Xiangqi: "Die Mattkrallen der Shaolin"

05.02.2004 – Xiangqi ist der Name für die chinesische Version des Schachs. Zwischen diesem und dem westlichen Schach gibt es zwar eine Reihe von Unterschieden, aber auch eine Menge verblüffender Parallelen, auf die Dr.René Gralla im zweiten Teil seines Beitrags zum chinesischen Schach hinweist. Eine der berühmtesten Partien der Xianqqi-Geschichte spielte der Kaiser Zhao Kuang Yin vor über 1000 Jahren gegen den Tao-Weisen Chen Tuan. Sie steht im diesmal Mittelpunkt der Betrachtung. Kaiser Zhao ist gleichzeitig eine der Hauptpersonen der Aussstellung "Die Schätze der Himmelssöhne" die noch bis Ende Februar in der Bundeskunsthalle in Bonn zu sehen ist. Während viele chinesische Schachgroßmeister zuerst chinesisches Schach gelernt haben, ist der umgekehrte Weg bisher weniger aussichtsreich. Bei der Xiangqi-Weltmeisterschaft in Hongkong wurde die deutsche Mannnchaft nur 21. von 23. Die Mattkrallen der Shaolin...

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Teil II - "Die Matt-Krallen der Shaolin"
Von Dr. René Gralla

"Die Welt ist wie eine Partie Xiangqi - auch ein Niemand kann Meister werden." So lautet eine alte chinesische Weisheit, zitiert vom "Xiangqi Bulletin" aus Peking (Heft 2003 - 1, S. 7). Sogar ein Nobody kann Champ werden: Gibt es eine schönere Verheißung für den Schachfreund, der sein Spiel endlich mal wieder genießen möchte? Dem aber, so weit das Western Chess betroffen ist, dieser Genuss allmählich vergällt wird? Wegen öder Variantenhuberei und Theorieverliebtheit auf der Turnierbühne?!

Vergiss die graue Theorie: Spiel einfach - Xiangqi!

Doch nun gibt es Hoffnung - und sie liegt, wie sollte es auch anders sein, genau dort, wo sowieso allmorgendlich die Sonne aufgeht: im Fernen Osten. Wo Schach nach Art der Chinesen gespielt wird - und wo das noch richtig Spaß macht. Das Angenehme dabei ist: Vorher müssen keine dicken Bücher gewälzt werden. Der Spieler sollte seine Partien vielmehr wie praktische Übungen auf der Militärakademie anlegen: Schicke ich die Infanterie schon vor, durch die Furt des Huanghe? Oder soll zuerst die Kavallerie aufklären?


Traditionelle Xiangqi-Steine auf Battlefield-Spielplan

So lautet nämlich einer der Tipps des Xiangqi-Pädagogen Zhu Baowei, die der erfahrene Taktik-Lehrer in seinem Werk zum Mattangriff gibt: "Checkmate Methods", herausgegeben von der World Xiangqi Federation (WXF) und der Chinese Xiangqi Association (S. 3). Es ist daher kein Zufall, dass auch strategische Köpfe wie Chinas Mao Tse-tung oder Vietnams brillianter General Vo Nguyen Giap, der die Franzosen 1954 bei Dien Bien Phu besiegt und dann den Amerikanern mächtig eingeheizt hat, ihren Scharfblick am Xiangqi geschult haben: als geistiges Exerzitium, nach dem Vorbild der legendären chinesischen Kriegermönche aus dem Kloster Shaolin.

Denn die heiligen Männer im Reich der Mitte, die sind eben aus einem ganz anderen Holz geschnitzt gewesen als ihre frommen Kuttenträger-Kollegen aus dem Westen. So haben sich die asiatischen Brüder niemals allein auf ora et labora, auf Beten und Arbeiten reduzieren lassen. Stattdessen weihten sich viele von ihnen - und das auch außerhalb des speziellen Ordens der Shaolin - den Mysterien des Xiangqi. Und bewiesen am Brett oft eine derart überirdische Kompetenz, dass sie zwischen roten und schwarzen Palästen mit geradezu traumwandlerischer Sicherheit agierten. Offenbar geleitet von Mächten aus einer anderen Dimension - wie sogar der spätere Kaiser Zhao Kuang Yin (lebte von 927 bis 976 nach Christus) persönlich hat erfahren müssen.

Großer Kampf um einen heiligen Berg

Vor der endgültigen Eroberung der Macht in Peking, als der seinerzeitige General Zhao noch mit seinen Soldaten gegen konkurrierende Warlords kämpfte, traf der Heerführer eines Tages auf den Mönch Chen Tuan. Der weise Mann war eine Lichtgestalt des Taoismus und wurde überdies als großer Meister der Martial Arts verehrt. Der Asket hatte die asiatische Kampfkunst zu einer bis dahin unerreichten Perfektion entwickelt, war dabei aber nicht stehen geblieben: Auch das Xiangqi hob er in den Rang einer mentalen Martial Art - als quasi transzendiertes Kung Fu. Das verlieh dem fitten Gelehrten einen Kultstatus, der den erfolgsgewohnten Militär Zhao Kuang Yin seinerseits nicht ruhen ließ; der Karriereoffizier hielt sich nämlich selber für einen Xiangqi-Experten. Folglich forderte der General den Tao-Philosophen zu einem Wettkampf heraus, der in die Geschichtsbücher eingegangen ist (mehr dazu bei www.csvde.de/spiel69.htm).

Rot: Zhao Kuang Yin
Schwarz: Chen Tuan

China, um die Mitte des 10. Jahrhunderts nach Christus.

