WM: Halbzeit-Resümee

03.05.2010 – Halbzeit beim WM-Kampf zwischen Anand und Topalov. Der Herausforderer ging in Führung, doch dann servierte der Weltmeister schwierige katalanische Rätsel, die für Topalov erst einmal nicht lösbar waren, weshalb der Bulgare in Rückstand geriet. Bei Halbzeit steht es 3;5:2,5 für den Titelverteidiger, der zudem das bessere "Torverhältnis" aufweist. Anand gilt als der bessere Schnellschachspieler und hätte bei einem Stichkampf die besseren Chancen. Heute (ab 14 Uhr MEZ) spielt der Inder erneut mit den weißen Steinen und vielleicht muss Topalov noch einmal die katalanische Tortur über sich ergehen lassen. Immerhin holte er in der 6.Partie hier den ersten halben Punkt. Dagobert Kohlmeyer resümiert die erste WM-Hälfte und sprach mit dem Ökonomie-Professor Robert Mundell, der in Sofia als Ehrengast die 6.Partie eröffnet hat und noch Gelegenheit hatte, in Reykjavik gegen Bobby Fischer zu spielen. Alle Berichte zum WM-Match...Halbzeit-Resümee...

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Ein Blackout, ein Professor und zwei Remis
Zur Halbzeit der Schach-WM führt Titelträger Anand mit 3,5:2,5

Von Dagobert Kohlmeyer, Sofia

Im Sofioter WM-Kampf beginnt am heutigen Montag die zweite Halbzeit. Nach sechs Partien behauptet Indiens Weltmeister Vishy Anand seinen Vorsprung. Das Wochenende in Sofia brachte zwei Remis, der bulgarische Herausforderer Wesselin Topalow konnte seinen Ein-Punkt-Rückstand nicht aufholen. Wie wir wissen, hat sich zuletzt rings um das Brett einiges mehr ereignet als auf dem Schachtisch.


Schach in Sofa


Das Nationaltheater


Schach im Park

Stromausfall wie bei Fischer und Petrosjan

Es war Ereignis und Gesprächsthema zugleich: Der Blackout während der 5. Partie wird uns als Augenzeugen lange im Gedächtnis bleiben. ZEIT-Redakteur Ulrich Stock hat es auf seiner Webseite schon plastisch beschrieben. Als Topalow seinen 17. Zug ausführt, gehen im Saal plötzlich die Lichter aus. Im Pressezentrum auch – überall. Es ist wie im Kino. Nur mit dem Unterschied, dass nach dem Erlöschen der Lampen keine bewegten Bilder zu sehen sind. Spieler und Zuschauer sitzen im Dunklen. Stille ringsum, niemand rührt sich. Auf der Bühne und im Saal bleibt alles ruhig. Keiner bewegt sich, nach einiger Zeit beginnt das Publikum zu tuscheln. Die Saalwächter bleiben stehen, als seien sie zu Salzsäulen erstarrt. Was mögen Anand und Topalow in diesen Minuten in ihrer Dunkelkammer denken? Die Spieler auf der Bühne tun so, als sei nichts geschehen.


Hinter dem Vorhang, als noch Licht brannte

Nach einer Ewigkeit geht das Licht wieder an. Was war passiert? Ein Stromausfall hatte an diesem Nachmittag das halbe Zentrum von Sofia lahmgelegt. „Wir sind hier in Osteuropa“, sagt mir ein bulgarischer Kollege achselzuckend. Tags darauf folgt eine schriftliche Entschuldigung des privaten Stromanbieters an die WM-Organisatoren. Schiedsrichter Werner Stubenvoll aus Österreich ist so nett, uns später ein Statement zu dem unglaublichen Vorkommnis zu geben: „Die Unterbrechung dauerte exakt 16 Minuten. Wir mussten noch etwas warten, weil eine Lampe flackerte. Darum ließen wir sie nochmal aus- und einschalten. Dann war alles wieder in Ordnung. Ich hatte vorher die Schachuhr angehalten. Die Spieler bekamen dann als Ausgleich für die Störung jeweils zwei Minuten Zeitgutschrift. Sie waren damit zufrieden, und die Partie ging weiter.“

Auch wenn ihnen zeitweilig die Sicht genommen wurde, waren Anand und Topalow an diesem Tag keineswegs schachblind. Beide hielten die Stellung im Gleichgewicht, sie konnten ja auch in der Zwangspause über ihre Züge nachdenken.


