Vier Fäuste für ein Matt

15.06.2004 – Das Schachboxen ist ein hübsches Beispiel, wie die Fiktion Einfluss auf die reale Welt gewinnen kann. Nach dem sich Enki Bilal für seinen Comic "Kalter Äquator“ (Froid Equateur), gerade unter dem Titel "Immortel" verfilmt, die krude Kombination aus Schach und Boxen ausgedacht hat, wurde es bald von dem in Berlin lebenden holländischen Künstler  IEPE B.T. Rubingh in die Tat umgesetzt. Er gründete die World Chess Boxing Organisation“ WCBO und hat inzwischen bereits zwei "Titelkämpfe" um die Schachbox-Weltmeisterschaft durchgeführt. Das Neue Deutschland veröffentlichte in seiner vergangenen Wochenendausgabe ein Interview mit dem Kunstsportler, das Dr. René Gralla führte. Neue Deutschland online... Enki Bilal online...Interview mit IEPE B.T. Rubingh ...

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Vier Fäuste für ein Matt

Berlin - Er hat schon mal einen Baum regnen lassen, sechs Wochen lang am Hackeschen Markt in Berlin. Jetzt lässt der Künstler IEPE B.T. Rubingh Fäuste regnen, und das ausgerechnet während der normalerweise stillen Dramen einer Schachpartie. Der Einsatz roher körperlicher Gewalt, in der Regel ein schwerer Statutenbruch, der zu sofortigem Rauswurf aus dem Turniersaal führt, hat im Fall IEPE B.T. Rubingh jedoch System. Der Kreative aus Rotterdam, der seit bald sieben Jahren in der Bundeshauptstadt lebt, möchte nämlich eine neue Wettkampf-Disziplin etablieren: Die klingt zwar wie ein Vorgriff auf die rein kalendarisch eigentlich noch recht ferne närrische Saison ab 11.11., ist aber von ihrem Promoter absolut ernst gemeint - das so genannte Schach-Boxen.

Wie das gehen soll? Ein Faustkampf und eine 12-Minuten-Schnellpartie werden kombiniert, jeweils im Wechsel, maximal 11 Runden lang; wer zuerst den Knock-out schafft, entweder am Brett oder mit einem satten und physisch nachhaltigen Treffer, verlässt die Szene als Sieger. IEPE B.T. Rubingh hat bereits einen richtigen Weltverband gegründet, die World Chess Boxing Organisation (WCBO), die an Berlins Ackerstraße Nr. 3 residiert. Praktischerweise ist der Vater dieser Idee auch gleich der Champ in seinem eigenen Verband, nach einem Auftaktsieg im November 2003 gegen Luis The Lawyer in Amsterdam und einer erfolgreichen Titelverteidigung Mitte April in Tokio gegen einen gewissen Soichiro The Cho-Yabai (übersetzt: Der Gefährliche). Weitere Meilensteine in der noch jungen WCBO-Geschichte werden sein: ein Show-Kampf zwei Tage vor Beginn der Olympischen Sommerspiele im August in Athen – und im September 2004 die Eröffnung eines ersten Gyms für Chess Boxing am Prenzlauer Berg.

Beim Interview hat der Autor Dr. René Gralla übrigens dankend darauf verzichtet, das Schach-Boxen live zu testen: Der 29-jährige IEPE ist ein durchtrainierter Mittelgewichtler und bringt ein Kampfgewicht von 74 Kilogramm auf die Waage.

Machen Sie mit dem Schach-Boxen den Traum aller frustrierten Schachspieler wahr? Die einem überlegenen Gegner endlich legal eine runterhauen dürfen?

Nein. Denn für Schach-Boxen müssen Sie sich erst einmal richtig ins Zeug legen; Sie brauchen ein paar Jahre richtiges Box-Training, bevor Sie in den Ring dürfen. Und bis dahin hat der Frust von der letzten verlorenen Partie sicher schon wieder nachgelassen.

Oder setzen Sie mit Ihrem Konzept - natürlich unbeabsichtigt - den berüchtigten Schnack von prügelnden Paukern aus der pädagogischen Steinzeit vor 1968 um: Leichte Schläge auf den Hinterkopf erhöhen die Denkfähigkeit!?

Dieses Sprichwort höre ich zum ersten Mal. Was soll ich dazu sagen?! (lacht) Ob Sie es glauben oder nicht: Schach-Boxen ist ein seriöser Sport.

Aber wenn Sie beim Schach-Boxen in der Faustkampf-Runde solche Hiebe auf den Schädel kriegt: Die Partien müssen doch grauenhaft sein, die dabei herauskommen?

Die Schachpartien haben bis jetzt tatsächlich kein hohes Niveau

… was wohl keine allzu große Überraschung sein dürfte. Wenn man sich prügelt, wird man kaum eine Glanzleistung auf dem Brett schaffen?!

… aber das liegt nicht daran, dass Du einen dicken Schädel im Ring hast; den kriegst Du erst am nächsten Tag. Dein Schachspiel wird nicht durch die Schläge während des Fights behindert; was Dich behindert, ist die Überdosis Adrenalin und der hohe Puls. Du brauchst deswegen eine extreme Kontrolle über Deinen Körper, um beim Chess Boxing gleichzeitig auch gut Schach spielen zu können.

