Vom Online-Schach zum Home Office

von Stefan Löffler
30.11.2020 – Eignen sich die Onlineturniere der Weltklasse als Indikator für die Qualität von zuhause geleisteter Arbeit? Drei Ökonomen, darunter Bundesligaspieler Christian Seel, meinen ja. Und sie kamen zu einem ernüchternden Befund, berichtet Stefan Löffler. | Foto: Christian Seel (Privat)

ChessBase 16 - Megapaket Edition 2021 ChessBase 16 - Megapaket Edition 2021

Dein Schlüssel zu frischen Ideen, präzisen Analysen und zielgenauem Training!
ChessBase ist die persönliche Schach-Datenbank, die weltweit zum Standard geworden ist. Und zwar für alle, die Spaß am Schach haben und auch in Zukunft erfolgreich mitspielen wollen. Das gilt für den Weltmeister ebenso wie für den Vereinsspieler oder den Schachfreund von nebenan.

Mehr...

Kein gutes Zeugnis fürs Home Office

Als die Pandemie im Frühjahr losging, begann Christian Seel, öfter online zu spielen. Rasch stellte sich das Gefühl ein, dass er am Computerschirm mehr Fehler machte als am Brett. Ob das auch anderen so ging? Als im April die Magnus-Carlsen-Chess-Tour begann und Seel die Partien der Weltklassespieler sah, wusste er, dass er auf etwas gestoßen ist.

Wir kennen ihn aus der Schachbundesliga, in der er für den Aachener SK am ersten Brett spielt. Seel ist aber auch Professor für Mikroökonomie an der Universität Maastricht. An seiner Fakultät ist er nicht der einzige, der sich für Schach interessiert. Da gibt es auch noch den Arbeitsmarktforscher Stefan Künn. Der hatte erst kürzlich aufgezeigt, dass beim Schach die Fehlerquote steigt, wenn mehr Feinstaub in der Luft ist. In einem Callcenter oder einer Bank ist es teuer bis unmöglich die Qualität der Arbeit verlässlich zu messen. Aber Schachpartien kann man sehr effizient von Engines analysieren lassen.

Seel und Künn banden in ihre Überlegungen einen weiteren schachinteressierten Kollegen von der Rotterdam School of Management ein, Dainis Zegners. Der saß gerade an einer anderen Studie, in der Schachdaten Verwendung fanden. Sie steht im Zusammenhang damit, dass Arbeit kognitiv zunehmend anspruchsvoller wird. Aber wie entwickelt sich eigentlich unsere kognitive Leistungsfähigkeit über den Lebensverlauf und im Vergleich zwischen Generationen? Auch bei dieser Frage konnte Zegner Schach als Indikator nutzen, weil sich Fehlerquoten von Partien leicht auswerten lassen.

Das taten die drei auch mit den Partien des Magnus Carlsen Invitational und zogen zum Vergleich Partien der gleichen Spieler aus den Schnellschachweltmeisterschaften zwischen 2015 und 2019 heran. Das war möglich, weil beide Wettbewerbe mit der gleichen Bedenkzeit ausgetragen wurden:

15 Minuten Grundzeit plus 10 Sekunden pro Zug. Aus ökonomischer Sicht auch wichtig: Die Anreize der Spieler, also die Preisgelder lagen zumindest auf vergleichbarem Niveau. Damit standen 27 000 Züge zur Analyse bereit, die Stockfish bei einer Suchtiefe von 25 Halbzügen übernahm.

Seels persönliche Erfahrung wurde bestätigt. Auch die Weltklasse patzte online öfter als im Turniersaal. Der Befund traf auf jeden einzelnen Spieler zu, für den Daten vorlagen: Magnus Carlsen, Ding Liren, Anish Giri, Alireza Firouzja, Hikaru Nakamura, Ian Nepomniachtchi und Maxime Vachier-Lagrave.

Mindestens Carlsen dürfte das gleiche fühlen. Obwohl er bisher fast jedes Onlineturnier gewinnt, äußert er sich auch immer wieder kritisch über die Qualität seines Spiels. Für ein Turnier mietete sein Sekundant Peter Heine Nielsen ein Ferienhaus, damit Carlsen aus dem Zuhausemodus mehr in seinen Turniermodus kam.

Natürlich sei es plausibel, dass sich die Spieler erst einmal auf die neue Situation einstellen müssen, räumt Seel ein. Ob und inwieweit sich die Leistungen angleichen, will das Autorenteam vielleicht in einer weiteren Studie erheben. Aber erst einmal schrieben Künn, Seel und Zegners einen Aufsatz über die kognitive Leistung im Home Office. Da während der Pandemie viel mehr von zuhause gearbeitet wird, trafen sie damit natürlich einen Nerv. In der niederländischen Presse wurde ihre Auswertung gerne aufgegriffen.

