Vor 100 Jahren: Capablanca macht Urlaub und gewinnt ein Schachturnier

von Johannes Fischer
03.08.2026 – Eigentlich wollte Capablanca, Weltmeister seit 1921, 1926 ein Jahr Pause vom Turnierschach machen, aber im Juli spielte er im Ferienort Lake Hopatcong in New Jersey dann doch ein Turnier. Fünf Teilnehmer, acht Runden, ein gutes, aber kein Weltklassefeld, ein entspannter Modus. Capablanca gewann souverän mit 6 aus 8 und einem Punkt Vorsprung. Eine gute Vorbereitung auf Capablancas WM-Kampf 1927 gegen Alexander Aljechin war dieser mühelose Sieg jedoch nicht. | Foto: José Raúl Capablanca (Archiv)

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Glaubt man Capablancas Biograf Miguel A. Sánchez, so war Schach in Lake Hopatcong für den Weltmeister Nebensache.

"Capablanca schien sich mehr dafür zu interessieren, Tennis zu spielen, als auf seine Turnierergebnisse zu achten – obwohl diese glänzend waren. ... Nach Angaben von Hermann Helms, der ein Buch über das Turnier von Lake Hopatcong schrieb, ging die Idee, einen solchen Schachurlaub in der klaren Bergluft zu veranstalten, ebenso auf Capablanca wie auf [Howard] Lederer [den Organisator der New Yorker Turniere 1924 und 1927] zurück. Unterstützt wurden sie dabei maßgeblich von Harry Latz, dem Leiter des Alamac Resort in den Pocono Mountains in New Jersey, nicht weit von New York entfernt. Capablanca und seine Familie verbrachten dort ihren Urlaub und genossen die Gastfreundschaft von Latz." (Miguel A. Sánchez, José Raúl Capablanca: A Chess Biography, McFarland 2025, S. 301–302)

Doch auch ohne allzu große Kraftanstrengung dominierte Capablanca das Turnier von Beginn an und hatte sich nach vier der acht Runden mit 3,5 aus 4 an die Spitze des Feldes gesetzt. Vor allem überzeugte die Art, wie er gewann: Er verzichtete auf theoretische Duelle, schaffte es jedoch im Mittelspiel immer wieder, seine Figuren auf starke Felder zu stellen und scheinbar mühelos in Vorteil zu kommen, den er dann taktisch präzise verwertete. Typisch ist seine Partie aus der ersten Runde gegen Edward Lasker.height="1"

Zwei Jahre zuvor, beim Turnier in New York 1924, war Capablanca gegen Edward Lasker in der Rückrunde in der Eröffnung in große Schwierigkeiten geraten und musste sich anstrengen, um die Partie noch zu retten und am Ende sogar noch zu gewinnen. In Lake Hopatcong machte er es besser.

Er war ein Wunderkind und um ihn ranken sich Legenden. In seinen besten Zeiten galt er gar als unbezwingbar und manche betrachten ihn als das größte Schachtalent aller Zeiten: Jose Raul Capablanca, geb. 1888 in Havanna.

In der zweiten Hälfte des Turniers genügten Capablanca drei unspektakuläre Remispartien und ein zweiter Sieg gegen Edward Lasker, um das Turnier souverän zu gewinnen. Für den Sieg gegen Lasker erhielt er auch noch den Schönheitspreis.

Wie Edward Lasker einmal gestand, hatte er Schwierigkeiten, gegen Capablanca zu spielen, weil er ein großer Bewunderer des Kubaners war. Er gab sogar zu, "vor jeder Partie gegen ihn das Gefühl zu haben, meine Niederlage sei absolut sicher". Insgesamt haben Capablanca und Edward Lasker achtmal gegeneinander gespielt. Capablanca gewann sieben dieser Partien, eine endete unentschieden.

Über die Person Capablanca schrieb Edward Lasker:

"Capablanca wirkt auf jeden als äußerst angenehm, allerdings scheint er nicht über den forschenden Geist und die intellektuellen Fähigkeiten zu verfügen, die bei Menschen wie Emanuel Lasker, Ossip Bernstein, Richard Teichmann oder Siegbert Tarrasch so beeindrucken. Der Kubaner wirkt eminent praktisch, eine Eigenschaft, die den europäischen Meistern völlig fehlt."

