hier gewöhnten wir uns einfach daran ;-)


Noch beim Picknick, obwohl die Runde eigentlich schon begonnen hat.


Weltbekannt und von allen geliebt: Harissa! Die leckere tunesische Sauce ist bei allen Gerichten obligatorisch.


Warum hetzen, wenn man in angenehmer Gesellschaft noch zusammen sitzen kann.

Unser Hotel war einfach perfekt und unsere Gastgeber aufgeschlossen und warmherzig. Doch der Mangel an Kommunikation führte leider immer wieder zu unangenehmer Warterei. Niemand wusste, wie lange und weshalb genau wir warten mussten, aber wir warteten und warteten... Manchmal zehn Minuten, manchmal sechs Stunden, man wusste es vorher nie. Aber wir passten uns an. Wenn der Bus für 8.30 Uhr angekündigt war, brauchte man vor 9.30 Uhr nicht erscheinen - und musste dann immer noch warten.

Mir wurde beigebracht, dass der einfachste Weg zum Glücklichsein darin besteht, den Dingen positive Aspekte abzugewinnen, auch wenn sie erstmal negativ erscheinen mögen.



Wir warteten - aber wir waren vorbereitet - mit Büchern, Laptops - warum soll man sich über etwas ärgern, auf das man ohnehin keinen Einfluss hat.



Man kann die Zeit auch mit anderen Dingen ausfüllen - Blitzschach! Und wie viel Spaß das macht...

Außerdem änderten sich in den Rundenturnieren ständig die Anfangszeiten der Runden. Mal wurde der Beginn um eine Stunde verschoben, mal um vier Stunden, mal um einen Tag, was sehr verwirrend war. Dadurch war man ständig in Bereitschaft dafür, was die Zukunft bringen würde und musste auch ständig im Turniersaal physikalisch anwesend sein, von morgens bis abends - es könnte ja eine Runde beginnen. 

Das Open war eigentlich gedacht, IM-Normen zu erzielen, doch das war ganz und gar unmöglich. Ständig stiegen nämlich Spieler aus und neue kamen hinzu, mit großer Geschwindigkeit und ohne Hinweis. Schließlich witzelten wir: "Das Turnier endet als Open mit 30 Spielern, vielleicht aber auch als Rundenturnier mit zehn Spielern."


Das Open im Schweizer System, zum Erwerb von IM-Normen organisiert. Es gewann IM Sarwat Walaa aus Ägypten mit 7,5 aus 9.


Schiedsrichter, Organisatoren und Präsidenten des libyschen Schachverbandes: Mr. Abdalla Khaled Elnami
(mit dem hellen Jackett) und des irakischen Schachverbandes, Mr. Dhafer Abdul Ameer Madhloom
(mit dem Dokument in der Hand) versuchen Übersicht zu gewinnen.

Die Idee, ein Frauenturnier zu organisieren, an dem ich eigentlich teilnehmen sollte, wurde fallen gelassen - zu wenig Spielerinnen. Für mich hatte das den Vorteil, dass ich dadurch mehr Zeit hatte, mit den Leuten zu sprechen, mir die Umgebung anzuschauen - es ist ein fantastisches Land - und herauszufinden, was vor sich geht.

Wenn von fremden Ländern oder Orten die Rede ist, wird gerne das Klischee des "Landes der Kontraste" bedient. Nun, Tunesien ist wirklich ein Land mit vielen Kontrasten, interessanten Plätzen und einer reichen Vergangenheit, die viele Spuren hinterlassen hat.




Sieht doch aus wie die französische Riviera, oder...?


Ein Hafen in Italien oder Griechenland...?


He, das ist Holland!

Und doch wurden alle Bilder am gleichen Ort gemacht - in Tunesien.


Dieses hier ist mein Lieblingsbild. Man sieht El Haouaria im Hintergrund.

Trotz der Hektik der modernen Zeit, kann man manchmal noch den Geist der guten alten Zeit spüren....

 





Unvollkommenheit kann manchmal ganz schön und inspirierend sein. Das habe ich bei meiner Reise nach El Haouarian wiederentdeckt. Und die größte persönlich Entdeckung war das hiesige Konzept von "Zeit."


Der tunesische Big-Ben

Ich möchte nicht in eine endlose philosophische und kulturkritische Betrachtung über dieses Thema abschweifen, aber für mich ist unsere Auffassung von "Zeit" sehr zufällig und hat eine besondere Eigendynamik. Zeit fließt und man muss sie nutzen, sonst verliert man sie. Deshalb ist man frustriert, wenn man warten muss. Dadurch, dass man immer schneller arbeitet, verbraucht man immer mehr Zeit. Wenn man aber ruht, die Dinge betrachtet, entspannt, dann hält man die Zeit fest und sie vergeht nicht so schnell. So wartet die Zeit auf einen. Diese verschiedenen Betrachtungen des Zeitbegriffs waren wohl der Grund für viele Missverständnisse und Verzögerungen.

So konnte ich also meine "Zeit" genießen, z.B. mit einem Becher tunesischen Tees, sehr stark und mit einem Hauch von Piniennüssen.


