Urlaubszeit, Lesezeit

08.07.2008 – Wer in den Urlaub kein Schachspiel mitnehmen möchte, aber vom Schach doch nicht lassen kann, für den - aber bei weitem nicht nur für den - hat die Großmeisterin und deutsche Nationalspielerin Vera Jürgens ein nettes Buch geschrieben. "Ticken Schachspieler anders" beschäftigt sich mit der Spezies des "Schachspielers", die - wir alle wissen das - sich von der übrigen Menschheit in manchen ihrer Exemplare auffällig unterscheidet. Vera Jürgens durchleuchtet die Schachszene mit ihren Archetypen und typischen Phänomenen und ist dabei witzig und unterhaltsam, ohne dabei jemals bemüht zu wirken. "Ticken Schachspieler anders" ist aber auch Werbung für das Schachspiel und lädt auch alle (noch) Nicht-Schachspieler zum Mitmachen ein. Nett. Schachcartoonist Frank Stiefel unterstützt den guten Eindruck mit passenden Illustrationen. Martin Rieger (Freechess.de) hat sich das Buch näher angeschaut und sprach mit der Autorin. Rezension und Interview...

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Ticken Schachspieler anders?

Die deutsche Nationalspielerin WGM Vera Jürgens hat ein  äußerst bemerkenswertes Buch geschrieben über uns Schachspieler und unsere „Marotten“. Wie sehen uns Menschen, die kein Schach spielen? Welche ungeschriebenen Verhaltensregeln gibt es überhaupt am Brett und wie kann ich meine Frau/Freundin davon abhalten, mich auf ein Schachturnier zu begleiten?

Ticken Schachspieler anders?

Diese und andere Fragen stellt sich die Autorin WGM Vera Jürgens und entlarvt in ihrem Buch so manches Vorurteil in der Öffentlichkeit über die Spezies Schachspieler als gegenstandslos und gleichzeitig zutreffend!

Ein scheinbares Paradoxon das seinen Ursprung darin findet, dass Schach und seine Umgebung selbst manchmal bizarr, merkwürdig und sonderbar auf Außenstehende wirkt. Das Universum der Schachspieler ist für Nichtschachspielende Verwandte, Freunde und Kollegen wahrlich ein Buch mit sieben Siegeln! Die Autorin Vera Jürgens ist Großmeisterin und spielt in der deutschen Damen-Nationalmannschaft, wer mehr über sie erfahren will, sollte einmal auf ihrer Homepage vorbeisurfen (http://verajuergens.sme-group.com/vera.html).

Doch zurück zu diesem Schachbuch der besonderen Art. Ein Blick ins Inhaltsverzeichnis verrät den bunten Strauß an Themen, die sich die Autorin auf der großen Schachwiese gepflückt hat:

-Einblick in die Psyche von Schachspielenden und Nichtschachspielenden:

Kann man mit einer nicht Schach spielenden Frau/Freundin glücklich werden? Sollte man schon verheiratet sein, wie kann ich sie davon abbringen, mich auf ein Turnier zu begleiten? Frauen und Schachprofis, eine gelungene Mischung? Diesen und ähnlichen Fragen wird auf den Grund gegangen wobei der humoristische Schreibstil der Autorin nicht ganz unwesentlich zu einem mehr als vergnügten Lesespaß beiträgt.

Oder wie wäre es mit Verhaltensregeln am Brett oder der Kunst, wie ein Schachprofi zu wirken? Laut der Autorin erkennt man einen Profi und einen Anfänger recht schnell unter anderem an der Körpersprache, doch lauschen wir der Autorin einmal selbst:

 „Ebenfalls beliebt bei Anfängern ist die Sitzposition, bei der die Beine ständig übergeschlagen bleiben, während man sie mit den Händen umklammert. Damit wird Überlegenheit demonstriert, was den Gegner ebenfalls einschüchtern soll. Eine solche Sitzhaltung verrät, dass man es mit einem Schachanfänger zu tun hat, der als Mensch sehr stur und uneinsichtig ist. Ein derartiger Gegner wird nicht so schnell aufgeben und bis zum Schluss auf ein Wunder hoffen“.

