Heute vor 70 Jahren – Bobby Fischer zum ersten Mal auf dem Cover von Chess Life

Titelseite von Chess Life am 20.07.1956
Seit einigen Jahren sammle ich historische Schachzeitungen – nicht physische Exemplare (mein Regal würde protestieren), sondern Online Archive, die dank des Internets frei verfügbar sind. Eine aktuelle Liste meiner Sammlung findet der interessierte Leser auf meiner Homepage unter https://littlecapa.com/historical-chess-mags/.
Beim Stöbern durch diese Archive begegnet man immer wieder Schätzen, die jedem Schachhistoriker ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Eine dieser Zeitschriften ist Chess Life, die offizielle Zeitung des amerikanischen Schachverbands (USCF). Im Jahr 1956 erschien Chess Life noch als zweiwöchige Zeitung – „America’s Chess Newspaper“, wie sie sich selbst nannte. Das Einzelheft kostete 15 Cent.
Wählt man in dem Archiv der USCF den Jahrgang 1956 und schlägt die Seite 105 auf – die Ausgabe vom Freitag, den 20. Juli 1956 –, so blickt man auf die oben abgebildete Titelseite.
Ein 13-jähriger Junge aus Brooklyn hatte soeben die 11. U.S. Junior Championship gewonnen – und die amerikanische Schachwelt sollte schon bald nicht mehr dieselbe sein.
Das Turnier
Die 11. Annual U.S. Junior Championship fand im Franklin Chess Club in Philadelphia vom 1. bis zum 7. Juli 1956 statt. 28 Teilnehmer aus ganz Nordamerika kämpften um den Titel.
Bobby Fischer gewann mit einem Score von 8½–1½ und verbesserte sich damit deutlich gegenüber seinem Vorjahresergebnis (1955 in Lincoln: Platz 20 mit 5–5).

Abschlusstabelle der U.S. Junior Championship 1956
In dem Heft vom 20.07.1956 findet sich keine Partie aus dem Turnier. Das wird aber 4 Wochen später in der Ausgabe vom 20.08.1956 nachgeholt. Die folgende Partie ist daher wahrscheinlich die erste von Fischer veröffentlichte Partie. Bemerkenswert ist, dass Fischer bereits als 13-Jähriger die Najdorf-Variante der Sizilianischen Verteidigung spielte.
Was danach kam

AI-generierte Karte von Fischers Turniersommer 1956.
Der Sommer 1956 hatte es in sich. Auf den Junior-Triumph folgte ohne große Pause vom 17. bis 28. Juli die US Open Championship in Oklahoma City – dort erzielte der 13-Jährige 8½–3½ und belegte den geteilten 4.–8. Platz, ohne eine einzige Niederlage.
Danach ging es nach Kanada, wo Bobby vom 25. August bis zum 2.September die Canadian Open in Montreal spielte. Er erreichte dort den 8.-12. Platz, nur einen Punkt hinter den Siegern Evans und Lombardy.
Im Herbst 1956 (07. – 24.10.1956) spielte Fischer im Rosenwald Trophy Turnier – einer Einladungsveranstaltung der zwölf besten Spieler der USA. Sein Endergebnis mit 4,5 aus 11 (Platz 8-10) war nicht spektakulär, aber für einen 13-jährigen Jungen beeindruckend. Außerdem spielte er in dem Turnier gegen Donald Byrne eine Partie, die die Schachwelt seitdem ehrfurchtsvoll als „The Game of the Century“ bezeichnet. Der interessierte Leser findet diese Partie hier.
Von diesem Moment an startete Fischer durch. Im Winter 1957/58 gewann er mit 10½–2½ erstmals die amerikanische Meisterschaft und wurde der jüngste US-Champion aller Zeiten. Damit qualifizierte er sich für das Interzonenturnier 1958 in Portorož, wo er als 15-Jähriger unter Weltklasse-Großmeistern die Qualifikation für das Kandidatenturnier 1959 schaffte.
Die Titelseite vom 20. Juli 1956 war der Anfang von allem.
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Diverses
Bei den Recherchen zu einem Artikel findet man immer wieder Informationen, die es nicht in den eigentlichen Artikel schaffen, aber dennoch sehr interessant sind. So auch dieses Mal.
Der ausrichtende Schachverein – Franklin Chess Club in Philadelphia - existiert heute noch. Informationen zu dem Verein findet man auf seiner Facebook-Seite.
Als ich mir Fischers Schachsommer 1956 angeschaut habe, hatte ich zunächst den Eindruck, dass er schon damals die Schule vernachlässigt hat. Damit lag ich aber nicht ganz richtig. Die Sommerferien in New Yorker Schulen gingen damals von Ende Juni bis kurz nach Labor Day (erster Montag im September). Fischer hat somit die Sommerferien 1956 perfekt für Schachturniere genutzt. Lediglich für die Rosenwald Trophy im Oktober muss er von der Schule freigestellt worden sein.
Zum Schluss noch eine Aufgabe zum Lösen. Links neben dem Fischer Artikel ist folgendes Diagramm abgebildet.
Aufgabe von Russell Chauvenet und Paul H. Smith in Chess Life vom 20.07.1956
Ich habe mir an dieser Stellung die Zähne ausgebissen. Man stellt leicht fest, was alles nicht geht, z.B. 1.Dxg6 Th1+ 2. Kc2 Dxf2+ 3. Le2 Dxe2#. Ich muss gestehen, dass ich die richtige Lösung (1.Dxg6 Th1+ 2. Lf1 Txf1+ 3. Kc2 Dxf2 4. Kd3 und Weiß wird den Schachgeboten entkommen) nur mit Computerhilfe gefunden habe.
Quellenverzeichnis