Vor der Wahl: letztes Interview

02.06.2006 – Heute wird sich entscheiden, wen die Delegierten als besten Mann ansehen, die Geschicke der FIDE für nächsten zwei Jahr zu leiten. Vorgestern Abend feierten die Spieler bei der traditionellen Bemudaparty am Tag vor dem Ruhetag. Am Rande dieser Olympiade stellen sich neben Dresden, Schauplatz der Olympiade 2006 die sechs Bewerber für die Schacholympiade 2010 vor, darunter der sibirische Ort Khanty-Mansiysk und das polnische Posen. Im letzten Interview vor der FIDE_Wahl sprach Dagobert Kohlmeyer gestern mit Kirsan Ilyumshinov, der glaubt, die Wahl zu gewinnen und der erklärte, dass der Wettkampf Topalov-Kramnik auch dann in Elista wie geplant stattfinden wird, wenn er abgewählt werden würde. Mehr...

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Turin tanzt, wählt, spielt
Von Dagobert Kohlmeyer

Vor dem zweiten Ruhetag in Turin gab es eine lange Nacht. Es war keine gewöhnliche, sondern die traditionelle Bermudanacht, bei der die Schachjugend der Welt nach Herzenslust abtanzen konnte. Vier DJs, drei Bars, zwei Tanzflächen, eine Nacht – junges Herz was willst du mehr! Spielerinnen hatten freien Eintritt und waren deshalb in der Überzahl.

Die Figuren werden am heutigen Donnerstag im Oval Lingotto nicht bewegt, aber das heißt nicht, dass keine Kämpfe stattfinden. Zwei Fights sind in diesen letzten Tagen der Schacholympiade von besonderem Interesse: der Kampf um den Sessel des FIDE-Präsidenten und das Rennen um die Austragung der Olympiade 2010.

Beginnen wir bei der Präsidentenwahl und reden mit dem Amtsinhaber, der seit November 1995 die Geschicke des Weltschachbundes leitet.

"Nicht zum Teufel gehen, auf Schach aufmerksam machen!“
Interview mit FIDE-Präsident Kirsan Iljumschinow

Kirsan Nikolajewitsch, Sie sind schon zehneinhalb Jahre lang FIDE-Präsident. Wie fällt vor den Wahlen in Turin das Resümee Ihrer eigenen Arbeit aus?

Ich denke, dass wir in diesem Zeitraum die Stabilität der FIDE wieder hergestellt haben. Als ich das Amt Ende 1995 übernahm, war der Weltschachbund handlungsunfähig sowie bankrott. Trotz der schwierigen Situation haben wir in den vergangenen zehn Jahren alle wichtigen Turniere durchgeführt.

Nicht alle, Herr Präsident!

Ich meine die Schacholympiaden und die Knockout-Weltmeisterschaften. Auch die Frauenweltmeisterschaften fanden statt. Ich habe, wie Sie wissen, dafür gesorgt, dass viele Millionen Dollar ins Schach geflossen sind, um alle diese Wettbewerbe zu ermöglichen. Und Schach ist inzwischen vom IOC längst als Sport anerkannt worden.

Ist die finanzielle Schieflage der FIDE jetzt überwunden?

Als ich seinerzeit antrat, hatte der Verband ein großes Minus auf dem Konto. Heute verfügt die FIDE über ein Guthaben von etwa einer Million Dollar. Auf dieser Grundlage lässt sich weiterarbeiten.

Wofür wird das eingenommene Geld verwendet?

Vor allem für die Entwicklung und Verbreitung des Schachs in der dritten Welt. In vielen Ländern werden neue Schachschulen eröffnet, um möglichst vielen Menschen den Zugang zu unserem Spiel zu ermöglichen.


FIDE-Führung

Welches Projekt ist derzeit bei Ihnen Chefsache?

Als meine Hauptaufgabe betrachte ich im Moment die Durchführung des WM-Vereinigungsmatchs zwischen Weselin Topalow und Wladimir Kramnik in Elista. Es findet von Ende September bis Mitte Oktober statt. Sie sind herzlich eingeladen. Schauen Sie sich an, wie sich Kalmückien in den letzten Jahren verändert hat!

Vielen Dank für die Einladung! - Mit Bessel Kok haben Sie diesmal einen echten Herausforderer im Kampf um das Präsidentenamt der FIDE. Wie schätzen Sie Ihren Rivalen ein?