Das Problem ist jedoch: Man muss auch noch ganz simpel auf’s Brett gucken können. Denken Sie an die letzte Niederlage von Vitali Klitschko  – als der so einen fatalen Treffer auf’s Auge abgekriegt hat, dass Vitali danach wegen starker Blutungen praktisch nichts mehr sehen konnte.

Das stimmt. Aber dann wird man eben für technisch schachmatt erklärt.

Erklären Sie uns bitte, wie Sie überhaupt auf diese verrückte Idee gekommen sind.

Die habe ich im Comic Kalter Äquator des Belgrader Künstlers Enki Bilal gefunden. Seitdem lässt mich der Gedanke nicht mehr los. Schachspieler bin ich sowieso gewesen, außerdem habe ich zwischenzeitig zusätzlich noch mit Boxen angefangen.



Chess Boxing ist jetzt für mich die Möglichkeit, beides zu kombinieren: zunächst als Kunstform – wobei ich jedoch sehr schnell gemerkt habe, dass Schach-Boxen das Potenzial für einen richtigen Sport besitzt. Und dann haben wir begonnen, mit dem Holländischen Schachbund und mit dem Holländischen Boxbund zusammenzuarbeiten; wir haben ein Regelwerk aufgestellt, was demnächst auch verfeinert wird.

Wir sehen also: Sie meinen das alles wirklich ernst?!

Ja! (lacht) Ich stecke nicht umsonst meine Zeit in das Projekt. In den letzten anderthalb Jahren haben wir mit so vielen Leuten daran gearbeitet: Das macht man nicht, wenn die Aktion bloß ein Scherz wäre.

Aber wie soll Schach-Boxen denn auf Dauer funktionieren? Das sind doch komplette Gegensätze: auf der einen Seite diese Schachspieler – vergrübelt, verwurschtelt, fürchterliche Körper, abgeschlafft - ; auf der anderen Seite Boxer mit ihren ausdefinierten Muskeln?

Das ist doch eine sehr schöne Verbindung. Ich kenne ja auch die Schachvereine und die Boxvereine, ich kenne den gegensätzlichen Typus von Schachspieler und Boxer. Und da denkt man sich: Du Schachspieler, beweg’ Dich mal ein bisschen, komm’ runter von diesem Stuhl, komm’ hinter Deinem Rechner hervor! Und bei den Boxern denkt man ab und zu: Der könnte auch mal ein bisschen sein Gehirn einschalten.

Zugegeben: Tatsächlich gibt es eine überraschende Vorliebe mancher Boxstars für das Schach.  Lennox Lewis und die Klitschko-Brüder schieben die Figuren; die weibliche Boxerin Daisy Lang, die allerdings leider kürzlich in Kiel gegen Regina Halmich verloren hat, interessiert sich für die chinesische Variante Xiangqi. Wie kommt das?

Da gibt es Berührungen auf der symbolischen Ebene. Wenn man möchte, könnte man sagen: Die Türme sind Deine rechte Gerade, der Springer ist wie ein Haken. Und allgemeiner gesprochen: Schach ist ein strategisches Kriegsspiel. Boxen ist, doof gesagt, eine Prügelei im Ring, aber auch mit gewissen Regeln, wie Schach. Bestimmte Boxer - wie Lennox Lewis - sind echte Strategen: Der geht nicht so einfach geradeaus wie Mike Tyson; der überlegt sich vorher eine Strategie, die er auf den jeweiligen Gegner zuschneidet. Und dann spielt er immer ein wenig Schach im Ring. Das gilt eigentlich auch für Vitali Klitschko – obwohl der heutzutage leider nicht mehr so ein Stratege ist. Nebenbei bemerkt: Auffällig ist auch, wie sich manchmal sogar die Sprache der Sportberichterstattung überlappt: „They played a game of chess in the ring.“

Und das setzen Sie nun in die Realität um?

Stimmt. Das Faszinierende daran ist: dass sich unser Projekt zu einer eigenständigen Sportdisziplin entwickelt hat. Wobei man ganz spezifische Dinge trainieren muss: Wie kommst Du klar mit Deiner Überdosis Adrenalin nach der Boxrunde – wenn Du Dich hinter das Brett zur Schachrunde setzen musst?! Das ist wie beim Biathlon: Das muss man üben, und dann wird sich zeigen, wer das besser kann.

Wollen Sie denn mit Schach-Boxen womöglich auch in den Kanon der Olympischen Sommerspiele aufgenommen werden?

Ja. Wir von der WCBO unterstützen Initiativen im Ausland: gerade jetzt in Dallas, in Amerika, und in Serbien-Montenegro. Das hört sich alles sehr groß an, ist in Wahrheit aber noch klein, aber irgendwie muss die Sache doch anfangen. Denn ich glaube daran, das Schach-Boxen eine Zukunft hat.

Dass es eine Initiative in Serbien-Montenegro gibt, dort Chess Boxing auf die Beine zu stellen, das wundert uns natürlich nicht: bürgerkriegsgestählte Serben, die ein knallhartes Argument lieben, sind im Schach gleichzeitig auch gewitzt!

