Wer darf spielen und warum?

12.07.2010 – Am 7. Juli meldete ChessBase, dass Deutschland bei der Schacholympiade 2010 in Khanty-Mansiysk nicht mit seinem A-Team antreten wird, da die Honorarverhandlungen zwischen dem Deutschen Schachbund und den Olympiakandidaten Arkadij Naiditsch, Jan Gustafsson, Georg Meier und Daniel Fridman scheiterten. Nationaltrainer Uwe Bönsch wollte stattdessen mit einem "jungen Team" antreten. In einem Offenen Brief vom 9. Juli fragte dann Igor Khenkin, nach den vier oben genannten Spielern derzeit Nummer 5 der deutschen Rangliste, nach welchen Kriterien denn eigentlich die Nationalmannschaft aufgestellt wird. Er ist nicht der Einzige, der sich das fragt. Auch Ex-Nationalspielerin Bettina Trabert hat sich in einem Kommentar darüber Gedanken gemacht - und wenn auch Sie eine Meinung zum Thema haben, dann schreiben Sie doch an andreschulz@chessbase.comIgor Khenkins Offener Brief...Zum Kommentar Bettina Traberts...

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Kriterien für die Nationalmannschaft
Kommentar zu Igor Khenkins "Offenem Brief"
Von Bettina Trabert


Bettina Trabert spielte in fünf Schacholympiaden und in zwei Mannschaftseuropameisterschaften für Deutschland

Igor Khenkin spricht in seinem "Offenen Brief" ein wichtiges Problem an, das weit über die Frage seiner persönlichen Nominierung und der Aufstellung für die nächste Olympiade hinausreicht, und zu dem ich als ehemalige Nationalspielerin gerne einen Kommentar abgeben möchte. Vielleicht hat sich der ein oder andere Schachfreund auch schon mal in der Vergangenheit über die Aufstellungen der Nationalmannschaften gewundert… zu Recht!


Igor Khenkin

Ich kann Igor Khenkin nur unterstützen, wenn er klare Kriterien für die Aufstellung fordert. Eigentlich ist das im Schach recht einfach, denn schließlich gibt es eine relativ objektive Einschätzung durch die Elozahl und aktuelle Turnierergebnisse - vorausgesetzt natürlich, man möchte das stärkste Team mit den besten Aussichten auf Erfolg aufstellen. Die Aufstellung der Männermannschaften bewegte sich bislang meist noch einigermaßen im (Elo-)Rahmen, wobei auch hier immer wieder Spieler aus unersichtlichen Gründen übergangen wurden. Die Aufstellungen der Frauenmannschaften scheinen aber schon lange (seit etwa 10 Jahren) vollkommen willkürlich zu sein und waren auch für mich als "Insiderin" immer wieder eine große Überraschung. Zum Teil wurden aktive und spiellustige Großmeisterinnen übergangen und stattdessen Spielerinnen mit 150 Punkten weniger nominiert!

Natürlich ist dabei immer wieder die Frage nach den Kriterien für die Aufstellung laut geworden. Obwohl ich persönlich die Sache inzwischen mit einiger Distanz sehe, möchte ich den interessierten Lesern doch die kuriosen Begründungen nicht vorenthalten, die mir dabei in den Zeiten gegeben wurden, als ich nach Elozahl und aktuellen Ergebnissen unter den besten deutschen Spielerinnen war. So hieß es beim ersten Mal, ich habe nicht genug Erfahrung in Frauenturnieren (ein Argument, das ich bis heute nicht verstehe - ziehen Frauen die Figuren anders?). Nun, zwei Jahre später hatte ich offenbar zu viel Erfahrung, denn da war ich zu alt (damals Anfang dreißig). Das originellste Argument war aber sinngemäß: "Wenn es objektive Kriterien gäbe, bräuchte man auch keinen Bundestrainer, denn dann könnte die Aufstellung ja jeder, z.B. auch ein Computer machen!" Ein Argument, das ebenso genial wie unsinnig ist.

