Vor 110 Jahren: Lasker und Rubinstein gewinnen in St. Petersburg

von Johannes Fischer
13.03.2019 – Vor 110 Jahren, am 13. März 1909, endete das Tschigorin-Gedenkturnier in St. Petersburg. Es gilt als eines der bedeutendsten Turniere der Geschichte und wurde auch durch das von Emanuel Lasker geschriebene Turnierbuch berühmt. Lasker, der amtierende Weltmeister, gewann das Turnier zusammen mit Akiba Rubinstein. Nach 18 Runden hatten beide 14,5 Punkte, 3,5 Punkte mehr als Oldrich Duras und Rudolf Spielmann, die sich die Plätze drei und vier teilten. | Foto: Turnierbuch

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Auf dieser DVD zeigen unsere Autoren alle Facetten des Spiels von Emanuel Lasker, der von 1884 bis 1921 Weltmeister war, länger als jeder andere vor oder nach ihm: Eröffnungen, Strategie, Taktik und Endspiele!

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Das Turnier

Emanuel Lasker war 1894 Weltmeister geworden, aber nach zehn Jahren auf dem Weltmeisterthron gönnte er sich eine Pause vom Turnierschach. Nach dem großen internationalen Turnier in Cambridge Springs 1904, bei dem Lasker zusammen mit Dawid Janowski mit 11 aus 15 geteilter Zweiter worden war, mit ganzen zwei Punkten Rückstand auf Turniersieger Frank Marshall, spielte Lasker fünf Jahre lang kein einziges großes Turnier mehr. 1906 nahm er an einem kleinen Turnier in Trenton Falls in den USA teil und 1907 und 1908 spielte und gewann er WM-Wettkämpfe gegen Frank Marshall (+8, =7) und Dr. Siegbert Tarrasch (+8, =5, -3), aber das Turnier in St. Petersburg 1909 war Laskers erstes großes internationales Turnier nach fünfjähriger Pause.

Organisator des Turniers war der Petersburger Schachklub, treibende Kraft des Organisationskomitees Peter Petrowitsch Saburov, Diplomat, Musikkomponist und starker Amateur. Er war Sohn von Peter Alexandrowitsch Saburov, ebenfalls Diplomat und Schachliebhaber und maßgeblich an der Organisation des Schachturniers in St. Petersburg 1895/1896 beteiligt.

Turnierkomitee (von links nach rechts): B. Maljutin, O. Sossnitzky, S. Znosko-Borovsky, P. P. Saburov, E. A. Znosko-Borovsky, V. Tschudowski | Foto: Turnierbuch

Die Idee des Turniers war es, russischen Schachmeistern Gelegenheit zu geben, sich mit internationalen Spitzenspielern zu messen, gewidmet wurde es dem 1908 verstorbenen russischen Meister Mikhail Tschigorin. 20 Teilnehmer wurden eingeladen, zehn davon kamen aus Russland, zehn waren internationale Spitzenspieler. Am Ende spielte man jedoch nur mit 19 Teilnehmern, denn Vladimir Nenarokov zog sich nach vier Runden aus dem Turnier zurück.

Dem Sieger winkte ein Preisgeld von 1.000 Rubeln, nach heutigem Wert grob gerechnet etwa 9.000 Euro. Gespielt wurde an fünf Tagen die Woche, von 11 Uhr morgens bis 21 Uhr abends, unterbrochen von einer zweistündigen Pause von 16 bis 18 Uhr. An einem Tag sollten eventuelle Hängepartien zu Ende gespielt werden, ein Tag die Woche war spielfrei.

Aus heutiger Sicht ungewöhnlich war die Bedenkzeit: für die ersten 37 Züge hatten die Spieler 2,5 Stunden Zeit, für die nächsten 23 Züge noch einmal 1,5 Stunden, danach bekamen sie eine Stunde für 50 Züge.

Das Turnier entwickelte sich rasch zu einem Zweikampf zwischen Weltmeister Lasker – der übrigens offiziell für die USA spielte – und Rubinstein. Allerdings begann Lasker das Turnier verhalten, nicht zuletzt, weil er in der dritten Runden gegen Rubinstein ein berühmt gewordenes Endspiel verlor.