Es ist gut, so einen Konkurrenten zu haben. Ich begrüße das. Auch wenn er den Kompromissvorschlag nicht angenommen hat, mit uns zu arbeiten, kann man mit diesem Mann reden. Wir treffen uns hier häufig und diskutieren, auch unsere Meinungsverschiedenheiten.

Bessel Kok könnte bei der Wahl an der Tatsache scheitern, dass er kein Programm für die Entwicklung des Schachs in der dritten Welt hat. Das werfen ihm seine Kritiker jedenfalls vor.


Berik Balgabaev,  Ilyumshinovs Sekretär auch auf Krücken immer zur Stelle

Ich stimme Ihnen vollkommen zu. Sein Team ist vor allem auf die Top-Spieler ausgerichtet. Aber die FIDE arbeitet nicht nur für die ersten 20 der Weltrangliste, sondern für die vielen Spielerinnen und Spieler aus 160 Ländern der Erde, die unzähligen Freunde des Schachs. Wir müssen nicht nur für die Supergroßmeister da sein, sondern auch für diejenigen, die auf Straße, Plätzen und in Parks spielen.

Sollten Sie Bessel Kok dennoch bei der Wahl unterliegen, findet dann das Match in Elista überhaupt statt?

Ich rechne eigentlich mit meinem Sieg. Aber im Leben ist vieles möglich. Trotzdem: Das Duell Kramnik – Topalow findet in jedem Falle statt. Schach ist meine Liebe, mein Hobby und mein Leben. Dafür habe ich in der Vergangenheit alle Kraft gegeben und werde dies auch künftig tun.

Topalow war zuerst nicht bereit, gegen Kramnik zu spielen. Jetzt tut er es. Haben Sie ihn mit einem finanziellen Argument überzeugt?

Als Titelträger des Weltverbandes will er die FIDE unterstützen. Und eine Million Dollar Preisgeld ist, wenn Sie das meinen, doch kein schlechtes Argument.

Welche Sponsoren haben Sie für das WM-Duell in Elista?

Da gibt es die Erdölfirma Intera, das sind Amerikaner, einige russische Banken und noch andere. Das Geld ist sicher, wir haben genug Unternehmen, die den Wettkampf unterstützen. Ich bin überzeugt davon, das Match wird interessant.

Sie sind dafür bekannt, spektakuläre Dinge zu tun. Ich erinnere nur an Ihr unglaubliches Vorhaben, 1996 das WM-Finale Karpow - Kamsky bei Saddam Hussein in Bagdad durchzuführen. Damals fragte ich Sie, ob sie dem Teufel Ihre Seele verkaufen wollen. Sind in nächster Zeit noch ähnliche Aktionen von Ihnen zu erwarten?

Nein. Ich wollte damals nur eines erreichen: Aufsehen erregen. Damit die Welt noch mehr auf Schach aufmerksam wird. Ansonsten sollte sich das Schach aus der Politik heraushalten. Es ist ein friedliches Spiel, das die Menschen einander näher bringt. Wenn man am Brett miteinander wetteifert, sollten politische Dinge ausgeklammert werden.

Sie sind im Hauptberuf Staatspräsident von Kalmückien. Wie lange wollen Sie dieses Amt noch ausführen?

Ich bin erst im vergangenen Jahr für eine weitere Amtszeit von fünf Jahren bestätigt worden, also bis 2010.

Was folgt danach?

Dann werde ich nur noch Schach spielen (lacht).

Hier in Turin entscheidet der FIDE-Kongress auch über die Vergabe der Schacholympiade 2010. Wer bewirbt sich alles?

Es sind sechs an der Zahl, so viele wie noch nie. Die Mitgliedsländer haben gemerkt, wie attraktiv es ist, so eine große Sportveranstaltung auszurichten. Früher war die Anzahl der Bewerber sehr gering. Diesmal bewerben sich Polen, Estland, Lettland, Montenegro, Argentinien und Sibirien. Das ist ein echter und spannender Wettbewerb, genau so wie sich viele um die Austragung der nächsten Weltmeisterschaften bemühen.

Danke für das Gespräch!

