Wasser in Wijk

16.01.2011 – Wasser ist das große Thema beim Tata Steel Chess -Turnier in Wijk aan Zee, wie es nun heißt. Wasser ist in Wijk immer das Thema, denn die See ist rauh und sehr nah. Mit dem neuen Besitzer des vormaligen Corus-Konsortiums, Tata Steel, hat sich in diesem Jahr der Look des Turniers verändert. Die roten Flächen und der einstige Roboterarm sind verschwunden. Stattdessen wird Schach nun "im Wasser" thematisiert. Der "Tata-Mann" sitzt im feinen Zwirn vor einem Schachtisch - und zwar im Meer, die Füße vom Wasser umspült. Das sieht interessant aus und stimmt nachdenklich. Sonst ist in Wijk aan Zee aber alles beim Alten: Die Schachfreunde sind zahlreich, das Wetter ist stürmisch und die Erbsensuppe warm. Und außerdem gibt es jede Menge geistreicher Partien. Schach im Wasser...

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Schach im Wasser

Von André Schulz

Nachdem vor zwei Jahren die indische Tata Steel, Teil der Tata Group, das niederländisch-britische Stahlkonsortium Corus übernommen hatte und nun als Tata Steel Europe firmiert, wurde in diesem Jahr nun auch der Look des Turniers in Wijk aan Zee an die neuen Gegebenheiten angepasst. Das bisher vorherrschende Rot, Firmenfarbe von Corus, ist verschwunden. Stattdessen ist nun Wasserblau die Farbe des Turniers. Alle Wände der Gemeindehalle De Moriaan sind jetzt in blaues Tuch gehüllt. Es zeigt das Meer, die Küste Hollands, am Horizont das Stahlwerk und außerdem zwei Männer die mit dem Füßen im Wasser stehe bzw. sitzen und einer spielt Schach.



Klar - eine (europäische) Agentur, die z.B. Schach in Indien illustrieren sollte, würde sicher einen Elefanten als Motiv einbauen. Ein indischer Art Director, der den Auftrag bekommt, ein holländisches Turnier zu bewerben, denkt an Wasser, und dass der Niederländer mit seinen Füßen wohl immer tief drin steckt. Allerdings soll es eine Londoner Agentur gewesen sein, die für den neuen Look verantwortlich ist. Die Chance, dass der zuständige Art Director Inder ist, ist deshalb aber trotzdem nicht gering.

Den Holländern gefällt das Motiv. Hans Böhm, der mit Yasser Seirawan, Mihail Marin , Alina L'Ami und Yuri Garrett im Pressezentrum zusammensitzt, fällt dabei sofort das Sprichwort ein: "Gott schuf die Welt, die Holländer schufen Holland!"


Hans Böhm, links

"Der neue Look mit den hellen Farben sorgt für mehr Helligkeit im Spielsaal", finden viele Spieler.


Mihail Marin, Yasser Seirawan

Die rumänische Großmeisterin Alina Motoc, nun mit Erwin L'Ami verheiratet, bangt mit ihrem Mann, der gegen Anish Giri zu spielen hat. Diese selbst auferlegte Aufgabe erledigt sie vor einem Notebook, das so rosa ist, als wenn es geradewegs aus dem Film "Natürlich Blond" ("Legally Blonde"), mit Reese Witherspoon, gefallen wäre.

"Es ist trotzdem ein gutes Notebook", beeilt sich Alina zu sagen. Oh ja, ... "it's  a ... Notebook!" Alina schaut der Übertragung auf dem Fritzserver zu. Ab und zu wird eine Engine eingeschaltet, um zu überprüfen, ob die eigene Einschätzung stimmt. Zwischendurch betreut sie ihren eigenen Schachblog: http://www.alinalami.com/ und veröffentlich dort einige witzige Fotos, die sie heute gemacht hat.
Erwin  L'Ami hat im Verlauf seiner Partie einen Bauern eingebüsst, mit seinem Läuferpaar aber doch einige Kompensation erhalten. Seine Gattin freut sich über die sich verbessernde Perspektive, besonders als die Zeitnot überstanden ist, aber schließlich endet die Partie "nur" remis.


