Vom Schach zum Poker und zurück: Matthias Wahls

von André Schulz
29.09.2016 – Beim Namen von Matthias Wahls klingelt es vermutlich nur noch bei den etwas Älteren. Der Hamburger war einst eines der größten Talente im deutschen Schach, Teilnehmer bei der FIDE-Weltmeisterschaft 1999 in Las Vegas und Nationalspieler. Auch auf theoretischem Gebiet war Wahls aktiv. 2006 war dann plötzlich Schluss. Wahls beendete seine Schachkarriere und gründete eine Pokerschule. Seit dem Verkauf der Anteile lebte er als Privatier. Nun hat er sich in einem Interview zurück gemeldet. Mehr...

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Kennen Sie noch Matthias Wahls? Ende der 1980er Jahre war der Hamburger Matthias Wahls eines der größten Talente im deutschen Schach und wurde schließlich auch einer der besten Großmeister Deutschlands. Seinen Elozenit hatte der Hamburger 1999 mit einer Elozahl von knapp 2610. Damit gehörte er vor 17 Jahren durchaus schon zur erweiterten Weltspitze. Alexander Khalifman, der kurz darauf überraschend FIDE-Weltmeister wurde, und gegen den Wahls in der Bundesliga spielte, hatte zu dieser Zeit eine Zahl von 2616. Wahls nahm ebenfalls an der K.o.-WM 1999 teil, schied aber in Runde zwei gegen Vassily Ivanchuk aus.

Wahls vertrat über viele Jahre den Hamburger Schachklub am 1. Brett. Auch auf eröffnungstheoretischem Gebiet war Wahls aktiv. Seine besonderer Liebe gilt dem "Igel", aber er war mit seinen Analysen und Büchern auch für die Renaissance der Skandinavischen Verteidigung und der Philidor- Verteidigung mitverantwortlich. Seine Wortkreation aus seinem Buch über die Skandinavische Verteidigung "Springerzurückhaltungspolitik" ging in die internationale Schachsprache ein.

Nach der Bundesliga-Saison 2005/2006 zog der Hamburger sich jedoch abrupt aus dem Schach zurück. Seine letzte Partie datiert aus 2006.

Matthias Wahl, rechts, 2005, mit Thies Heinemann bei einer Veranstaltung des Hamburger Schachklubs

Neben dem Schach hatte Wahls angefangen online zu pokern. Dann hatte er zusammen mit Partnern eine gute Geschäftsidee. Er war Mitbegründer einer Art Online-Pokerschule, war damit sehr erfolgreich, stieg aber nach einiger Zeit wieder aus und verkaufte seine Anteile. Seitdem lebt er als Privatier und hat inzwischen eine Familie gegründet.

Nun zieht es ihn jedoch wieder zurück zum Schach, nicht als Spieler, aber als Schachtrainer. Schon zu seiner aktiven Zeit hat Matthias Wahls regelmäßig Trainer gegeben und war einer der Pioniere beim Online-Training.

Für die Webseite der Schachbundesliga hat Marc Lang ein Interview mit dem Rückkehrer geführt. Dort beschreibt er, wie seine Mutter in zur ersten Schachstunde zwingen musste, seine Schachkarriere und seine Erfahrungen mit Poker-Bots.

 

Interview mit Matthias Wahls bei Schachbundesliga

Erster Teil:

SBL: Herr Wahls, zunächst einmal herzlichen Dank, dass Sie sich zu diesem Interview bereit erklärt haben. Wo befinden Sie sich im Augenblick?

Wahls: Ich befinde mich gerade in Gibraltar, wo ich seit sieben Jahren wohne.

SBL: Haben Sie Gibraltar als neue Heimat gewählt oder können Sie sich vorstellen, eines Tages wieder nach Deutschland zurückzukehren?

