Vor 40 Jahren: Bobby Fischer wird Weltmeister

02.09.2012 – Am 1. September 1972 erfüllte sich für Bobby Fischer ein Lebenstraum. Beim Weltmeisterschaftskampf in Reykjavik gab Boris Spasski die abgebrochene 21. Partie auf und der Amerikaner wurde neuer Weltmeister. Wochenlang hatte der Wettkampf für Schlagzeilen gesorgt. Das Fernsehen zeigte die Partien, Schach schaffte es auf die Titelseite von Zeitungen und Zeitschriften, Millionen von Menschen in aller Welt verfolgten den Wettkampf und interessierten sich plötzlich für Schach. Grund dafür waren die damalige politische Situation des Kalten Krieges, in der man den Schachwettkampf des Amerikaners Bobby Fischer gegen den Sowjetrussen Boris Spassky zum symbolischen Kampf zweier Systeme stilisierte und die Person Bobby Fischers, dessen Schachtalent ebenso Aufsehen erregend und faszinierend war wie seine exzentrischen Kapriolen. In einem Interview mit Dagobert Kohlmeyer spricht der isländische Großmeister Fridrik Olafsson, der Fischer gut kannte, über den Wettkampf und das Schicksal des exzentrischen Amerikaners. Christian Gödecke reflektiert auf Spiegel-Online über Schachgenie und Wahnsinn...Thomas Jaedicke erinnert in Deutschlandradio Kultur an das Match...Hartmut Metz tut das in der Financial Times Deutschland...Zum Interview...

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"Seine Passion war, Weltmeister zu werden": Interview mit Fridrik Olafsson über das Schachgenie Bobby Fischer
Von Dagobert Kohlmeyer


Fridrik Olafsson

Vor 40 Jahren, am 1. September 1972, gewann der Amerikaner Fischer das "WM-Match des Jahrhunderts" gegen Spasski und durchbrach damit die Hegemonie der sowjetischen Schachspieler. Der Isländer Fridrik Olafsson kannte Bobby Fischer 50 Jahre lang und begleitete das umstrittene Genie auf dessen Weg vom Schachwunderkind bis zum Tode im Januar 2008. Dagobert Kohlmeyer sprach aus aktuellem Anlass mit dem 77-jährigen Großmeister aus Reykjavik, vor allem über den letzten Lebensabschnitt Fischers.

Herr Olafsson, als Großmeister und FIDE-Präsident haben Sie Schachgeschichte mitgeschrieben. Sie erlebten das Duell Fischer-Spasski 1972 in Reykjavik. Haben Sie auch das Re-Match der beiden 1992 in Jugoslawien verfolgt?

Sicher. Ich sollte in Sveti Stefan und Belgrad sogar Schiedsrichter sein und Lothar Schmid ersetzen, der nach Deutschland zurück musste. Aber ich war zu Hause in Island in einer offiziellen Stellung und konnte kein Referee werden. Damit hätte ich das Gesetz verletzt.


Olafsson 2012 in Dresden

Welche Beziehung hatten Sie zu Fischer?

Eine sehr gute. Ich habe ihn auch in Reykjavik während der letzten Monate seines Lebens im Krankenhaus besucht. Mindestens einmal in der Woche war ich bei ihm, und wir hatten eine gute Zeit. Wann trafen Sie ihn zum ersten Mal? Ich traf Bobby schon, als er erst 15 Jahre war. Es passierte 1958 beim Interzonenturnier in Portoroz. Und wir hatten immer ein gutes Verhältnis. Damals war er ganz anders als später. Er war noch nicht von den absurden Theorien gegen die Juden und das FBI infiziert. Später glaubte Fischer an diesen Unsinn. Er war zu schwach, das alles richtig zu verarbeiten.

Worin lagen die Ursachen für diese Haltung?

Er verhielt sich so, weil er anders als normale Jugendliche war. Viel zu naiv und kindisch, würde ich sagen. Auf der anderen Seite jedoch wusste er genau, was er wollte: Schachweltmeister werden. Das war von Beginn an klar.

War er der größte Schach-Champion?

Meiner Meinung nach hat ihn niemand übertroffen. Aber vielleicht bin ich nicht die richtige Person, darüber zu urteilen, weil ich zur selben Zeit wie er gespielt habe. Ich wusste, wie stark er war und musste oft darunter leiden. Ich gewann nur zwei Spiele gegen ihn, verlor aber sechs.



Am Brett war Bobby stets korrekt, heißt es. Stimmt das?

Normalerweise war er korrekt. Er versuchte es jedenfalls, aber das gelang ihm nicht immer. Wenn Fischer aufgeregt war, konnte er auch gemein sein. Beim WM-Kampf in Reykjavik hat er sich Spasski gegenüber oft nicht wie ein Gentleman verhalten. Vor allem bei der dritten Partie, die in einem separaten Raum gespielt wurde. Bobby benahm sich dort sehr hässlich. Spasski wollte schon das Zimmer verlassen, weil er darüber so verärgert war. Fischer hatte Lothar Schmid angeschrien und beleidigt. Das war ein schlechtes Verhalten. Manchmal verlor Bobby eben die Kontrolle über sich, dann gingen die Pferde mit ihm durch.