Der Military Club


Hier gibt es die Eintrittskarten

Im Pressezentrum fragen wir Schachjournalisten uns, ob schon mal bei einem so wichtigen Schachevent das Licht ausging. Auf der Suche nach einem analogen Fall fällt meinem russischen Kollegen Juri Wassiljew aus Moskau ein Ereignis ein, das fast vierzig Jahre zurückliegt. 1971 gab es das spannende WM-Kandidatenfinale zwischen Bobby Fischer und Tigran Petrosjan in Buenos Aires, bei dem der Amerikaner die letzte Hürde auf dem Weg zum historischen Kampf gegen Boris Spasski nahm. Sie spielten in einem Theater der argentinischen Hauptstadt, und bei einer Partie ging auch dort das Licht aus. Bobby hatte gezogen und ereiferte sich fürchterlich, weil Petrosjan durch die Stromsperre eine zusätzliche Bedenkzeit bekam.

Nun, das Spiel in Sofia ging ohne Zoff weiter, und die bulgarischen Schachfans erhofften sich einen Sieg ihres Idols. Doch es wurde nicht daraus. Gegen Ende der Partie kam Präsident Georgi Parwanow. Er setzte sich neben Silvio Danailow in die erste Reihe und erlebte mit, dass Topalow die Slawische Verteidigung Anands wieder nicht knacken konnte. Nach 44 Zügen waren die Zugwiederholungen zu Ende und sie rauchten die Friedenspfeife. In der Pressekonferenz sagte keiner der beiden Spieler einen Ton zum Stromausfall. Wir haben sie aber kurioserweise auch nicht danach gefragt.

In der 6. Partie gab es erneut keinen Sieger. Bemerkenswert war jedoch, dass Topalow dort dem Champion zum ersten Mal im Match mit Schwarz standhielt. Hat er jetzt ein besseres Rezept gegen Katalanisch gefunden? Wenn es nach dem bulgarischen Großmeister Inkjev geht, dann sollte Weselin am besten Katalanisch gar nicht mehr zulassen. Man kann doch als Schwarzer vorher abweichen. Anand suchte wieder das aktive Spiel und präsentierte im 10. Zug mit Lg5 etwas Neues. Topalow hatte in der Folge das Läuferpaar, Anand zwei muntere Springer. Der Weltmeister setzte den Herausforderer unter Druck, doch dieser verteidigte sich umsichtig. Mit wenig Material versuchte der Bulgare dann noch einen Königsangriff. Aber es gab in dieser Phase nichts mehr zu gewinnen. Zugwiederholung - Remis. Mit Beginn der 2. WM-Hälfte werden jetzt die Farben gewechselt. Anand hat deshalb heute nochmal Weiß. Wenn Topalow die 7. Partie gut übersteht, ist noch alles möglich. Meist kommt er ja erst im Laufe eines Turniers in Schwung.


Das Grand Hotel. Hier wohnt Topalov


Im Radisson wohnen die FIDE-Leute


„Ich habe mit Bobby Fischer gespielt“

Das zweite markante Ereignis des Wochenendes in Sofia war der WM-Besuch des kanadischen Nobelpreisträgers Robert Mundell. Der Professor für Wirtschaftswissenschaften lehrt an der Columbia Universität in New York und gilt als geistiger Vater des Euro. Als bekennender Schachfan eröffnete er das „Geisterspiel“ von Anand und Topalow auf der Bühne und erklärte uns Schachjournalisten anschließend im Dämmerschein (wir konnten wenigstens die Vorhänge öffnen) die Weltwirtschaft. Er tat es großartig, immer mit Bezugspunkten zum Schach. Während und nach der Pressekonferenz war der prominente Mann so liebenswürdig, mir einige spezielle Fragen zu beantworten.

