Vor 60 Jahren: Bobby Fischer gewinnt die US-Meisterschaft 1960/1961

von Johannes Fischer
05.01.2021 – Heute vor 60 Jahren, am 5. Januar 1961, endete in New York die 13. US-Meisterschaft. Der 17-jährige Bobby Fischer gewann mit 9 Punkten aus 11 Partien, William Lombardy folgte mit zwei Punkten Rückstand auf Platz zwei. Mit diesem Sieg holte sich Fischer seinen vierten US-Titel in Folge und qualifizierte sich für das Interzonenturnier in Stockholm 1962. Unumstrittene Nummer eins in den USA war er aber dennoch nicht.

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Die 13. US-Meisterschaft 1960/1961

Fischer war der jüngste Teilnehmer im Feld, aber trotzdem Favorit. Mit der von Jeff Sonas berechneten historischen Elo-Zahl von 2707 lag Fischer bei Beginn des Turniers im Dezember 1960 auf Platz 11 der Weltrangliste. Außerdem hatte er die drei Meisterschaften in den drei vorherigen Jahren alle gewonnen – eine Serie, die Fischer im Laufe seiner Karriere fortsetzen sollte: er gewann jede US-Meisterschaft, an der er teilnahm.

Außerdem schien Fischer gut in Form zu sein. Bei der Schacholympiade 1960, die vom 26. Oktober bis zum 9. November 1960 in Leipzig stattfand, holte er bei seinem Olympiadebüt mit der US-Mannschaft die Silbermedaille (Gold ging an die Sowjetunion) und erzielte mit 13 Punkten aus 18 Partien das drittbeste Ergebnis am ersten Brett.

Gute Chancen bei der US-Meisterschaft 1960/1961 räumte man allerdings auch Samuel Reshevsky ein. Reshevsky war damals 49 Jahre alt und lag mit einer historischen Elo-Zahl von 2695 auf Platz 15 der Weltrangliste. Auf den Start bei der Schacholympiade in Leipzig hatte er jedoch verzichtet. Reshevsky, so mutmaßen H. Kramer und S. Postma in ihrem Buch Das Schachphänomen Bobby Fischer, wollte „aus Gründen persönlichen Ehrgeizes nicht hinter Fischer am zweiten Brett sitzen. Außerdem soll er für die Ehre, sein Land zu vertreten, 3000 Dollar verlangt haben“. (H. Kramer, S. Postma, Das Schachphänomen Bobby Fischer, Variant Verlag 1982 [1966], S. 149)

Samuel Reshevsky beim Kandidatenturnier 1968 (Foto: Ron Kroon / Anefo via Wikimedia Commons)

Dafür hatte Reshevsky Fischer bei dem letzten Turnier, das die beiden vor der US-Meisterschaft gemeinsam gespielt hatten, weit hinter sich gelassen. Beim Großmeisterturnier in Buenos Aires, das vom 23. Juni bis zum 22. Juli 1960 in der argentinischen Hauptstadt gespielt wurde, teilte sich Reshevsky mit 13 Punkten aus 19 Partien den Sieg mit Viktor Kortschnoi, Fischer hingegen landete mit 8,5 Punkten aus 19 Partien auf einem enttäuschenden 13. Platz und erzielte das schlechteste Turnierergebnis seiner gesamten Karriere.

Turnierverlauf

Doch bei der US-Meisterschaft 1960/1961 spielte Fischer von Beginn an konzentriert und aggressiv. In seiner Auftaktpartie gegen Raymund Weinstein kam er in einer komplizierten Stellung zu Angriff und beendete die Partie schließlich mit einem hübschen Damenopfer.

 

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Nach einem weiteren Sieg und einem Remis traf Fischer in Runde 4 auf Reshevsky, doch in dieser wichtigen Partie wollte keiner der beiden zu viel riskieren. Fischer kam mit Schwarz in einem Königsinder schlecht aus der Eröffnung heraus, aber bot dann nach 25 Zügen in schlechterer Stellung pragmatisch Remis an, was Reshevsky, dessen Bedenkzeit knapp geworden war, annahm.

 

In den Runden 5 und 6 siegte Fischer wieder und lag so zur Halbzeit mit 5 aus 6 alleine in Führung. Einen Punkt dahinter folgten William Lombardy und Arthur Bisguier mit je 4 aus 6, Reshevsky und James Sherwin lagen mit je 3,5 aus 6 in Lauerstellung.

Nach einem kurzen Remis gegen Robert Byrne in Runde 7 gewann Fischer in Runde 8 gegen Sherwin und hatte danach mit 6,5 aus 8 drei Runden vor Schluss anderthalb Punkte Vorsprung auf Lombardy und Reshevsky. Doch in Runde 9 schien Fischer ins Straucheln zu geraten. Er stand mit Schwarz gegen Anthony Saidy am Rande einer Niederlage, aber mit präziser Verteidigung konnte Fischer in Saidys Zeitnot das Ruder noch herumreißen und die Partie sogar noch gewinnen.

