Varianten

07.12.2004 – Jeder Schachfreund weiß, dass im Schach Tausende von Varianten möglich sind. Weniger bekannt ist, dass es auch vom Schach selbst Tausende von Varianten gibt. Auf seiner Seite chessvariants.com hat der Niederländer Hans L. Bodlaender alle bekannten Schachvarianten inklusive ihrer Regeln katalogisiert. Dr. René Gralla führte ein Interview, das am vergangenen Samnstag im Neuen Deutschland erschien. Interview bei Neues Deutschland...Ungekürztes Original-Interview...

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Das folgende Interview erschien in gekürzter Form im Neuen Deutschland. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors.

 

Schachspiele für den Flug zum Mars
Interview von Dr. René Gralla mit Hans L. Bodlaender

Spitze Ohren sind ihm noch nicht gewachsen. Dabei würden die - als Beigabe zum scharfen Verstand des Vulkaniers Mr. Spock - sicher helfen, mit dem bizarren "3D-Star Trek-Schach" klar zu kommen: Das ist nämlich eine Mattjagd auf sieben (!) Ebenen, und dieses Raumschach ist eine der Varianten des ewigen Spiels, die der Niederländer Hans Leo Bodlaender auf seinen Webseiten zusammen mit sechs ehrenamtlichen Autoren vorstellt und analysiert. Angefangen hat das 1995, und mittlerweile ist die Homepage
www.chessvariants.org das Online-Lexikon schlechthin für verschiedene Schachversionen. Von regionalen Besonderheiten wie Chinas Xiangqi oder Äthiopiens Senterej bis hin zu Science fiction und den trickreichen Hakenschlägen der kleinen Grünen Männchen auf dem 10x10-"Jetan"-Brett, das angeblich vom Roten Planeten stammt: Alles findet seinen Platz bei Hans Bodlaender. Dazu Historisches wie das mittelalterliche "Kurierschach", das groß und bunt gewesen ist und so witzige Typen wie den "Schleich" kannte: eine echte Herausforderung auf 96 Feldern und in Sachsen-Anhalts berühmtem Schachdorf Ströbeck lange gepflegt. Ob Schachspieler, die oft ihre vergleichsweise beschaulichen 64 Quadranten nur mühsam unter Kontrolle halten, das eigentlich alles wissen müssen - oder erst recht viel besser wissen sollten - , das hat sich Dr. René Gralla vom 44-jährigen Computerwissenschaftler Hans L. Bodlaender aus Utrecht erklären lassen.

Auf Ihrer Website finden wir so überraschende Dinge wie "3D-Star Trek-Schach", "Jetan - Das Mars-Schach", ja sogar "Eishockey-Schach". Was haben Puck und Schläger noch mit Schach zu tun?

Ehrlich gesagt habe ich selber keine Ahnung vom "Eishockey-Schach", schließlich gibt es rund 1000 Varianten auf meinen Internetseiten ...

... wir haben nachgesehen und können Ihnen ein paar Tipps zu geben: Eishockey-Schach wird gespielt auf einem üblichen Brett mit zusätzlichen Markierungen, vor allem für die Tore. Die Zahl der Figuren ist reduziert, den Puck symbolisiert ein schwarzer Bauer ...

... aha, okay. Nun, es gibt eben einige Varianten, die sich sehr stark an das bekannte Schach annähern, und andere, die ziemlich weit weg sind vom Schach.

Wie viele Ihrer Varianten beherrschen Sie persönlich?

Ein paar Dutzend.

Bringen Sie die nicht manchmal durcheinander?

Bevor man ein Spiel beginnt, muss man eben noch einmal die Regeln rekapitulieren.

Der Weltmeister im klassischen Schach, Wladimir Kramnik, hat in einem Interview sinngemäß gesagt, Schach sei so tiefsinnig, manchmal fürchte er deswegen, sich darin zu verlieren und niemals die ganze Tiefe des Spiels ausloten zu können. Wenn das schon für die übliche 64-Felder-Version gilt: Sollte man dann nicht zuerst deren letzte Rätsel lösen, anstatt verrückte Abarten aufzuspüren oder womöglich neue auch noch extra auszutüfteln?

Das hängt natürlich davon ab, was für ein Mensch Sie sind. Auf jeden Fall gibt es Großmeister, die sich regelmäßig mit Schachvarianten beschäftigen. Und einige von denen beobachten, dass sie dadurch ihr normales Schach verbessern - weil sie auf dem Brett neuartige Muster entdecken und zu frischen Einsichten gelangen.