Dazu vielleicht ein paar tunesische Süßigkeiten. Sehr süß und sehr lecker.
Und es gibt reichlich davon

Bisher habe ich noch nicht von den besten Eindrücken der Reise gesprochen - den Leuten. Wenn ich hier alle erwähnen würde, wäre dies eine Enzyklopädie. Also muss ich mich beschränken, möchte aber unbedingt die Menschen würdigen, die bei einem Turnier aus irgendeinem Grund immer vergessen werden, die Fahrer. Ohne sie würden wir nirgendwo hin gelangen und unsere Ziele niemals sicher erreichen. Glauben Sie mir: das war hier nicht nicht immer einfach.


Zwischendurch Musik

Einmal erzählte mir mein Fahrer, dass er seit 50 Stunden nicht geschlafen hatte und immer noch im Dienst war. Er berichtete dies lachend, klagte nicht, sondern sagte, dass er sich freue, dass ich mir die Gegend anschaue. Einmal murmelt ich etwas von Hunger und in weniger als zehn Minuten war mein Fahrer irgendwohin gefahren, klopfte an eine Türe und eine junge Frau lud uns ein, kochte für mich und wurde meine neueste Freundin.

Ohne die Gastfreundschaft der Tunesier hätte ich niemals soviel sehen können. Allerdings gab es ein paar Überraschungen. Wie sagt man so schön: "Zähle die Küken nicht, bevor all geschlüpft sind." Ich unternahm zwei versuche, Tnis, Kartago und das berühmte Bardo Museum zu sehen, doch ohne Erfolg. Um es kurz zu machen: Es passierte das, was so häufig geschah - Mangel an Koordination und Kommunikation. Trotzdem, die kurze Zeit in der Hauptstadt Tunesiens und in der Gegend darum war es wert.
 


Keine griechische Insel, sondern Sidi Bou Said!

Erst dachte ich, OK, gesehen und erledigt. Doch als ich die kleinen Gassen durchstreifte, angelegt, damit man sich darin verläuft, umgeben von diesen wunderbaren blauen Türen und Fenstern und weißen Häusern, wünschte ich, ich hätte mehr als nur 30 Minuten gehabt, um dies zu entdecken.











Ein fahrender Händler verkauft Jasmin


Töpferwaren


Auch wenn das Blau-Weiß-Schema sich immer wiederholt - ich fand jedes Haus für eine Postkarte geeignet.


Am faszinierendsten waren die alten Türen - zumeist blau angemalt.

Wenn man genau hinsieht, entdeckt man drei Türglocken an dieser Tür: Die unterste ist für Kinder, die linke für Frauen und die rechte für Männer. Wozu diese Differenzierung? Früher mussten die Frauen sich verschleiern und so wussten sie, ob sie beim Öffnen auf ihre Erscheinung wert legen mussten oder nicht.



Da meine tunesischen Freunde bemerkten, wie sehr mich die Türen erfreuten, machten sie mir ein Geschenk - was wohl...?

Trotz aller Herausforderungen werde ich an das El Haouaria Festival immer mit lachendem Herzen zurück denken. Es hätte ein Fünfsterne-Event werden können, wenn man das investierte Geld das Potenzial betrechtet - wenn nur die Organisation etwas besser gewesen wäre.

GMs Azer Mirzoev und Marian Petrov vor der großen Moschee von Tunis.



Spaß am letzten Tag. Beim Warten auf die Schlussfeier war die ungeplante Exkursion eines der Highlights des Festivals.




Deimante freut sich über den Anblick des Mittelmeers

Mit der Erfahrung, die die Organisatoren nun mit der ersten Auflage gemacht haben, wird es das nächste Mal sicher noch bessere Überraschungen g, am selben ort, in ben. Sogar früher, als man dachte. Schon für den 24. Juni ist ein neues Festival geplant. Am selben ort, in El Haouaria. Leider habe ich den Monat schon vollständig verplant und so kann ich nicht sehen, wie das Turnier und die Organisation sich verbessert haben wird. Ich wünsche mir, dass die Organisatoren unseren schönen Sport weiter im neuen demokratischen und schönen Tunesien bewerben.


Imen Ayat, die verlobte von Kamel Meddeb (Mitte), dem Sponsor des ganzen Festivals. Daneben IM Kamel Njili.



Nicht nur Deimante und ich genießen die Orangen. In Nabeul gibt es sogar ein Denkmal für diese Frucht.



In Medina, dem alten Teil von Tunis.


Als Durchgangsgebiet für viele Kulturen war Tunesien immer ein Ort des Austausches viele Ideen .





Der Balkon ist da, aber wo sind Romeo und Julia?

 


Was wäre die Welt ohne dieses Land!


Letzter Blick auf unser Hotel...


... interessante (nicht gefährliche) Begegnungen mit der Natur...


Und die Menschen haben keine Probleme, sich von mir fotografieren zu lassen.

Ich beende meinen Bericht mit einem Abenteuer des aserischen Großmeisters Azer Mirzoev.



Am letzten Tag sollte er um 13 Uhr seinen Flug haben und um 9.30 im Hotel abgeholt werden. Nach langem Warten und vielen Anrufen, zwischendurch alle Hoffnung verloren, erreichte er den Flughafen um 12.55 Uhr - 5 Minuten vor dem Abflug. Sein Flug hatte aber auch eine Verspätung von einer Stunde. Happy End! Ein paar Stunden später war er in Baku.

 


 

 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 

 

 



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