Die Soldaten-Eröffnung - das Englische System im Xiangqi 

(Anmerkung zu den Diagrammen: Zur Darstellung der Figuren wurden westliche Symbole verwendet, zusätzlich das Kanonensymbol. Die Figuren ziehen auf den Schnittpunkten der Linien und Reihen. Zur Erinnerung: So ziehen und schlagen die Figuren. Ausführliche Beschreibung in Teil Eins...:
Elefant (Elephant, Symbol Läufer): Zieht und schlägt zwei Punkte diagonal
König: Zieht und schlägt einen Punkt waagerecht oder senkrecht und darf die Verbotene Stadt nicht verlassen. Bei freiem Blick darf der gegnerische König  gegenüberliegende Punkt nicht betreten (Fernopposition).
Mandarin (Advisor, Damesymbol): Zieht und schlägt einen Punkt diagonal. Darf die Verbotene Stadt nicht verlassen.
Kanone (Cannon, Kanonensymbol)): Ziehen wie die Türme im westlichen Schach. Zum Schlagen muss ein eigener oder gegnerischer Stein (Rampe) zwischen Kanone und dem zu schlagenden Stein stehen.
Kampfwagen (CarRiot, Turmsysmbol): Ziehen und schlagen wie die westlichen Türme.
Pferd (Horse, Symbol Springer): Zieht und schlägt wie der westliche Springer, kann aber keine Hindernisse überspringen.
Bauer (Pawn, Bauernsymbol): Zieht einen Punkt vor und schlägt geradeaus. Hinter dem Fluss (Mittellinie) auch seitwärts in beide Richtungen. André Schulz
)

 

1.c5 ...

Zhao Kuang Yin, ein Soldat durch und durch, beginnt das Match mit dem Vormarsch der halblinks postierten C-Kompanie. Ein Auftakt, der vergleichbar ist mit der Englischen Partie im Internationalen Schach: 1.c4 ... .

1. ... g6

 2.Hc3 Hg8

3.Hg3 Hc8


Jetzt ist eine Art Vierspringerspiel im Xiangqi entstanden. Siehe die korrespondierende FIDE-Chess-Matrix: 1.c4 e5 2.Sc3 Sf6 3.Sf3 Sc6.

4.Ece3 Hf6 5.Ch5? ...

Zu optimistisch. Lädt zum Vormarsch des schwarzen g-Bauern ein - und Rot kriegt bereits in diesem frühen Stadium ernste Probleme.

5. ... g5!

Sturm des Soldaten auf das feindliche Flussufer unter Selbstaufopferung - wobei sich der rote Materialgewinn rasch als zweifelhaft erweist.

6.gxg5 Cg8!

Die Pointe: Schwarz macht jetzt gewaltig Druck auf der g-Linie - gegen den rechten roten Flügel.

7.Ci5 Rh0 8.Rh1

8...Rxh1 9.Hxh1 ...

Zhaos Kavallerie wird zurückgeworfen, verliert wertvolle Zeit.

9. ... Hh5!

Ein gefährlicher Reitervorstoß.

10. Cb5 Ch8

Chen Tuans Artillerie schießt sich gegen Zhaos weiche Flanke ein. Jetzt hängt das rechte weiße Pferd h1.
 

11.g6 ...

Der Bauernaufzug ermöglicht zwar der linken roten Kanone b5 den Gegenangriff auf Black Horse h5, aber das verschafft nur eine kurze Atempause. Der verlorene Haufen g6 lässt sich nämlich auf dem Brückenkopf  nicht halten.

11. ... Hf4!

Droht bereits Matt durch eine typische Pferd-Kanone-Operation: 12. ... Hg2+ 13.Ke2 Ch2# .

12.Cf5 ...

Mühsame Defensive.

12. ... Hg2+ 13.Cf2 ...

Ein Verteidigungszug, der - anders als beim FIDE-Chess - nur im Xiangqi funktioniert: durch Unterbrechung der Xiangqi-"Springer"-Wirkungslinie wird das Schachgebot pariert.

13. ... Ra9 14.Hi3 ...

Sucht den Abtausch, um ein wenig Luft zu kriegen ...

14. ... Ch3 

... aber Schwarz lässt das nicht zu: Nun ist das rechte rote Pferd blockiert.

15.Hd5 Rg9!

Ein typisches Manöver: nach dem Soldatenopfer 5. ... g5!  ein Wagenangriff über die g-Linie. Der rote Bauer fällt - und Zhaos Stellung liegt weit aufgerissen vor dem schwarzen ChaRiot.

16.Cbb2 Hxi3 17.Exi3 Rxg6 18.Afe2 Ch1 19.Eig5 ...

Zhao versucht, die g-Linie mit einem Elefanten-Bollwerk abzuriegeln.

19. ... Cb4 20.i5 Rd6 21.Hc3 Cb9

Die Beweglichkeit der schwarzen Verbände ist eindrucksvoll. Chen Tuan bereitet den Schwenk gegen jene Brettseite vor, die im Internationalen Schach "Königsflügel" heißt.

22.Cc2 Ci1 23.Rb1 Ch9!

Und schon wieder droht das Aus im nächsten Zug:  24. ... Chh1#  - das ist das vernichtende Doppelkanonen-Matt. Die Haubitzen-Doppeleinheit, die dann durch 22. ... Ci1  und 24. ... Chh1  gebildet wird, bringt ihre eigene Rampe gleich mit: Das ist der Frontmörser Ch1, der den Schlag der rückwärtigen Artillerieeinheit Ci1 ermöglicht. Ein Zwillingsgeschütz, das jeden Widerstand zermalmt - so dass da nur die sofortige Flucht aus der Schussrichtung hilft. Sofern das denn noch möglich ist ...    

24.Ch2 Ch3 25.c6!?! ...

Ein Opfer, das den Schwarzen beschäftigen soll ...

25. ... cxc6 26.Hb5 c5 27.Exc5 ...

Falls 27.Cxc8 ..., dann 27. ... cxb5 .

27. ... Cg3 28.Cg2 Rh6 29.Rb3 Rh1++

Doppelschach durch Rh1 und rückwärtige Kanone i1.

30.Af1 Hd6!

Bietet den Elefanten auf c0 zum Fraß an: Der Reitervorstoß an den Huanghe ist wichtiger.

31.Cxc0+ Ade9 32.Hxa7 ...

Zhao versucht nun seinerseits, am linken Flügel durchzubrechen.

32. ... Rg1! 33.Cb2! ...

Eine beeindruckende rote Gegenoffensive - aber der Mönch Chen Tuan wäre kein Taoist, wenn er auch jetzt nicht die Ruhe bewahren würde.

33. ... Ad8 34.Ca0 Hxe4

So laufen viele Xiangqi-Partien ab. Sie münden in einen dramatischen Wettlauf: Wer räuchert zuerst den feindlichen König in dessen Bunker aus?!

35.Rb0+ Ke9 36.Hb9 Rxf1+! 37.Ke2! ...

Wenn 37.Kxf1?? ..., dann das Doppelkanonen-Matt 37. ... Cgf1# .

