Viswanathan Anand: Master Mind

von André Schulz
11.12.2019 – Zu seinem 50. Geburtstag hat Viswanathan Anand nicht sich, sondern den Schachfreunden ein Geschenk gemacht. Seine Autobiografie bietet tiefe Einblicke in eine einzigartige Karriere und ein gutes Stück Schachgeschichte.

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Rechtzeitig zu seinem 50sten Geburtstag, den er am 11. Dezember feiert, hat Viswanathan Anand, 15. Schachweltmeister der Geschichte, seine Autobiographie vorgelegt. Das Buch mit dem Titel "Master Mind" und dem Untertitel "Winning Lessons from a Champion's Life" ist im indischen Verlag Hachette erschienen, etwas über 250 Seiten dick und enthält keine einzige Schachpartie. Co-Autorin ist Susan Ninan.

Sicher gehört Anand zu den interessantesten Persönlichkeiten der Schachwelt. 1969 geboren, begann seine internationale Karriere Mitte der 1980er Jahre. 1995 spielt er gegen Garry Kasparow in New York erstmals um die Schachweltmeisterschaft, damals noch ohne Erfolg. 2000 gewann er die FIDE-K.o.-Weltmeisterschaft, 2007 die wiedervereinigte Weltmeisterschaft, die in Mexiko als Rundenturnier mit den besten Spielern der Welt ausgetragen wurde. 2008 verteidigte Anand den Titel im Wettkampf in Bonn gegen Vladimir Kramnik, danach noch zweimal, 2010 gegen Veselin Topalov in Sofia und 2012 gegen Boris Gelfand in Moskau. Beim Heimwettkampf 2013 in Chennai (Madras) gegen Magnus Carlsen verlor Anand den Titel. 2014 konnte er sich noch einmal als Herausforderer qualifizieren, verlor den Wettkampf gegen Carlsen aber auch diesmal. 

Anands Autobiographie ist in zwölf Kapitel eingeteilt. Das Buch beginnt mit einer Szene 2008 beim WM-Kampf in Bonn, den Anand gegen Kramnik gewann. Dieser Wettkampf ist wohl das Schlüsselmatch in seiner Karriere, denn hier verteidigte Anand seinen Titel im klassischen Format der Schachweltmeisterschaften, im Wettkampf, nachdem er den Titel zuvor schon in zwei anderen Formaten gewonnen hatte. 

Im ersten Kapitel schreibt Anand über seine Befindlichkeiten beim Gewinn der Weltmeisterschaften 2000 und 2007. Die Schachwelt zollte ihm nach dem Gewinn der FIDE-Weltmeisterschaft 2000 zwar Beifall, aber es war eben nicht die Weltmeisterschaft. Nachdem Anand 2007 die wiedervereinigte Weltmeisterschaft, das Rundenturnier in Mexiko, gewonnen hatte, wurde er im Zuge der teils undurchsichtigen Vereinbarungen auf dem Wege zur Wiedervereinigung verpflichtet, zwölf Monate später noch einen Wettkampf gegen Kramnik zu spielen. Das fühlte sich für Anand nicht richtig an. Und als klar war, dass der Wettkampf in Bonn stattfinden würde, wurde Anand sogar vertraglich verpflichtet, bei allen offiziellen Anlässen in Bonn englisch zu sprechen, obwohl er sich ja fließend aus Deutsch unterhalten kanne. Auch in anderen Vertragspunkten fühlte Anand sich benachteiligt.

Nach diesem emotional dramatischen Auftakt lässt Anand die Leser in den folgenden Kapiteln an seinen Beobachtungen und Ansichten über die Fähigkeiten von Schachspielern, sein eigenes Schachverständnis, Emotionen beim Schach und an den Stationen seiner großen Karriere teilhaben.

