Vor 110 Jahren: Capablanca gewinnt San Sebastian Turnier

von André Schulz
17.03.2021 – Vor 110 Jahren wurde in San Sebastian ein enorm starkes Turnier gespielt. Fast alle Weltklassespieler der damaligen Zeit waren am Start. An Ende gewann ein Newcomer, der in Europa noch völlig unbekannte Raul Capablanca.

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Am 20. Februar 1911 begann in der der baskischen Stadt San Sebastian (bask.: Donostia) ein herausragend besetztes Schachturnier. Eingeladen wurden 15 Schachmeister, die sich durch ihre Ergebnisse in früheren Turnieren mit vorderen Plätzen empfohlen hatten.

Unter den Teilnehmern waren die besten Spieler jener Zeit, nämlich Siegbert Tarrasch, Frank James Marshall, Carl Schlechter, Geza Maroczy, David Janowski, Amos Burn, Akiba Rubinstein, Aron Nimzowitsch, Rudolph Spielmann, Milan Vidmar, Ossip Bernstein, Richard Teichmann, Oldrich Duras, Paul Saladin Leonhardt und der junge, in Europa noch unbekannte Raul Capablanca. Von den weltbesten Spielern fehlte eigentlich nur Emanuel Lasker. Lasker, ebenso Henry E. Atkins, war eingeladen worden, nahm die Einladung aber nicht an. Stattdessen kommentierte Lasker von Berlin aus die Partien des Turniers für die New York Evening Post. Lasker heiratete am 1. März 1911 Martha Cohn, was vielleicht der Grund für die Absage war.

Austragungsort des Turniers, das sich vom 20. Februar bis zum 17. März erstreckte, war das Grand Casino von San Sebastian.

Das Casino von San Sebastian

Als Bedenkzeit wurde eine Stunde für jeweils 15 Züge festgelegt. Turnierdirektor war Jaques Mieses. Sein besonderes Verdienst bestand darin, dass er beim Geldgeber des Turniers durchsetzte, dass die Spieler ihre Reisekosten ersetzt bekamen und während des Turniers freie Kost und Logis erhielten. Das war vorher nicht üblich, wurde aber nach dem Turnier zumindest für Topturniere zur Norm.

Als bekannt wurde, dass mit dem Kubaner Raul Capablanca ein Spieler teilnehmen sollte, der sich noch keine Verdienste bei anderen Turnieren erworben hatte, sollen Ossip Bernstein Und Aaron Nimzowitsch beim Organisator Jaques Mieses gegen die Teilnahme Capablancas protestiert haben. Das ist ein hartnäckiges Gerücht, für das es allerdings keine Belege gibt.  Nachdem Bernstein aber in der 1. Runde gegen Capablanca verlor, soll der Protest verstummt sein. Tatsächlich hatte Capablanca sich bis dahin nur durch seinen Wettkampf gegen Marshall im April 1909 empfohlen, den der Kubaner klar mit 15:8 gewonnen hatte. 

 

Bisweilen wird kolportiert, dass Frank Marshall sich für die Teilnahme von Capablanca beim Turnier in San Sebastian eingesetzt haben soll. Tatsächlich war dafür aber Manuel Marquez Sterling verantwortlich, fand der Capablanca-Biograf Miguel Sanchez heraus. Manuel Marquez Sterling wurde 1872 in Peru geboren, war Journalist und später Diplomat und betätigte sich in der kubanischen Unabhängigkeitsbewegung. Marquez Sterling reiste viel herum und exportierte als Unternehmer Waren aus Kuba nach Europa. Außerdem liebte er das Schachspiel. Im Zuge eines Frankreich-Aufenthalts nahm er eher zufällig am Turnier in Paris 1900 teil (16. und vorletzter Platz). Dann lebte er eine Zeit lang in Belgien mit engen Verbindungen zum belgischen Königshaus. Unter dem Pseudonym M. Marquet finanzierte er die Turniere in Ostende 1905, 1906 und 1907. Außerdem unterstützte er in verschiedenen  lateinamerikanischen Ländern die Veröffentlichung von Schachmagazinen.

Manuel Marquez Stirling

Unter seinem Pseudonym wurde der umtriebige Manuel Marquez Sterling dann auch der Betreiber des Grand Casino in San Sebastian und organisierte als Finanzier das Schachturnier. In späteren Jahren, 1934, war Manuel Marquez Sterling sogar für sechs Stunden der Präsident Kubas.