 

Damit war die Meisterschaft praktisch entschieden und mit einem 11-zügigen pragmatischen Kurzremis gegen Pal Benkö in Runde 10 sicherte sich Fischer den Titel eine Runde vor Schluss endgültig. In der letzten Runde krönte er seinen Turniersieg mit einem weiteren Damenopfer, dieses Mal war Bisguier der Leidtragende.

 

Endstand

Rg. Name 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 Pkt.
1 Robert James Fischer   1 1 1 ½ 1 ½ ½ 1 1 ½ 1 9.0 / 11
2 William James Lombardy 0   ½ 0 ½ ½ 1 ½ 1 1 1 1 7.0 / 11
3 James T Sherwin 0 ½   ½ ½ ½ ½ 1 ½ 1 ½ 1 6.5 / 11
4 Raymond Allen Weinstein 0 1 ½   1 1 0 ½ ½ ½ 1 ½ 6.5 / 11
5 Samuel Herman Reshevsky ½ ½ ½ 0   ½ ½ ½ 1 1 ½ ½ 6.0 / 11
6 Arthur Bernard Bisguier 0 ½ ½ 0 ½   1 1 1 0 1 ½ 6.0 / 11
7 Charles I Kalme ½ 0 ½ 1 ½ 0   1 ½ ½ 0 ½ 5.0 / 11
8 Pal C Benko ½ ½ 0 ½ ½ 0 0   0 ½ 1 1 4.5 / 11
9 Anthony Fred Saidy 0 0 ½ ½ 0 0 ½ 1   0 1 1 4.5 / 11
10 Hans Jack Berliner 0 0 0 ½ 0 1 ½ ½ 1   0 1 4.5 / 11
11 Robert Eugene Byrne ½ 0 ½ 0 ½ 0 1 0 0 1   ½ 4.0 / 11
12 Herbert Seidman 0 0 0 ½ ½ ½ ½ 0 0 0 ½   2.5 / 11

Partien

 

Eine bittere Rivalität

Die US-Meisterschaft 1960/1961war zugleich ein Zonenturnier und mit seinem Sieg hatte sich Fischer für das Interzonenturnier in Stockholm 1962 qualifiziert und konnte einen weiteren Anlauf auf den Weltmeistertitel unternehmen. Die Zeitschrift Chess Life feierte Fischers Erfolg euphorisch:

Durch den vierten Gewinn der US-Meisterschaft in Folge hat Bobby Fischer, der 17-jährige Internationale Großmeister aus Brooklyn, unauslöschliche Spuren in der Geschichte des amerikanischen Schachs hinterlassen, und zugleich ohne jeden Zweifel bewiesen, dass er sowohl der größte Spieler ist, den dieses Land je hervorgebracht hat, und zugleich auch einer der stärksten Spieler der Welt. Seit 1957 hat Fischer bei einem amerikanischen Turnier keine Partie mehr verloren. (Zitiert in Frank Brady, Endgame: Bobby Fischer’s Remarkable Rise and Fall – from America’s Brightest Prodigy to the Edge of Madness, Crown Publishers New York 2011, S. 134)

Doch das sahen Reshevsky und seine Fans anders. Und so kam es Mitte 1961 zu einem Wettkampf zwischen Fischer und Reshevsky. Angesetzt war der Wettkampf, der in New York und Los Angeles gespielt wurde, auf 16 Partien, aber nach elf Partien entbrannte beim Stand von 5,5:5,5 Streit um den Beginn der zwölften Partie.

Jaqueline Piatigorsky, die Sponsorin der Wettkampfs, hatte darum gebeten, entgegen den ursprünglichen Vereinbarungen die Partie bereits am Vormittag zu spielen, da sie am Abend ein Konzert ihres Mann Gregor Piatigorsky, einem berühmten Cellisten, besuchen wollte. Fischer weigerte sich, die Partie zu verlegen, beide Seiten konnten sich nicht einigen, die Organisatoren verlegten die Partie auf elf Uhr Vormittags, Fischer trat nicht an, verlor die Partie kampflos und brach den Wettkampf ab.

Später beschäftigte dieser Streit die Gerichte, denn Fischer verklagte Reshevsky, um eine Wiederaufnahme des Wettkampfs zu erzwingen, doch hatte damit wenig überraschend keinen Erfolg. Nach langer Zeit wurde der Fall schließlich eingestellt.

Ob aus Ärger über diesen Streit mit Reshevsky und Funktionären des US-Verbands oder weil er sich auf das Interzonenturnier in Stockholm 1962 vorbereiten wollte, das im Januar 1962 begann – bei der US-Meisterschaft 1961/1962 trat Fischer nicht an. Erst 1962/1963 war er wieder dabei und holte seinen fünften Titel. Reshevsky landete auf dem geteilten dritten bis fünften Platz.

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Johannes Fischer, Jahrgang 1963, ist FIDE-Meister und hat in Frankfurt am Main Literaturwissenschaft studiert. Er lebt und arbeitet in Nürnberg als Übersetzer, Redakteur und Autor. Er schreibt regelmäßig für KARL und veröffentlicht auf seinem eigenen Blog Schöner Schein "Notizen über Film, Literatur und Schach".

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