Wie der Marshall Angriff in die Welt kam (I)

von Stephan Oliver Platz
17.09.2018 – Der nach Frank Marshall benannte Marshall Angriff in der Spanischen Partie ist so gesund, dass die Weißspieler sich gar nicht mehr darauf einlassen wollen. Die Idee zu diesem Gambit hatte Frank Marshall. Oder waren es kubanische Schachspieler? Stephan Oliver Platz zeichnet in seinem Beitrag Ursprung und Entwicklung dieser Eröffnung nach.

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Die Ursprünge des Marshall-Angriffs in der Spanischen Partie

Der Marshall-Angriff in der Spanischen Partie ist eine der schärfsten und populärsten Varianten der Spanischen Partie. Unvergessen ist der eindrucksvolle Sieg des ungarischen Großmeisters Peter Leko über Weltmeister Wladimir Kramnik im WM-Kampf 2004. Der amerikanische Großmeister Frank James Marshall, nach dem die ganze Variante benannt ist, hatte jedoch ursprünglich ganz andere Pläne im Sinn als man sie heute in den meisten mit dem "Marshall-Angriff" gespielten Partien sieht. Dennoch scheint auch der "moderne" Zug 11. ... c6! noch direkt auf Marshall selbst zurückzugehen. Wie kam es zum "Marshall-Angriff" und was sind seine historischen Wurzeln?
 
Als ich anfing, mich näher mit dem Marshall-Angriff zu beschäftigen, stellte ich fest, dass es schachhistorisch gesehen drei Entwicklungsstufen gibt. Die erste reichte bis 1917 und war in der Spielpraxis jener Zeit praktisch ohne Bedeutung. Die zweite begann vor hundert Jahren (1918) und brachte mehrere schöne Partien hervor. Die erste mir bekannte Partie mit dem Marshall-Angriff in seiner heutigen Form stammt aus dem Jahre 1937, und diese Fortsetzung ist auch heute noch ungebrochen populär. Sehen wir uns diese Entwicklungsstufen näher an:

Die drei Entwicklungsstufen des "Marshall-Angriffs"

I. Stufe: 8. ... d5!? 9.exd5 e4

 
Der Zug 8. ... d5 wurde (erstmals?) in der Beratungspartie Carl August Walbrodt - Conill, Ostolaza, Lopez und Herrera (Havanna 1893) angewandt, allerdings mit der Fortstetzung 9.exd5 e4:
 

 

 
Carl Walbrodt wurde 1871 in Amsterdam geboren und starb 1902 in Berlin. 1893 gewann er in Kiel gemeinsam mit dem punktgleichen Curt von Bardeleben die Deutsche Meisterschaft. Sein größter Turniererfolg war der 2. Platz hinter Rudolf Charousek in Berlin 1897. Einen Wettkampf gegen Dr. Siegbert Tarrasch verlor er 1894 glatt mit 0 : 7 bei einem Remis. Dabei erging es ihm noch schlimmer als Frank James Marshall, der gegen den Nürnberger Doktor 1905 mit 1:8 bei 8 Remisen unterlag.
 
Die obige Partie soll, wie Edward Winter in seinen "Chess Notes" mitteilt, am 18. oder 19. Februar 1893 in Havanna gespielt worden sein (b). Am 17. Februar hatten die vier kubanischen Schachspieler eine erste Beratungspartie gegen Walbrodt mit Weiß in einer Ponziani-Eröffnung nach 31 Zügen gewonnen. Ansonsten konnte ich nicht allzu viel über sie herausfinden. Conill und Lopez spielten 1891, ebenfalls in Havanna, zwei Beratungspartien gegen Großmeister Joseph Henry Blackburne und konnten in der zweiten Partie ein Remis erreichen. Lopez ist wahrscheinlich auch derjenige, der 1893 in Havanna eine Partie gegen Emanuel Lasker gewann, wobei der spätere Weltmeister ihm allerdings einen Springer vorgegeben hatte. Ostolaza nahm am 15. März 1891 an einer Blindsimultanvorstellung von Blackburne teil und unterlag diesem in 43 Zügen. Außerdem ist eine 1893 in Havanna gespielte Partie Ostalaza - Lasker überliefert, die der deutsche Großmeister in 35 Zügen gewann. Ob Ostolaza (mit "o") und Ostalaza (mit "a" geschrieben) zwei unterschiedliche Schachspieler sind oder ob es sich um ein und dieselbe Person handelt und somit nur ein Rechtschreibfehler vorliegt, entzieht sich meiner Kenntnis. Edward Winter gibt in seinen "Chess Notes" Ostolazas und Connills Vornamen mit "Enrique" an (b). Von Herrera konnte ich in der MEGA Database von ChessBase gar keine weiteren Partien aus jener Zeit finden.

