Vom Schach inspiriert: Stanley Kubrick

von André Schulz
26.07.2018 – Stanley Kubrick war ein Filmgigant. Fast alle seine Filme sind Meilensteine ihres Genres. Und er war ein großer Schachfreund. In fast jedem seiner Filme gibt es eine Anspielung auf das Schachspiel. Heute wäre er 90 Jahre alt geworden. | Foto: Filmmakeriq.com

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Stanley Kubrick wurde am 26. Juli 1928 in New York geboren. Seine Familie war jüdischer Herkunft und stammte aus Österreich-Ungarn. Sein Vater war Arzt. Kubrick wuchs in guten finanziellen Verhältnissen in der Bronx auf. Sein Vater gab ihm zwei Leidenschaften weiter: Mit 12 Jahren lernte Stanley Kubrick von seinem Vater Schach, außerdem bekam er von ihm eine Kamera geschenkt.

Nach einem mittelmäßigen Schulabschluss wollte Kubrick sich in Abendkursen an einer städtischen Hochschule für ein qualifizierteres Studium fortbilden, um vielleicht Arzt oder Physiker zu werden, fing dann aber an, als Fotograf für ein Magazin zu jobben und zeigte dort bereits sein künstlersiches Talent. Da ihn auch das Medium Film faszinierte, begann Kubrick einige Dokumentarfilme zu produzieren, allerdings ohne großen finanziellen Erfolg. Auch seine ersten beiden Spielfilme, von ihm selbst produziert, brachten ihm nicht viel ein.

So verdiente sich Kubrick, inzwischen 27 Jahre alt, eine Zeit lang etwas Geld durchs Schachspielen am New Yorker Washington Square, nur einige Gehminuten von seinem Wohnung in der 16th Street, Nähe 6the Avenue entfernt. Damals wie heute noch spielen dort die Platzhirsche, die "Meister", an den fest installierten Schachtischen gegen Passanten um Geld. Der übliche Einsatz war 50 Cent pro Partie. Kubrick verdiente im Schnitt etwa 3 Dollar am Tag, eine bescheidene Einkommensquelle, die aber reichte, um sich etwas zu Essen zu kaufen. Außer Kubrick saßen dort etwa zehn andere Schachmeister, kamen jeden Tag und spielten meist zwölf Stunden. Wenn sich keine Passanten zum Spiel fanden, spielten die Meister auch gegeneinander. Kubrick sah sich selber in diesem Kreis als einer der stärkeren Spieler. Der beste Spieler im Park war jedoch Arthur Feldmann, der so gut war, dass er Kubrick einen Bauern vorgeben konnte. 

Kubrick hatte mit einem Partner eine Produktionsfirma gegründet und erregte mit seinen Spielfilmen immerhin die Aufmerksamkeit der größeren Filmstudios. Sein künstlerischer Durchbruch kam 1957 mit dem Film "Path Of Glory" (Wege des Ruhms) mit Kirk Douglas in der Hauptrolle. Der Film spielte im Ersten Weltkrieg in der Französischen Armee. Wegen Befehlverweigerung werden dort drei nicht ganz zufällig ausgewählte Soldaten erschossen, um ein Exempel zu statuieren. Der Film wurde größtenteils in München gedreht. In der Schlussszene rührt eine deutsche Kriegsgefangene mit einem Lied französische Soldaten zu Tränen. Für einen Moment herrscht Frieden. Eine Szene von großer Kraft:

Das Mädchen wurde von Susanne Christiane Harlan gespielt. Sie und Kubrick heirateten im folgenden Jahr. Das Paar hatte zwei gemeinsame Töchter. Ein Tochter brachte Christiane Harlan mit in die Ehe. Für Kubrick war es die zweite Ehe. Von 1948 bis 1951 war er kurz mit sein Freundin aus Schulzeiten Toba Metz verheiratet.

Christiane Harlan war die Tochter der Opernsänger Fritz Moritz Harlan und Ingeborg Harlan. Ihr Onkel war der Regisseur Veit Harlan, der in der Naziszeit die Propagandafilme Jud Süß und Kolberg drehte. Nach dem Krieg wurde Veit Harlan wegen der Filme angeklagt aber in mehreren Prozessen frei gesprochen. Veit Harlan mit der aus Schweden stammenden Schauspielerin Kristina Söderbaum verheiratet. 1945 war die Familie Harlan von Berlin nach Hamburg geflohen und lebte nun in der Hansestadt. Veit Harlan starb 1964 bei einem Urlaub auf Capri und ist dort beigesetzt. Kristina Söderbaum lebte zuletzt in Hitzacker bei Hamburg. Sie starb 2001. Kubricks Leben, aber auch sein Filmschaffen ist eng mit der Familie Harlan verbunden. Susanne Harlans Bruder Jan Harlan war seit "Clockwork Orange" als ausführender Produzent im Kubrick-Team. 