Und noch ein Wort zum Jugendwahn des DSB. Natürlich spricht Igor Khenkin auch dabei einen richtigen Punkt an: Es ergibt keinen Sinn, Jugendförderung zu betreiben, wenn die stärker gewordenen, aber etwas gealterten Spieler postwendend wieder fallen gelassen werden, um durch neue, junge Spieler ersetzt zu werden! (Gerade in den Frauenmannschaften sind übrigens alle paar Jahre wieder neue junge Spielerinnen anzutreffen - eine langfristig sinnvolle Förderung und erfolgreiche Weiterentwicklung sieht anders aus.) Natürlich sollen junge Spieler Erfahrungen sammeln, aber dafür gibt es wirklich genug Turniere - das muss nicht in erster Linie bei der Olympiade oder Mannschafts-EM geschehen. Für diese Wettbewerbe sollten meiner Ansicht nach ganz einfach die stärksten Spieler(-innen) aufgestellt werden. Unsere Sportart Schach zeichnet sich ja gerade dadurch aus, dass sie über die Generationen hinweg gespielt werden kann, und nicht mit 30 oder 40 plötzlich Schluss ist: Was hätte wohl Viktor Kortschnoi geantwortet, wenn ihm ein Funktionär vor 40 Jahren gesagt hätte, dass er zu alt zum Schachspielen sei!


Viktor Kortschnoi

Man kann sich tatsächlich fragen, ob es überhaupt gewünscht ist, das stärkste Team aufzustellen. Immerhin kosten schwächere Spieler weniger, da die Honorare nach Elo gestaffelt ausgezahlt werden. Oder man erwartet sich ohnehin keine guten Ergebnisse und stellt deshalb (nach Sympathie oder was auch immer) "irgendeine" Mannschaft auf… (was vielleicht Igor Khenkins Frage bezüglich des B-Teams für die diesjährige Olympiade beantwortet). Aber nicht einmal in Dresden 2008, als Deutschland jeweils drei (!) Frauen- und Männermannschaften an den Start schicken konnte, wurden für das A-Team die Elo-Stärksten aufgestellt. Bei den Frauen führte das dazu, dass die beiden jungen A-Spielerinnen mit der Situation sichtlich überfordert waren, schlecht spielten und von den erfahrenen Spielerinnen kritisiert wurden, was für beide Seiten sicherlich sehr unerfreulich war, und was schließlich in gegenseitigen Angriffen und Tränen bei der öffentlichen Pressekonferenz gipfelte. Soviel zum "guten Teamgeist", der vom Bundestrainer ebenfalls schon mehrmals als Begründung für die Nicht-Nominierung einzelner Spieler angeführt wurde.


Bundestrainer Uwe Bönsch

Jedenfalls ist dies ein Thema, das nicht nur die betroffenen Spitzenspieler etwas angeht, und das nicht allein im stillen Kämmerlein des Bundestrainers entschieden werden sollte. Im positiven Fall sollte die Nationalmannschaft ja eine Art Aushängeschild für das deutsche Schach sein, und ein Erfolg auf dieser Ebene würde sicherlich dem Schach in Deutschland allgemein gut tun. In diesem Zusammenhang ist die fehlende Transparenz zu beklagen - wenn man schon nicht nach objektiven Kriterien entscheidet, was sind dann die subjektiven Kriterien? Es wäre schön und sowohl gegenüber den in Frage kommenden Spielern als auch gegenüber allen anderen Schachfans nur fair, wenn die Verantwortlichen (insbesondere der Bundestrainer und die zuständige Kommission) dazu einmal Stellung beziehen würden. Oder gibt es (wie jetzt bei der WM) auch beim DSB einen Riesenkraken, der nicht nur Fußballergebnisse, sondern Teamaufstellungen im Schach vorhersagt?



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