Wiederaufnahme des Spielbetriebs: Interview mit Michael S. Langer

von André Schulz
23.06.2021 – Der Spielbetrieb im deutschen Schach steht nach langer Zwangspause vor der Wiederaufnahme. Der späte Beginn führt allerdings zu organisatorischen Problemen, besonders in den nachfolgenden Ligen. Michael S. Langer, Präsident des Niedersächsischen Schachverbandes, gibt im Interview Auskunft. | Foto: Privat

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Viele Schachfreunde sind begierig darauf, endlich wieder richtige Mannschaftskämpfe zu spielen. Wie geht es denn in Niedersachsen nach der Corona-Pause weiter?

Wir haben auf Verbandsebene die alte Spielzeit im September/Oktober 20 zu Ende gespielt und hatten im Anschluss eine Übergangssaison im Schweizer System geplant. Diese konnten wir wegen des Lockdowns nicht durchführen. Für die neue Saison haben wir einen Terminplan veröffentlicht. Mit der konkreten Ausschreibung stehen wir in den Startlöchern.

Die verschiedenen Ligen werden von unterschiedlichen Organisationen verantwortet. Wie ist das genau organisiert?

Die erste Bundesliga wird vom Bundesliga e.V. und die zweiten Bundesligen werden direkt vom Deutschen Schachbund ausgerichtet. Die Oberligen werden in regionaler Verantwortung organisiert. Im Norden sind für die drei Staffeln Schleswig-Holstein, Hamburg, Niedersachsen, Bremen, Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern als freier Verbund der Norddeutschen Verbände zuständig. Niedersachsen und Bremen richten als feste Spielgemeinschaft zwei Landes- und vier Verbandsligen aus. Im Weiteren sind es dann die Bezirke und der LV Bremen, die den Spielbetrieb für ihre Vereine eigenverantwortlich anbieten.

Gibt es Absprachen der Landesverbände miteinander, um den Ligabetrieb zu synchronisieren - generell und jetzt in der besonderen Situation?

Die Frage habe ich in Bezug auf regionale Formen der Zusammenarbeit schon beantwortet. Auf Bundesebene trifft sich (im Moment online) regelmäßig die Bundesspielkommission, um notwendige Abstimmungen vorzunehmen. Zwischen Niedersachsen und Bremen gibt es eine sehr enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit im gemeinsamen Spielausschuss.

Die Ligen sind alle über Auf- und Abstieg alle miteinander verknüpft. Inwieweit sind die folgenden Ligen bei der Terminplanung von den Ligen darüber abhängig?

Prinzipiell ist das gesamte System von oben nach unten gedacht. Ab der ersten Bundesliga abwärts sind sowohl Ab- als auch Aufsteiger in die jeweilig angrenzende Liga zu integrieren.

Normalerweise wäre die Bundesliga Saison schon in der ersten Jahreshälfte abgeschlossen gewesen. Nun hat sich die Entscheidung auf den Herbst verschoben. Welche Terminprobleme ergeben sich dadurch?

Mit der Entscheidung, die zentrale Endrunde erst im Oktober zu spielen, ergibt sich das gerade erläuterte Problem hier begrenzt für  die Absteiger. Wir werden auf norddeutscher Ebene am 28.06. diskutieren, wie wir diesen Beschluss des Schachbundesliga e.V. händeln. Dass die von mir beschriebene Auswirkung bisher m.E. nicht ausreichend mit den Landesverbänden diskutiert wurde, nervt mich. Ich schlage der Bundesliga hier als Denkansatz mal vor, in diesem Jahr keine Absteiger zu ermitteln und die dann neue Spielzeit mit mehr Mannschaften in einem angemessenen Modus (zwei Gruppen und anschließendem KO-System ab Halbfinale) auszutragen. Dann bräuchte nur das Ergebnis der zweiten Ligen im August abgewartet werden und die Landesverbände könnten ihre Ausschreibungen erstellen.

