Vor 20 Jahren: Ein Klassiker in Wijk – Kasparov gegen Topalov

von Johannes Fischer
20.01.2019 – Vor 20 Jahren, am 20. Januar 1999, spielte Garry Kasparov beim Hoogoven-Turnier in Wijk aan Zee eine der schönsten und bemerkenswertesten Partien der Schachgeschichte. Im 24 Zug opferte der damalige Weltmeister einen Turm, elf Züge später hatte er den schwarzen König auf die weiße Grundreihe getrieben und Topalov konnte die weißen Mattdrohungen nur noch unter großem Materialverlust abwehren. Im 44. Zug gab Topalov auf und, in den Worten von "New in Chess" Redakteur Dirk Jan ten Geuzendam, "Wijk aan Zee sollte nie mehr sein wie früher". | Foto: kasparov.com

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Kasparovs "Unsterbliche"

G. Kasparov – V. Topalov, Wijk aan Zee 20. Januar 1999

 

Veselin Topalov und Garry Kasparov beim Champions Showdown 2018 in Saint Louis | Foto: Lennart Ootes

Kasparov spielte diese Glanzpartie in Runde 4 des Hoogoven Turniers in Wijk aan Zee, wo er 1999 zum ersten Mal teilnahm. Zugleich war Wijk 1999 Kasparovs erstes Turnier nach einer elf Monate langen Turnierpause und vielleicht begann er deshalb mit einem unauffälligen 22-zügigen Remis gegen Vassily Ivanchuk in Runde 1. Aber dann folgten sieben Siege in Folge, von denen die Partie gegen Topalov der dritte war. Doch nachdem Kasparov mit 7,5 aus 8 furios ins Turnier gestartet war, verlor er in Runde acht mit Schwarz gegen Ivan Sokolov, weil er sich in einer scharfen Variante des Nimzo-Inders nicht mehr an seine Analysen erinnern konnte.

 

Nach dieser Niederlage gegen Sokolov folgten zwei Remis gegen Vishy Anand und Jan Timman, doch in der zwölften und vorletzten Runde zeigte Kasparov noch einmal sein ganzes Können und besiegte Peter Svidler in einer theoretisch interessanten und stark gespielten Partie. Nach dem Turnier bezeichnete Kasparov diesen Sieg gegen Svidler als die beste Partie, die er in Wijk gespielt hätte:

Ich habe nicht nur ein neues Konzept in einer Eröffnung vorgestellt, die seit Jahrzehnten in unzähligen Partien gespielt wurde, sondern mein Gegner hat auch extrem gut gespielt. Wir hatten eine Stellung auf dem Brett, in dem jeder Irrtum das Blatt wenden konnte, ich habe immer die besten Züge gespielt und schließlich hat er einen Fehler gemacht. Das war meine größte Leistung. (Dirk Jan ten Geuzendam, „Kasparov aan Zee“, New in Chess 02/1999, S.18)

 

Mit diesem Sieg sicherte sich Kasparov praktisch auch den ersten Platz, den er mit einem ungefährdeten 28-zügigen Schlussrundenremis gegen Vladmir Kramnik dann endgültig unter Dach und Fach brachte.

Endstand nach 13 Runden

Rg. Titel Name Land 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 Pkt.
1 GM Garry Kasparov
 
  ½ ½ 1 1 0 ½ 1 ½ 1 1 1 1 1 10.0 / 13
2 GM Viswanathan Anand
 
½   ½ ½ 1 ½ 1 ½ ½ 1 1 1 ½ 1 9.5 / 13
3 GM Vladimir Kramnik
 
½ ½   1 ½ ½ 1 ½ ½ ½ ½ ½ 1 ½ 8.0 / 13
4 GM Alexei Shirov
 
0 ½ 0   ½ 1 ½ ½ ½ ½ ½ ½ 1 1 7.0 / 13
5 GM Jeroen Piket
 
0 0 ½ ½   ½ 1 ½ 1 1 ½ ½ ½ ½ 7.0 / 13
6 GM Ivan Sokolov
 
1 ½ ½ 0 ½   ½ ½ 0 ½ ½ 1 1 ½ 7.0 / 13
7 GM Jan H Timman
 
½ 0 0 ½ 0 ½   ½ 1 0 1 1 1 1 7.0 / 13
8 GM Peter Svidler
 
0 ½ ½ ½ ½ ½ ½   ½ ½ 1 ½ ½ ½ 6.5 / 13
9 GM Vassily Ivanchuk
 
½ ½ ½ ½ 0 1 0 ½   ½ ½ ½ ½ 1 6.5 / 13
10 GM Veselin Topalov
 
0 0 ½ ½ 0 ½ 1 ½ ½   ½ 1 0 1 6.0 / 13
11 GM Rustam Kasimdzhanov
 
0 0 ½ ½ ½ ½ 0 0 ½ ½   1 ½ ½ 5.0 / 13
12 GM Loek Van Wely
 
0 0 ½ ½ ½ 0 0 ½ ½ 0 0   1 1 4.5 / 13
13 GM Alex Yermolinsky
 
0 ½ 0 0 ½ 0 0 ½ ½ 1 ½ 0   ½ 4.0 / 13
14 GM Dimitri Reinderman
 
0 0 ½ 0 ½ ½ 0 ½ 0 0 ½ 0 ½   3.0 / 13

Partien

 

Damit nicht genug. Kasparov gewann auch das Blitzturnier und holte im Blitz mit 10,5 aus 13 sogar noch einen halben Punkt mehr als in den klassischen Partien. Die Plätze zwei und drei im Blitzturnier teilten sich Anand und Ivanchuk mit je 9 aus 13, Vierter wurde Kramnik mit 8,5 aus 13.

Insgesamt hat Kasparov drei Mal beim Turnier in Wijk teilgenommen: nach 1999 auch noch 2000 und 2001. Alle drei Turniere hat er gewonnen.

Und auch wenn Kasparov den oben gezeigten Sieg gegen Svidler für die beste Partie hält, die er bei seinem Debüt in Wijk 1999 gespielt hat, so erinnert die Schachwelt aus diesem Turnier doch vor allem Kasparovs brillanten Gewinn gegen Topalov. Denn dieser Sieg zeigt den Mut, den Einfallsreichtum und die phantastischen Rechenfähigkeiten Kasparovs wie kaum eine andere Partie.

Turnierseite Wijk aan Zee...




Johannes Fischer, Jahrgang 1963, ist FIDE-Meister und hat in Frankfurt am Main Literaturwissenschaft studiert. Er lebt und arbeitet in Nürnberg als Übersetzer, Redakteur und Autor. Er schreibt regelmäßig für KARL und veröffentlicht auf seinem eigenen Blog Schöner Schein "Notizen über Film, Literatur und Schach".
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Krennwurzn Krennwurzn 21.01.2019 10:50
Schön wäre gewesen, wenn man die damaligen Analysen modernen Erkenntnissen gegenüber gestellt hätte. Einige Zugbewertungen gerade in der Eröffnung haben sich mittlerweile wohl geändert - die Erde dreht sich ja weiter.

Kasparov hat ja selbst früh ein immer noch sensationelles Buch geschrieben: Von der Zeit geprüft!!
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