Von Berlin nach Wijk

20.01.2006 – Für den Schachjornalisten Dagobert Kohlmeyer war die Fahrt von Berlin nach Wijk auch mit einem riesigen Temparaturanstieg verbunden. Während man in der Hauptstadt im Osten Deutschlands den Winter und die Ausläufer der klirrenden aus Russland kommenden Kälte spürte, lag die Temperatur in Wijk sogar bei 8 Grad plus und der vom Meer kommende Wind brachte Regen. Von Schnee keine Spur. Beim Corusturnier traf Dagobert Kohlmeyer Boris Gelfand und die Schachfamilie Mamedyarov und führte mit Humpy Koneru, die sich anschickt nach Judit Polgar die spielstärkste Frau auf dem Planeten zu werden, ein Interview. Mehr...

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Berlin – Wijk aan Zee: Mit jedem Kilometer wird es wärmer
Impressionen und O-Töne von Dagobert Kohlmeyer

Seit dem vergangenen Wochenende vereint Wijk aan Zee wieder die besten Schachspieler der Welt zum traditionellen Jahresauftakt. Bis auf Wladimir Kramnik, der wegen Krankheit fehlt, erfreuen sich Organisatoren und Schachfans an den illustren Teilnehmerfeldern. Das  Corus-A-Turnier 2006 weist mit einem ELO-Schnitt von 2716 die Kategorie 19 auf und wird nach fünf Runden von Vishy Anand angeführt. Fährt der Inder seinen fünften Gesamterfolg ein, dann würde er Rekordhalter bei diesem Schachfestival. 


Vishy Anand


Veselin Topalov

Vor dem Turnier war man gespannt, wie sich der neue FIDE-Weltmeister Weselin Topalow der Konkurrenz beim ersten Kräftemessen nach seinem Titelgewinn präsentieren würde. Klar ist: Der Bulgare, der nach Kasparow und Kramnik als dritter Schachspieler die magische Zahl von 2800 durchbrochen hat, will es seinen Anhängern sowie eventuellen Skeptikern zeigen, dass sein fulminanter Auftritt in San Luis und die anderen großartigen Turnierergebnisse des Vorjahres keine zufälligen Resultate waren.

Neben den beiden Topfavoriten wurde auch Peter Leko vorher für einen vorderen Rang gehandelt. Der Ungar hat im Vorjahr hier an der Nordseeküste gewonnen, ist also Titelverteidiger. Durch seine gestrige Niederlage gegen Anand ist Peter aber erst einmal zurückgefallen.

Nach langer Pause von fast zehn Jahren kehrte Gata Kamsky ins Weltschach zurück. Der Wahlamerikaner meldete sich schon beim Weltcup in Sibirien eindrucksvoll zurück, wo er auf Anhieb wieder die Qualifikation als WM-Kandidat für den laufenden Zyklus schaffte. Hier in Wijk läuft es nicht so glatt. Man merkt, dass Gata die Spielpraxis fehlt.

Auch das B-Turnier weist mit Arkadij Naiditsch aus Dortmund, Magnus Carlsen aus Norwegen, Koneru Humpy aus Indien, Katarina Lahno aus der Ukraine und anderen eine interessante Besetzung auf.

 
Kateryna Lahno

Der Schachreporter startete am ersten Ruhetag im kalten verschneiten Berlin. Ab Hannover hört die Schneedecke auf, mit jedem Kilometer wird es wärmer. Der Intercity nach Amsterdam sowie Anschlusszug und Bus für die letzten Kilometer sind auf die Minute pünktlich. Mit der Wärme steigt auch die Spannung, wie es beim Festival in der legendären De Moriaan Hale weitergeht.


Der Amsterdamer Zentralbahnhof


Ein Volk auf je zwei Rädern

In Wijk aan Zee ist zur Überraschung mal schönes Wetter. Sonnenschein und plus 8 Grad, wer hätte das gedacht. Ab Donnerstagmorgen aber regnet es schon wieder - das für Januar gewohnte Bild an der Nordsee. Diese Umstände können die Top-Spieler, Openteilnehmer, Zuschauer und Journalisten aber nicht stören. Schach findet glücklicherweise im Saale statt.

Beim Eintritt in die Halle wird man als langjähriger Beobachter von der neuen,  ungewöhnlichen Ausstattung überrascht. Astronauten schweben an der Wand, man fühlt sich buchstäblich wie im Kosmos. Wenn das die Spieler bei ihren Gedankengängen nicht beflügelt!