Zeitnotphase im Pressezentrum

Yuri Garrett, Italo-Amerikaner mit russisch-englischem Namensmix, interessiert sich ebenso wie Mihail Marin mehr für die Partie von Daniele Vocaturo. Marin ist Sekundant, Garrett Manager des jungen Italieners. Vocaturo ringt in einer langen Partie im C-Turnier Robin van Kampen nieder.


Vocaturo, re.

In der gleichen Gruppe kam Alina L'Amis Freundin Tania Sachdev zu einem Sieg gegen Ivan Ivanisevic.

Der Serbe hatte eine Wiener Partie im Geiste des Königsgambit gespielt, in einer romantischen Variante auf f7 einen Springer geopfert (Von Gottschall,H-Taubenhaus,J/Hamburg 1885,.. Sie wissen schon.) und wohl Gewinnvorteil erzielt. Nach beiderseitigen Fehlern (Zeitnot?) hätte die Partie durch Dauerschach enden können. Doch Ivanisevic verschmähte das Remis ... und verlor die Partie.

Ivanisevic - Sachdev [C25]

73rd Tata Steel Chess Tournament Wijk aan Zee/The Netherlands (1), 15.01.2011

1.e4 e5 2.Sc3 Sc6 3.f4 exf4 4.Sf3 g5 5.h4 g4 6.Sg5 d6 7.d4 h6

8.Sxf7 Kxf7 9.Lc4+

[9.Lxf4 Sf6 10.Dd2 Sh5 11.Lc4+ Kg7 12.0–0 Dxh4 13.e5 Lf5 14.Lxh6+ Txh6 15.Txf5 Sg3 16.Tg5+ Tg6 17.Txg6+ Kxg6 18.Df4 Kh7 19.Se4 Sxe4 20.Dxe4+ Kh8 21.Tf1 dxe5 22.Tf5 exd4 23.Lf7 Lh6 24.Le8 Dg3 25.Lxc6 De3+ 26.Kf1 bxc6 27.Dxc6 Dc1+ 28.Kf2 Le3+ 29.Kg3 De1+ 0–1 Petr,M (2495)-Navara,D (2707)/Czechia 2010/CB15_2010]

9...Kg7

[9...Ke8 10.Lxf4 Lg7 Von Gottschall,H-Taubenhaus,J/Hamburg 1885/HCL (0–1 ,50)]

10.Lxf4 Sf6

[10...Le7 11.Dd2 Lf6 12.Se2 De8 13.0–0 Lxh4 14.Sg3 Sf6 15.Tae1 Sh5 16.Dc3 Tf8 17.Sxh5+ Dxh5 18.g3 Le7 19.e5 dxe5 20.Lxe5+ Sxe5 21.Txf8 Kxf8 22.Txe5 Dg6 23.De3 Lg5 24.Da3+ Dd6 25.Dd3 Ld7 26.c3 Kg7 0–1 Forster,R (2370)-Almasi,Z (2630)/Horgen 1995/CBM 050]

11.0–0 Le7 12.Dd2 Sa5N

[12...Sh5 13.Le3 Lxh4 14.Tf7+ Kg6 15.e5 Sg3 16.Taf1 dxe5 17.Dd3+ Kh5 18.T7f5+ Lxf5 1–0 Zukertort,J-Minchin,J/corr 1877/Corr 2000; 12...Sxe4 13.Lxh6+ Txh6 14.Tf7+ Kg6 15.Dd3 Lf6 16.g3 Lf5 17.Tf1 Sb4 18.De3 Sxc2 19.Sd5 Th5 20.Txf5 Txf5 21.Dxe4 Kxf7 22.Dxf5 b5 23.Sxf6+ bxc4 24.Sd5+ Ke8 25.De6+ Kf8 26.Df5+ Ke8 27.De6+ ½–½ Schabelsky,M-Chigorin,M/Russia 1885/Corr 2000] 13.Ld3 Sc6

14.Sd5 Sxd4?
[14...Ld7!? 15.Df2 Le8]

15.Sxe7 Dxe7 16.e5 Sd5 17.exd6 cxd6 18.Lc4

[18.Tae1 Dxh4 19.Lxd6 Sc6 20.Lc4+-]

