Vlastimil Hort: Saisonstart - bitte das Lachen nicht vergessen!

30.10.2018 – Noch zwei Wochen, dann beginnt die neue Bundesliga-Saison. Anderswo hat die Saison schon begonnen. Die Franzosen müssen aber noch etwas warten, denn ihr Saisonstart fällt mit dem Verkaufsbeginn des "Beaujolais Primeur" zusammen, dem dritten Donnerstag im November. Darauf freut sich Vlastimil Hort schon und hat für die Wartezeit noch ein paar Geschichten gefunden.

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Vlastimil Hort: Saisonstart - bitte das Lachen nicht vergessen!

Haben die Schachspieler Sinn für Humor? Soweit ich weiß, gab es bisher in diese Richtung noch keine ernsthafte medizinische Untersuchung. Unser Schach-Homo-Ludens ist meistens ein selbstkritischer Masochist, vielleicht sogar ein bisschen Sadist. Er mag es, ein Gehirn-Massage zu bekommen und lieber noch, sie anderen zu verpassen. Zur Zeit der Höhlenmenschen wurde noch mit den Knochen geworfen, der heutige Homo-Ludens hat es bequemer – er wirft die Würfel und spielt Black Jack im Casino. Wer jedoch vernünftig ist, lässt sich nicht vom Glücksspiel verführen, sondern spielt Schach!

In dem berühmten Film "Einer flog über das Kuckucksnest" von Milos Forman (übrigens ein Tscheche) ist der neue Patient, grandios gespielt von Jack Nicholson, schwer zu bändigen. Er will den Insassen des "Irrenhauses" ein wenig Lebensfreude zurückgeben und lässt sich dafür allerhand lustige Unterhaltungen einfallen. So verführt er die ganze Abteilung zum Pokern. Auch wenn nur um Streichhölzer gespielt wird, haben alle einen riesigen Spaß. Forman hatte auch den Film über das Match Spassky/Fischer in Planung. Schade, schade, leider ist es nur bei den Vorgesprächen geblieben. Das Ergebnis wäre mit Sicherheit ein besseres geworden als die jetzige amerikanische Adaption mit dem deutschen Titel "Bauernopfer – Spiel der Könige".

Das Lachen und der Humor sind kerngesund und besonders nach einer verlorenen Partie tragen sie gut zur Normalisierung der Lage bei. "Die wichtigste Eigenschaft eines Schachspielers ist ein möglichst schräger Humor!" war Tony Miles Devise.

Wenn ich von meinen Wettkämpfen nach Hause komme, erkennt meine beste Brigitte schon anhand meiner Schritte und meiner Mimik, wie ich gespielt habe: "Hast Du verloren?", fragt sie dennoch hoffend, das es nicht so ist. Krampfhaft versuche ich zu meinem Humor zurückzufinden: "Du weißt doch, dass ich ein Vollidiot mit spezieller Begabung bin."

"Ein Glas Wein und Spaghetti à la Maison helfen immer", versucht sie mich zu trösten. Und meistens hilft es auch.

Hort-Spassky. Wir saßen uns oft am Schachbrett gegenüber. Ich kenne von Boris alle seine Grimassen und kann seine Gesichtszüge während einer Partie entsprechend deuten. In einer Turnierpartie, in der sich zwei Gegner unter "härtesten" Bedingungen gegenüber sitzen, entsteht eine viel intensivere Beziehung als zum Beispiel zu Nachbarn, mit denen man sich über Jahre zwar häufiger austauscht, die tieferen Gefühle aber nicht an die Oberfläche dringen. Guten Morgen, Guten Abend – dabei bleibt es in der Regel.

Wie soll man sich nach Fehlern in Sachen Schach wieder schnellstens fit machen? Keine leichte Frage. Es gibt viele Rezepte. Mein Vorschlag: "Bitte machen Sie Ihre Züge so, als würden Sie eine Katze streicheln. Und zwar immer vom Kopf zum Schwanz hin, nie umgekehrt, denn wenn man die Katze gegen den Strich bürstet, muss man immer mit ihren gefährlichen Krallen rechnen!"