37. ... Hc3+ 38.Ke3 Hxd1+ 39.Cd2! Re1+ 40.Kf3 Rf1+ 41.Ke3 Re1+ 42.Kf3 Rf1+ 43.Ke3 Ch1  

Zugwiederholungen erzwingen kein Remis im Xiangqi, sondern führen zum Verlust. Also muss Schwarz vor der dritten Reprise eine neue Idee haben ...

44.Ca9+ Ke8  

Chen Tuan hat sich kühn eine weit vorgeschobene und ganz unwahrscheinliche Schanze für seinen General gebaut.

45.Hc7+ Ke9 46.Hd9+ ...

Auch der nachmalige Kaiser Zhao führt sein Pferd sehr geschickt. Der Gaul auf d9 ermöglicht - als Rampe - das Schach durch das Geschütz a9; gleichzeitig wird der Schimmel durch die rückwärtige Kanone d2 gedeckt - die ihrerseits den schwarzen Mandarin d8 clever als Sprungbrett nutzt.

46. ... Ke8 47.Hxf0+ Ke9 48.Hd9+ Ke8 49.Re0+ ...

Plötzlich scheint der Feldherr Zhao das Blatt gewendet zu haben. Wer würde hier noch auf die Farben des Mönches Chen Tuan setzen?!

49. ... Ae9

Aber der Taoist hat alles genau kalkuliert ...

50.Rxe9+   ...

Sieht verheerend aus, jedoch ...

50. ... Kd8 51.Hb8 ...

... nun ist Rot zum entscheidenden Zeitverlust gezwungen: Er muss einen Zwischenschritt machen, um 52.Hc6# zu drohen - aber eben ohne Schachgebot. Und das reißt für Chen Tuan das schicksalhafte Ein-Zug-Fenster auf - zum Sieg.

51. ... Rf3+! 

Der Start einer prächtigen Schlusskombination:  52.Kxf3 Chh3# .

52.Ke2! Rf2+!! 53.Cxf2 ...

Die rote Kanone muss eingreifen - und macht so den Weg frei für das Black Horse d1.

53. ... Hc3+ 54.Ke1 ...

Sogar der Monarch des Nachziehenden spinnt mit am Mattnetz - indem er seinen Todesblick über die d-Linie schweifen lässt und diese Vertikale für Red King sperrt. Wenn 54.Ke3 ..., dann 54.... Chh3# . Aber auch auf e1 findet Zhaos Monarch keine Ruhe mehr:

54. ... Cgg1#.     0:1

 

Und endlich hat Chen Tuan es erzwungen: das ersehnte Doppelkanonen-Matt (das rote Geschütz f2 kann durch Zwischenzug auf f1 das Matt nicht abschirmen, weil dann die schwarze Front-Haubitze g1 weiter Schach geben würde).

Eine gigantische Schlacht auf dem Feld der 90 Wegkreuze, die den beiden Gegnern zur Ehre gereicht hat. Zhao Kuang Yin, der sich trotz tapferer Gegenwehr der beinahe überirdischen Brillanz des Taoisten Chen Tuan beugen musste, war schwer beeindruckt. Spontan wollte er sein Schwert als Preis dem Sieger schenken - aber der Philosoph lehnte ab mit der Begründung, der General könnte die Waffe besser gebrauchen.

Eine stolze Geste, die der Offizier dem Mönch fürstlich vergolten hat. Nachdem Zhao Kuang Yin von seiner Armee zum Kaiser ausgerufen worden war und so die Sung-Dynastie begründete, schenkte der neue Herrscher dem Xiangqi-Genie Chen Tuan einen ganzen Berg - den Hua Shan. "Hua" heißt auf chinesisch "Blume", und so sieht das Felsmassiv auch aus: eine wilde Schönheit, mit kühnen Kliffs und mutigen Pinien, die auf Granitkaminen den Winden trotzen. Bis zu einer Höhe von 2200 Metern erhebt sich der Hua Shan über der Provinz Shan'Xi, nicht weit nordöstlich von Xian, wo die Terrakotta-Armee des Kaisers Qin Shi Huang gefunden worden ist. Das Naturdenkmal ist ein beliebtes Ausflugsziel - und zugleich ein Zentrum des Taoismus.

Auf dem Hua Shan leben in Klöstern und Einsiedeleien rund 50 Nonnen und Mönche, so dass der Berg eine Art Athos der Asiaten ist. Ein Gipfel, der zugleich auch die Schachfans anzieht - schließlich wartet auf sie vor atemberaubender Kulisse ein Pavillon, der einen Tisch aus Stein beherbergt. Mit einer schweren Platte, auf der ein Xiangqi-Brett markiert ist. Hier kann der Liebhaber dann noch einmal an passender Location die unvergessliche Partie zwischen Kaiser Zhao Kuang Yin und dem Mönch Chen Tuan nachspielen. Wem dafür die Anreise in die Volksrepublik freilich zu aufwändig und zu weit ist, der mag allerdings auch bloß bis in die frühere deutsche Hauptstadt Bonn fahren. Dort läuft nämlich noch bis zum 29. Februar 2004 in der Bundeskunsthalle die Ausstellung "Schätze der Himmelssöhne" - eine einzigartige Präsentation der Sammlung der chinesischen Kaiser aus dem Nationalen Palastmuseum Taipeh auf Taiwan. Und einer der Monarchen, die schon auf den Plakaten für diese wunderbare Schau werben, das ist kein Geringerer als der einstige Gegner des Mönches Chen Tuan: der Sohn des Himmels, der Herrscher Zhao Kuang Yin (weitere Informationen unter www.bundeskunsthalle.de).


Zuschlagen wie der Blitz  

 - Das älteste Schach ist das modernste Schach -

Ein Match, das über tausend Jahre alt ist und sich trotzdem bis heute seine Frische bewahrt hat: Für Schachspieler, die aus dem westlichen Kulturkreis stammen, ist das eine völlig neue Erfahrung. Partien der Philidor- und Morphy-Ära gelten bereits als hoffnungslos angestaubt, während die Asiaten in viel größeren zeitlichen Dimensionen denken, fühlen und handeln.

