Die Topturniere in Wijk aan Zee haben eine lange Tradition, die bis tief ins letzte Jahrhundert zurückreicht. Anfangs wurde in Beverwijk gespielt, dann zog das Turnier aus Platzgründen, da es mit den Nebenturnieren immer größer wurde, nach Wijk aan Zee um, ein kleines Fischerdorf in der Nähe – heute ein Urlauberdorf. Das erste Turnier am neuen Ort wurde 1968 gespielt. Der Sponsor der Schachaktivitäten war das nahe gelegene Hoogovens-Stahlwerk in IJmuiden am Nordseekanal, einem Verbindungsweg vom Markermeer in die Nordsee.
Das Werk war hier 1918 für die niederländische Stahlproduktion gegründet worden. 1999 fusionierten die Koninklijke Nederlandse Hoogovens und British Steel zu Corus, und die Turniere fanden nun nicht mehr als „Hoogovens Wijk aan Zee“ statt, sondern als „Corus Wijk aan Zee“. 2007 wurde Corus vom indischen Multi-Konzern Tata aufgekauft und gehörte nun zu Tata Steel. Die Turniere in Wijk aan Zee erhielten von nun an die Bezeichnung „Tata Steel Chess Wijk aan Zee“.
So gut wie alles, was Rang und Namen im internationalen Schach hat, hat wenigstens einmal bei den Turnieren in Wijk aan Zee mitgespielt, mit einer prominenten Ausnahme: Bobby Fischer war nie dort. Vielleicht war dem US-Amerikaner im Januar das Wetter an der niederländischen Nordseeküste ja einfach zu zugig.
Der traditionelle Zeitraum für die Turniere war die zweite Januarhälfte, und auch in diesem Jahr wird das Turnier zu dieser Zeit stattfinden, vom 16. Januar bis zum 1. Februar. Neben dem Hauptturnier, dem Masters oder A-Turnier, gab es immer auch zusätzliche Turniere: Amateur-Open, Wochenendturniere und auch weitere Meisterturniere, wenn das Geld des Sponsors dafür reichte. Die traditionelle Anzahl der teilnehmenden Spieler oder Spielerinnen war 14. Aber auch das konnte nicht immer konsequent durchgehalten werden, abhängig von den für die Organisation verfügbaren Geldmitteln.
In diesem Jahr werden aber sowohl im Masters wie im Challengers jeweils 14 Spieler um den ersten Platz spielen. Der Sieger des Challengers wird im nächsten Jahr zum Masters eingeladen – auch das ist Tradition. Die deutschen Schachfreunde dürfen sich über die Teilnahme der beiden besten deutschen Spieler im Masters freuen. Vincent Keymer nimmt sogar Platz eins in der Setzliste nach Elo ein. Der zweite deutsche Teilnehmer ist der zweifache Europameister und WM-Kandidat Matthias Blübaum.
Zeitreise: vor 50 Jahren
Die lange Tradition der Turniere in Wijk aan Zee lädt zu einer Zeitreise ein. Reisen wir doch einmal 50 Jahre zurück. Dann befinden wir uns im Januar des Jahres 1976. Im Jahr zuvor war Anatoly Karpov zum Weltmeister erklärt worden. Paul Keres starb an einem Herzanfall, und Vladimir Kramnik wurde geboren. Die Schachspieler brauchten sich keine Sorgen über klingelnde Handys zu machen – das gab es noch nicht. Wer sich auf sein Turnier oder seinen nächsten Gegner vorbereiten wollte, musste viele Bände des Schachinformator mit sich schleppen. Der jugoslawische Informator-Verlag hatte 1966 mit seinem halbjährlich erscheinenden Schachinformator die Schachinformation erheblich verbessert. Ende der 1970er Jahre erschien auch der erste Band der Enzyklopädie der Eröffnungen (insgesamt fünf Bände) mit tabellarischen Eröffnungsübersichten. Aber 1976 mussten die Meister noch ohne dieses Werk auskommen. An eine digitale Schachdatenbank oder so etwas wie das Internet war natürlich überhaupt noch nicht zu denken.
Vom 16. bis 29. Januar 1976 wurden in Wijk aan Zee drei Meisterturniere mit je 12 Teilnehmern, respektive Teilnehmerinnen, durchgeführt: ein A-Turnier, ein B-Turnier und ein Frauenturnier.
Im A-Turnier waren Ljubomir Ljubojvic (2620), Mihail Tal und Jan Smejkal (je 2615) die Favoriten nach Elo. Die Elozahlen der besten Spieler bewegten sich im Vergleich zu heute auf einem niedrigeren Niveau.
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Januar 1976 - FIDE Rating List 1 . Karpov,An. USR 2695 2 . Kortchnoi,V. SUI 2670 3 . Petrosian,T. USR 2635 4 . Polugaevsky,L. USR 2635 5 . Spassky,B. USR 2630 6 . Larsen,B. DEN 2625 7 . Portisch,L. HUN 2625 8 . Geller,E.P. USR 2620 9 . Ljubojevic,Lj. YUG 2620 10 . Mecking,H. BRA 2620 11 . Smejkal,J. CSR 2615 12 . Tal USR 2615 13 . Hort,V. CSR 2600 14 . Andersson,U. SWE 2585 15 . Browne,W.S. USA 2585 16 . Huebner,R. FRG 2585 17 . Keres,P. USR 2580 18 . Smyslov,V. USR 2580 19 . Vasiukov,E. USR 2580 20 . Gligoric,S. YUG 2575 21 . Ribli,Z. HUN 2575 |
Das Konzept für die Einladung der Spieler war bereits in etwa so wie heute. Internationale Spitzenspieler und niederländische Topspieler wurden eingeladen. Jan Timman (2550) fehlte allerdings 1976. So sah die Teilnehmerliste aus.
Hoogovens Wijk aan Zee 1976,
Teilnehmer A-Turnier
Ljubojevic, Ljubomir 2620
Tal, Mihail 2615
Smejkal, Jan 2615
Browne, Walter 2585
Andersson, Ulf 2585
Olafsson, Fridrik 2550
Dvoretzky, Mark 2540
Kurajica, Bojan 2525
Sosonko, Gennadi 2505
Langeweg, Kik 2450
Bohm, Hans 2420
Hans Ree 2420
Den besten Start hatte Ljubojevic, der in den ersten drei Runden Mark Dvoretzky, Hans Böhm und Ulf Andersson besiegte.