Wahls: Gibraltar gefällt mir sehr gut, vor allem wegen des Klimas. Ich leide an zu niedrigem Blutdruck und friere daher leicht. Auch ist meine Stimmung bei Sonnenschein deutlich besser. Trotzdem kann ich mir schon vorstellen, irgendwann nach Deutschland zurückzukehren. Heimat ist eben Heimat.

SBL: Sie waren in den 80er und 90er Jahren einer der führenden deutschen Großmeister. Wie sind Sie überhaupt zum Schachspiel gekommen?

Wahls: Meine Mutter zwang mich mit neun Jahren unter Androhung von Stubenarrest in den Schachverein. Zwar fand ich die Idee interessant, aber ich hatte etwas Angst vor dem Unbekannten. Damals musste sie so rabiat vorgehen, da sie alleinerziehend und kurz davor war, eine Arbeitsstelle anzutreten. Dieser Dienstag vor 39 Jahren war für sie dir letzte Möglichkeit, mich dorthin zu begleiten. Kinder müssen halt manchmal zu ihrem Glück gezwungen werden.

SBL: Wann fassten Sie den Entschluss, Schachprofi zu werden? Ist Ihnen diese Entscheidung damals leichtgefallen oder war es ein „Kampf“ unter mehreren Optionen?

Wahls: Ich wusste bereits mit circa 16 Jahren, dass Schach meine Bestimmung werden sollte. Zwar war ich kein schlechter Schüler, aber die Schulzeit war eher Dienst nach Vorschrift. Mein Herz brannte nur für Schach.

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Ganzes Interview (1. Teil) bei Schachbundesliga.de...

 

SBL: 2005 gründeten Sie zusammen mit Dominik Kofert die Poker-Plattform PokerStrategy.com und waren offenbar auch einige Jahre als professioneller Pokerspieler aktiv. Konnten Sie hier ähnliche Erfolge erreichen wie im Schachsport? Sind Sie heute noch In- oder Teilhaber dieses Unternehmens? Spielen Sie noch aktiv oder gar professionell Poker?

Wahls: Meine Phase als Pokerprofi dauerte nicht allzu lang, da die Gründung von PokerStrategy das aktive Spielen nur noch sehr eingeschränkt zuließ. Meine damalige Spielstärke reichte in keinster Weise an meine schachlichen Leistungen heran. Letzterer liegt auch ein ungleich viel höherer Zeiteinsatz zugrunde. Damals war Poker noch relativ einfach. Ich versuche das jetzt mal auf Schach zu übertragen. Alles was man damals brauchte war eine Spielstärke von 2200 und etwas Geduld und Disziplin. Man wartete auf gute Hände, um diese dann gegen Spieler mit 1900 zum Erfolg zu führen.

Dieses Konzept ging jedenfalls gut auf bis hoch zu den mittleren Limits. Heutzutage sieht die Sache anders aus. Viele der sogannenten „Fische“, also Zocker ohne Spielkultur, aber mit der Bereitschaft zu hohen Einsätzen, sind verschwunden, da ihre Schmerzensgrenze irgendwann erreicht wurde. Einige von ihnen sind auch einfach besser geworden, da nach und nach immer mehr hilfreiche Literatur auf den Markt kam. Heutzutage, und das gilt schon seit einigen Jahren, würde ich niemandem mehr empfehlen, es als Pokerprofi zu versuchen.

Problematisch sind vor allem die „Bots“ (Programme) die unerlaubterweise auf einigen Plattformen ihr Unwesen treiben. Genau wie im Schach sind sie dem Menschen überlegen. Sehr talentierte Spieler können sich auch heute noch durchsetzten, aber diese Gruppe ist deutlich kleiner und elitärer geworden.
Meine Anteile an PokerStrategy hatte ich bereits vor vielen Jahren verkauft. Anschließend habe ich nach längeren Pausen zum Spaß immer mal wieder gespielt. Die letzte Pokerhand liegt nun vier Jahre zurück.

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Ganzes Interview (2. Teil) bei Schachbundesliga.de...

 

 

 



André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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