Zumal an jenem Tag gegen Ende des ersten Millenniums, als sich der Feldherr Zhao und der Mönch Chen Tuan ans Brett setzten, das Xiangqi bereits seit vielen Jahrhunderten im Reich der Mitte bekannt gewesen ist. Jedenfalls schreiben chinesische Historiker dem General Hán Xin die Erfindung des strategischen Spiels zu. Im Winter von 204 auf 203 vor Christus soll das gewesen sein, um die Armee während langer kalter Lagernächte zu unterhalten. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist nun, dass sich der besagte Hán Xin bei der Konzeption des Xiangqi auf die Lehren eines Vordenkers gestützt hat, der zwei Jahrhunderte früher wirkte: Das war der Philosoph Sun Tsu, der mit "Die Kunst des Krieges" das erste Standardwerk der Militärwissenschaft publizierte.

Das Chinaschach ist demnach Sun Tsu pur auf dem Brett der 90 Wegkreuze - so dass denn auch die modernen Xiangqi-Pädagogen in allem Ernst empfehlen, den Klassiker zu lesen, wenn man den Geist und die Ideen des Xiangqi wirklich erfassen möchte. Das Buch "Die Kunst des Krieges" ist aktuell erschienen bei der Droemerschen Verlagsanstalt Th. Knauer Nachf., München 1988: eine Investition, die sich durchaus lohnt.

Tatsächlich lassen sich viele Leitsätze des Sun Tsu auf die Turnierpraxis übertragen. Das gilt vor allem für das oberste Gebot im Chinaschach: Tempo, Tempo! Wie der Meister Sun Tsu mahnt: "Deine Pläne sollen dunkel und undurchsichtig sein wie die Nacht, und wenn du dich bewegst, dann stürze herab wie ein Blitzschlag" (Kunst des Krieges, S. 66).

Thunder and lightning - andernfalls ist die Partie bereits entschieden, bevor sie überhaupt richtig begonnen hat. Sturmläufe und Durchbrüche aus der Startposition heraus sind beim Xiangqi viel häufiger zu beobachten als im Internationalen Schach. Der Denksportler muss vom ersten Zug an höllisch aufpassen - wenn er nicht, bevor er überhaupt weiß, wie ihm geschieht, nach Art der Kung-Fu-Shaolin ausgeknockt werden möchte.

Trotz seines stolzen Alters ist das Xiangqi deswegen immer noch und heute gerade erst recht die modernste Form des Schachsports. Partien, die im unverwechselbaren Asian Style ausgetragen werden, kommen viel schneller auf den Punkt als die oft zähen Figurenschiebereien zwischen all den Lekos und Ponomarjows dieser Welt.

Eine ständige Herausforderung - und wie schwer das ist, da mitzuhalten, das hat gerade erst die deutsche Auswahl bei der Achten Xiangqi-Weltmeisterschaft Anfang Dezember 2003 in Hongkong erfahren müssen. Während dieses Völkerfestes ist nämlich das schwarz-rot-goldene Team unter 23 teilnehmenden Nationen nicht über einen enttäuschenden drittletzten Platz hinausgekommen, noch hinter Italien (Rang 14), Burma (Platz 16) und Niederlande (Platz 20). Die Plätze eins und zwei teilten sich souverän die beiden Chinas: Gold für die Volksrepublik, Silber für die Dissidenten-Schwestern und -Brüder aus Taiwan.

Feuerüberfälle in der Eröffnung

Xiangqi ist rasant und spektakulär - das perfekte Schach für das digitale dritte Jahrtausend. Entsprechend hat der Vordenker des Chinesischen Schach-Vereins Mannheim (CSV), Do T. Ha, während der vergangenen Bundesligasaison 2002/2003 in der dritten Runde am ersten April-Wochenende 2003 die kürzeste Partie des gesamten Wettkampfwochenendes gewonnen. Der Webmaster der sehr inspirierenden Chinaschach-Homepage www.csvde.de benötigt dafür bloß sehr sparsame - Geiz ist ja neuerdings auch geil! - sieben (!!) Züge, um seinen Gegner Anton Grzeschniok aus Frankfurt am Main vom Brett zu fegen.

Meister Do reicht auf diese Weise rekordverdächtig - schließlich handelt es sich ja um ein wichtiges Punktspiel im Rahmen der deutschen Mannschaftsmeisterschaft - mit einem Plus von gerade mal drei Extra-Zügen an das All-Time-Limit heran, das auf der Ebene des Internationalen Schachs vom notorischen Schäfermatt vorgegeben wird:  1.e4 e5 2.Lc4 Sc6 3.Dh5!?!? Sf6??? 4.Dxf7#.

Das schulmäßige Désastre à la bergère kommt übrigens auch im Internationalen Schach überraschend häufig vor - sogar bei publizitätsträchtigen öffentlichen Turnieren. Ein jüngeres Beispiel ist der spektakuläre Ausrutscher des Frank Steffel, vorher schon grandios gescheiterter CDU-Kandidat für das Amt des Regierenden Bürgermeisters in der Bundeshauptstadt. Der Mann erlebt seinen Schach-Gau als - passend zum Parteibuch - Schwarzer während des 12. Turniers "Politiker spielen Schach" im Berliner Spätherbst 2002.

Mit dem 9. Zug von Weiß erwischte den überraschten Frank Steffel ein verspätetes Schäfermatt.

Hier die unglaubliche Vorgeschichte dieses Blackouts:

Weiß: Martin Lindner
Schwarz: Frank Steffel

Das Turnier "Politiker spielen Schach", Berlin/Germany 2002.                                  

Unregelmäßig

1.e4 e5 2.Dg4? ...

Eine stümperhafte Anmache, die dennoch funktioniert; die Schachgöttin Caissa ist eben als launisch bekannt.

2. ... Sf6

Noch findet Herr Steffel eine passende Antwort.

3.Dh4 ...

Weiß bleibt bei seinem Versuch, dem Nachziehenden ziemlich grobschlächtig ein Bein stellen zu wollen. 

3. ... Lc5 4.Lc4 0-0 5.Dg3 ...

Bastelt an einer Mattdrohung von der Eleganz eines Vorschlaghammers. 

5. ... Te8 6.d3 d6 7.Lh6 Kf8???

Schwarz führt eine neue Kategorie in die Klassifizie
rung von Zügen ein - und verdient sich dafür redlich drei (!!) Fragezeichen: den echten Steffel. Nach 7. ... Sg4 hätte der Christen-Unionist die simple weiße Anmache abwehren und sogar in Vorteil kommen können.
8.Dxg7+Ke7 9.Dxf7# 
1 : 0

Da haben wir's: die typische Struktur des Schäfermatts.