Kosmisches Ambiente


Der Autor in spielstarker Gesellschaft

Das Pressezentrum ist am Ruhetag nur wenig besucht. Ich treffe den alten Kämpfer Alexander Beljawski, der sich dieses Jahr in Gruppe B des vehementen Ansturms der Jugend erwehren muss (siehe seine Verlustpartie in Runde 5 gegen Carlsen) und Arkadij Naiditsch. Der Dortmunder hat einen glänzenden Start hingelegt, der zu weiteren Hoffnungen berechtigt. Gewinnt Arkadij, kann er nächstes Jahr im A-Turnier spielen. Dazu muss er jedoch am Freitag erst einmal die Hürde Magnus Carlsen nehmen.

Etwas später schauen Boris Gelfand und Alexander Huzman herein - zwei Unzertrennliche. Die beiden Großmeister aus der früheren Sowjetunion leben schon viele Jahre in Israel und arbeiten bereits seit 1990 zusammen. Huzman begleitet Gelfand zu fast allen Turnieren als Sekundant.

Der 37-jährige Boris Gelfand stammt aus Minsk und hat schon für drei Nationalteams gespielt. Ende der 80er Jahre als ganz junger Bursche noch für die Sowjetunion, mit der er bei der Mannschafts-EM 1989 und bei der Olympiade 1990 in Novi Sad Gold holte. Im Jahre 1994 und 1996 spielte er für Weißrussland bei der Schacholympiade. Seit 2000 sitzt Boris für Israel am Spitzenbrett. Turin wird Gelfands vierte Olympiade für das Team seiner Wahlheimat.


Bosri Gelfand beim Post lesen und Partien anschauen


Sein langjähriger Sekundant Alexander Huzman

Boris liest E-Mails und schaut sich Kommentare an, die im Web über Wijk aan Zee zu lesen sind, vor allem auf den russischen Internetseiten „ChessPro“ und „e3e5“. Dann geht er wieder ins Spielerhotel. Am Donnerstag steht seine Weißpartie gegen Lokalmatador Loek van Wely an. Sie geht remis aus. Gelfand liegt hinter Anand, Topalow und Iwantschuk auf dem 4. Rang. Er möchte gern den Anschluss halten oder die da vorn sogar einholen. Es ist Boris´ sechster Start in Wijk aan Zee. „Ich habe gute Erinnerungen an 1994, als ich hier mein WM-Kandidatenmatch gegen Michael Adams gewann. Danach kam ich bis ins Halbfinale, wo ich erst Anatoli Karpow unterlag.“

Inzwischen ist es längst dunkel. Beim Weg zum Abendessen treffe ich Vishy Anand, der guter Dinge ist und in diesem Jahr mit Topalow und Iwantschuk um den Turniersieg streitet. Im Gewinnfalle wäre es der fünfte Triumph des Inders, das hat bei diesem Turnier noch keiner geschafft. Anand und Kortschnoi verbuchten beim traditionellen Schachfestival an der Nordsee bisher je vier Siege.

Wijk aan Zee ist ein kleiner, überschaubarer Badeort. Auf Schritt und Tritt begegnen einem bekannte Gesichter. In einem türkischen Restaurant unweit der De Moriaan Halle sitzt Familie Mamedjarow aus Aserbaidschan. Der 20jährige Schakrijar Mamedjarow ist zweifacher Juniorenweltmeister und hat die Schallmauer von 2700 schon durchbrochen. Er kam als Vorjahreszweiter der B-Gruppe für den erkrankten Wladimir Kramnik ins Turnier. Schakrijar  wird von Vater Gamid (51) und Schwester Turkan begleitet, die auch Schach spielt. Der Vater war früher Gewichtheber. Nicht ohne Stolz sagt er: „Das Beste, was ich im Leben geleistet habe, sind meine Schach spielenden Kinder“. Schakrijar hat seine bisherigen Partien alle mit Remis beendet. Wir sind gespannt, wann er den ersten Punkt holt. Unterstützung vor Ort gibt ihm Großmeister Rasul Ibrahimow. Der 25jährige steht Mamedjarow in Wijk aan Zee als Sekundant zur Seite und fiebert mit ihm. So wie am Donnerstag, als Mamedjarow seine schwierige Partie mit Schwarz gegen Topalow remis hält.