Ljubomir Ljubojevic | Foto: Hans Peters, Anefo
Nach einem Remis gegen Fridrik Olafsson gewann Ljubojevic auch noch gegen Walter Browne. Der Sieg gegen Browne war ein hartes Stück Arbeit. In der Najdorf-Variante verpasste Ljubojevic einen Gewinn und musste sich dann lange in einem Endspiel quälen, in dem er auch nicht alle Chancen nutzte. Damals wurde noch mit Hängepartien gespielt. Die Partie dauerte 133 Züge und 15 Stunden, bis Browne niedergerungen war.

Walter Browne, von Ljubojevic beobachtet | Foto: Hans Peters, Anefo
Es folgte noch ein Remis gegen Hans Ree, aber dann verlor Ljubovic gegen seinen Landsmann Bojan Kurajica.

Es durfte noch am Brett geraucht werden. | Foto: Rob Bogaerts. Anefo
Der Mitfavorit Mihail Tal wurde nach einer Remisserie am Anfang und einer Niederlage gegen Kurajica seiner Rolle zunächst gar nicht gerecht. Aber dann gewann der Ex-Weltmeister zwei Partien und fand Anschluss an die Spitze. Auch Olafsson startete mit Remisen und begann dann zu gewinnen. Nach sieben Runden führten Ljubojevic und Kurajica (5 P.), gefolgt von Tal und Olafsson mit einem Punkt weniger.
In der achten Runde verlor Kurajica gegen Andersson, und Olafsson gewann gegen Ree. Tal und Ljubojevic spielten remis. In Runde neun gewann Ljubojevic gegen Gennadi Sosonko und führte nun mit einem ganzen Punkt Vorsprung. In den letzten beiden Runden gab Ljubojevic aber noch zwei Remis ab, während Olafsson seine beiden Partien gewann und den Jugoslawen noch einholte.

