Von China nach Katar

31.12.2009 – Als die Chinesin Zhu Chen im März 1976 in Wenzhou geboren wurde, hätte wohl niemand geglaubt, dass sie später einmal in Katar leben würde. Das Schach und die Liebe haben es möglich gemacht. 1994 lernte sie in Malaysia Mohamed Al-Modiakhi kennen, mit dem sie jetzt verheiratet ist und zwei Kinder hat. Zhu Chen, von 2001 bis 2004 Frauenweltmeisterin, lebt mit ihrem Mann in Katar, wo sie dem arabischen Schach Impulse verleiht. Zum Beispiel bei den arabischen Meisterschaften in Tunis, wo Zhu Chen in allen Disziplinen dominierte. Dagobert Kohlmeyer hat mit der Ex-Weltmeisterin gesprochen und berichtet. Zum Bericht...

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Galavorstellung von Zhu Chen in Tunis
Text und Fotos: Dagobert Kohlmeyer

Tunis war in den Tagen um Weihnachten Nabel der arabischen Schachwelt. Nach dem Teamwettbewerb, über den wir vorige Woche schon berichteten, gingen am Dienstag die Einzelmeisterschaften der Region zu Ende. Insgesamt gab es bei dem Festival fünf Veranstaltungen: die Einzel- und Mannschaftsmeisterschaften, die Championats im Schnell- und Blitzschach sowie eine Vorstandsitzung der arabischen Schachunion. Schauplatz der Turniere mit Spielerinnen und Spielern aus 15 Nationen war ein schönes Hotel am Mittelmeer, nur wenige Kilometer vom legendären Karthago entfernt.

Dort setzte das exotischste Ehepaar der Schachwelt die meisten Akzente: Zhu Chen und Mohammed Al-Modiahki aus Katar. Zhu Chen siegte überlegen in allen Damenturnieren, was keine Überraschung bedeutet. Von 2001 bis 2004 war die gebürtige Chinesin Schachweltmeisterin. Nach ihrer Hochzeit mit Großmeister Mohamed Al-Modiahki aus Doha verließ sie ihre Heimat und zog in das Scheichtum am Persischen Golf.


GM Mohamed Al-Modiakhi

Seit fünf Jahren spielt Zhu Chen für Katar - im Männerteam natürlich, so stark ist sie. Der chinesische Schachverband war damals nicht sehr erfreut über den Wechsel seiner besten Spielerin. Inzwischen aber hat sich das Verhältnis wieder normalisiert.

Nach eigener Aussage lebt Zhu Chen gern in ihrer heutigen Welt.


Zhu Chen mit Weihnachtsmann

Sie geht nicht verschleiert wie die meisten Frauen in Katar, sondern kleidet sich wie eine Frau aus dem Westen (siehe Interview). Zur Familie gehören inzwischen zwei kleine Töchter. Gemeinsamer Trainer des Schach-Paares ist der russische Großmeister Alexej Kusmin, ein früherer WM-Sekundant von Anatoli Karpow. Anfangs musste er Al-Modiahki und dessen Kollegen neben den Schachlektionen erst einmal Disziplin beibringen, zum Beispiel, dass sie bei Wettkämpfen pünktlich am Brett saßen. Mittlerweile ist das nicht mehr nötig.

Was Zhu Chen angeht, so brachte sie den notwendigen Ehrgeiz und eine professionelle Einstellung schon von zu Hause mit. Heute bedeutet Schach jedoch nicht mehr alles für sie. "Familie und Kinder haben für mich einen höheren Stellenwert als jeder Titelgewinn", sagt die Frau mit den Mandelaugen. Das hindert sie aber nicht daran, neue Meriten zu sammeln. In Tunis gewann Zhu Chen die arabische Frauen-Meisterschaft im Normalschach sowie im Schnell- und Blitzschach. Überall mit voller Punktezahl. Ihr Gatte Mohammed holte in den drei Disziplinen zwei Silber- und eine Bronzemedaille. Die beiden sind eben ein Schachpaar der Extraklasse.

"Schach ist nicht alles im Leben"
Interview mit Exweltmeisterin Zhu Chen


Zhu Chen

War dies Ihr erster Start in Tunesien?


Ja. Ich bin zum ersten Mal hier gewesen und war sehr neugierig auf das Land. Ich lerne immer gern etwas Neues kennen.

Seit wann wohnen Sie in Katar?

Seit fast sechs Jahren. 2000 haben wir geheiratet und lebten mal dort oder in China. Als ich mein erstes Kind bekam, bin ich nach Doha gezogen. 2004 habe ich auch den Schachverband gewechselt.

Die chinesischen Verbands-Oberen waren sicher nicht erfreut darüber?

Am Anfang waren sie verstimmt, aber später hat sich das Verhältnis wieder normalisiert. Ich spiele noch jedes Jahr in der chinesischen Schachliga. Und mit Hou Yifan haben sie ja wieder ein Talent, das Weltmeisterin werden kann.

Wie empfinden Sie das Leben in Katar?

Es ist eine komplett andere Welt, in die ich nach meiner Hochzeit kam. In diesem Land machte ich ganz neue Erfahrungen, was die Lebensweise betrifft. Ich empfinde es als großen Vorteil, andere Kulturen kennenzulernen. Die meisten Menschen machen nur eine bedeutende Erfahrung im Leben, ich habe schon zwei machen dürfen.

Gehen Sie verschleiert wie die meisten Frauen im Orient?

Nein, das tue ich nicht. Ich laufe ganz normal herum, so wie die Frauen in westlichen Ländern.

Wollen Sie immer in Katar bleiben?

Mal sehen. Wir sind ja sehr oft in China. Jedes Jahr schicken wir unsere Töchter für ein paar Monate dorthin. Unsere Älteste ist 5 Jahre, sie spricht Chinesisch, Arabisch und etwas Englisch.