Aus schachhistorischer Sicht hat das Turnier in Lake Hopatcong vor allem deshalb Spuren hinterlassen, weil dort in einem der ersten Turniere überhaupt mit einer Bedenkzeit von zweieinhalb Stunden für 40 Züge gespielt wurde. Diese Bedenkzeit etablierte sich anschließend für Jahrzehnte als Standard und wurde bei fast allen großen Turnieren und Wettkämpfen angewandt.

Schlussstand

Nr. Spieler 1 2 3 4 5 Pkt.
1 José Raúl Capablanca ** ½½ 11 6,0
2 Abraham Kupchik ** ½1 5,0
3 Géza Maróczy ** 11 4,5
4 Frank Marshall ½½ ½0 ** 10 3,0
5 Edward Lasker 00 00 01 ** 1,5

Partien

Der Wettkampf gegen Aljechin

Nach dem Ende des Turniers genoss Capablanca auf Einladung von Latz noch einen Monat lang die Annehmlichkeiten des Kurorts und des Hotels in Lake Hopatcong. Dort erreichte ihn die Nachricht, dass Aljechin ihn offiziell zu einem Weltmeisterschaftskampf herausgefordert hatte. Capablanca akzeptierte, und nach einigem Hin und Her einigten sich beide auf Modus, Austragungsort und Termin des Wettkampfs. Gespielt wurde schließlich 1927 in Buenos Aires. Wettkampfbeginn war der 16. September. Gewinner des Wettkampfs sollte sein, wer zuerst sechs Partien gewann; Remispartien zählten nicht.

Aljechin galt damals bereits als einer der stärksten Spieler der Welt, aber trotzdem schien Capablanca keine ernsthaften Zweifel daran gehabt zu haben, wer diesen Wettkampf gewinnen würde. Hatte er nicht eben ein starkes Turnier mühelos gewonnen, obwohl er eigentlich im Urlaub war?

Sollte Capablanca sich dennoch Sorgen gemacht haben, dass er den Wettkampf gegen Aljechin verlieren könnte, so wurden sie durch das Turnier in New York 1927 wohl endgültig zerstreut. Es war das nächste Turnier, das Capablanca nach Lake Hopatcong spielte, und zugleich das letzte Turnier vor seinem Wettkampf gegen Aljechin. Gespielt wurde vom 19. Februar bis zum 23. März 1927, und mit Capablanca, Aljechin, Nimzowitsch, Vidmar, Spielmann und Marshall gingen sechs der stärksten Spieler der damaligen Zeit an den Start.

Jeder spielte gegen jeden vier Partien, und Capablanca siegte souverän. Er verlor zwar gegen Spielmann, hatte am Ende mit 14 Punkten aus 20 Partien aber ganze 2,5 Punkte Vorsprung auf Aljechin, der mit 11,5 aus 20 Zweiter wurde. Platz drei ging an Nimzowitsch, der auf 10,5 Punkte aus 20 Partien kam. In ihren direkten Begegnungen setzte sich Capablanca gegen Aljechin mit 2,5:1,5 durch, und in der einzigen entschiedenen Partie dieses Mini-Wettkampfs überspielte er seinen WM-Herausforderer überzeugend.

So galt Capablanca im WM-Kampf gegen Aljechin als klarer Favorit. Die Statistik schien eine eindeutige Sprache zu sprechen. Vor Beginn des Wettkampfs hatten die beiden zwölfmal gegeneinander gespielt, und die Bilanz von fünf Siegen, sieben Remis und keiner Niederlage sprach klar für Capablanca.

Außerdem hatte Capablanca vor dem Wettkampf gegen Aljechin im Laufe seiner Schachkarriere – angefangen mit seinem Wettkampf gegen den kubanischen Meister Juan Corzo, gegen den Capablanca 1901 als Zwölfjähriger antrat und mit 7:6 gewann, bis zum Turnier in New York 1927 – insgesamt nur 15 Partien verloren.