Großmeister Ludek Pachmann schrieb in seinen Memoiren: "Durch meine Siege im Osterturnier Prag 1943 gewann ich die Anerkennung von Weltmeister Aljechin und wurde danach fast nach jeder Runde zur Analyse in seine Hotelsuite eingeladen. Leider war mir die siamesische Katze von Madame Aljechin nicht besonders freundlich gesonnen. Ein paar deftige Kratzer waren das Ergebnis." Wer weiß? Vielleicht mochte die Katze vor allem seine Züge am Schachbrett nicht!

Sehr bekannt ist die Konfliktsituation während der Partie Nimzowitsch-Lasker.

Zeichnung: Otakar Masek 

Damals war das Rauchen von der FIDE noch nicht verboten. Nimzowitsch, der Meister der Blockade, beklagte sich beim Schiedsrichter über Lasker. Warum? Auf dem Spieltisch vor dem Weltmeister, der die kubanischen Havanna-Zigarren vergötterte, stand ein leerer Aschenbecher. "Ich rauche doch überhaupt nicht", wehrte sich Lasker gegen die Beschwerde. "Sie drohen zu rauchen", entgegnete Nimzowitsch, "das ist viel schlimmer!" 

Ja, in einer Schachpartie ist die Drohung oft tatsächlich viel stärker als die Durchführung. Es gibt zweierlei Drohungen. Die erste, über die man innerlich herzlich lachen kann. Und dann die "echte" die man unbedingt respektieren und parieren muss.

Die Schachsaison beginnt in den meisten europäischen Ländern in der zweiten Oktoberhälfte, der Start für den "Beaujolais Primeur" ist bei den Franzosen immer der dritte  Donnerstag im November.

Manchmal kann ich es nach einer verlorenen Partie selbst nicht glauben, dass ich es gewesen sein soll, der die Dummheiten und Verlustzüge produzierte.

Falls es das Unglück will, was ich kaum glauben kann, dass Sie ihre erste Partie in der neuen Saison verlieren und ihre Mannschaft auch noch den Wettkampf, dann stelle ich Ihnen hier mein Erste-Hilfe-Paket aus meiner Anekdoten-Kiste vor mit dem Motto "Don´t worry, be happy..." Und nicht vergessen, der "Beaujolais Primeur" schmeckt und hilft vorzüglich!

Eine magnetische Nacht

1968 im April hatte ich das Glück, zum ersten Mal in meinem Leben nach Monaco zu reisen. Das Turnier fand mitten in Monte Carlo statt, damals schon einer der beliebtesten Orte des europäischen Jetsets. Bisher war ich überwiegend die wirtschaftliche Kargheit des tschechoslowakischen Sozialismus gewohnt, deshalb fielen mir beim Anblick des luxuriösen Treibens fast die Augen aus dem Kopf.

In Runde 6 des Turnieres hieß die Paarung Larsen-Hort. Mein Gegner war zu dieser Zeit in Topform.

Zeichnung: Otakar Masek 

Nach 5 Stunden Spielzeit war Zeit für den Abgabezug. Ganz selbstsicher und in weniger als 3 Minuten übergab Larsen sein Kuvert dem Schiedsrichter. Ich hatte einen Bauern weniger. Deshalb hatte ich überhaupt keine Lust zum Abendessen, sondern wollte schnellstens zu meinem kleinen magnetischen Schachbrett.

Zeichnung: Otakar Masek 

Welchen Zug nur hatte mein Gegner bloß in seinem Kuvert abgeben? Es blieb eigentlich nur 44. e4-e5 oder 44. f4-f5. Selbst nach stundenlangen Analysen war ich nicht sicher, welcher der beiden Züge der stärkere war. Schließlich war ich zu müde, um weiterzumachen. Ein entspannendes Bad war jetzt genau das Richtige. Ich ließ warmes Wasser in meine bequeme Badewanne laufen und stieg in der einen Hand mein Schachbrett, in der anderen einen Pott heißen Tee hinein in den weißen Schaum.