 

Mit Bessel Kok zu reden, ergab sich für uns keine Gelegenheit. Aber der Herausforderer Iljumschinows hat seine Meinung vor der Abstimmung schon bei etlichen Gelegenheiten kundgetan, unter anderem im Gespräch mit Yasser Seirawan für ChessBaseNews. Nach wie vor rechnet sich der Holländer Chancen aus, obwohl viel weniger Verbände seiner Kampagne „The Right Move“ ihre Unterstützung zu geben scheinen als dem amtierenden FIDE-Boss.


Olena Boytzun macht Werbung für Bessel Kok

Auf Iljumschinows Website werden über 80 Mitgliedsländer aufgelistet, die Kok-Seite kommt nur auf etwa 45. Dennoch ist für den ehemaligen SWIFT-Manager die Wahl noch nicht gelaufen. Er verweist auf einen Unterschied zwischen den beiden Listen. Iljumschinow nenne mehr Länder, als er sicher hat, Right Move nenne weniger. Kok veröffentlicht nach seinen Worten nur die, die ihn offiziell unterstützen. Es gebe einige Verbände, die nicht öffentlich gemacht werden wollen, aber gesagt haben, er habe ihre Stimme 100prozentig sicher. Ein paar dieser Länder stünden auch auf Iljumschinows Liste, zum Beispiel sämtliche arabischen Staaten. Zwei (Tunesien und Palästina) sollen daraufhin protestiert haben und von der Liste des kalmückischen Präsidenten genommen worden sein.

Bessel Kok äußerte sich auch zu der von ChessBaseNews aufgeworfenen Frage, ob das Prinzip „ein Land eine Stimme“ den Kräfteverhältnissen in der Schachwelt entspreche und demokratisch sei und erklärte, er finde ein Land, eine Stimme in Ordnung. Zwar verstehe er die Kritik und die Frustration der großen Länder, „aber nach welchem Kriterium soll man dann vorgehen?“

Hart in der Polemik, aber locker im Umgang miteinander zeigten sich beide Kontrahenten bei einer Präsentation Kalmückiens. Kirsan Iljumschinow fuhr wie bei jedem großen Schachfest seine schärfste Waffe, die Folklore seines Landes, auf.

Tanzen und singen für den Präsidenten war angesagt. Bessel Kok sah sich die Sache mit Vergnügen an, auch die Fotos von Iljumschinows Steppenreich.

Bald werden wir wissen, wer der neue (bzw. alte) FIDE-Präsident ist.

Interessant verläuft hier in Turin auch der Kampf um die Ausrichtung der Schacholympiade 2010. Dirk Jordan und sein Dresdner Team können sich an ihrem Stand in Turin entspannt zurücklehnen. Sie machten vor zwei Jahren in Calvia das Rennen um 2008 und stachen den Mitbewerber Tallinn in überlegener Manier aus.


Dresdener Stand in Turin mit Schlya und Metzing)

Nun geht es für Poznan, Budva, Riga, die Region Khanty Mansisk in Sibirien und die anderen Bewerber um alles. Sämtliche Kandidaten geben sich hier große Mühe mit ihren Präsentationen, wobei jeder natürlich versucht, seine Stärken hervorzuheben. Die Stadt Budva in Montenegro macht zum Beispiel auch das spektakuläre Angebot, einen Preisfonds von 250 000 Dollar für 2010 zu stiften. Das wäre  erstmalig in der Geschichte der Schacholympiaden, weil in den Regularien der FIDE überhaupt nicht vorgesehen. Einen argentinischen Stand (San Luis) haben wir hier im Oval Lingotto nicht gesichtet. Wir vermuten stark, dass die Südamerikaner ihre Offerte zurückgezogen haben.


Gute Werbung für Posen


Werbung für Sibirien


In der Gewalt des russischen Bären

 

Bilder von der Bermuda-Party
Von Carsten Straub


Levon Aronian hat den Blues und lässt sich von Lilit Mkrtchian bewundern


Gata Kamsy und Irina Krush, russische Amerikaner, schauen sich in die Augen


Frau Kasimdzhanov (re), in der Mitte Igor Cheparinov


Andrea Natoli: "Eh, kommse du meine Arme!"




Alexander Rustemov und Anne Sharevich mit Blickkontakt






I say: "Yeah, yeah!"


"Oh yeah!"


Yeah, yeah, yeah...


Dresdner Präsenz


Goletiani und Lomineishvili


FIDE-Delegierte bewundern die Jugend


Nigel Freeman von den Bemudas in Folklore


Frits Agtenderbos zeigt Bianca Muhren seine Fotos.

 

 



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