Angesichts dieser Bilanz war es schwer vorstellbar, dass Capablanca sechs Partien gegen einen Spieler verlieren würde, gegen den er bislang keine einzige Partie verloren hatte. Allerdings konnten so klare Siege, wie Capablanca sie in Lake Hopatcong und New York erzielte, leicht das Gefühl wecken, nahezu unbesiegbar zu sein. Capablanca kannte dieses Gefühl. So schreibt er in der Einleitung zu seinem Buch My Chess Career:

"Es hat Zeiten in meinem Leben gegeben, in denen ich beinahe glaubte, keine einzige Partie verlieren zu können. Dann wurde ich doch geschlagen, und diese Niederlage holte mich aus meinen Träumen zurück auf den Boden der Wirklichkeit. Nichts ist heilsamer als eine Tracht Prügel zur rechten Zeit, und aus nur wenigen Siegen habe ich so viel gelernt wie aus den meisten meiner Niederlagen. Natürlich möchte ich nicht gerade in einem entscheidenden Augenblick verlieren. Aber ansonsten hoffe ich, auch in Zukunft hin und wieder noch einige Partien zu verlieren – vorausgesetzt, ich ziehe daraus ebenso viel Nutzen wie aus meinen Niederlagen in der Vergangenheit." José Raúl Capablanca, My Chess Career, New York 1920, zitiert nach der Neuauflage 2025, S. 8.

Aber trotz dieser Warnung an sich selbst scheint Capablanca den Wettkampf gegen Aljechin nicht ernst genug genommen zu haben.

Capablanca (rechts) und Aljechin während des WM-Kampfs 1927. Schiedsrichter Carlos Augusto Querencio überwacht das Geschehen. | Quelle: Wikipedia

Dr. Robert Hübner, der sich in einer Serie von Artikeln, die 1998 in der Zeitschrift Schach erschienen sind, gewohnt ausführlich und präzise mit den Partien und der Geschichte dieses Wettkampfs beschäftigt hat, schildert in seiner "Schlußbetrachtung" (sic), wie unterschiedlich sich Aljechin und Capablanca auf diesen Wettkampf vorbereitet haben:

"Es ist bekannt, daß Aljechin sich mit großer Gründlichkeit auf das Treffen vorbereitete. Seit Jahren hatte er auf einen Weltmeisterschaftskampf hingearbeitet und deshalb dem schachlichen Schaffen Capablancas stets besondere Beachtung gewidmet; als das Zustandekommen des Wettkampfes gesichert war, vertiefte er sich mit verstärkter Kraft in das Studium von Capablancas Partien. Einige seiner Erkenntnisse hat er in der Einleitung zum Turnierbuch von 1927 publiziert." Dr. Robert Hübner, "Der Wettkampf Capablanca – Aljechin, Buenos Aires 1927, Teil 3", Schach, 08/1998, S. 68.

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Capablanca hat die Dinge offensichtlich weniger ernst genommen. Hübner konstatiert lakonisch: "Von Capablancas Vorbereitung weiß ich nichts zu berichten."

Aljechins Vorbereitung, sein Ehrgeiz und sein Siegeswille zahlten sich aus. Er gewann den Wettkampf gegen Capablanca am Ende mit 6:3 bei 25 Remis und wurde neuer Weltmeister. Capablancas lässige Leichtigkeit und die Mühelosigkeit, mit der er Turniere wie Lake Hopatcong und New York 1927 – und zahlreiche andere – gewinnen konnte, hatten sich schließlich gerächt.

Er verlor den WM-Titel und hatte bis zum Ende seines Lebens nie die Chance, besser vorbereitet und gerüstet einen Rückkampf gegen Aljechin zu spielen.

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Johannes Fischer, Jahrgang 1963, ist FIDE-Meister und hat in Frankfurt am Main Literaturwissenschaft studiert. Er lebt und arbeitet in Nürnberg als Übersetzer, Redakteur und Autor. Er schreibt regelmäßig für KARL und veröffentlicht auf seinem eigenen Blog Schöner Schein "Notizen über Film, Literatur und Schach".
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