18...De4
[18...Sf3+ 19.Txf3 (19.gxf3 Sxf4 20.Dxf4 Tf8) 19...gxf3 20.Dxd5 f2+ 21.Kxf2 Dxh4+ 22.Kg1 Dxf4 23.Tf1 De3+ 24.Kh1 Le6 25.Dxb7+ Kg6 26.De7‚]

19.Ld3
[19.Lxd5 Dxd5 20.Tad1±] 19...De7

20.Tae1 Dxh4 21.Te4? [21.Lc4 Sf3+ 22.gxf3 (22.Txf3 gxf3 23.Lxd5 f2+=) 22...Sxf4 23.Dxf4 Df6 24.fxg4 Dxf4 25.Txf4±] 21...Sf5 22.Tc4 b5 [22...Tf8–+] 23.Lxf5 Lxf5 24.Dxd5 bxc4 25.Lxd6 Thf8 26.Le5+ [26.Lxf8+ Txf8 27.Txf5 Txf5 28.Dxf5 De1+=] 26...Kg6 27.Dc6+ Kh5 28.Lf4 Df6 29.Ld6 Tad8 30.Td1 Tfe8

0–1

In der gleichen Gruppe spielt mit Sebastian Siebrecht der einzige deutsche Spieler der Tata Steel Chess-Turniere. Der Essener kam zum Auftakt zu einem Remis gegen Roeland Pruijssers. "Der "längste Großmeister der Welt" stand im Königsinder mit Weiß ziemlich gut, doch dann glitt ihm ein möglicher Gewinn aus den Händen und am Ende stand er mit zwei nutzlosen Mehrbauern im Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern da.


Auch in der C-Gruppe: Sebastian Siebrecht, Ilya Nyshnyk (hinten)

Für die kürzeste Partie des Tages sorgte Jan Smeets zusammen mit seinem Sekundanten Jan Gustafsson. Opfer war Alexej Shirov, der praktische aus der Vorbereitung der beiden Jans heraus aufgeben musste. Shirov wiederholte seine Partie vom letzten Jahr in Wijk aan Zee gegen Ivanschuk, sah sich im 22. Zug mit der Neuerung 22.Ld7 konfrontiert und wurde der Probleme, die mit diesem Zug verbunden sind, nicht Herr.


Doppeljan in Denkerpose

Drei Züge später war die Partie vorbei.

Smeets - Shirov [C78]
73rd Tata Steel Chess Tournament Wijk aan Zee/The Netherlands (1), 15.01.2011

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 a6 4.La4 Sf6 5.0–0 b5 6.Lb3 Lc5 7.a4 Tb8 8.c3 d6 9.d4 Lb6 10.axb5 axb5 11.Sa3 0–0 12.Sxb5 Lg4 13.Te1 Lxf3 14.gxf3 Sh5 15.Kh1 Df6 16.Tg1 exd4 17.Lg5 De5 18.Ld5 dxc3 19.Lxc6 cxb2

Der vorgerückte Freibauer soll für die Figur entschädigen.

20.Tb1 Lxf2 21.Tg2 Tb6

22.Ld7

Die Verbesserung.

[22.Dd5 Lc5 23.Tbxb2 Txc6 24.Dxc6 Sg3+ 25.hxg3 Dxg5 26.Tb1 Dh5+ 27.Th2 Dxf3+ 28.Tg2 Dh5+ ½–½ Ivanchuk,V (2749)-Shirov,A (2723)/Wijk aan Zee 2010/CB04_2010]

22...Lc5 23.Sa7 Ta8 24.Sc6 Txc6 25.Lxc6

[25.Lxc6 und nun scheitert 25...Ta1 an einfach 26.Tgxb2

1–0

Pikanterweise empfiehlt Shirov selbst die Neuerung 22. Ld7 - auf seiner eigenen Spanisch-DVD.

Nicht sehr lange dauerte auch die Partie zwischen Magnus Carlsen und Levon Aronian. In einer Variante der Schottischen Partie brachte der Norweger den neuen Zug 12.0-0-0, mit einem Bauernopfer und der Idee verbunden, gegen den schwarzen König zum Angriff zu kommen. Doch die weißen Angriffschancen wurden von Arionian rasch neutralisiert und die Partie endete remis.