Beim Karate-Schach aus Fernost entscheidet das Matt der Schäfer - chinesisch: Murensha - gelegentlich sogar wichtige Punktspiele. Ort des Geschehens: Wiesbaden, dritte Runde der deutschen Xiangqi-Bundesliga am ersten Aprilwochenende 2003.

Rot: Do T. Ha, CSV Mannheim/Germany
Schwarz: Anton Grzeschniok, Frankfurt/ a. M./Germany


Spiegelbildliche Mittelkanonen-Eröffnung

1.Che3 Chf8??

Ein schier unglaublicher Missgriff, ein zünftiger Mangqi - übersetzt: "ein blinder Zug" -, wie die Chinesen sagen würden. Schwarz lässt seinen überlebenswichtigen Zentralbauern e7 ungedeckt stehen. Wenn der Nachziehende schon mit einem Haubitzen-Konter auf den einleitenden Artillerieangriff 1.Che3 ... gegen den Mittelsoldaten e7  - was dem klassischen FIDE-Schach-Auftakt 1.e4 e5 2.Sf3 ... korrespondiert - reagieren will, dann muss er schon die Grundidee der russischen Verteidigung (1.e4 e5 2.Sf3 ... und nun sofort 2. ... Sf6) ins Xiangqi übertragen: Nach 1.Che3 ... mit der Riposte 1. ... Che8; und dann weiter 2.Hg3 Hg8    

2.Hg3 ...

Meister Do T. Ha ist wahrscheinlich selber derart verblüfft über den schwarzen Aussetzer, dass er sein frühes Glück nicht glauben mag. Und zunächst die Entwicklung fortsetzt - was ja auch durchaus löblich ist. Er hätte auch gleich den Pawn e7 schlagen können.

2. ... g6?

Jetzt hat ihm Rot doch großmütig die Chance gewährt, das peinliche Versehen zu reparieren und den Pe7 mit 2. ... Hc8 zu retten, aber Frankfurts Vertreter Anton Grzeschniok merkt's einfach nicht.

3.Rh1 Hg8??

Plötzlich hat Schwarz wohl doch etwas geahnt - aber setzt die Serie seiner Fehlgriffe fort. Wobei dieser Patz hier übrigens sehr typisch ist für Denksportler, die vom Western Chess zum Xiangqi überlaufen. Offenbar versucht der Nachziehende, mit  3. ... Hg8??  verspätet den schwarzen Pe7 zu decken. Und übersieht, dass der Rappen Hg8, wegen der Blockadewirkung der Black Cannon f8  -  die insofern den Kavallerie-Verteidigungsschlag über f8 nach e7 versperrt  - , die Infanteriestellung auf der e-Linie gar nicht erreichen kann.

4.Cxe7 ...

Und nun, nachdem er die entscheidende Bresche geschlagen hat, erzwingt der clevere Taktiker Do T. Ha im Geschwindschritt ein Mega-Doppelkanonen-Matt.

4. ... Hc8

Immer wieder versucht in einer derartigen Lage - und meist hoffnungslos. Schwarz möchte irgendwie die rote Kanone von der e-Linie vertreiben ...

5.Ce6 ...

... aber natürlich denkt der Anziehende nicht daran, die zentrale Vertikale zu räumen.

5. ... c6?

Frankfurts Grzeschniok gibt sich schon selber auf.

6.Cb7 a6??

Und der totale Aussetzer Nr. 2 in diesem Match. Oder kennt Schwarz womöglich gar nicht die Mechanik des Doppelkanonen-Matts?! Wenigstens hätte er noch die Flucht nach vorne versuchen sollen, um ein paar Züge länger Widerstand zu leisten:

6. ... Ke9 7.Cbe7+ Kd9 .

7.Cbe7!!#      1:0

Und spätestens in diesem Augenblick muss Schwarz erkennen: Es nützt ja gar nichts, dass der schwarze Reiter c8  das Feld e7 beobachtet. Selbst wenn sich das Black Horse c8   todesmutig dreinschlagend mit  7. ... Hcxe7 in diese Bresche werfen dürfte - nur einmal als Gedankenexperiment angenommen -, dann wäre der unmittelbar gegen den eigenen General e0 gerichtete Angriff noch immer nicht neutralisiert. Denn nun bietet die rückwärtige rote Haubitze Ce6 ungerührt weiter Schach über die Rampe e7 hinweg - egal, ob da eine Figur des Anziehenden (rote Ce7 ) oder des Nachziehenden (bloß theoretisch: schwarzes He7) steht oder stünde.

Damit hat es Meister Do T. Ha quasi für die Xiangqi-Fibel komponiert - das Murensha, das Matt der Schäfer, auf dem Schlachtfeld der 90 Wegkreuze. In Gestalt des berüchtigten Doppelkanonen-Matts. 

Eine eindrucksvolle Performance des Mannheimer Frontmannes Do T. Ha, der als Analytiker, Kommentator und Promoter eine Art Günther Netzer der deutschen Chinaschach-Szene ist.

Schach und Hype am Hof zu Peking

Die Schulpartie von Meister Do T. Ha hat klargemacht: Im Xiangqi siegt derjenige Spieler, der auf dem Brett äußerst beweglich operiert - und dann genau die Punkte attackiert, an die Verteidigungsverbände des Gegners nicht mehr rechtzeitig herankommen.

Sun Tsu beschreibt das Prinzip sehr plastisch: "Der geschickte Angreifer fährt aus den höchsten Höhen des Himmels hernieder, denn so macht er es dem Feind unmöglich, sich gegen ihn zu wappnen." Aus diesem Grund müsse derjenige, "der in die Offensive geht, genau die Stellen angreifen, die der Feind nicht verteidigen kann" (Kunst des Krieges, S. 54).

Wie das funktioniert, können wir bereits an einer der ältesten überlieferten Partien studieren. Das historische Duell, das David H. Li in seinem Buch "Xiangqi Syllabus on Cannon" (Bethesda Maryland, USA 1998) auf den S. 40 ff. ausführlich kommentiert, stammt aus der frühen Sung-Dynastie zwischen 960 und 1126 nach Christus.