Fallen Ihnen noch andere Beispiele ein?

Bei einem Turnier hat Fischer gegen Miguel Najdorf verloren. Er dachte, ins Remis zu entkommen, aber es gelang ihm nicht. Nach der Partie rüttelte Bobby vor Wut so heftig am Schachtisch, dass die Figuren auf den Boden flogen.

In Island feierte der 11. Weltmeister seinen größten Triumph, und er fand dort seine letzte Ruhestätte. Gehörten Sie auch dem Komitee zu Fischers Befreiung an?

Ich gehörte nicht zu dem Gremium, weil ich Generalsekretär des Parlaments war. Und es wäre schwierig für mich gewesen, in so eine Sache involviert zu sein.

Wer hatte den größten Anteil an Bobbys Befreiung aus der Haft in Tokio?

Verschiedene Leute. Alle haben ihren Beitrag geleistet und ihre Entschlossenheit demonstriert. Das meiste Verdienst jedoch hat meiner Meinung nach sein ehemaliger Bodyguard Saemi Palsson. Ganz entscheidend war auch das Engagement unseres Premierministers. Weil er gewillt war, die Einbürgerung Fischers durch das Parlament in Reykjavik zu bringen. Danach haben die Japaner ihn freigelassen. Denn ohne ausländischen Pass hätten sie ihn in die USA zurückschicken müssen.

War Fischer tatsächlich mit Miyoko Watai verheiratet?

Nach dem Urteil des Obersten Gerichts in Island war er verheiratet. Den Richtern wurden ja offizielle Dokumente aus Japan vorgelegt.

Was tat Fischer in seinen letzten Jahren?

Er war bedrückt und hat monatelang den Umgang mit anderen Menschen gemieden. Ich nehme an, er las sehr viel. Oft besuchte Bobby einen bestimmten Buchladen in Reykjavik, setzte sich dort in eine Ecke und schaute sich Bücher an. Nach Angaben des Ladenbesitzers beschäftigte er sich viel mit Fragen des Zionismus. Fischer glaubte bis zuletzt an Verschwörungen und Intrigen.


Boris Spassky und Bobby Fischer nach ihrem Kampf 1992 in Belgrad

Hat er immer noch politischen Unsinn geredet?

Ja. Bobby war der festen Meinung, dass es ein jüdisches Komplott gibt, um die Welt zu erobern. Er bildete sich alle diese Sachen ein.

In welcher Verfassung war Fischer in den letzten Lebensjahren?

Sein Zustand verschlechterte sich allmählich. Als er aus Japan kam, wo er nicht gut behandelt wurde, machte er keinen gesunden Eindruck. Ich denke, Bobby war in einem schlechten Gesundheitszustand. Große Probleme hatte er mit den Nieren. Sie arbeiteten nicht mehr richtig. Fischer wollte aber nicht, dass man ihn behandelt. Die Ärzte hätten es wohl mit einer kleinen Operation lösen können. Doch Bobby glaubte, dass der Körper sich selbst heilen kann.

Wie lange war er im Krankenhaus?

Mehrere Wochen lang, etwa zwei Monate. Sie wollten ihn so gut wie möglich behandeln, doch er lehnte die nötigen Maßnahmen ab. Sein Blut hätte gereinigt werden müssen. Fischer wollte kein Blut von anderen Menschen bekommen. Aus diesem Grund war es nicht möglich, ihn zu retten.

Was geschah in den letzten Tagen?

Bobby entschied sich, das Krankenhaus zu verlassen und ging im Dezember 2007 zu sich nach Hause. Im selben Gebäude wohnte sein enger Freund Gandar Sverrisson. Dort blieb Bobby einige Zeit. Plötzlich ging es ihm schlechter. Er wurde wieder ins Spital gebracht, aber da konnten sie nichts mehr für ihn tun.

Was bleibt vom Schachspieler Bobby Fischer?

Er war ein bedeutender Champion. An ihn wird man sich immer als einen der größten Schachspieler aller Zeiten erinnern. Welche Lehren sollten Schachspieler aus dem Leben und Werk Bobby Fischers ziehen? Es ist wichtig, ein großes Ziel zu haben. Fischer hatte eine Berufung, schon als er jung war. Als ihn zum ersten Mal traf, war er gerade 15 und ich 23 Jahre alt. Wir sprachen oft miteinander. Ich brauchte aber nicht mehr als fünf Minuten mit ihm zu reden, um zu erkennen, dass er die innere Passion hatte, Weltmeister zu werden. Diese Entschlossenheit war sehr beeindruckend und durch nichts zu erschüttern.


Beim WM-Kampf 1972 in Reykjavik

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