Turniersieg und GM-Norm für Dmitrij Kollars

von Klaus Besenthal
08.03.2016 – Der sechzehnjährige Dmitrij Kollars, Bundesligaspieler beim Hamburger SK, gewann ein von Alexei Shirov organisiertes GM-Turnier im lettischen Badeort Jurmala mit 6,5 aus 9 nach Wertung vor dem lettischen Großmeister Arturs Neiksans. Als Zugabe zu diesem Erfolg gab es die erste GM-Norm für Kollars - auf unserem Foto hält er sie stolz in der Hand! Mehr...

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Dass Dmitrij Kollars im letzten Jahr vom Delmenhorster SK zum Hamburger SK gewechselt ist, war sicher kein Zufall: Dmitrijs Trainer und Mentor ist seit einigen Jahren der Internationale Meister Jonathan Carlstedt, der seinerseits seit seiner Kindheit mit dem Hamburger SK eng verbunden ist. In der aktuellen Saison spielen beide zusammen in der ersten Mannschaft des Vereins in der Schachbundesliga.

"Trainer und Mentor" - das klingt nach einer großen Sache, und so ist es wohl auch: Dmitrij Kollars hat sich nach der erfolgreich absolvierten 10. Klasse gegen einige Widerstände ("Kein Abitur!") durchgesetzt und sich von der Schule verabschiedet, um sich fortan ganz dem Schach, seiner großen Leidenschaft, widmen zu können. Er ist jetzt also "Schachprofi", und da braucht es offensichtlich etwas mehr als nur einen Trainer.

Der "Mentor" Jonathan Carlstedt kümmert sich um alles Mögliche, woran man zunächst vielleicht gar nicht denken würde: Auswahl der richtigen Turniere, Organisation der Reisen, finanzielle Aspekte usw. Aber das Wichtigste ist natürlich die gemeinsame Arbeit an Dmitrijs Schach. Dabei ist die Unterstützung des Mentors vielleicht immer dann am wertvollsten, wenn es darum geht, vorbehaltlos eigene Fehler zu analysieren (schachlich, psychologisch - wie auch immer) und anschließend abzustellen.

Erfolge haben sich bereits reichlich eingestellt, und so konnte Dmitrij Kollars seine dritte IM-Norm im letzten Sommer im Rahmen des von Jonathan Carlstedt perfekt organisierten "VMCG-Schachfestivals" in Lüneburg errringen. Auf jeden Fall haben sich die beiden hohe Ziele in ihrem "Projekt" - so nennen sie die gemeinsame Arbeit gerne - gesteckt, und der Großmeistertitel für Dmitrij ist mit Sicherheit einer dieser Meilensteine.

Schachtrainer Jonathan Carlstedt und sein Schützling Dmitrij Kollars

Der erste Schritt zur Erlangung des Großmeistertitels ist geschafft: Bei dem von Alexei Shirov organisierten Einladungsturnier im Ostseebadeort Jurmala erzielte Dmitrij Kollars seine erste GM-Norm.

Endstand nach 9 Runden

Rg. Snr   Name Typ sex Land Elo Verein/Ort Pkt.  Wtg1   Wtg2   Wtg3  K rtg+/-
1 10   Kollars Dmitrij     GER 2429 Hamburg 6,5 26,50 0,0 5 10 24,8
2 4 GM Neiksans Arturs     LAT 2607 Riga 6,5 25,00 0,0 4 10 1,7
3 1 IM Kantans Toms     LAT 2513 Garkalne 5,5 20,75 0,0 4 10 3,6
4 5 IM Meskovs Nikita     LAT 2518 Riga 5,5 19,25 0,0 4 10 2,9
5 8 GM Stupak Kirill     BLR 2537 Minsk 5,0 19,50 0,0 2 10 -4,6
6 2 IM Ladva Ottomar     EST 2404 Hapsalu 5,0 17,00 0,0 4 10 13,2
7 7 IM Carlstedt Jonathan     GER 2453 Hamburg 4,5 19,00 0,0 3 10 1,7
8 3 GM Miezis Normunds     LAT 2486 Olaine 4,0 14,25 0,0 3 10 -7,9
9 6 FM Lokander Martin     SWE 2351 Stockholm 2,0 7,25 0,0 1 10 -10,2
10 9 FM Kenneskog Theodor     SWE 2352 Stockholm 0,5 1,00 0,0 0 20 -50,4

Normalerweise würde der Autor dieses Artikels die Tabelle jetzt ein wenig "paraphrasieren", doch diesmal hat er etwas Besseres zu bieten, nämlich Originaleindrücke. Folgen wir also dem Bericht aus Jurmala, den Jonathan Carlstedt uns freundlicherweise übermittelt hat:

"Seit Alexei Shirov zurück nach Lettland gewechselt ist, wird dort von Sponsoren wieder bereitwilliger Geld in Schach investiert. Da ich mit Alexei befreundet bin, versuche ich jedes seiner Turniere zu spielen, um so meinen Anteil dazu beizutragen, dass diese Entwicklung weitergeht; ich bin beispielsweise seit dem ersten 'Petrov Memorial' mit dabei.