Seine Schachkarriere begann in Manila, wo sein Vater für die philippinische Bahn als Berater arbeitete und Anand von einer Welle der Schachbegeisterung ergriffen wurde, die dort herrschte. Er war acht Jahre alt, als die Familie nach Manila zog, im November 1978. Der Wettkampf Karpov gegen Kortschnoj war gerade seit einem Monat vorbei. 1980 kehrte die Familie nach Madras zurück. Dort erhielt Anand in Schachgruppen Unterricht und fiel bei den Lektionen, zum Beispiel von Manual Aaron, dadurch auf, dass er zu vorlaut alternative Zugvorschläge machte. Seine Lehrer klagten über sein schlechtes Benehmen beim Unterricht. 

1991 war Anand immer öfter in Europa und suchte dort einen Stützpunkt, um nicht so viel reisen zu müssen. In Maurice und Nieves Perera fand er Zweiteltern, die ihm in der Nähe von Madrid ein Heim boten und sich um ihn kümmerten. 

Im dritten Kapitel schreibt Anand über das Vermögen, sich Dinge zu merken. Die besten Schachspieler haben in dieser Hinsicht große Fähigkeiten. Anand berichtet, dass er sich in seiner Jugend an jede seiner Partien erinnern konnte, vom ersten bis zum letzten Zug. Und er beschreibt, wie und warum das bei Schachspielern funktioniert.

Das folgende Kapitel "Win some, lose some" beschäftigt sich mit Emotionen vor, während und nach Schachpartien. Anand ruft einige Schlüsselmomente in Erinnerung, nicht nur aus seinen eigenen Partien, berichtet, wie sehr ihn manche Fehler und verlorene Partien emotional in Anspruch genommen und noch lange beschäftigt haben und wie man in Partien aus den Reaktionen der Gegner seiner Schlüsse ziehen kann.

Bisweilen spielt Psychologie auch am Rande der Partien eine Rolle. Wie soll man damit umgehen, dass Karpov zu seiner Partie 40 Minuten zu spät kommt (als das noch erlaubt war) und mit einer fadenscheinigen Entschuldigung über den Schiedsrichter fragen lässt, ob man die Uhr nicht zurückstellen kann?

Und manchmal gibt es während eines Turniers Ereignisse von außen, auf die man keinen Einfluss hat, die aber den Turnierverlauf ändern. Während des Norway Chess Turniers 2015 starb Anands geliebte Mutter. 

Im Kapitel "Gathering the troops" offenbart Anand einen tiefen Einblick in sein Schachverständnis. 1998 hatte Ken Thompson ihm seine Sicht der Dinge verraten, so Anand. "Strategie ist nichts anderes als lang andauernde Taktik", weshalb die Computer bald besser sein werden als Menschen, prognostizierte Thompson. "Schach ist zu 99 Prozent Taktik", ist auch Anands Sicht der Dinge.

Anand plaudert munter aus dem Nähkästchen und erzählt beispielsweise, welche Wirkung Überraschungen haben können. Manchmal war er selber das Opfer, zum Beispiel 1995 in New York beim Wettkampf gegen Kasparov, als dieser ihn zweimal mit der Drachenvariante düpierte.

Der zweite Teil des Buches beschäftigt sich zum großen Teil mit Anands Turnierkarriere, wobei die WM-Kämpfe im Mittelpunkt stehen, und beginnt mit dem Kapitel über den WM-Kampf 1995 im World Trade Center in New York gegen Kasparov. Die Spieler saßen in einem Glaskasten, der sie aber kaum akustisch abschirmte. Nachdem Anand nach acht Remis die neunte Partie gewonnen hatte, verhielt sich Kasparov in der nächsten Partie wie ein angeschossener Tiger, knallte die Figuren aufs Brett, sprang aus seinem Sitz auf, schlug die Tür hinter sich zu. So übernahm er nicht nur psychologisch bald die Führung. Anand zahlte Lehrgeld und verlor.

