Vincent Keymer in Hamburg

von André Schulz
19.11.2019 – Zum letzten Wochenende gab es in Hamburg drei Großmeister-Simultanveranstaltungen. Luis Engel, Vincent Keymer und Ilja Zaragatzki traten an drei Tagen gegen 58 Gegner und gingen mit 55,5: 2,5 von den Brettern. | Fotos: André Schulz (wenn nicht anders angegeben)

Schach Nachrichten


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Souveräne Großmeister

Zum Begleitangebot beim Worldchess Grand Prix Turnier in Hamburg gehörte ein kleines (oder auch größeres) Simultanfestival. Der Deutsche Schachbund hatte der FIDE ein Rahmenprogramm zugesagt. Der Hamburger Schachverband organisierte es. In der Person von Boris Bruhn, noch Präsident des Hamburger Schachverbandes, inzwischen aber auch Vizepräsident des Deutschen Schachbundes vereinten sich die Verantwortlichkeiten.

DSB-Vize Boris Bruhn

An drei aufeinanderfolgenden Tagen spielten drei Großmeister gegen jeweils etwa 20 Gegner simultan. Den Auftakt machte Luis Engel im Levantehaus, einem alterwührdigen Büro-und Geschäftshaus an der Haupteinkaufsstraße von Hamburg, der Mönckebergstraße. Bei der Durchführung vor Ort halfen die Schachfreunde vom Hamburger Schachklub und der Schachschule Hamburg mit. Luis Engel, Deutschlands zweitjüngster Großmeister, ist quasi ein Kind der Hamburger Schachschule. Die Veranstaltung wurde von Thomas Woisin, dem Vorsitzenden des Hamburger SK und von Marcus Fenner, dem Geschäftsführer des Deutschen Schachbundes eröffnet.

Luis Engel im Levantehaus | Foto: Schachbund

Dann zog der junge Schach-Großmeister im Atrium des Levantehauses seine Runden und beendete sein Simultan gegen teilweise auch stärkere Gegner mit einem 16:0. 

Am frühen Samstag Abend folgte eine Simultanvorstellung mit Vincent Keymer, Deutschlands jüngstem Großmeister aller Zeiten. Austragungsort war ein Konferenz- und Veranstaltungsraum im "Courtyard by Marriott Hamburg City", nicht weit von der Mönckebergstraße entfernt. Hier hatte sich zuvor der Hauptausschuss des Deutschen Schachbundes getroffen und viel zu besprechen gehabt.

Zum Beginn des Simultans kämpften Jan-Krzysztof Duda und Alexander Grischuk in der Speicherstadt noch um den Sieg beim Grand Prix Turnier. Auch die Speicherstadt ist vom Marriott Hotel nicht weit entfernt, zu Fuß an diesem Tag sogar besser zu erreichen als mit dem Auto, denn die Straßen der Hamburger Innenstadt war völlig verstopft. Die Hamburger City verwandelt sich derzeit zwar noch nicht in eine autofreie Stadt, aber immerhin schon in eine City ohne fahrende Autos. 

Vielleicht lag es auch am Regen. Die "schönste Stadt der Welt" empfing ihre Gäste mit typischem Hamburger Herbstwetter - kalt, nass, windig, also ungemütlich. Vincent Keymer war extra aus Mainz angereist, begleitet von seinem Vater. Am Tag zuvor hatte Vincent Keymer noch seinen 15. Geburtstag gefeiert. 

Wer das deutsche" Schachwunderkind" bisher noch nicht kannte und vielleicht einen in sich gekehrten Schachnerd erwartete, wurde "enttäuscht". Deutschlands jüngster Schach-Großmeister ist ein freundlicher, offener und wohlerzogener Jugendlicher und gleicht in dieser Beziehung seinem Hamburger Kollegen Luis Engel. Vincent Keymer begrüßte alle Anwesenden, Teilnehmer und Funktionäre, zuvorkommend per Handschlag und mit einem Lächeln. Ein Wunder"kind" ist er auch nicht mehr. Mit über 1,80 Meter Länge überragt er seinen Vater bereits an Körpergröße. Wie viele andere Väter heutzutage auch, muss Christof Keymer eventuelle erzieherische Hinweise also von unten nach oben erteilen.

Zu Beginn der Veranstaltung ehrte DSB-Präsident Ullrich Krause den Jung-Großmeister mit einer Urkunde, als Auszeichnung für seine einzigartige Leistung - Großmeister mit 14 Jahren!