Ein anderes Kapitel beschäftigt sich mit dem Thema Männerschach gegen Frauenschach, hier versucht Vera Jürgens mit alten Vorurteilen aufzuräumen und gibt Ratschläge, wie man auch als Mann erfolgreich gegen eine Frau Schach spielen kann (!), wobei wir hier wieder beim Eingangs erwähnten Paradoxon landen. Der Autorin sei es verziehen, mit viel Humor und einem schelmischen Augenzwinkern wird so ziemlich alles, was mit Schach zu tun hat, durch den berühmt berüchtigten Kakao gezogen. Eröffnungsvarianten, Partien oder zumindest Schachdiagramme sucht man hier vergebens, was man aber neben den auflockernden und humorvollen Karikaturen von Frank Stiefel findet, sind ebenso geistreiche  wie unterhaltsame Geschichten und Texte über die Schachwelt und seine Bewohner.

Weitere Themen im Buch befassen sich unter anderem mit:

- Schachspielenden Maschinen
- Schach in der Literatur
- Ein Leben als Schachprofi

und einigen Episoden aus der Schachkarriere der Autorin.

Zur zentralen Frage des Buches, ob Schachspieler wirklich anders ticken, bringt Jürgens Argumente dafür und dagegen. Inwieweit man selbst schon als realitätsfremd wirkt auf andere, kann durch einen nicht ganz ernst gemeinten Test am Ende des Kapitels beantwortet werden.

Eine Leseprobe kann man hier finden: http://www.kaniaverlag.de/werbemappe/tickenleseprobe.pdf

Fazit: Ein Schachlesebuch der „anderen“ Art, humorvoll, geistreich, unterhaltsam! Für Schachspieler, deren Verwandte, Freunde, Kollegen und allen Menschen die mit Schachspielern zu tun haben, absolut lesens- und empfehlenswert!

Ticken Schachspieler anders?
Kania Verlag
12,80 Euro

 

Nachfolgend ein Interview mit Vera Jürgens, in der sie über unfaire Gegner, Schachtraining mit Michail Tal und die kommenden Großereignisse in Deutschland spricht:

Ihr Buch „Ticken Schachspieler anders?“ beschreibt unter anderem Verhaltensregeln am Schachbrett, was war diesbezüglich das Schlimmste oder Peinlichste was Sie jemals während einer Schachpartie erlebt haben?

Fast alle im Buch aufgeführten Beispiele für ein unkorrektes Verhalten am Schachbrett habe ich selber erlebt. Ich hatte Gegner und Gegnerinnen, die während der Partie lautstark Äpfel oder Möhren verspeisten, intensiv Kaugummi kauten und dabei Bläschen erzeugten, unzählige Male den Kugelschreiber an- und ausklickten, mich anstarrten als wäre ich nicht von dieser Welt und so weiter und so fort. Einmal hatte ich mich ziemlich aufgeregt, weil mein Gegner nach jedem Zug aufgestanden war, um sich bei den Schachkumpels, die mit am Brett standen, Rat zu holen. Ein anderes Mal erwischte ich meinen Gegner dabei, den bereits ausgeführten Zug wieder zurück zu nehmen. Ich war in der Nähe, saß aber nicht direkt am Brett und konnte ihm nichts nachweisen. Es sei allerdings erwähnt, dass sich längst nicht jeder Schachspieler durch ein unkorrektes Verhalten seines Gegners gestört fühlt. Möglicherweise nehmen viele so etwas gar nicht zur Kenntnis. Umso schwerer haben es diejenige (zu denen ich mich auch zähle), die während einer Schachpartie extrem empfindlich auf äußerliche Reize reagieren.        