Schottisch verlief auch die Partie zwischen dem russischen Landesmeister Ian Nepomniachtchi und Vladimir Kramnik. In etwas anderer Konstellation hatte Weiß hier ebenfalls lang rochiert und auch hier nahm Schwarz dem Angriff schnell die Spitze.



Zum vollen Punkt kam Viswanathan Anand mit den schwarzen Steinen gegen Ruslan Ponomariov. Thema der Partie war die ruhige Variante 6.Le2 im Najdorf-Sizilianer.

In einer eher schwerblütigen Partie, die im Verlauf des fortgeschrittenen Mittelspiels von Anand mehr und mehr kontrolliert wurde, verlief sich dann Ponomariov mit seiner Dame in der schwarzen Stellung und musste seine beste Kraft gegen nur eine Leichtfigur abgeben. Ein Läufer ist aber einfach zu wenig für eine Dame, was der Ukrainer dann bald einsah.



42...Dd8!

Für den dritten vollen Punkt in der A-Gruppe sorgte Hikaru Nakamura, der gegen Alexander Grischuk siegreich bleib. In der Ragosin-Variante des Damengambits hatte Grischuk gegen den im Zentrum stehenden weißen König einen Figureneinschlag auf g4 gebracht und dafür gefährliche Initiative erhalten. Doch Nakamura verteidigte sich erfolgreich und wickelte mit etwas Glück in ein gewonnenes Endspiel ab.


Nakamura im Interview, gut gelaunt

In der B-Gruppe freuten sich L. McShane gegen W. Spoelman,


Luke McShane nach guter Vorstellung in London zuversichtlich

D. Navara gegen R. Wojtaszek, G. Sargissian gegen S. Ganguly und Z. Efimenko gegen J. Hammer über volle Punkte.


Action beim asiatischen Duell Liem gegen So, aber auf dem Brett remis.



Einer, der hier Gezeigten, kann gar nicht spielen

Das Markenzeichen der Turniere in Wijk aan Zee sind die Vielzahl von Rahmenturnieren, mit der Möglichkeit, durch Siege theoretisch sogar bis ins A-Turnier aufzusteigen. Das junge ZTalent Anne Haast spielt hier im Turnier 1A.


Anne Haast (Mitte) im Turnier 1A



Betriebsschach gibt es auch in den Niederlanden

Kommentiert werden die Partien in einem Zelt schräg gegenüber des Spielsaales. In früheren Jahren war das Kommentatorzelt direkt am Spielsaal angebaut, doch angesichts des großen Zuschauerandrangs vergrößerte man das Platzangebot und setzte ein neues Zelt auf die Gemeindewiese. Ivan Sokolov erklärt hier vor großer Zuhörerschaft die Partien.


Kommentare im Zelt


Ivan Sokolov an den Demobrettern


Viele Zuschauer

Die Spieler begeben sich nach den Partien in das Pressezentrum, wo es auch Möglichkeiten zur Analyse gibt. Meist kommen Trainer oder Sekundanten hinzu.


Maxime Vacier-Lagrave und Vladimir Chuchelov, der aber hier Anish Giri als Trainer betreut


Analyse mit Wang Hao. Yasser Seirawan schaut zu.


Wesley So




Vladimir Potkin, Sekundant von Ian Nepomniachtchi


Kramnik und Nepomniachtchi untersuchen Schottisch.

Ilya Nyshnyk gilt als Riesentalent und vielleicht auch als einer der Favoriten im C-Turnier. Er gewann seine Partie gegen Murtasz Kaszgaleyev.


Kommender "Mann" aus der Ukraine : Ilya Nyshnyk (14)

Ansonsten ist das Wetter wie immer im Januar an der Nordsee. Es stürmt, ist aber derzeit recht warm. Auch wenn es viel geregnet hat, wirkt der folgende Einsatz übertrieben:

In den Niederlanden wird Schach im Wasser gespielt und der Seenotrettungsdienst ist auch auf den Straßen zuständig.

 

 

 

 

 



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