 

Dies war die erste Turnierpartie, die Lasker und Rubinstein gegeneinander gespielt haben. Und es sollte der einzige Sieg Rubinsteins bleiben. Später trafen Lasker und Rubinstein noch sechs Mal aufeinander, vier dieser Partien endeten Remis, zwei Mal gewann Lasker.

Aber Lasker fing sich rasch wieder und holte aus den nächsten 12 Partien 11 Punkte, nur gegen Spielmann und Bernstein machte er Remis.

Rubinstein startete mit 7 aus 8 besser ins Turnier als Lasker, aber in Runde 9 verlor er dann in einer taktisch komplizierten Partie gegen Dus Chotimirski die Übersicht und musste seine erste (und einzige) Niederlage im Turnier hinnehmen.

 

In Runde 16 sorgte Dus Chotimirski dann für den gerechten Ausgleich und gewann überraschend auch gegen Lasker. Mit 8 Punkten aus 18 Partien wurde Dus Chotimirski am Ende 13. und landete in der unteren Tabellenhälfte, aber immerhin hatte er zwei seiner 8 Punkte gegen die Turniersieger geholt.

Entschieden wurde das Turnier in der letzten Runde: Rubinstein hatte einen halben Punkt Vorsprung vor Lasker und musste mit Schwarz gegen Tartakower spielten, Lasker hatte Weiß gegen Teichmann. Lasker gelang eine schöne und souveräne Angriffspartie, Rubinstein kam über ein Remis nicht hinaus.

 

Damit lagen Lasker und Rubinstein nach 18 Runden mit je 14,5 Punkten gleichauf an der Spitze. Den Turnierregeln zufolge hätten sie einen Stichkampf um den Turniersieg spielen können, aber Lasker verzichtete darauf und so wurden beide zu Turniersiegern erklärt.

Tabelle

Rg. Name 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 Pkt.
1 Akiba Rubinstein   1 1 1 ½ ½ ½ 1 1 1 ½ 1 0 1 ½ 1 1 1 1 14.5 / 18
2 Emanuel Lasker 0   1 ½ ½ 1 1 ½ 1 1 1 1 0 1 1 1 1 1 1 14.5 / 18
3 Oldrich Duras 0 0   0 0 1 ½ ½ 1 0 0 1 1 1 1 1 1 1 1 11.0 / 18
4 Rudolf Spielmann 0 ½ 1   0 1 1 1 ½ ½ ½ ½ 1 0 ½ 1 ½ ½ 1 11.0 / 18
5 Ossip Samuel Bernstein ½ ½ 1 1   0 1 1 1 0 1 1 ½ 0 0 0 ½ ½ 1 10.5 / 18
6 Richard Teichmann ½ 0 0 0 1   0 ½ ½ ½ ½ 1 1 ½ 1 ½ 1 1 ½ 10.0 / 18
7 Julius Perlis ½ 0 ½ 0 0 1   ½ 1 ½ ½ 1 1 ½ 1 ½ 0 0 1 9.5 / 18
8 Carl Schlechter 0 ½ ½ 0 0 ½ ½   1 1 0 0 1 1 ½ 0 1 ½ 1 9.0 / 18
9 Georg Salwe 0 0 0 ½ 0 ½ 0 0   1 ½ 1 1 1 ½ 0 1 1 1 9.0 / 18
10 Erich Cohn 0 0 1 ½ 1 ½ ½ 0 0   1 ½ ½ 0 ½ ½ ½ 1 1 9.0 / 18
11 Saviely Tartakower ½ 0 1 ½ 0 ½ ½ 1 ½ 0   0 0 0 ½ 1 1 1 ½ 8.5 / 18
12 Jacques Mieses 0 0 0 ½ 0 0 0 1 0 ½ 1   ½ 1 1 1 0 1 1 8.5 / 18
13 Fedor Ivanovich Dus Chotimirsky 1 1 0 0 ½ 0 0 0 0 ½ 1 ½   ½ ½ ½ 1 0 1 8.0 / 18
14 Leo Forgacs 0 0 0 1 1 ½ ½ 0 0 1 1 0 ½   ½ ½ ½ 0 ½ 7.5 / 18
15 Amos Burn ½ 0 0 ½ 1 0 0 ½ ½ ½ ½ 0 ½ ½   1 ½ ½ 0 7.0 / 18
16 Milan Sr Vidmar 0 0 0 0 1 ½ ½ 1 1 ½ 0 0 ½ ½ 0   ½ 1 0 7.0 / 18
17 Abraham Speijer 0 0 0 ½ ½ 0 1 0 0 ½ 0 1 0 ½ ½ ½   ½ ½ 6.0 / 18
18 Sergey Nikolaevich Freiman 0 0 0 ½ ½ 0 1 ½ 0 0 0 0 1 1 ½ 0 ½   0 5.5 / 18
19 Eugene Znosko Borovsky 0 0 0 0 0 ½ 0 0 0 0 ½ 0 0 ½ 1 1 ½ 1   5.0 / 18