Wenn ich mich recht entsinne, war es beim European Club Cup in Skopje in diesem Jahr, als Alexei mir bei einem Bier von seiner Idee des GM- und IM-Turniers im Vorlauf des Memorials erzählte. Ich sagte ihm meine Teilnahme und die von Dmitrij zu. Später überzeugte ich noch meinen Schüler Alexander Rieß zur Teilnahme am IM-Turnier. Untergebracht waren wir im Hotel 'Balta Puce', in dem ich schon letztes Jahr übernachtet hatte. Der Spielort, das City Museum Jurmala, ist 10 Gehminuten entfernt. Der Spielplan vom 29.2. bis 4.3. sah 4 Doppelrunden und eine Einzelrunde am letzten Turniertag vor.


Dmitrij startete mit einem Schwarzsieg gegen Toms Kantans in einer Archangelsk-Variante, die Dmitrij bereits gegen Aljoscha Feuerstack und ich gegen Popov auf dem Brett gehabt hatte, und auf die man sich hätte gut vorbereiten können. Aber Kantans schien nicht auf dem aktuellen Stand zu sein und Dmitrij siegte nach 20 Zügen. Ähnlich in Runde 2, auch dort hatte Dmitrij eine bessere Stellung aus der Eröffnung heraus, die er mit ein oder zwei kleinen Wacklern verwerten konnte. In Runde 3 lief er gegen Ottomar Ladva in eine Vorbereitung, ein kritischer Moment, den Dmitrij mit viel Kreativität und Rechenkraft zum Remis führte. Runde 4 war eine 'kurze Angelegenheit'. Runde 5 gegen Miezis war der erste Rückschlag: falsche Eröffnungswahl, schlecht gespielt, keine Chance! Damit waren wir uns einig, dass die Norm zu weit weg sei, dass es nun darum ginge, ein gutes Turnier zu spielen, alle Partien auszukämpfen, zu lernen.

Runde 6 gewann Dmitrij dank einer Kombination aus deutlich besserer Eröffnungskenntnis und Berechnungskraft letztlich mit einem Figurenopfer gegen Stupaks ungewöhnliche Eröffnungsbehandlung. Unsere Idee war es nun, mit Schwarz irgendwie gegen Neiksans Remis zu halten, dann käme der Schwede, der bisher erst einen halben Punkt auf dem Konto hatte, und in der letzten Partie würde dann alles passieren können. Gegen Neiksans kam eine Variante aufs Brett die wir bereits vor Ewigkeiten analysiert hatten und die ich mal gegen Glud auf dem Brett gehabt hatte - Remis. Gegen den zweiten Schweden im Feld war es dann eine sehr unsichere Partie; im Endspiel hätte Dmitrij studienartig hätte gewinnen können, was er aber verpasste. Es bedurfte der 'Hilfe' des Gegners, um am Ende doch noch glücklich zu gewinnen.


In Runde 9 war die Spannung nicht mehr zu übertreffen. Sowohl Dmitrij als auch sein sehr sympathischer Gegner Nikita Meskovs brauchten den vollen Punkt zur Norm. Der Plan war: Warten, remisliche Stellung erreichen und dann muss der Gegner etwas riskieren. So kam es dann auch, und Dmitrij verwertete die Stellung, die sein Gegner überstrapaziert hatte. Danach ging es noch zu einem Blitzturnier; und eine kleine Feier auf Shirovs Suite ließen wir auch nicht aus...


Dmitrijs Schritt zum Schachprofi hat ein sehr gespaltenes Echo hervorgerufen. Wir versuchen uns darauf zu konzentrieren, dass Dmitrij die besten Voraussetzungen erhält sein Potenzial auszunutzen. Dass er Talent hat und arbeitet, hat sich nun gezeigt. Für uns ist dieser Erfolg ein großer Schritt, aber auch wiederum nur einer von vielen, die noch folgen werden, auf dem Weg zu den Zielen, die wir uns gesteckt haben. Wir haben uns sehr über die zahllosen Glückwünsche und die große Unterstützung gefreut."

Soweit der Bericht von Jonathan Carlstedt; zur Abrundung folgt die entscheidende letzte Partie, lehrreich und in sympathischer, offener Art kommentiert vom Sieger Dmitrij Kollars:

 

 

Fotos zur Verfügung gestellt von Jonathan Carlstedt



Klaus Besenthal ist ausgebildeter Informatiker und ein begeisterter Hamburger Schachspieler. Die Schachszene verfolgt er schon seit 1972 und nimmt fast ebenso lange regelmäßig selber an Schachturnieren teil.
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Lt Marseille Lt Marseille 08.03.2016 10:19
Ich wünsche dem jungen SF Kollars alles Gute. Aber: Ein Abitur ist mehr wert als 2.450 ELO mit 16. In diesem Alter sollten es heute schon knapp 2.600 sein, wenn man ganz nach oben will - und nur ganz oben angekommen, lebt ein Schachprofi in Deutschland gut. Trotzdem: Viel Erfolg - Schach ist auch Leidenschaft und Liebe.
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