Christian Seel und Dainis Zegners werden ihre Schachstudien übrigens am kommenden Sonntag bei der Onlinekonferenz ChessTech 2020 diskutieren. Eingeleitet wird ihre Session von einem gemeinsamen Überblicksvortrag von Fernand Gobet und Andrea Brancaccio "Using chess databases to answer psychological questions: A survey".

Links:

Christian Seel: Don’t expect too much from home office!

Cognitive Performance in the Home Office - Evidence from Professional Chess

Indoor air quality and cognitive performance

Life cycle patterns of cognitive performance over the long run

Onlinekonferenz ChessTech 2020

 


Stefan Löffler ist Journalist und Internationaler Meister in Wien und Lissabon. Er ist Redakteur von https://ChessTech.org, Mitarbeiter von ChessPlus Ltd. und Programmdirektor der Onlinekonferenz ChessTech 2020, https://chessconference.org
Discussion and Feedback Join the public discussion or submit your feedback to the editors


Diskutieren

Regeln für Leserkommentare

 
 

Noch kein Benutzer? Registrieren

Tabamsey Tabamsey 06.12.2020 08:01
Der Übergang hängt natürlich stark von der Aufgabe ab und sicher sind die Ergebnisse nicht auf jede Büro-Aufgabe übertragbar. Die Studie geht auch explizit nur um rein kognitive, non-verbale Aufgaben, s.Titel "cognitive performance ...". Generell sollte man die einzelne Studie als eine von vielen in dem Bereich betrachten und das gesamte Bild der Literatur ansehen. Die Vorteile der Methode hier sind eine wohl genauere Messbarkeit (wie gut ein juristischer Vertrag im Home Office vs Office; wie gut ist ein Mathe-Beweis...), hohe Anreize, keine self-selection da alle wegen COVID online spielen mussten und dass die Jungs mit online-Schach schon vorher vertraut waren. Einen der Nachteile hast Du schon selbst aufgeführt :-)
wok wok 05.12.2020 06:41
Danke für die Erläuterung. Zu 1) stelle ich nicht in Frage, dass bei den 7 Spielern der Effekt mit statistische Signifikanz nachgewiesen wurde. Vielmehr vermute ich, dass die statistische Signifikanz verloren geht, wenn man dann die Verallgemeinerung von den 7 Spielern auf 7 Milliarden Erdenbürger durchführt - und das noch mit dem Übergang von Schach zu Büroarbeiten.
Tabamsey Tabamsey 04.12.2020 02:27
Hi wok! Danke Dir für den Kommentar. Kurz zu den Punkten: 1) Die Anzahl an Zügen in der Studie ist hoch. Weitere Studien müssen zwar bestätigen dass die 7 Spieler einen guten Schnitt für die Veränderung der Spiel-Qualität aller Top-Profis wiedergeben, aber in dem Punkt wäre ich relativ optimistisch. 2) Das Turnier ist bewusst mit relativ jungen, aktiven Spielern gewählt worden (keiner über 35). 3) Dein letzter Punkt ist aus meiner Sicht der Wichtigste und hier gebe ich Dir vollkommen recht. Es gibt mindestens drei generelle Unterschiede zwischen Live und Online Schach: a) Turniersaal vs. eigenes Haus b) Gegner live vs Gegner online c) Spiel am Computer vs. Spiel am Brett. Welcher dieser Punkte das Ergebnis treibt kann man hier nicht zweifelsfrei sagen und es kann gut sein dass alle drei Punkte einen Anteil haben. Insbesondere Anteil a)+b) vs Anteil c) ist natürlich für Home-Office/Office bzw. Digitalisierung ja/nein relevant und sollte genauer untersucht werden.
wok wok 01.12.2020 09:41
Bei einer Studie mit 7 Personen stellt sich natürlich immer die Frage der statistischen Signifikanz. Mit Ausnahme von Firouzja kann ja auch die Tatsache eine Rolle spielen, dass die Spieler jetzt älter sind und möglicherweise ihren Zenit überschritten haben. Vielleicht hat man hier auch nur den Unterschied zwischen Spiel am Brett und Spiel am Bildschirm gemessen - was dann bei anderen Tätigkeiten keinen Unterschied mit sich bringen würde, wenn man sowohl zu Hause als auch im Büro am Bildschirm sitzt.

Ich habe immer Probleme damit, wenn man ein von vielen Faktoren abhängiges Phänomen wie die Leistungsfähigkeit auf einen Faktor reduzieren möchte.
1