Ist der Euro die beste Idee ihres Lebens?

Es war nicht allein meine Erfindung. Das Ganze ist ein langer Prozess gewesen. Schon seit 1961 habe ich über verschiedene Zonen nachgedacht, in denen man mit der gleichen Währung bezahlen kann. In den 40 Jahren danach haben sich auch viele andere Leute mit diesem Thema beschäftigt. Dieser Denkprozess war ein richtiges Abenteuer. Die wichtigste Schöpfung meines Lebens aber sind meine vier Kinder.

Sehen Sie eine Verbindung zwischen Wirtschaft und Schach?

Auf jeden Fall. Man muss in der Ökonomie wie im Schach viele Überlegungen anstellen. Jeder Zug ist eine schwierige Entscheidung. Man kann die richtige treffen oder die falsche. Das sehen wir in der gegenwärtigen Krise besonders deutlich.

Hat das bankrotte Griechenland ein Schach bekommen, oder ist es finanziell bereits matt?

Die Situation ist wie in einer Partie. Jetzt sind die Euroländer im Zugzwang und müssen helfen, ob sie wollen oder nicht. Sonst verlieren beide Seiten das Spiel. Noch ist Griechenland nicht matt. Es handelt sich dort in erster Linie um ein wirtschaftliches Problem und nicht um ein finanzielles. Die Krise in Griechenland ist kein Problem des Euro als Währung, sondern ein ökonomisches. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wenn es in Kalifornien ein wirtschaftliches Problem gibt, dann ist es auch ein Problem für die ganzen USA, doch nicht für den Dollar.

Es gibt also strategische Parallelen zwischen der Wirtschaft und Schach?

Genau. Dreißig Jahre lang gab es viele Auf- und Abschwünge in der Weltwirtschaft. Und es wurden Fehler gemacht. Die großen Banken, vor allem in Amerika, machten falsche Züge. Das war sehr schlecht und hat die Krise verursacht. Es wird höchste Zeit, wieder gute Züge zu tun. 

Ist Schach für Sie ein Sport?

Absolut. Schon der große deutsche Weltmeister Emanuel Lasker von 1894 bis 1921 (Mundell nannte die Zeitspanne wirklich! – D.K.) bezeichnete Schach als einen Wettkampf. In der gleichen Weise ist das Leben ein Wettkampf. Wobei der Lebenskampf natürlich umfassender ist. Schach ist nur ein Teil davon.

Sie sind selbst ein begeisterter Schachspieler. Haben sie den amerikanischen Weltmeister Bobby Fischer einmal getroffen?

Ich besuchte ihn ein Jahr vor seinem Tode in Reykjavik. Wir haben dort auch eine Partie miteinander gespielt. Natürlich hat Fischer gewonnen.

1999 haben Sie in Oslo den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaft bekommen. Im gleichen Jahr erhielt der deutsche Schriftsteller Günter Grass den Preis für Literatur. Erinnern Sie sich an ihn?

Ja, ich entsinne mich. Grass ist ein großartiger Mann. Wir feierten gemeinsam in Oslo. Er tanzte dort ausgelassen. Sein Buch „Die Blechtrommel“ kenne ich natürlich. Es ist hervorragend. Die Verfilmung des Romans hat ja auch einen Oscar bekommen.

Die meisten Nobelpreisträger schreiben ihre Autobiographie. Wann tun Sie das?

Bisher hatte ich keine Zeit dazu.

Wie lange wollen Sie noch an der Columbia Universität unterrichten?

Mit 77 Jahren fühle ich mich noch nicht zu alt.

Günter Grass ist schon 82. Er arbeitet auch noch weiter.

Na sehen Sie. Dagegen bin ich ja noch jung.

Wo leben Sie?

Abwechselnd in New York und Italien.

Danke für ihre klugen Antworten. Es war ein Vergnügen, Sie kennengelernt zu haben!

 

 

 

 

 


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