Fridrik Olafsson | Foto: Rob Mieremet
Damit teilten sich Olafsson und Ljubojevic den Turniersieg.

FIDE-Präsident Euwe zu Besuch. Von Beruf Lehrer, ist auch für Euwe die Aktentasche stets unverzichtbar. | Foto: Rob Mieremet, Anefo

Fridrik Olafsson war in seinem Heimatland ein absolutes Sportidol. Zwei Jahre nach diesem Turnier wurde er Präsident der FIDE und hatte das Amt vier Jahre inne. 1980 gelang ihm als Verbandspräsident ein Sieg gegen den damaligen amtierenden Weltmeister Anatoly Karpov. Er starb am 4. April 2025 im Alter von 90 Jahren.
Ljubomir Ljubojevic feierte am 2. November 2025 seinen 75. Geburtstag. Bojan Kurajica (Jg. 1947) geht auf die 80 zu, ist aber immer noch aktiv und nimmt regelmäßig an Turnieren teil.
Mihail Tal starb 1992 an seinen vielen Krankheiten.
Der Tscheche Jan Smejkal war berühmt für seine Zeitnot. Er hörte 2001 mit dem Schach auf und soll Gerüchten zufolge nun einen Lebensmittelladen geleitet haben.
Der in Australien geborene Amerikaner Walter Browne war ein typischer „Zocker“. Seine Domäne war vor allem das Blitzspiel. Neben dem Schach war er aktiver Pokerspieler, wo er bei Turnieren weit über 100.000 Dollar gewann. Er starb 2015 in Las Vegas.
Ulf Andersson war über Jahrzehnte der beste schwedische Schachspieler. 2021 feierte er seinen 70. Geburtstag. Er war im letzten Jahr noch auf einigen Turnieren aktiv.
Mark Dvoretzky wurde mit seinen Büchern zum „Endspielpapst“. Er starb 2016 im Alter von 69 Jahren.
Gennadi Sosonko, Hans Ree, Hans Böhm und Kick (Christian) Langeweg wurden in den Niederlanden erfolgreiche Kommentatoren, Autoren und Schachjournalisten.
B-Turnier
Im B-Turnier teilten sich Juraj Nikolac und Robert Bellin den Turniersieg. Der 1932 geborene Kroate Nikolac spielte eine Zeitlang in der Bundesliga für den Münchener SC 1836 (von 1984 bis 1990). Er ist derzeit der älteste noch lebende Großmeister. Robert Bellin (Jg. 1952) wurde 1978 Britischer Meister.
Der Berliner Internationale Meister Heinz Lehmann belegte den 7. bis 9. Platz.

Frauenturnier
Tatiana Lematschko gewann überlegen das Frauenturnier. Die 1948 in Moskau geborene Lematschko war sehr erfolgreich in der Sowjetunion, bevor sie 1974 nach Bulgarien zog und Nationalspielerin für ihr neues Heimatland wurde. Ab 1984 lebte sie in der Schweiz. Sie starb 2020 in Zürich.
Zweite wurde die Tschechin Stepanka Mayer-Vokralova. Sie war die beste Spielerin ihres Landes zu dieser Zeit und bereits dreifache tschechische Meisterin. Später gewann sie zwei weitere Landesmeisterschaften. Stepanka Mayer-Vokralova emigrierte nach Schweden und später nach Deutschland.
Gertrude Baumstark, Fünfte im Gesamtklassement, war eine deutsch-rumänische Spielerin. Sie nahm mehrfach an Interzonenturnieren zur Weltmeisterschaft der Frauen teil und war zweifache rumänische Landesmeisterin. 1997 übersiedelte sie nach Deutschland. Sie starb 2020 in München.

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