1996 heiratete Anand Aruna in einer von den Eltern der beiden arrangierten Ehe. In Indien ist das durchaus üblich und Anand sprach darüber immer sehr offen, auch in seiner Autobiografie: "Da wir beide nicht 'nein' sagten, bedeutete das 'ja' ". Die Ehe mit Aruna war sicher ein Glücksfall für Anand, denn Aruna gab ihm Rückhalt und erledigte bald auch die Aufgaben eines Managers für ihren Mann.

1997 wurde Anand im ersten FIDE K.o.-Turnier erneut schlecht behandelt. Das Turnier in Groningen sollte die erste K.o.-WM des neuen FIDE Präsidenten Ilyumzhinov sein, war de facto aber nur ein K.o.-Kandidatenturnier. Anand gewann und qualifizierte sich damit als Herausforderer von Karpov, der in Lausanne auf ihn wartete. Die FIDE hatte es nicht für nötig befunden, für den Herausforderer den Flug nach Lausanne zu organisieren. Das mussten Anand und Aruna selber machen und es blieben drei Tage Zeit, um zum Jahresende von Groningen nach Lausanne zu kommen. In Lausanne angekommen stellten Anand und Aruna fest, dass die FIDE dort für alle ihre Offiziellen ein Hotel reserviert hatten, nicht aber für den Herausforderer. Auch das mussten Anand und Aruna selber erledigen. Den Wettkampf verlor Anand dann im Stichkampf:"Das Ganze war so, als ob man mich aufgefordert hätte, nach einem Marathon-Lauf (dem K.o.-Turnier) auch noch einmal die 100 Meter zu laufen."

Natürlich spielte auch die Entwicklung der Computer in Anands Schachkarriere eine große Rolle. Anand gehört zur ersten Generation von Supergroßmeistern, die mit dem Computer groß geworden sind. 1987 kam er erstmals mit Frederic Friedel, Matthias Wüllenweber und der ChessBase Datenbank in Verbindung, die sich noch im Aufbau befand. Anand machte Vorschläge und trug zur Verbesserung der Partieaufzeichnungen bei. 1991 kamen die ersten brauchbaren PC-Programme auf die Bildschirme.

Karpov gehörte hingegen noch zu der Generation von Spielern, die ohne Computer groß geworden sind und er hat auch nie gelernt, einen zu benutzen. Anand beschreibt unter anderem eine witzige Episode aus seinem Advanced-Chess-Wettkampf gegen Karpov in Leon, wo die Spieler mit Hilfe einer Engine spielen durften, aber Karpov in der Bedienung scheiterte.

Und schließlich kehrt das Buch an seinen Anfang zurück, nach Bonn. Es ist Anands bester Wettkampf. Er gewinnt klar und deutlich gegen Vladimir Kramnik, ist der bessere Spieler und hat mit Peter Heine Nielsen, Rustam Kasimdzhanov, Radek Wojtaszek und Surya Ganguly auch das bessere Team. Bei der WM in Bonn ist er im Zenit seines Könnens. 

Beim nächsten Kampf um die Weltmeisterschaft, 2010 in Sofia, bestand die erste Aufgabe darin, überhaupt am Wettkampfort anzukommen. Nach einem Vulkanausbruch auf Island war der Flugverkehr über Europa gesperrt. Anand musste mit seinem Team per Auto, 2000 km von Frankfurt aus, quer durch Europa nach Sofia anreisen. Die Fahrt dauerte 40 Stunden.

Das Match begann schlecht, mit einer Niederlage. Anand wählte im Verlauf des Wettkampfes die Katalanische Eröffnung, die Kramnik gegen Topalov im Wettkampf 2006 erfolgreich angewendet hatte. Nun meldete sich Kramnik und offerierte auf humorvolle Art seine Hilfe: "Ich sehe mit Genugtuung, dass du spielst wie ich. Aber du machst es so schlecht, dass ich dachte, es wäre gut, wenn ich dir meine Hilfe anbiete." Aus unterschiedlichen Gründen waren dann auch noch Kasparov und Carlsen auf die eine oder andere Weise am Wettkampf beteiligt und unterstützten Anand.