Nach seinen Wettkampfsiegen gegen Marshall und Tarrasch bewies Lasker auch in St. Petersburg, dass er zu Recht Weltmeister war. Rubinstein allerdings unterstrich in dem Turnier in St. Petersburg, dass er ein möglicher Kandidat für einen WM-Kampf gegen Lasker war. Doch zu diesem Wettkampf kam es nie. 1910 spielte Lasker einen WM-Kampf gegen Carl Schlechter, der in St. Petersburg 1909 mit 9 aus 18 auf dem geteilten 8. bis 10. Platz gelandet war. Dennoch konnte Lasker seinen Weltmeistertitel gegen Schlechter nur mit Mühe durch ein 5-5 Unentschieden verteidigen. Zu einem WM-Kampf Lasker gegen Rubinstein ist es jedoch nie gekommen.

Schlechter (links, mit Weiß) gegen Lasker | Foto: Turnierbuch

Das Turnierbuch

Berühmt geworden ist das Turnier in St. Petersburg 1909 auch durch das von Lasker verfasste Turnierbuch. Dazu schreibt Laskers Biograph Dr. Jacques Hannak:

Lasker aber erntete aus dem großen St. Petersburger Feldzug auch noch weiteren Ruhm. Das Turnierkomitee beauftragte ihn mit der Herausgabe des Turnierbuches und der Kommentierung sämtlicher Partien des Turniers. Wie er sich dieses Auftrages entledigt hat, bezeugt die Geschichte der Schachliteratur: Laskers Petersburger Turnierbuch gilt bis zum heutigen Tage als ein Standardwerk, nur von verschwindend wenigen anderen Schachbüchern an Rang erreicht, und niemand geringerer als der nachmalige Weltmeister Aljechin, selbst ein Bücherschreiber höchster Qualität, hat wiederholte Male erklärt, daß er seinen ganzen Aufstieg und alles, was er im Schach erreicht habe, überwiegend dem Studium dieses Laskerschen Buches verdanke.“ (Dr. J. Hannak, Emanuel Lasker: Biographie eines Schachweltmeisters, Verlag Das Schacharchiv 1984, S. 124)

Aber leider steht Hannak hier – wie so oft – Lasker zu wenig kritisch gegenüber. Im Gegensatz zu dem US-amerikanischen Schachhistoriker und Autor Taylor Kingston. 2017 unterzog Kingston Laskers Analysen und Anmerkungen mit Hilfe moderner Computerprogramme einer gründlichen Prüfung und wies Lasker zahlreiche analytische Fehler und Schlampigkeiten nach. Kingston hat die Ergebnisse seiner Analysen im Internet veröffentlicht, Interessierte können dort prüfen, inwieweit Kingstons Kritik an Lasker berechtigt ist.

Als Analytiker und Kommentator mag Lasker überschätzt sein, aber sein Spiel in St. Petersburg zeigt seine Klasse als Spieler - und sein Zweikampf mit dem aufstrebenden Rubinstein verleiht dem Turnier in St. Petersburg historische Bedeutung.

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Johannes Fischer, Jahrgang 1963, ist FIDE-Meister und hat in Frankfurt am Main Literaturwissenschaft studiert. Er lebt und arbeitet in Nürnberg als Übersetzer, Redakteur und Autor. Er schreibt regelmäßig für KARL und veröffentlicht auf seinem eigenen Blog Schöner Schein "Notizen über Film, Literatur und Schach".