Geht der Marshall-Angriff 7. ... 0-0 und 8. ... d5!? auf kubanische Schachspieler zurück?

Es könnte durchaus sein, dass eine Gruppe von kubanischen Schachspielern als erste den Zug 8. ... d5!? entdeckten und ausprobierten, auch wenn Marshall selbst in seinem 1932 in Philadelphia erschienenen Buch "Comparative Chess" ihn "meine neue Verteidigung in der Spanischen Partie" nennt (c). Ob es gerade in jener Beratungspartie spontan geschah? Wer weiß? Schließlich wurden die meisten damals gespielten Partien nicht aufgezeichnet, und auch meine eigene Referenzdatenbank kann keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Wenn also irgendein Leser eine Partie mit 8. ... d5 kennt, die vorher gespielt wurde, so wäre ich für einen entsprechenden Hinweis dankbar.

In der MEGA Database von ChessBase fand ich jedenfalls keine weiteren Partien mit dieser Variante bis 1917, als Frank J. Marshall sie in einer Simultanpartie anwandte.

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Edward Winter weist in seinen "Chess Notes" darauf hin, dass es keine verlässliche Quelle gibt, dass die Partie tatsächlich 1917 gespielt wurde (b), was für unsere zeitlich Einteilung allerdings nicht von Belang ist, denn erst 1918 wurde erstmals 11. ... Sf6!? gespielt. Wir können also ruhig davon ausgehen, dass diese ganze Spielweise bis dahin so gut wie keinerlei praktische Bedeutung hatte. Das zeigt auch ein Blick in das berühmte "Handbuch des Schachspiels" von Paul Rudolph von Bilguer und Tassilo von Heydebrand und der Lasa. Die achte, von Großmeister Carl Schlechter neu bearbeitete Ausgabe, erstmals erschienen 1916, erwähnt noch nicht einmal den Zug 7. ... 0-0, sondern nur sofortiges 7. ... d6. (d)

Marshalls erste Gehversuche mit 8. ... d5!?

Der amerikanische Großmeister Frank James Marshall (1877 - 1944) war als schneidiger Angriffsspieler bekannt und gefürchtet. Zu seinen größten Turniersiegen zählen Cambridge Springs 1904 (vor Janowski und Weltmeister Dr. Emanuel Lasker) und Havanna 1913 (vor dem späteren Weltmeister José Raúl Capablanca).

Und mit diesem Turnier haben wir auch schon eine Verbindung zu Kuba gefunden, denn vielleicht waren die Herren Conill, Ostolaza, Lopez und Herrera 20 Jahre nach ihrer Partie gegen Walbrodt noch am Leben und besuchten die Veranstaltung. Gut möglich auch, dass Marshall während seines Aufenthaltes den Schachclub der kubanischen Hauptstadt besuchte oder dort eine Simaltanvorstellung gab.

Somit könnte es durchaus sein, dass er dort zum ersten Mal den Zug 8. ... d5 zu Gesicht bekam. Andererseits: Wenn der "Marshall-Angriff" in seiner Urform bereits im Schachclub von Havanna gelegentlich gespielt wurde, warum sollte dann Capablanca nichts davon mitbekommen haben? Oder war er doch nicht ganz so ahnungslos, als Marshall ihn in New York 1918 mit dem Bauernopferangebot überraschte? Fest steht: Marshall experimentierte in einer Simultanpartie mit 8. ... d5!? und setzte nach 9.exd5 zunächst ganz genauso fort wie Conill, Ostolaza, Lopez und Herrera, nämlich mit 9. ... e4. Sein Simultangegner spielte im 11. Zuge jedoch nicht so stark wie Carl Walbrodt:

 


II. Stufe: Der Marshall-Angriff mit 11. ... Sf6!?

Jetzt wird es interessant, denn der amerikanische Großmeister Frank James Marshall sparte sich seine Neuerung 11. ... Sf6!? für seine Partie gegen den kubanischen Großmeister José Raùl Capablanca auf.