Ja! Aber ich betone – das Motto der WCBO lautet: „Fighting is done in the ring, and wars are waged on the board.“

Kann Chess Boxing nicht zur Brutalisierung nun auch noch des Schachsports beitragen?!

Natürlich kann das missbraucht werden, so wie jeder Kampfsport. Aber wie Sie andererseits wissen, bemühen sich viele Box- und Kampfsportvereine darum, dass sich die Leute eine gewisse Disziplin aneignen. Und eine gewisse Beherrschung ihrer Aggressionen.

Was sagt der Weltschachbund FIDE zu Ihrer Initiative?

Mit der FIDE haben wir noch nicht gesprochen. Bisher arbeiten wir zusammen mit dem Holländischen Schachbund und mit dem Japanischen Schachbund, und wir stehen auch in Kontakt mit dem Deutschen Schachbund. Am Anfang sind die alle ein bisschen skeptisch gewesen; viele erkennen aber, dass Schach-Boxen das Schach gerade auch bei Jugendlichen wieder populär machen kann. Bei unseren ersten Titelkämpfen, in Amsterdam und Tokio, haben wir insofern festgestellt: Wenn Leute das live sehen – Großmeister oder Offizielle vom Schachbund - , dann können die sich durchaus für Chess Boxing begeistern.

Allerdings ist die Schachwelt mehrheitlich sehr konservativ. Die Puristen wehren sich gegen alles, was sie für unpassendes Beiwerk und minderwertigen Boulevard halten. Meinungsführer der Beton-Fraktion ist das Fachblatt „Schach“, deren Redaktion pikanterweise ausgerechnet bei Ihnen, Herr Rubingh, in Berlin sitzt, wo jetzt auch die WCBO residiert: Diese Konservativen wettern gegen alles, was nach deren Meinung den wissenschaftlichen Wert des Schachs gefährdet. Tun Sie aber, Herr Rubingh, nicht das genaue Gegenteil dessen, was die Gralshüter mit Klauen und Zähnen und viel PC-Geklapper verteidigen? Ihr Chess Boxing – das ist doch die Überfrachtung des ernsthaften Schachspiels mit einer Riesenshow!

Nein. Schach-Boxen ist inzwischen eine eigenständige Disziplin. Sie muss sich nicht an dem messen lassen, was als Maßstab für den traditionellen Schachsport gilt. Die Biathlon-Liga wurde ja früher auch ausgelacht von allen Seiten. Die Langläufer haben gesagt, die Biathlon-Läufer werden beim Langlauf niemals an unsere Leistungen heranreichen; entsprechend haben sich die Schützen geäußert. Chess Boxing wird sich wie Biathlon durchsetzen.

Deswegen sagen Sie dann auch: Partien im Chess Boxing haben eine eigenständige Wertigkeit?

Genau.

Wie häufig trainieren Sie Schach und Boxen?

Zweimal in der Woche übe ich Schach; mit einem Coach, der ein ELO-Rating von rund 2200 hat. Ich selber liege jetzt bei ELO 1700. Dreimal in der Woche trainiere ich Boxen, beim Post SV in der Gormannstraße, einem Traditionsverein aus der alten DDR.

Haben Sie schon mit den Klitschko-Brüdern gesprochen?

Die möchten wir zu einem unserer nächsten Events einladen. Vielleicht für einen kleinen Showkampf.

Wann werden Sie Ihren Titel als Weltmeister im Schach-Boxen verteidigen?

Wahrscheinlich 2005 in Berlin.

Sehen Sie jetzt schon einen Herausforderer?

Vor dem WM-Kampf veranstalten wir ein Qualifikationsturnier. Da können sich Titelanwärter bewerben und um den Einzug ins Finale kämpfen.

Ist das eine Chance für gescheiterte Schachtalente: am Brett zu schlecht, aber in den Fäusten hat man’s?! Und so kann man dann doch noch Weltmeister werden?!

Nicht unbedingt. Es ist gar nicht so einfach, jemanden gleich in der ersten Runde ko zu schlagen.

Sie wissen ja, was in der Schachwelt los ist. Zwei Weltmeister machen sich gegenseitig den Rang streitig – einmal gibt es den Champ im Classic Chess, Wladimir Kramnik, und dann gibt es die neue Nr. 1 der FIDE, der wird ab 19. Juni im libyschen Tripolis ermittelt. Und außerdem ist da Garri Kasparow, der unverdrossen von sich behauptet, er sei weiterhin der beste Spieler der Welt – weil er die ELO-Rating-Liste anführt. Ferner haben wir den Inder Viswanathan Anand, der immerhin die ELO-Nr. 2 ist. Seit zwei Jahren wird versucht, das Hickhack zu beenden: Wäre da nicht das Schach-Boxen die ideale Lösung? Dass man ein für alle mal auf eine klare, eindeutige, sichtbare und männliche Weise diesen albernen Streit beendet?

Nein. (lacht) Das kann ich mir nun doch nicht vorstellen.

 

Interview: Dr. René Gralla

 

 

 

 

 

 

 



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