Medaille und Urkunde vom DSB-Präsidenten Ullrich Krause

Gastgeber Boris Bruhn eröffnete die Veranstaltung, begrüßte den Gast und die Teilnehmer und dann ging es los. Ursprünglich waren 20 Gegner geplant. Wegen der größeren Nachfrage wurden es dann 22 Teilnehmer, von denen die meisten eine Spielstärke an die 2000 aufwiesen - ernst zu nehmende Gegner also. Einige Teilnehmer des DSB-Hauptausschusses waren auch dabei. 

Der jüngste Teilnehmer war allerdings erst neun Jahre alt, Justus, und hatte in Bezug auf seine Spielstärke auch noch nicht eine so hohe Wertungszahl. Seine Begeisterung am Schach übersteigt die 2000 Elo allerdings deutlich. Justus hat sich das Schach auf seinem Handy mit einer Schach-App selber beigebracht. Am Freitag war er schon beim Simultan gegen Luis Engel dabei, überstand 36 Züge, saß nun gegen Vincent Keymer am Brett und verteidigte sich hier über mehrer Stunden gegen die Angriffe des Großmeisters. Der setzt sich zwar am Ende durch, aber Justus hat in der Zeit wieder eine Menge gelernt.

Justus, links, wartet auf den GM

Unter den Teilnehmern befand sich neben anderen auch Wolfgang W. Springer, sehr erfolgreich mit seiner Bio-Bäckerei und dem Schach auch als Sponsor sehr zugetan. Der Zeit-Schachreporter Ulrich Stock hatte sich eilenden Schritts durch das Regenwetter vom Grand Prix im Kehrwieder-Theater ins Marriott begeben und sich ebenfalls unter die Herausforderer eingereiht. Bei Simultanveranstaltungen kann der Hüne seine Kräfte ganz auf das Geschehen auf dem Brett konzentrieren. Im Turnierschach führt er sonst gerne auch noch einen Kampf gegen die Uhr. Aber die gibt es hier ja nicht.

Ulrich Stock

Am Ende hatte Vincent Keymer 19 seiner 22 Gegner besiegt. Er gab zwei Remis ab, eins gegen Luis Engels Zwillingsbruder Robert, das andere gegen den Präsident des Schachbundes Rheinland-Pfalz Achim Schmitt. Eine Partie ging verloren: Thorsten Kittler bezwang den jüngsten deutschen Großmeister.

Endstand | Foto: Schachbund

Nach viereinhalb Stunden war die letzte Schlacht geschlagen und Vincent Keymer durfte endlich schlafen gehen. Vorher half er aber noch beim Zusammenräumen der Bretter und Figuren mit, ist doch klar. 

Am Sonntag wurde die dritte Simultanvorstellung gegeben. Diesmal ging Ilja Zaragatzki an den Start. Austragungsort war die einstige Talmund Tora Schule am Grindelhof, jetzt das Joseph-Carlebach-Bildungshaus, immer noch von der jüdischen Gemeinde genutzt.

Die Wahl des Ortes war nicht zufällig. Sponsor aller drei Simultanvorstellungen war nämlich die Hamburger Pella Sietas Werft, die älteste noch existierende Hamburger Werft (seit 1635). 2014 geriet die Sietas Werft in Insolvenz und wurde von der St. Petersburger Pella Werft übernommen. Und die Leitung der Pella Sietas Werft ist eng mit der jüdischen Gemeinde verbunden.

Großmeister Zaragatzki hatte für den den Grand Prix in Hamburg im Auftrag von Worldchess den deutschsprachigen Live-Kommentar übernommen und sich als Alleinunterhalter prächtig geschlagen. Das machte er auch beim Simultan und beendete es mit 19,5:0,5. Nur Ossi Weiner nahm Zaragatzki einen halben Punkt ab.

Ilya Zaragatzki | Foto: Schachbund

Die Verbindung der beiden Standorte der Pella Sietas Werft, St. Petersburg und Hamburg, wird im kommenden Jahre noch mit einem Schachvergleichskampf zwischen den beiden Städten gepflegt werden. Darauf darf man sich freuen. 

Bericht von den drei Simultans beim DSB...

Schachschule Hamburg...

Pelle Sietas Werft...




André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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gter28 gter28 19.11.2019 10:32
Weder Vincent Keymer noch Luis Engel sind Großmeister (19.11.19)
Großmeister wird man nicht durch die Erfüllung der letzten Norm, sondern, wenn man - nach Erfüllung der letzten Norm - durch die FIDE ernannt wird.
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