Mit dem eingangs gewürdigten Kaiser Zhao Kuang Yin, dem Gründungsvater der Sung-Dynastie, brach nämlich am Hof zu Peking ein regelrechter Xiangqi-Hype aus. Dort arbeiteten nun richtige Profis des Denksports: Die standen im Rang von Offizieren, sollten aber nicht ins Feld ziehen, sondern bloß symbolische Schlachten am virtuellen Huanghe schlagen. Die Aufgabe dieser Xiangqi-Meister bestand ausschließlich darin, mit den weiblichen und männlichen Mitgliedern des Hofes Schach zu spielen. Das nachfolgende Duell ist ausgetragen worden zwischen einem Xiangqi-Studenten aus dem Hochadel (Rot) und seinem Tutor (Schwarz).

Weiß: Xiangqi-Student (Mitglied des kaiserlichen Hofes zur Zeit der frühen Sung-Dynastie), Peking/China

Schwarz: Tutor, Peking/China                                                                    

China, zwischen 960 und 1126 nach Christus.                                                                                                

Spiegelbildliche Mittelkanonen-Eröffnung - Xiangqi à la Russie

1.Che3 Che8 2.Hg3 Hg8

Anders als im soeben analysierten Match Do T. Ha vs. A.Grzeschniok sehen wir hier, nach dem klassischen Muster der Spiegelbildlichen Mittelkanonen-Eröffnung, bereits vor über 1000 Jahren auf dem Xiangqi-Brett die Grundidee der russischen Verteidigung vorweggenommen.

3.Rh1 Hc8

Sehr empfehlenswert: Der Nachziehende deckt den Pe7 ein zweites Mal - mit der zweiten Kavallerieeinheit vom rechten Flügel. Das ist der flexible, aber wenigstens halbwegs feste Pferdeschutzwall - so fest eben, wie das in den lockeren und offenen Strukturen des Chinaschachs annähernd möglich ist.

4.Rh7 ...                                                           

Im ungestümen Stil der Zeit: Weiß lässt den Wagen sofort durch die Furt preschen und auf dem gegenüberliegenden Ufer den schwarzen Soldaten g7 angreifen

4. ... c6!

Der Tutor verschwendet gar nicht erst wertvolle Zeit mit dem ohnehin sinnlosen Versuch, die unhaltbare Infanteriestellung g7 irgendwie verteidigen zu wollen. Stattdessen bereitet er einen Reiter-Gegenstoß vor ...                                         

5.Rxg7 Hd6                                   

... nun trabt die schwarze Schwadron an - und scharrt schon mit den Hufen am Huanghe.                                            

6.Rg6? ...                                      

Rot glaubt einen Doppelangriff zu sehen - auf den Rappen d6 und den dahinter stehenden ungedeckten Pawn c6. Den Bauern will der Anziehende auch noch abräumen - aber im Xiangqi, wo schon der geringste Zeitverlust ein Match kippen kann, ist das noch riskanter als im Internationalen Schach.                                                     

6. ... Hf5!

Ein typischer taktischer Schlag, der eine Spezialität des Xiangqi ist: Mit Tempogewinn kommt Schwarz seinem Ziel c2 näher - indem sich der Mustang des Nachziehenden drohend vor Red Horse g3 aufbäumt. Wieder einmal mehr wegen der oft überraschenden Auswirkung der Regel, dass Xiangqi-Pferde, im Gegensatz zu Western Chess-Knights, nicht über Hindernisse setzern dürfen (was ja auch, ein Fall von vielen, der Frankfurter A.Grzeschniok als Schwarzer gegen Do T. Ha in Wiesbaden/Germany 2003 verkannt hat), sondern auf der typischen ersten Station des Rösselsprunges blockiert werden können, attackiert Black Horse f5 am Hof zu Peking/10. Jahrhundert den roten Widerpart auf g3. Während die Schwadron des Anziehenden durch deren eigenen Soldatenhaufen auf g4 daran gehindert wird, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Deswegen:

7.g5? ...

... das rechte rote Pferd will retournieren. Trotzdem hat sich der Xiangqi-Schüler mit 7.g5? ... selber ausgetrickst - weil der Soldatenvorstoß dem exponierten ChaRiot g6 eine rückwärtige Absetzbebewegung verbaut. Das nutzt der Tutor sofort aus:

7. ... Ei8!

Der linke schwarze Elefant bricht aus seinem Versteck, stampft trompetend gegen den roten Wagen g6. Dem bleibt nur noch ein einziges Fluchtfeld - denn die Abwicklung 8.Hxf5?? Exg6 9.gxg6 ...  wäre ein Verlustgeschäft für den Anziehenden: wegen des überragenden Kampfwertes eines ChaRiots.

8.Rxc6         ...

Wahrscheinlich ist der jugendliche Gegner des verehrten Xiangqi-Lehrmeisters an dieser Stelle noch frohen Mutes gewesen: Der Turm scheint zu entkommen - und walzt gleichzeitig die schwarze Infanterie nieder ...

8. ... Hd4!

... aber der Tutor zerstört die letzten Illusionen: Black Horse d4 setzt mit einem Doppelangriff auf den roten Wagen c6 und den entscheidenden Punkt c2 zur Exekution an. Sehr hübsch und lehrreich ist dabei die Route, die der verwegene Reitertrupp bisher zurückgelegt hat: vom Startpunkt b0 über c8 und dann d6 zuerst der Ausfall nach links - mit 6. ... Hf5! -, im Anschluss dann die elegante Wendung nach rechts, nämlich 8. ... Hd4!. Die Final Destination glänzt schon verlockend im Licht der aufgehenden Sonne: das ewige Schicksalsfeld c2.

 

Eine siegreiche Operation, die an vergleichbare taktische Schläge im FIDE-Schach erinnert. Siehe die folgende Stellung nach dem neunten Zug von Schwarz - 9. ... Sd4! - in einer 5-Minuten-Blitzpartie Ulrich W. Schmidt vs. Dr. René Gralla vom 19. September 2003 in Hamburg

Gepanzerte Reiter donnern heran, um mit einer Gabelattacke sowohl den weißen Monarchen e1 als auch den Turm a1 auf's Korn nehmen - nach 1.e4 e5 2.f4 Lc5 3.Sf3 d6 4.Lc4 Sc6 5.Sg5!?!? Sh6 6.Dh5!? Lg4!?!? 7.Lxf7+ Ke7?!? 8.Dh4(!) Kd7(!) 9.Lc4? Sd4(!). Das ist erfolgreich - im Xiangqi gleichermaßen wie im Internationalen Schach.