Sie geben auch Tipps wie man Nichtschachspielende Ehefrauen oder Freundinnen davon abhält, einen auf ein Turnier zu begleiten. Ganz ehrlich, würde Sie es stören, wenn ihr Mann nicht Schach spielen würde und Sie auf jedes Turnier begleiten würde?

Wahrscheinlich würde es mich nicht stören, solange das Turnier gut läuft. Nach einer Niederlage (von mehreren ganz zu schweigen) aber, könnte es in der Tat kritisch werden. Es würde mich ärgern, wenn mein Mann nicht in der Lage wäre zu verstehen, wie ich mich nach einer verlorenen Partie fühle. Das Problem ist folgendes: während die begleitende Seite ein einwöchiges Schachturnier als eine Art Urlaub betrachtet, stellt sie für den Schachspieler (für die Schachspielerin) harte Arbeit, ja eine Art Prüfung dar. Dies könnte zu Missverständnissen führen und dazu, dass man beginnt, aneinander vorbei zu schweigen. Schachspieler sind als Teil unserer extrem leistungsorientierten Gesellschaft ebenfalls sehr leistungsorientiert und Turnierpartien mit ELO-Auswertung gegenüber sehr empfindlich. Viele setzen sich selbst unter Druck, ihre Wertungszahl zu verbessern oder sie wenigstens nicht zu verschlechtern. Leider! Ich wünschte, es wäre nicht so und es gäbe auch stark besetzte Schachturniere, die nicht ELO- und DWZ – ausgewertet werden. Die Teilnehmer eines solchen Schachturniers könnten nach Lust und Laune verlieren, sich aber trotzdem lieb haben und des Lebens freuen…                      

Wie wichtig ist Psychologie im Schach auf Vereinsspielerniveau?

Vermutlich nicht weniger wichtig als auf einem höheren Level. Auf Vereinsspielerniveau habe ich oft beobachtet, dass man mittels „Schraubenzügen“ oder bewusstem Räuspern versucht, den Gegner einzuschüchtern. Ob man sich davon beeinflussen lässt, hängt wie gesagt von der Empfindlichkeit des Einzelnen ab.   


WGM Vera Jürgens während einer Simultanveranstaltung

Im Buch vertreten Sie die Meinung, dass es höchste Zeit wird, den Begriff „Fernschach“ durch „Computerschach“ zu ersetzen. Hört sich so an als wenn Sie dem Fernschach eher negativ gegenüber stehen würden.

Ich bin dem Fernschach gegenüber nicht negativ eingestellt! Warum sollte ich? Was ich aber schade finde, ist, dass die Entwicklung der Computertechnologien das Wesen des Fernschachs praktisch zerstört hat. Früher stellte das Fernschachspiel eine Herausforderung dar. Im Fernschach verfügt man über sehr viel Zeit (z.B. 40 Tage für je 10 Züge), um den besten Zug in einer Stellung zu finden, also wurden früher dadurch das analytische Denken und die Kreativität gefördert. Durch die Schachcomputer-Programme ist das heute irgendwie verloren gegangen. Leider! Zwar haben die Fernschachspieler nach wie vor ihre eigene FWZ – Wertungszahl, eigene Fernschachmeisterschaften und Veranstaltungen. Ich wette aber, dass viele Fernschachspieler der guten alten computerfreien Schachzeit nachtrauern, und genau darum ging es mir. Die Fernschachspieler selber tragen keinerlei Schuld an dieser Entwicklung!    

Zurück zum realen Turnierschach, vom 5. bis 9. Mai hat Bundestrainer Uwe Bönsch die Nationalmannschaften (Arkadij Naiditsch, Jan Gustafsson, David Baramidze, Falko Bindrich, Leonid Kritz, Georg Meier und Rainer Buhmann sowie das Damenteam, betreut von David Lobzhanidze, mit Elisabeth Pähtz, Ketino Kachiani-Gersinska, Vera Jürgens und Marta Michna) zum Vorbereitungslehrgang auf die kommende Schacholympiade nach Neustadt eingeladen. Können sie uns etwas darüber erzählen?