Kubricks erster großer Film Path of Glory erhielt gute Kritiken, war aber kein besonderer Publikumserfolg. Kirk Douglas lud Kubrick dann ein, für den Film Spartacus (1960) die Regie zu übernehmen. Noch während Kubrick an Spartacus arbeitete, kaufte er zusammen mit seinem Partner James Harris die Film-Rechte an Nabokovs Roman "Lolita". Wegen der dort beschriebenen Sexuellen Obsessionen - ein älterer Schrifsteller verliebt sich in eine 12-jährige Nymphe - galt der Roman als schwer verfilmbar. Kubrick gelang dies, auch weil er Nabakovs Drehbuchvorlage radikal überarbeitete. In der Rückbetrachtung war Kubrick der Film jedoch nicht erotisch genug. In einer der Szenen spielt der Schrifsteller Humbert Humbert mit der Mutter Schach, während das Mädchen ihm einen Gute-Nacht-Kuss gibt.

Schach mit der Mutter, Küsschen von der Tochter

Weil in England eine bessere Finanzierung des Lolita-Films gegeben war, aber auch aus Gründen der Zensur, war Kubrick für die Produktion des Films nach London gezogen. 85% des Lolita-Films wurde in England gedreht. Kubrick wählte England bald danach als dauerhafte Wahlheimat und kaufte 1978 in der Nähe von London ein großes altes Landhaus, Childwickbury Manor.

Auch in seinem nächsten Film "Dr. Strangelove", der sich mit der Atombombe und dem nuklearen Rüstungswettlauf der Supermächte beschäftigt, baute Kubrick eine Schachszene ein. In den Drehpausen spielte er Partien gegen George C. Scott.

Stanley Kubrick und George C. Scott

"Do not touch"

Am Set von Dr. Stranglove: Stanley Kubrick spielt Schach gegen George C. Scott

Seine berühmteste Schachszene und eine der berühmtesten Schachszenen im Film überhaupt hat Kubrick in sein monumentales Werk "2001: Odysee im Weltraum" eingefügt. Zur Vorbereitung auf den Film hat sich der Perfektionist Kubrick sämtliche bis dahin gedrehten  Science Fiction Filme angeschaut. In Kubricks Film steuert ein perfekter gottgleicher Computer, der HAL 9000, ein riesiges Raumschiff und spielt gegen einen der Astronauten, Frank Poole, eine Schachpartie.

 

Als Vorlage für die in dem Film gezeigte Partie und Schlusskombination diente Kubrick die Partie Rösch- Willi Schlage, Hamburg 1910.

 

Anspielungen auf das Schachspiel gibt es auch in anderen Szenen des Films:

Aus 2001: Odysee im Weltraum. Ein Raum mit 8x8 Feldern

Das Filmemachen wurde zu Kubricks Beruf. Fast alle seine Filme sind heute Monumente der Filmgeschichte. Dreizehnmal war er für einen Osacr nominiert, einmal erhielt er ihn. Seine zweite Leidenschaft, Schach, bewahrte er sich auch bis zu seinem Lebensende. Wenn er während der Dreharbeiten einen Schachpartner fand, nutzte er immer die Gelegenheit zu einer Partie.

In alle seine Filme baute er das Schachspiel gerne ein, entweder unmittelbar, oder als halb versteckte Anspielung.

Szene aus dem frühen Film "The Killing" (1956)

Schachbrettmuster in Clockwork Orange

Manchmal sind die Schachfelder ein wenig anders geformt wie in Shining (1980):

Sein letzter Film "Eyes wide shut" ist sogar in Gänze wie eine Schachpartie aufgebaut, mit zwei mal 16 Personen als Schachfiguren.

"Schach lehrt dich, vor deinen Entscheidungen nachzudenken, auch wenn die Dinge auf den ersten Blick gut aussehen. Es lehrt dich Fehler zu vermeiden und disziplinierter zu arbeiten", war Kubrick überzeugt. "Ein paar Sekunden nachdenken kann dir beim Film eine Menge Arbeit und Geld sparen."

Kubrick starb am 7. März 1999, im Alter von 70 Jahren, nach einem Herzanfall. Vier Tage zuvor hatte er noch einen letzten Film "Eyes Wide Shut" abgedreht. 

Filme von Stanley Kubrick

1953: Fear and Desire
1955: Der Tiger von New York (Killer’s Kiss)
1956: Die Rechnung ging nicht auf (The Killing)
1957: Wege zum Ruhm (Paths of Glory)
1960: Spartacus
1962: Lolita
1964: Dr. Seltsam, oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben (Dr. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb)
1968: 2001: Odyssee im Weltraum (2001: A Space Odyssey)
1971: Uhrwerk Orange (A Clockwork Orange)
1975: Barry Lyndon
1980: Shining (The Shining)
1987: Full Metal Jacket
1999: Eyes Wide Shut

 

Compilation von Schachzitaten in Kubricks Filmen:

Stanley Kubrick...

Interview mit Kubrick (Playboy)...

 




André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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