"Wo bin ich, wieviel Uhr ist es?" Das waren meine ersten Gedanken, als ich morgens früh im eiskalten Wasser aufwachte. Um mich herum schwammen die magnetischen Schachfiguren, das Schachbrett lag auf dem Grund der Badewanne und die Scherben des keramischen Tee-Potts verteilten sich ungeordnet auf dem Boden.

"Jetzt aber los, Vlasti, raus aus der Badewanne und ran an die Arbeit!" Blitzartig war mir klar geworden, dass ich eine abgebrochene Partie zu spielen hatte und noch immer nicht wusste, ob 44. e4-e5 oder 44. f4-f5 der Durchbruch für Larsen war.

Genau um acht Uhr klingelte bei mir das Telefon. Wer war der Störenfried in meiner heißen Denkphase? Die Antwort darauf kommt erst in der nachfolgenden Anekdote…

Für mich war jetzt Eile geboten. Ich schnappte mir mein magnetisches Brett und lief ausgehungert zum Frühstücksbüffet.

Schwein gehabt! Bent Larsen hatte den schwächeren Zug abgegeben und ich konnte dank meiner "Badewannen-Analyse" die Partie retten.

Wo sind heute nur die magnetischen Schachbretter geblieben? Sie sind preiswert, praktisch, gut zu handhaben und vor allem brauchen sie keinen Akku!

 

Der Störenfried

Das Telefon klingelt - mitten hinein in meine Überlegungen zur besten Antwort auf Larsens Abgabezug. Es ist acht Uhr in der Früh und ich, nach der langen Badewannen-Nacht, endlich wieder Herr meiner Sinne.

Wer kann von mir hier in Monte Carlo etwas wollen, wer mag mich anrufen? Aus der Heimat kann das sicher niemand sein, oder? Eine große Überraschung! Michail Moissejewitsch Botwinnik ist am anderen Ende der Leitung. "Wenn Sie mich in meinem Zimmer besuchen wollen, könnte ich Ihnen ein paar Varianten zu Ihrer abgebrochenen Partie zeigen", klang es russisch in mein Ohr.

Zeichnung: Otakar Masek 

Natürlich verstand ich als Einwohner der Warschauer-Pakt-Staaten die Sprache perfekt und war schockiert. Was sollte dieses Angebot? Was er damit bezwecken wollte, war mir allerdings sofort klar! Mein persönlicher Schachkodex verbot es mir, die Hilfe von Larsen´s Konkurrenten anzunehmen, ebenso wie ich es unfair gefunden hätte, meine Hilfe einem anderen Turnierteilnehmer anzubieten.

Mein Schach-Idol hatte vor seinem Turnierantritt in Monaco angekündigt, dass es sein letztes Turnier sein würde. Was der legendäre Exweltmeister mir damals anbot, finde ich auch heute noch unverschämt.

Ich antwortete ihm in meinem besten Russisch mehr als deutlich: "Wenn es auch in der UdSSR eine übliche Vorgehensweise sein mag, so doch nicht in der zivilisierten Welt. Wenn es schon Ihr letztes Turnier sein soll, dann sollten Sie so viel Ehrgefühl haben, es auch aus eigener Kraft zu gewinnen! Ich bin von Ihnen, Herr Botwinnik, sehr enttäuscht!"

Nein, ich war nie ein sowjetischer Vasal und meine Tschechoslowakei keine sowjetische Provinz. Exweltmeister da, Exweltmeister her. Botwinnik, ein bekannter Stalinist hätte im August 1968 im Rahmen der "Bruderschafts-Hilfe" sicherlich auch sofort die Panzer nach Prag geschickt, dachte ich später.