Mit Varianten sein Schach verbessern - wie soll das funktionieren?

Orthodoxes Denken wird aufgebrochen. Gleichzeitig lernen Sie, genauer hinzuschauen, weil Sie nie von vornherein sicher sein können, dass Sie wissen, wie zum Beispiel der Läufer zieht. Mal flitzt der die langen Diagonalen lang, mal heißt er Elefant und springt komischerweise schräg ins übernächste Feld. Über die jeweilige Position denken Sie intensiver nach und verlassen sich nicht mehr auf bewährte Taktiken. Außerdem haben Schachvarianten einen sehr großen Vorteil für Menschen wie mich, deren Spielstärke irgendwo zwischen schlecht und mittelmäßig liegt ...

... was ja im übrigen für die Mehrheit der Schachliebhaber gilt ...

... ja, genau, und da ist es einfach spannend, Gewohntes öfter mal abzuwechseln, bevor es langweilig wird. Nebenbei ist es auch ziemlich praktisch, keine Eröffnungsbücher studieren zu müssen, zu Varianten gibt es ja meist keine spezielle Theorie. Abgesehen davon finde ich das kulturelle Phänomen interessant: Die Geschichte des Schachspiels ist auch eine Geschichte von Leuten, die sich neue Varianten ausgedacht haben. Das geht zurück bis in die Zeit der alten Araber um 600 nach Christus; und auch das Schach, wie wie es heute kennen, ist erst gegen Ende des 15. Jahrhunderts entstanden, als Variante des arabischen Shatranj. Ein anderes Beispiel: Ich mag auch das historische "Kurierschach" aus dem deutschen Schachdorf Ströbeck - wieder ist das ein Stück Kulturgeschichte, die überlebt hat.

Kann der Fan die Schachvarianten, die auf Ihren Seiten besprochen werden,  auch kaufen?

Einige ja. Zum Beispiel "Chessapeak": Das ist Schach für vier Personen.

Was sind Ihre persönlichen Lieblingsvarianten?

Nach dem normalen Schach gefällt mir das chinesische Xiangqi. Weniger ernsthaft spiele ich Räuberschach, bei dem man so schnell wie möglich seine Figuren los werden muss, und Tandem-Schach. Beim Tandem-Schach treten Zweier-Teams an zwei Brettern gegeneinander an. Gewinne ich eine Figur, gebe ich die meinem Mannschaftskameraden am Nachbarbrett, der den eroberten Stein auf seiner Seite wieder einsetzen darf. Da wird viel gelacht!

Spielt Ihre Frau auch Schach?

Nein. Sie mag keine Spiele.

Was folgt daraus für Ihre Beziehung?

Nun, neben Schach habe ich ja auch noch andere Hobbys, zum Beispiel Skating und Walking. Und das mache ich zusammen mit meiner Frau, sie zieht den Bewegungssport vor.

Sie haben sogar "Jetan - Das Mars-Schach" in Ihre Sammlung aufgenommen. Woher haben Sie das? Die Pathfinder-Sonden haben da oben ja noch kein Schach entdeckt?!



Aber das liegt auch nur daran, weil die Marsbewohner alle gelandeten Raumfahrzeuge zerstören, um nicht entdeckt zu werden (lacht). Im Ernst: "Jetan" geht zurück auf ein Buch des "Tarzan"-Autors Edgar Rice Burroughs; Titel: "Die Schachfiguren auf dem Mars." Was nebenbei auch ein spannendes Spiel ist: mit witzigen Figuren wie "Chief" und "Prinzessin" für das Herrscherpaar, dazu "Flieger", Dwar ("Captain"), Padwar ("Leutnant"), Krieger und Thoat ("berittener Krieger") und Panthan ("Söldner") - die
während eines Zuges auch noch trickreich die Richtung ändern können ...



... warum kontaktieren Sie da nicht die Nasa? Der erste bemannte Flug zum Mars wird eine sehr lange Reise; zur Einstimmung auf den Zielplaneten könnten die Astronauten unterwegs Jetan spielen! Haben Sie schon die Nasa
kontaktiert?
 

Nein. Aber eigentlich sollte ich das wirklich tun.

Interview: Dr. René Gralla

 

 

 



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