Capablanca

In New York 1918 bekam er gleich in der ersten Runde die Gelegenheit dazu, aber der Schuss ging nach hinten los:
 

 


In seiner Partie gegen Morrison (Runde 6 des selben Turniers) riskierte Marshall erneut 8. ... d5!?, doch sein Gegner wich der Annahme des Bauernopfers aus und verlor nach Fehlern im Endspiel:
 

 


Bemerkenswert ist, dass Ex-Weltmeister Dr. Emanuel Lasker, der doch Spanisch während seiner ganzen Karriere sowohl als Weißer wie als Schwarzer äußerst erfolgreich gespielt hatte, nicht mit dem Marshall-Angriff vertraut war, als er 1926 während einer Simultanveranstaltung damit konfrontiert wurde. Er verlor sang- und klanglos in nur 19 Zügen gegen Horace Ransom Bigelow:
 

 


III. Stufe: 11. ... c6!
 
Heutzutage wird überwiegend 11. ... c6! gespielt. Die "Stammpartie" dieser Variante wurde möglicherweise erst 1937 während der Meisterschaft des Marshall Chess Clubs in New York gespielt:
 

 

Schwarzrepertoire Band 1 und 2: Der Marshall-Angriff und Offene Spiele

Auf seinen zwei DVDs stellt Jan Gustaffson ein koplettes Repertoire für Schwarz nach 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 vor, das in der Spanischen Partie auf dem Marshall-Gambit basiert.

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Wie sehr diese neuere Spielweise die älteren Fortsetzungen dominiert, zeigt sich unter anderem daran, dass die "Kleine Enzyklopädie der Schacheröffnungen" (3. Auflage, Belgrad 2010) nur noch ausschließlich den Zug 11. ... c6 behandelt (f). Mit dieser modernen Fortsetzung werde ich mich in einem gesonderten Beitrag beschäftigen und dabei auch auf einige aktuelle Partien mit dieser Variante eingehen.

Nähere Informationen zu Frank James Marshall bietet ein lesenswerter Artikel von Johannes Fischer auf Karl Online:
 
http://www.karlonline.org/kol08.htm
 
Wer sich mit der Spanischen Partie und dem Marshall-Angriff im besonderen näher beschäftigen möchte, kommt um das neue Power-Book Spanisch von ChessBase nicht herum. Es enthält den allerneuesten Stand der Theorie anhand von Tausenden auf dem ChessBase Server gespielter Partien.
 

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Quellen und Anmerkungen:

(a) vgl. Ludek Pachman, "Eröffnungspraxis im Schach", München 1976, S. 71-72, und Walter Korn, "Moderne Schacheröffnungen", Hamburg 1967, S. 41, sowie Alexei Suetin, "Lehrbuch der Schachtheorie" (Berlin 1981), Band 1, S. 62-63
 
(b) http://www.chesshistory.com/winter/extra/marshallgambit.html
 
(c) F. J. Marshall, "Comparative Chess", Philadephia 1932, S. 110
 
(d) P. R. von Bilguer, v. d. Lasa, "Handbuch des Schachspiels", Achte, von Carl Schlechter unter Mitwirkung fachmännischer Autoritäten neubearbeitete Auflage, unveränderter Neudruck, Berlin und Leipzig 1922, S. 500 - 507.
 
(e) Harry Golombek, "J. R. Capablanca 75 seiner schönsten Partien", Berlin und New York 1978, S. 64
 
(f) Aleksandar Matanovic (Hrsg.), "Kleine Enzyklopädie der Schacheröffnungen", 3. Auflage, Belgrad 2010, S. 402 – 403
  




Stephan Oliver Platz (Jahrgang 1963) ist ein leidenschaftlicher Sammler von Schachbüchern und spielt seit Jahrzehnten erfolgreich in der mittelfränkischen Bezirksliga. Der ehemalige Musiker und Kabarettist arbeitet als freier Journalist und Autor in Hilpoltstein und Berlin.
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ANH ANH 02.11.2018 02:17
sehr interessant
Thomas Huebner Thomas Huebner 18.09.2018 10:20
Tartakower erwähnt in seinem Buch „Tartakower ́s Glanzpartien 1905-1930“ (de Gruyter 1956) die Partie Sittenfeld-Soldatenkov, Paris 1901, mit dem Hinweis, dass diese Variante (mit 8.-d5) in Pariser Schachkreisen zu jener Zeit gelegentlich gespielt wurde. Auf Soldatenkovs Partie wurde auch 1918 bereits in der Schachpresse hingewiesen (http://www.chesshistory.com/winter/extra/soldatenkov.html). Marshall und Soldatenkov waren gute Bekannte und Marshall hielt sich 1900 in Paris auf, wo er das Internationale Schachturnier mitspielte (er wurde Dritter), aber auch Schachcafés besuchte und Simultanvorstellungen gab. Es ist also durchaus möglich, dass er dort erstmals auf den Zug 8.-d5 stieß oder Soldatenkov ihm diese Partie sogar selbst gezeigt hat.
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