Verstehen Sie Arabisch?

Nur ein wenig, aber ich versuche es zu lernen. Bislang fehlte mir die Zeit dazu. Das Schach und die Kinder nehmen mich voll in Anspruch. Darauf konzentriere ich mich vor allem. Deshalb bleibt nicht so viel Zeit, Arabisch zu lernen.

Spricht Ihr Ehemann Chinesisch?

Ein paar Worte kann er natürlich. Er lernt mit, wenn ich mit meinen Töchtern Chinesisch spreche. Und ich schnappe arabische Wörter auf, wenn er sich mit den Kindern unterhält. Mohammed und ich reden Englisch miteinander.

Drei Jahre waren Sie Weltmeisterin. Wollen Sie nochmal angreifen und den Titel zurück erobern?

Das ist nicht so einfach. Heute muss ich Familie und Schach unter einen Hut bringen. Meine Töchter sind mir sehr wichtig, ihnen widme ich viel Aufmerksamkeit. Den WM-Titel hatte ich schon, Kinder damals noch nicht. Alles hat seine Zeit, die Karriere und die Familie. Ich nehme die Dinge, wie sie kommen. Denn Schach ist nicht alles im Leben.

Wer gewinnt öfter, wenn Sie zu Hause Schach spielen?

Mein Ehemann natürlich, er hat schließlich über hundert ELO-Punkte mehr als ich. Aber manchmal schlage ich ihn schon.


Das Ehepaar beim Schach

Sieger in der arabischen Einzelmeisterschaft der Herren wurde der ägyptische Großmeister Essam El Gindy, der dem lange führenden Favoriten Al-Modiahki die einzige Niederlage beibrachte und auf Rang 2 verwies.


Essam El Gindy mit Weiß


Essam El Gindy nimmt Schach ernst.

Der dritte Platz ging an den jungen Salem A.R. Saleh aus den Vereinigten Emiraten.



Der 16-Jährige ist schon Großmeister und nach den Worten seines Trainers Zurab Sturua ein herausragendes Talent. Der georgische Coach lebt seit einem Vierteljahr in Dubai und war wie auch Katar-Trainer Alexej Kusmin in Tunis dabei, um seine Schützlinge zu betreuen.


Weihnachten in Tunis - Zurab Sturua und Alexej Kusmin

Der 50-jährige Sturua lobte Scheich Sulaiman Al Fahim, den Schachpräsidenten der Emirate, der auch in Tunis vorbeischaute und zu einer Vorstandsitzung der arabischen Schachunion weilte. "Er tut eine Menge zur Förderung unserer Sportart. Zum Beispiel kaufte er den Schachklubs in den Emiraten Minibusse. Ich selbst werde vom Schachverband der UAE bezahlt. Sie übernehmen auch die Miete für meine Wohnung."

Schach ist nach Sturuas Ansicht eine Sportart, die große staatliche Unterstützung erfordert. "Das war früher in der Sowjetunion so, und heute sehen wir das vor allem in China. Deshalb haben sie dort so große Erfolge. Im Frauenschach schon lange, aber auch die Männer kommen der Weltspitze immer näher."


Zurab Sturua

Die Zukunft des Schachs sieht Zurab Sturua vor allem im Internet: "Ob das gut oder schlecht ist, weiß ich nicht. Es ist einfach ein Fakt. Ganz toll finde ich es nicht, weil ich eine lebendige Schachszene vermisse. Zu meiner aktiven Zeit waren die Spielsäle voll. Die Akteure saßen auf der Bühne, die Zuschauer füllten das Parkett oder die Ränge. Diese Ära ist vorbei."

Die arabischen Länder bemühen sich, wie das Schachfestival in Tunis zeigte, gezielt um die Förderung ihres Nachwuchses. Die Präsidentin des tunesischen Schachverbandes, Dr. Feriel Beji, ist eine energische und sehr engagierte Frau.


Verbandspräsidentin Dr. Feriel Beji, Sulaiman Al Fahim

Besonders setzt sie sich für das Frauenschach im Lande ein. Ganz junge Mädchen spielen bereits in der tunesischen Nationalmannschaft. Der Reporter hat zwei von ihnen praktisch aufwachsen sehen. Im Jahre 2001 unternahmen Krifa Najla als Neunjährige und Amani Mattoussi als 14-Jährige bei einem Turnier in Tunis erste Schritte auf internationalem Parkett.


Najla Krifa 2001


Najla Krifa 2009


Amani Mattoussi 2001


Amani Mattoussi 2009

Heute spielen die beiden jungen Frauen in der tunesischen Nationalmannschaft. Sie waren auch bei der Schacholympiade in Dresden. Die Förderung des Frauenschachs in Tunesien ist eines der wichtigsten Anliegen von Dr. Feriel Beji. "Das noble Spiel soll in unserem Land künftig noch mehr verbreitet werden", sagt die 45-jährige, die im Hauptberuf eine renommierte Informatikwissenschaftlerin ist. Und Nationaltrainer Slim Bouaziz, der erste Großmeister Afrikas ergänzt: "Die Turniere 2009 waren sehr wichtig für unsere jungen Spielerinnen und Spieler. Bei dem Festival konnten sie wertvolle Erfahrungen für ihre weitere Karriere sammeln." Der 59-jährige Bouaziz verweist auf die großen Schachtraditionen Tunesiens. Bedeutendstes Ereignis war das Interzonenturnier 1967 in Sousse, an dem Slim damals als 17-Jähriger teilnahm.

Hier die Abschlusstabellen der einzelnen Wettbewerbe:














Nora Mohamed Saleh


Fatma Al Jelda


Asim Ali Elobeid, Sudan

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