Anand gewann den umkämpften Wettkampf, auch weil Topalov, der einen Stichkampf vermeiden wollte, überzog. 

2012 musste oder durfte Anand seinen Titel erneut verteidigen, diesmal gegen seinen guten Freund Boris Gelfand. Anand sieht seine Karriere und sein Schach in dieser Zeit selbstkritisch und ehrlich. Eine neue Generation von jungen Spielern war herangewachsen. Gegen den ein Jahr älteren Gelfand konnte er im Wettkampf 2012 kaum Druck aufbauen. Die Titelverteidigung gelang trotzdem, weil Boris Gelfand seine guten Chancen nicht nutzte.

Für 2013 wurde erneut ein Wettkampf um die Weltmeisterschaft angesetzt. "Inzwischen", so Anand ganz offen, "war ich nur noch ein Schatten des Spielers, der ich 2008 war." Carlsen hingegen befand sich am anderen Ende des Leistungsspektrums, inzwischen schon Nummer eins in der Weltrangliste, 70 Punkte vor Anand. Anand verlor den Wettkampf und den Titel, konnte sich sogar 2014 noch einmal als Herausfordere qualifizieren, aber Carlsen auch im zweiten WM-Kampf nicht bezwingen.

"Ich hatte eine großartige Karriere", bilanziert Anand zum Ende des Buches, "mit fünf Weltmeistertiteln und einer Menge großartiger Partien. Wenn ich in meinen Trophäenschrank schaue, dann hat dort jeder Pokal eine eigene Geschichte. Noch kann ich im Spitzenschach mithalten. Aber ich sehe mich nicht als Nummer 50 oder 75 in der Welt, der sich auf irgendwelchen Open herumtreibt. Wenn es so weit ist, höre ich auf."

Selten gab es von einem Schachspieler eine so objektive und aufrichtige Autobiografie. Anand bietet eine Fülle an interessanten Einsichten in seine Auffassung vom Schach und in seine Arbeit als Schachprofi, aber auch in viele sehr private Details aus seinem Leben. Mit diesem Buch erhält der Leser einen tiefen Blick in ein gutes Stück Schachgeschichte, die 30 Jahre, in denen Anand als Spitzenspieler und Weltmeister intensiv mitgewirkt hat, aus der Perspektive eines der Hauptakteure. 

Master Class Band 12: Viswanathan Anand

Als Viswanathan Anand auf der europäischen Schachbühne erschien, hatte er in Indien schon einige Erfolge erzielt, die indischen Jugendmeisterschaften und als Jugendlicher auch die Landesmeisterschaften der Erwachsenen gewonnen. Mit gerade einmal 14 Jahren wurde Anand 1984 für die Schacholympiade in die indische Nationalmannschaft berufen. 1987 wurde er Juniorenweltmeister, 1988 verlieh die die FIDE dem 19-jährigen den Titel eines Großmeisters.

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My Career Vol. 1

Vishy Anand gilt als eines der größten Schachtalente aller Zeiten. Er ist der 15. Weltmeister der Schachgeschichte und war auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn auch im Schnell- und Blitzschach kaum zu besiegen. Auf dieser DVD spricht er über seine Laufbahn und präsentiert und analysiert die besten Partien seiner Schachkarriere bis zum Gewinn des Weltmeistertitels 2007 (in englischer Sprache).

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My Career Vol. 2

Vishy Anand gilt als eines der größten Schachtalente aller Zeiten. Er ist der 15. Weltmeister der Schachgeschichte und war auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn auch im Schnell- und Blitzschach kaum zu besiegen. Auf dieser DVD spricht er über seine Laufbahn und präsentiert und analysiert die besten Partien seiner Schachkarriere nach dem Gewinn der Schachweltmeisterschaft 2007.

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André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.