Was bedeutet es für die nachfolgenden Ligen, wenn die Bundesliga-Saison 2019 gar nicht zu Ende gespielt werden kann und vielleicht abgebrochen wird.

Sportlich und aus Sicht der Öffentlichkeit wäre ein solcher Schritt zu bedauern. Für die Planung aller anderen Organisationseinheiten wäre die Welt, das muss ich leider so sagen, einfacher. Erstrebenswert finde ich das aber nicht. Von daher wiederhole ich hier noch mal meinen Lösungsvorschlag aus der letzten Antwort.

Die Corona-Zwangspause hat auch Gelegenheit gegeben, um über den traditionellen Ligabetrieb nachzudenken. Hat man sich auf Bundes- oder Landesebene Gedanken gemacht, ob der Betrieb in der jetzigen Form noch zeitgemäß ist:
Partien mit einer Dauer von etwa fünf Stunden, Mannschaften zu acht Spielern, Staffeln mit meist immer wieder den gleichen Mannschaften, zeitliche Erstreckung der Mannschaftskämpfe über mehrere Monate.
Könnte man nicht über Alternativformate nachdenken?

Wir müssen schon seit Jahren feststellen, dass der Mannschaftsspielbetrieb zunehmend schlechter angenommen wird. Es ist unsere Aufgabe, in allen Ebenen nach Möglichkeiten eines attraktiv wirkenden Spielbetriebs zu suchen. Modus, Bedenkzeit, Hybridangebote etc. müssen diskutiert und auch, und sei es regional, als Probeballon angeboten werden. Wir dürfen dabei aber unsere derzeitig gültigen Ordnungen nicht aus dem Auge verlieren. Die sind im Moment eben bindend und können daher von Vereinen und Spieler: innen eingefordert werden.
Was wir brauchen, ist ergebnisoffene und zielgerichtete Kommunikation in allen Ebenen.

Vielen Dank für die Antworten.

Die Fragen stellte André Schulz.


André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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schachkwak schachkwak 25.06.2021 05:23
Schweizer System hat Vor- und Nachteile. Entstehung durch Zusammenfassung verschiedener Ligen

Vorteile:
- ein Verein kann fast beliebig viele Mannschaften beisteuern, die spielen einfach nicht gegeneinander -> beim Aufstieg braucht man eventuell noch Zusatzregeln (spielen ja nicht gegeneinander)
- Mannschaften können aussetzen (Urlaub, Quarantäne, ...)
- Die Saison kann abgebrochen werden
- nicht immer die selben Mannschaften
- man kann Aufstiegs- und Abstiegsregeln aussetzen
- relativ schnell gleichstarke Gegner
- Vorbereitungsmöglichkeiten eingeschränkt (aber gerade bei Staffelspitze weiterhin vorhanden)
- vereinzelt kann man auf Verfügbarkeiten von Spielstätten Rücksicht nehmen (heim/auswärts)

Nachtele:
- weitere Anfahrtswege
- mehr Mannschaften nötig (Ligazusammenlegungen)
- in den unteren Ligen wird teilweise mit weniger Brettern gespielt -> eventuell schwerer zu integrieren, vor allem, weil da häufig nicht jeder fahren kann (Kinder, Rentner)
- wenn man zum normalen Ligabetrieb zurückkehren möchte, dann wird es Ungerechtigkeiten geben, weil das Schweizer System in der Mitte nicht so fair wie bei der Ermittlung des Siegers ist, die letzte Runde spielt eine entscheidende Rolle (ist das positiv oder negativ?)
- Planbarkeit auswärts/heim + Gegner nicht gegeben

Was haltet ihr davon?
In den unteren Ligen könnte man z.B. auch nur an ein paar Spieltagen teilnehmen. In den besseren Etagen sollte das auch für Abwechslung, aber auch für längere Fahrwege sorgen.

Sollte man die 8 Bretter beibehalten?

Als Ersatz für Ligabetrieb und eventuell auch als Pokalersatz (kleinere Mannschaftsgrößen) möglich.
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