Familie Mamedjarow (Turkan, Gamid, Schakriajar) und Sekundant Rasul Ibrahimow


Die Schachfamilie im Presseraum

Ein Farbtupfer in Wijk nicht nur in optischer Hinsicht ist Koneru Humpy aus Indien, die in der B-Gruppe schon kräftige Akzente setzte. Unter anderem konnte sie hier das Duell der Schachamazonen gegen Europameisterin Katarina Lahno (Ukraine) für sich entscheiden. Im Pressezentrum kamen wir mit ihr ins Gespräch.

 

 

Koneru Humpy: „Judit Polgar ist mein Vorbild“ 

Die indische Großmeisterin ist eine der stärksten Schachfrauen weltweit. Gegenwärtig nimmt die 18-jährige hinter Judit Polgar bereits Platz 2 in der internationalen Rangliste ein. „Grund genug für die Organisatoren in Wijk aan Zee, sie zum zweiten Mal einzuladen“, sagt Turnierdirektor Jeroen van den Berg. Humpy wird von ihrem Vater Koneru Ashok begleitet. Der 47-jährige besitzt Meisterstärke und hat seiner Tochter in den 90er Jahren das Spiel beigebracht. Noch heute trainiert er sie. Mit Erfolg, wie man sieht.

Viele Schachfreunde in Europa bewundern dein Spiel und bestaunen deine Erfolge, aber wissen nicht sehr viel über dich. Wo stand deine Wiege?

Ich komme aus Vijayawada, einer Millionen-Stadt im Süden Indiens im Bundesstaat Andhra Pradesh. Sie liegt in der Nähe von Hydarabad, der Hauptstadt dieses Staates.

Was gefällt dir am Schach?

Es bietet unbegrenzte Möglichkeiten. Seit mein Vater es mir mit fünf Jahren beibrachte, lässt mich das Spiel nicht mehr los. Mein Vater hat inzwischen seinen Lehrerberuf aufgegeben, um sich ganz meiner Karriere zu widmen. Ich bin glücklich, Schach erlernt zu haben. Man kann immer wieder neue Turniere spielen und sich stets mit anderen messen.

Also, es war eine Liebe auf den ersten Blick?

Ja. Schon kurz nachdem ich die Züge konnte, habe ich mein erstes Kinderturnier gespielt. Dann ging es step by step weiter. Bis heute macht es mich froh und motiviert mich, wenn ich gewinne.

Wer ist dein sportliches Vorbild?

Ich mag besonders die Partien von Anand und bei den Frauen von Judit Polgar. Mir gefällt ihr Stil sehr und die Tatsache, dass sie sich so eindrucksvoll unter den besten Männern der Welt behauptet. Judit ist phänomenal und meine Lieblingsspielerin. Ich eifre ihr nach.

Welches waren deine größten schachlichen Erfolge?

Neben den WM-Titeln im Kinder- und Jugendbereich sowie dem Junioren-WM-Titel ohne Zweifel das Erreichen des WM-Halbfinales 1994 in Elista. Hinzu kommt der alleinige Sieg beim Norduralcup, den ich im Sommer 2005 gewann. Bei diesem Superturnier in Krasnoturinsk konnte ich Weltmeisterin Antoaneta Stefanowa und Europameisterin Alexandra Kostenjuk hinter mir lassen. Danach bin in der Weltrangliste noch weiter nach oben gestiegen.

Möchtest du Weltmeisterin werden?

Es wäre schön. Aber die Konkurrenz ist enorm stark. Wir werden sehen.

Auf welche deiner eigenen Partien bist du stolz?

Das ist keine einfache Frage. Es sollen besser andere beurteilen. Von diesem Turnier gefällt mir mein Spiel gegen Ivan Cheparinow in der zweiten Runde ganz gut.

Dein Weg direkt zum Schacholymp der Damen, so scheint es, ist nicht mehr aufzuhalten...

Ich hoffe es. Was Wijk aan Zee betrifft, so spiele ich auf jeden Fall besser als bei meiner hiesigen Premiere in 2003. Das zeigt, ich habe Fortschritte gemacht. Ich möchte sie auch im Frühjahr bei der FIDE-WM der Frauen in Russland gern wieder unter Beweis stellen.

Text und Fotos: Dagobert Kohlmeyer

 

 
 
 


Themen: Corus 2006
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