Während der fernen Tage der Sung-Dynastie hat der Anziehende nun keine Wahl mehr: Da sein Kampfwagen c6 en prise steht, muss er reagieren:

9.Rd6 ...                                                                                                    

 Worauf der Knock-out folgt:                                                                                                                                             

9. ... Hc2+

Hossa! Und das Manuskript aus der Sung-Ära schließt mit den dürren Worten: "Schwarz gewinnt den Wagen." Das Spiel ist aus. 0 : 1 .

Wie im Xiangqi, so hat auch in der Western Chess-Begegnung Ulrich W. Schmidt vs. Dr. René Gralla (5-Minuten-Blitz, Hamburg 2003) ein entschlossener Pferdevorstoß auf den heiklen Punkt c2 das Match entschieden: nach 10.fxe5?? Sxc2+.

Ort des erstaunlichen Geschehens: wieder einmal mehr der Treff für alle unkonventionellen Intellektuellen in der norddeutschen Hafenstadt Hamburg - das Schach-, Backgammon- und Xiangqi-Café "Zumir". 

Weiß: Ulrich W. Schmidt, Hamburg/Germany
Schwarz: Dr. René Gralla, Hamburg/Germany

Königsgambit

1.e4 e5 2.f4 Lc5 3.Sf3 d6 4.Lc4 Sc6 5.Sg5!?!? ...
Blitzkrieg-Stil: Weiß will den Nachziehenden überrennen.

5. ... Sh6 6.Dh5 !? Lg4!?!?
Schwarz möchte Verwirrung stiften.
7.Lxf7+ Ke7?!?

Jetzt hängen die Angriffsverbände des Anziehenden peinlich in der Luft. Besser trotzdem: gleich 7. ... Kd7! 8.Dh4 Sxf7.

8.Dh4 (!)     ...

Aber auch Ulrich W. Schmidt, ein großer Experte des Königsgambits, ist sehr kreativ: 8.  Se6???  ... verliert natürlich wegen simpel  8. ... Lxe6.

8. ... Kd7(!)

Droht verheerend 9. ... Tf8 bzw. 9. ... Sd4 .

9.Lc4? ...

Eine typische Antwort beim Rapid Chess - sieht logisch aus, weil eine potenzielle Bedrohung beseitigt wird, und wird deswegen fast ohne weiteres Nachdenken gezogen. Trotzdem hätte Weiß besser 9.h3 ...  versuchen sollen.

9. ... Sd4(!)

Der Xiangqi-Tutor aus der Sung-Dynastie hat vor rund 1000 Jahren für diesen Vorstoß acht Züge benötigt - 8. ... Hd4! - (siehe die Partie oben) -; in der Parallel-Begegnung nach den FIDE-Regeln ist gerade mal ein Schlagwechsel mehr benötigt worden.

10.fxe5??    ... 

Weiß hätte nun jetzt wirklich auf Verteidigung umschalten müssen. 
10. ... Sxc2+
Im Geist der Sung-Meister - Schwarz macht Beute erst auf c2 und dann in der Ecke auf a1. Die Ähnlichkeit der korrespondierenden Pferde-Manöver ist verblüffend. Mit einem Unterschied: Da das Xiangqi-Terrain mit seinen 90 Wegkreuzen um beinahe 30 Prozent größer ist als das 64-Felder-Brett, benötigt der Rappen des Sung-Tutors fünf Züge, bis er es von seinem Ausgangsfeld nach c2 geschafft hat - während im Internationalen Schach für die Route Sb8-c6-d4xc2  bloß knappe drei Rösselsprünge ausreichen.

11.Kf1 Tf8+ 12.Lf7 ...

Rien ne va plus.

12. ...
Txf7+ 
White King steht nackt und bloß im Fadenkreuz: aus den schwarzen Läufern c5 & g4 und dem Turm f7.
13. Aufgabe      0:1
.


Panik in den Pferdeställen

Die Punkte c2 und g2 (Rot) respektive c9 und g9 (Schwarz) sind im Xiangqi sehr volatil. Höchste Gefahr droht, wenn fremde Reisige heranklirren und sich dort "in den Pferdeställen" festsetzen. Wovor die Weisen zu allen Zeiten dringend warnen.

Dann kann sogar eine verlorene Schwadron zum tödlichen Schlag gegen den feindlichen König ausholen. Dazu ein exemplarischer Fall aus der Amateurpraxis, gespielt am 15. September 2003 während eines Trainingsmatches im Hamburger Schach-Café "Zumir".

Rot: Daniel Koll, Hamburg/Germany
Schwarz: Dr. René Gralla, Hamburg/Germany

Nach zähem Ringen hat der Nachziehende gegen Rot eine Stellung aufgebaut, die wie ein riesiger, das gesamte Brett umfassender schwarzer Angriffskeil aussieht

Rot findet sich vom vorgeschobenen Black Horse e4  belästigt. Er versucht, den Gaul zu vertreiben oder abzutauschen ...

1.Hbc3 ...

... und Schwarz reagiert, indem er tollkühn die Infanterie im mittleren Frontabschnitt durch den Huanghe waten lässt:

1. ... e4?!?!

Jetzt befragt Daniel Koll sehr unangenehm die Deckung des Bauern e5 :

2.g5! ...

Plötzlich hat der Nachziehende große Sorgen. Er erkennt, dass der zentrale Fußtrupp e5 plus Springervorposten auf e4 so lange wie möglich gehalten werden muss - um für eine Umfassungsbewegung der Kavalleriestaffel Hg6 gegen den rechten roten Flügel wertvolle Zeit zu gewinnen:

2. ... c5!?!?

Unterbricht die Anrempelung des Pe5 durch Daniel Kolls ChaRiot b5 - und so gewinnt Zeit, das linke schwarze Pferd auf eine lange Reise zu schicken ...

3.cxc5 Hi5

Und vorwärts trabt Lützows wilde verwegene Jagd. Der Nachziehende hat auf g2 etwas erspäht - aber leider liegt das Traumziel noch in weiter Ferne ...

4.g6?!? ...

Der Anziehende ahnt nichts - und möchte seinerseits Verwicklungen provozieren. Wobei der Zweck allerdings verborgen bleibt ...