Das erste von zwei Gruppenbildern

Dank der Einladung von Marquez Stirling konnte sich also auch der in der europäischen Schachwelt bis dahin unbekannte Capablanca am 8. Februar 1911 auf der Lusitania Richtung Europa einschiffen. Als weiterer guter Grund für die Einladung Capablancas wird angegeben, dass dieser bei seiner Geburt 1888 die spanische Staatsbürgerschaft erhalten hatte, denn Kuba war zu dieser Zeit noch spanische Kolonie. Capablanca war also der einzige "Spanier" im Feld.

Während des Turniers erhielt der junge Kubaner beratende Unterstützung von einigen anderen Turnierteilnehmern. Teichmann, Schlechter, Tarrasch und Maroczy gaben dem Newcomer Tipps. Besonders zu Richard Teichmann baute Capablanca ein freundschaftliches Verhältnis auf. Teichmann, der das Schachspiel ebenso liebte wie das Kartenspiel oder Billard, warnte Capablanca besonders vor den Fähigkeiten von Maroczy.

Unter allen Spielern nahm Akiba Rubinstein eine besondere Rolle ein. Er verließ so gut wie nie sein Zimmer, erschien nur zu den Partien und saß zwischen den Zügen an einem Tisch am Rande des Turniersaals, um die anderen Spieler nicht mit seiner Gegenwart zu stören.

Aaron Nimzowitsch hingegen war überaus nervös, fühlte sich beim kleinsten Geräusch gestört und befand sich während der Partien stets am Rande zur Paranoia. War die Partie vorüber, entspannte sich Nimzowitsch und lobte die Fähigkeiten seiner Gegner, besonders, wenn diese verloren hatten.

 

Seine Eindrücke von den Spielern, die in San Sebastian teilgenommen hatten, schilderte Capablanca einige Jahre später, 1916, in einem Beitrag für die New York Evening Post. Tarrasch benahm sich gemäß den Berichten von Capablanca weniger launenhaft, als man ihn zuvor beschrieben hatte. Er war in allen Dingen sehr korrekt und sein übersteigertes Selbstwertgefühl war für Capablanca augenfällig. Capablanca bemerkte, dass Tarrasch in seinen Partien stets sehr gut vorbereitet war. Er hielt Tarrasch aber für taktisch schwach und anfällig. Wenn etwas Unvorhergesehenes passierte, dann geriet Tarrasch ins Brüten. Es konnte passieren, dass Tarrasch unbeweglich und ohne jede Gesichtsregung eine Stunde lang aufs Brett starrte, bevor er schließlich seinen Zug machte. 

 

 

 

 

Raul Capablanca gewann das Turnier und begann mit diesem Sieg seine einzigartige Karriere, die ihn zur Weltspitze und zum Gewinn der Weltmeisterschaft führte. Es dauerte allerdings noch zehn Jahre, mit einem vier Jahre andauernden Weltkrieg dazwischen, bis Capablanca gegen Lasker um die Weltmeisterschaft spielen konnte.

 

Rubinstein war als einer der Favoriten in das Turnier gegangen und beendete es ohne Niederlage. Zudem war er der einzige, der Capablanca besiegen konnte. Rubinstein spielte aber zu oft remis und am Ende fehlte ein halber Punkt.

 

Das Preisgeld für den Sieger des Turniers von San Sebastian 1911 betrug 5000 Franc. Capablanca erhielt zudem den von Baron Rothschild gestifteten Preis in Höhe von 500 Franc für die beste Partie des Turniers. Er wurde für seine Partie gegen Bernstein ausgezeichnet. Rubinstein und Vidmar teilten den zweiten Platz. Marshall wurde Vierter.

Bild vom Abschlussbankett

1912 fand in San Sebastian ein weiteres großes Turnier statt, erstklassig, wenn auch nicht ganz so gut besetzt wie die Erstauflage. Capablanca war nicht dabei und diesmal gewann Rubinstein.


André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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WolfPaul WolfPaul 17.03.2021 03:02
Sehr feinsinnig aufgeschrieben. Ein Genuss in diese Schachhistorie einzutauchen. Fast so, als wäre man dabei gewesen. Danke!
herbert bastian herbert bastian 17.03.2021 12:54
Danke ebenfalls! Es macht Spaß, in die Atmosphäre früherer Turniere einzutauchen.
rollinghills rollinghills 17.03.2021 11:59
Vor allem das Coverbild stickt heraus. Was für ein hübscher Bursche - also wenn ich eine Frau wäre ;-) Danke für den tollen Artikel.
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