Die paar Tage in Neustadt haben mir sehr gut gefallen. Es gab nicht übermäßig viele Trainingseinheiten, was uns gemeinsame andere Unternehmungen ermöglichte. An einem Tag haben wir zum Beispiel ein Sportzentrum besucht und dort unsere sportliche Kondition auf die Probe gestellt. Nach einer Stunde Squash mit E. Pähtz war bei mir die Luft raus. Aber es hat Spaß gemacht! Solche gemeinsamen Unternehmungen sind sehr wichtig, um ein gutes Teamklima zu erzeugen.     

Haben Sie schon einmal mit einem solchen Schachgiganten wie Karpov trainiert und würden Sie es begrüßen, wenn so etwas öfters durchgeführt werden würde?

In meiner Jugend habe ich ein Trainingslager besucht, bei dem der damalige Exweltmeister Michail Tal als Trainer eingeladen war. Dieser Lehrgang hat bei mir tiefe Eindrücke hinterlassen. Selbstverständlich würde ich weitere Lehrgänge mit Schachgiganten wie A. Karpov  begrüßen! 

Im Rahmen der Olympiasimultanreise besuchten Sie letztes Jahr auch meine Heimatstadt Regensburg. Wie man lesen konnte, waren sie ziemlich erschöpft von der langen Anreise, nimmt man solche Strapazen gerne in Kauf im Hinblick auf die Schacholympiade?

Ja, der Tag war hart, aber als Strapaze habe ich die Simultantour in Regensburg nicht empfunden, ganz im Gegenteil! Lange Anreisezeiten nehme ich gerne in Kauf, wenn ich dadurch meinen kleinen Beitrag dazu leisten kann, um für Schach (bzw. die Schacholympiade) zu werben.   

Ich stimme völlig mit Ihnen überein, dass es bedauerlich ist, dass hierzulande nicht mehr über Schach berichtet wird in den Medien, was muss und was kann sich ändern?

Tja, was soll ich dazu sagen? Man kann die Menschen nicht zwingen, Schach zu mögen und es als eine attraktive und sinnvolle Freizeitbeschäftigung zu empfinden. Schach kann einen entweder total begeistern oder aber völlig kalt lassen.  Was ich sehr erfreulich finde, ist die verstärkte Tendenz in Deutschland, Schach an Schulen (in Form einer Schach-AG) und neuerdings auch in den Kindergärten einzuführen. Die Presse hat ausreichend über ein Pilotprojekt "Schach im Kindergarten" berichtet. Schach fördert das räumliche und das logische Denken, die Konzentration und die Kreativität – so die Ergebnisse dieses Pilotprojektes. Wenn diese positive Entwicklung anhält, könnte das Schach in Deutschland in nur 10-15 Jahren einen ganz anderen Stellenwert bekommen. Dies würden die Medien auch zur Kenntnis nehmen müssen. Ich glaube, Deutschland ist auf dem richtigen Weg, warten wir es also ab.        

Abschließend zwei Fragen zu den kommenden Großereignissen in Deutschland:  Wer wird neuer Weltmeister und wo stehen die deutschen Teams am Ende der Olympiade?

Leider kann ich nicht in die Zukunft sehen. Kramnik geht meistens auf Nummer sicher, die Remisquote bei ihm ist ziemlich hoch. Anands Spiel dagegen ist risikoreicher. Meiner weiblichen Intuition zufolge wird Kramnik es aber trotzdem schaffen. Was die deutschen Olympiamannschaften angeht: Die Frauen sehe ich auf Platz sechs und die Männer auf Platz acht. Oder umgekehrt. Auf jeden Fall wäre eine einstellige Platzierung angesichts der Unmenge an kleinen Schachgenies, die Länder wie Ukraine, Russland, Armenien und China produzieren, ein Supererfolg.    

Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für die Zukunft!


Martin Rieger
Freechess.de

Bildernachweis:  www.schacholympiade.org

 

 

 

 


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