4. ... Hh3

Der rote Landmann g6 ist unwichtig. Schwarz nutzt das geschenkte Tempo viel lieber aus, um dem Gaul i5 kräftig die Sporen zu geben.

5.g7? ...

Ein seltsames Soldatenopfer, das bereits verliert. Aber nicht einmal deswegen, weil diese Einheit mit 5.g7? ...  sinnlos verheizt wird - , sondern aus ganz anderen Gründen:

5. ... Hf4!

Schon der Gewinnzug. Der Nachziehende droht 6. ... Hg2#. Das kann Rot allein durch Wegzug des He2 verhindern, um für den bedrohten König e1 das Schlupfloch e2 zu schaffen. Nach Verlegung der Schwadron e2 wird aber die Deckung von Red Horse c3 aufgegeben - und danach kann der Anziehende die Niederlage auch nicht mehr lange hinauszögern. Wenn nämlich 6.Hg1 ... ( 6.Hg3 ... macht keinen Unterschied), dann:  6. ... Hg2+ , 7.Ke2 Hxc3+  8.K beliebig Hxb5 und gewinnt.

6.Rb7 ...

Symbolische Querung des Huanghe als letzte heroische Geste - oder hat Rot etwa geglaubt, den Turm b5 tatsächlich noch retten zu können?!

6. ... Hg2#     0 : 1 (Diagramm)

Auch das verspätete 6.Hxe4 ... hätte nicht mehr geholfen. Dann wäre ebenfalls 6.  ... Hg2!# gefolgt. Sehr anschaulich ist der kurvenreiche Weg, den der schwarze Hengst g6 via i5, dann weiter über h3 und f4 bis nach g2 zurückgelegt hat.

Im soeben gesehenen Xiangqi-Wettkampf nimmt ein solitärer Reiter, der unter dem Banner des Nachziehenden, aber ohne zusätzliche Hilfstruppen operiert, per Handstreich die rechte rote Flanke - die dem Königsflügel im FIDE-Schach entspricht. Und besetzt brutal den Xiangqi-Punkt g2 - der dem Feld f2 im Western Chess korrespondiert.

Eine Konstellation, die sich auf dem 64-Felder-Brett tatsächlich bereits vor mehr als 350 Jahren ergeben hat. Und zwar als Höhepunkt einer Partie, die Gioacchino Greco (1600 - 1634), der brillante Kopf der damals herrschenden Italienischen Schule, in seinen Aufzeichnungen hinterließ. (Diagramm)

Gerade hat Schwarz die Dame geopfert - mit 17. ... Dg3-e1+!! 18.Sf3xe1 ... - , das ist der Schlussakkord mit Paukenschlag gewesen: 18. ... Sd3-f2#. Eine Position, die Garri Kasparow als "Meilenstein in der Geschichte" würdigt: in seinem neuen Buch "Meine großen Vorkämpfer" (Band 1; Edition Olms, Hombrechtikon/Zürich 2003) auf S. 15.

Der jüngsten Kasparow-Edition entnehmen wir auch die gesamte Partie, die vor mehr als drei Jahrhunderten eine derart kuriose Parallele zu einem modernen Xiangqi-Match produziert hat.

Weiß: N. N.
Schwarz: Gioacchino Greco

Italien, im ersten Drittel des 17. Jahrhunderts.

Königsgambit

1.e4 e5 2.f4 f5?!
Typisch für den Hasard-Stil der Epoche.

3.exf5 Dh4+ 4.g3 De7 5.Dh5+?! ...

In seinem neuen Buch "Meine großen Vorkämpfer" (Zürich 2003) empfiehlt Garri Kasparow auf S. 15 als Alternative 5.fxe5! Dxe5+ 6.De2 ... . 

5. ... Kd8 6.fxe5 Dxe5+ 7.Le2 ...

Garri Kasparow regt 7.De2! Dxf5 8.Lh3 ... an.

7. ... Sf6 8.Df3 d5 9.g4? h5! 10.h3? hxg4 11.
hxg4 Txh1 12.Dxh1 Dg3+ 13.Kd1 Sxg4 14.Dxd5+ Ld7 15.Sf3 Sf2+ 16.Ke1 Sd3++ 17.Kd1 De1+!! 18.Sxe1 Sf2#     0 : 1 

Vergleicht man die beiden Endstellungen - einerseits D.Koll vs. Dr.R.Gralla (Xiangqi) und andererseits N.N. vs. G.Greco (Internationales Schach) - , dann sind die Parallelen in der Tat verblüffend. Damals - im ersten Drittel des 17. Jahrhunderts - wie heute ist es ein schwarzer Husar, der den König des Anziehenden in der Mitte des Brettes erwischt. Und auch die beiden Drehkreuze der jeweiligen Aktionen sind fast identisch: beim Chess der Shaolin ist das der Punkt g2, im orthodoxen Schach das Feld f2 .

Daher unbedingt merken: niemals die Pferdeställe unbeaufsichtigt lassen - weder im Xiangqi noch im Internationalen Schach! Und wenn das Malheur doch einmal passiert sein sollte, dann hilft nur eins: gleich wieder ran ans Xiangqi-Brett setzen und üben, üben, üben. Aber in diesem Fall ausnahmsweise mal zwecks Stressabbau mit einem besonderen Set: der Edition "Liqueur Chinese Chess" aus Singapore.

Das ist eine Kreation aus Südostasien, die ansonsten eher untypisch ist für Schach - mit ihr vergehen nämlich alle Sorgen, je weiter die Partie voranschreitet (siehe dazu die Homepage des Herstellers: www.liqueurchess.com/chinesechess.htm).

Wie das funktioniert? Zu diesem Xiangqi-Package gehören Figuren, die aus Terrakotta oder Porzellan bestehen - und die innen hohl sind: um mit geistigen Getränken nach Wahl gefüllt zu werden.

So können sich die Kombattanten dann Zug um Zug in einen wahren Rausch kombinieren - buchstäblich. Und sich den weisen Lehrern nahe fühlen - wie dem unsterblichen Meister Chen Tuan. Deswegen noch einmal: ein Toast auf den Taoisten. Nach Art der Chinesen:

Gan bei! Prost!

 

Folgt:   Teil III   "Hallo, Dr. Robert - in Asien wartet das Glück auf Dich!"

 

 

 

 


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