Botwinnik knallte den Hörer auf die Gabel. Das Turnier hat er nicht gewonnen. Mit 57 Jahren erzielte er, immer noch Weltklasse, einen hervorragenden zweiten Platz.

Unsere "Beziehung" war nach diesem Gespräch jedenfalls beendet. In Runde 8 dieses Turniers trafen wir allerdings aufeinander, aber das wird wieder ein eigenes Thema für die nächste Anekdote…

Keine Antwort, ist auch eine Antwort

Es war für mich schon ein großes Ereignis, gegen eine lebende Schach-Legende antreten zu dürfen. Ich war damals gerade 24 Jahre und eine Karriere im Schach lag noch weit vor mir.

Nach unserem unglücklichen Telefonauftakt hatte ich mir vorgenommen, den "Zusammenstoß" einfach zu vergessen und den ersten Brett-Kontakt mit Botwinnik ganz unbelastet und korrekt zu beginnen. Frisch rasiert und mit einer Krawatte, die in der Regel nicht zu meinem Outfit gehörte, betrat ich den Turniersaal, ging zum Schachtisch und setzte mich einige Minuten vor Beginn der Runde vor die schwarzen Figuren.

Mein berühmter Gegner kam mit seiner noch berühmteren Thermosflasche fast genau mit dem Gong. Er begrüßte mich nicht und widmete mir auch keinen Blick als er sich hinsetzte. Das obligatorische Shakehands vor jeder Runde überging er und machte den ersten Zug, so als säße ihm ein Geist gegenüber.

Mein Königsindisch war nicht die beste Wahl. Seine Stellung gefiel mir viel besser, aber Zeitnot ist immer auf der Seite der jüngeren Generation, so auch hier in unserer Partie. Seine Züge waren in der wenigen verbleibenden Zeit nicht fehlerfrei und ich erlaubte mir, ihm in einem total ausgeglichenen Endspiel ein Unentschieden vorzuschlagen. Es wurde von mir nach den FIDE Regel exakt mit meinem Zug in Englisch und vorsichtshalber noch in Russisch vorgetragen. Danach drückte ich die Uhr. Mir blieben etwas mehr als fünf Minuten Bedenkzeit. Botwinnik hatte etwas weniger. Ich wollte die Zeit nutzen, um mir die anderen Partien anzusehen. Würde er mein Angebot akzeptieren? Botwinnik aber machte schweigsam seinen nächsten Zug.

Keine Antwort, ist auch eine Antwort. Ich hatte eigentlich ein leichtes Spiel in der Partie, nirgendwo Probleme in Sicht. Mein nächster Zug war auch ganz klar. Schnell noch zur Toilette und noch schneller zurück zum Brett. Die Überraschung – der Exweltmeister war nirgends zu sehen. Auf dem Spieltisch lag einsam und verlassen sein unterschriebenes Partieformular 1/2 : 1/2.

Der französische Schiedsrichter hatte die Szene sehr genau beobachtet und kam sofort auf mich zu. Er sprach mich in einwandfreiem Englisch an: "Mr. Hort, if you want to protest, you win." Nach kurzem Nachdenken, nahm ich den Stift und unterschrieb wortlos das Unentschieden. Mein Idol aber hatte sehr viel an Glanz verloren.

Bei der Siegerehrung erzählte ich Larsen den ganzen Vorfall. "Don´t worry, Vlastimil, ich analysiere viel besser und das Turnier hätte ich sowieso gewonnen!"

Meine Partien gegen die Weltmeister

Hort stellte einige seiner Partien gegen die Weltmeister vor und weiß viel über diese großen Persönlichkeiten des Schachs zu berichten.

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Rheingauer Rheingauer 31.10.2018 02:45
@kumagoro
Da kann ich mich nur anschließen!
kumagoro kumagoro 30.10.2018 09:28
Gäbe es Vlastimil nicht, man müsste ihn erfinden.
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